3. Salon: Hat alles auf der Welt seinen Platz?

Die Erde scheint ein großes Durcheinander zu sein. Menschen aller Art, Häuser, Regentropfen, Glück, Sand, Staub, Fernsehprogramme, Hungersnot, Zauberei, Tiefsee, Lava, Kängurus, Politik, Schlamm – all das gibt es. Aber gehört all das auch irgendwie zusammen? Haben wir einen Platz darin? Gibt es eine Verbindung zwischen den Dingen? „Ja“, ruft ein Mädchen sofort „aber wir kennen sie nicht genau“. Auf die Rückfrage, was das für ein Zusammenhang sein könnte, antwortet sie: „Alles ist von irgendwem gemacht worden, alles kommt irgendwo her, vielleicht von einem Gott, ich weiß es nicht. Aber das haben alle Dinge gemeinsam“. Das leuchtet allen Kindern in der Runde ein. Haben wir damit die Antwort auf unsere Frage schon gefunden?

Wir schauen uns das Buch „Zoologie“ von Joelle Jolivet an, die auf schön gezeichneten Doppelseiten Tiere zu Kategorien zusammenfasst. Ich lasse die Kinder raten, welche Kategorie jeweils gemeint sein könnte. Die Kinder erraten jede Kategorie sehr schnell.

Im Anschluss daran wollen wir nun selber Kategorien bilden. Auf dem Teppichboden steht ein Gurkenglas mit einem Sammelsurium an kleinen Dingen darin – ein Mini-Universum, gewissermaßen. Ich schütte den Inhalt des Glases aus und bitte die Kinder, sich drei oder vier der Gegenstände, die einen Zusammenhang haben, auszusuchen. Die Kinder schieben die Teilchen hin und her und suchen sich zielsicher und schnell kleine Teilchen-Gruppen zusammen. Nacheinander raten wir, wer welche Kategorie dabei im Kopf hatte: „aus Glas!“, „aus der Natur!“, „bunt!“, und auch: „kaputt!“.

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Wir füllen alle Teile wieder in das Glas zurück und ich frage noch einmal nach dem Zusammenhang im Universum. Gibt es eine Ordnung im Chaos? „Ja, wenn du eine Ordnung in Deinem Kopf drin hast, dann kannst du die sozusagen auch in die Welt reintun“, erklärt ein Junge. „Oder Du siehst etwas, und merkst dann plötzlich, dass es zusammengehört, und so kommt die Ordnung dann von außen in Deinen Kopf rein“, erklärt ein anderer. „Aber das Chaos, das gibt es trotzdem“ beharrt ein Mädchen, „manchmal versteht man einfach gar nichts und kapiert nicht, wie alles sein soll“. „Aber nur weil du es nicht kapierst, heißt es nicht, dass es nicht trotzdem irgendwie geht, eine Ordnung zu finden“, sagt ein Junge abschließend. „Manchmal ist eine Ordnung da und wir können sie einfach nur nicht sehen“.

Zum Abschluss erzähle ich den Kindern eine Kurzversion von Platons Höhlengleichnis. Vielleicht gibt es irgendwo lauter Antworten auf unsere Fragen, und wir haben sie einfach noch nicht gefunden.

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12. Salon: Ein Philosoph zu Gast bei Phil Sophie & Co

Der Philosoph Hans Feger

Die Kinder sind schon voller Erwartung auf den Besuch des Philosophen Hans Feger. Auf dem Pausenhof erzählen sie, dass heute ein „echter Philosoph“ kommt! Einige Kinder wollen auch dabei sein und fragen bei uns an. In unserer kleinen Bibliothek ist aber nur Platz für zwei Besucherkinder.  Bis alle da sind, setzen sich die Kinder an den Maltisch. Der Junge, der letzten Dienstag gefehlt hat und auch zuvor erst einmal an unseren Salons teilgenommen hat, ist sichtlich verunsichert und zieht eine von uns zum Sofa. „Was habt Ihr beim letzten Mal gemacht?“, fragt er. Wir stellen ihm die Frage „Wenn jeder Mensch seine eigene Sprache spräche, was wäre dann…?“ Er ist beruhigt und antwortet: „Dann würde sich keiner verstehen.“

Als der Philosoph Hans Feger in die Bibliothek tritt, ist es einen Moment still. Alle Augen sind auf ihn gerichtet. Er grüßt, setzt sich mit an den Maltisch und holt ein Foto heraus, das ihn mit anderen Philosophen in China zeigt. China! Die Spannung wächst. Dann holt er ein dickes Buch aus seiner Tasche: Alexander von Humboldts Kosmos – Entwurf einer physischen Weltbeschreibung (erschienen in fünf Bänden zwischen 1845 bis 1862). Die Kinder drängen sich näher, alle wollen ins Buch schauen.

Als alle Kinder da sind, setzen wir uns in den Kreis. Hans Feger sitzt zwischen den Kindern auf dem Sofa. Er fragt, warum die Menschen denn begonnen hätten, Bücher zu schreiben? „Weil andere auch etwas wissen sollten“, kommt die Antwort. Die Vorteile von Büchern gegenüber der gesprochenen Sprache werden diskutiert. Dann deutet Hans Feger auf den Kosmos und fragt, warum das Buch denn wohl so glitzert? „Gold, Sterne sind da drauf“ „Wunderschön!“, antworten die Kinder. Hans Feger erzählt von den Reisen des Alexander von Humboldt und seinem Wunsch, all sein Wissen in ein Buch zu schreiben. „Dieses Buch ist der Kosmos“. Die Kinder wollen das Buch genauer sehen und merken, dass sie die Schrift nicht lesen können. „Meine Ur-Oma schreibt auch so“, stellt ein Mädchen fest. Als sie hören, dass Humboldt vielen Pflanzen und Bergen Namen gegeben hat, sprühen die Kinder los: „Hat er die Tulpe, Tulpe genannt, oder den Ätna, den Olymp benannt?“ Hans Feger verneint: „Die hatten schon einen Namen. Aber er hat andere Vulkane benannt und sie gezeichnet.“ Wir erfahren, dass Humboldt (1769-1859) ungefähr zu der Zeit gelebt hat, zu der auch der Salon der Madame Geoffrin (1755) stattfand. Das Bild hängt neben der Schule von Athen an unserem Zeitstrahl, unterhalb unserer Fragen-Landkarte. Wir hatten im 2. Salon darüber gesprochen. Die Kinder gucken sich die Menschen noch mal genau an. „Aber das Buch ist doch noch gar nicht so alt, hatten die denn schon Kopierer?“, fragt ein Junge. Eine Debatte, darüber, wie man Bücher geschrieben hat, bevor es Kopierer gab, beginnt: „Ganz früher haben die Menschen in Steine geritzt.“, „Und dann auf Blätter und andere haben die abgeschrieben“[…]. Wir stellen fest, dass wir hier nicht das Originalbuch sehen, sondern eine Kopie, die viel später gemacht wurde.

Sind Philosophen schlau?

Hans Feger fragt, wer denn der erste Philosoph war? Die Kinder schweigen. Dann erzählt er von Sokrates, der der Lehrer der ersten Philosophen war, nämlich von Platon und Aristoteles. Die Kinder freuen sich, weil sie die schon kennen und zeigen auf die Schule von Athen. „Sind Philosophen eigentlich schlau, oder nicht so schlau?“, fragt ein Besucherjunge. Hans Feger: „Manche sind schlau, manche sind aber auch einseitig.“ Das Wort „einseitig“, irritiert den Jungen, er fragt: „Bist Du schlau?“ Hans Feger: „Weiß ich nicht.“ Die beiden debattieren weiter darüber, was es heißt, schlau zu sein. Ein Mädchen mischt sich ein: „Bei den Philosophen sind die Antworten gar nicht so wichtig. Schlau ist, wer die klügsten Fragen hat.“ Schon beginnt eine Diskussion über gute und schlechte Fragen. Die Antworten kommen Schlag auf Schlag: „Warum ist das Weltall groß, die Erde rund […]“, unsere Kinder sind in ihrem Element. Unser schüchterner Junge sitzt lässig neben dem Gast auf der Sofakante und hat das Fragenstellen entdeckt: „Wer hat die Roboter erfunden?“, startet er. Er ist angekommen bei Phil, Sophie & Co, wir freuen uns. Ein Mädchen möchte Hans Feger ihr Phil, Sophie & Co-Tagebuch zeigen, ein anderes Mädchen schaut sich den Kosmos skeptisch an.

Unsere Mal-und Bastelfraktion geht zurück an die Tische. Wir erklären, dass wir heute unsere eigenen Kinderphilosophen-Urkunden basteln wollen. Die goldenen Stifte und Papiere machen glänzende Augen. Jeder bestimmt, wie die Worte „Phil, Sophie & Co“, „Urkunde“ und „für“ angeordnet werden. Darunter kleben einige die ausgeschnitten Figuren Phil und Sophie. Einige malen sich selbst dazu. Wieder gibt es den Moment, in dem alle schweigen und in ihre Tätigkeit vertieft sind. Die zufriedenen Gesichter unserer kleinen Philosophen und Philosophinnen sind schlicht beglückend. Wir fragen, wer sich seine Urkunde von Hans Feger unterschreiben lassen will. Alle rufen „Ich.“ Mit Goldschrift und in Druckbuchstaben haben sie nun die Unterschrift eines „echten Philosophen.“ Bei der Verabschiedung sagt er den Kindern: „Wenn Ihr groß seid, könnt ihr zu mir an die Universität kommen.“ Ein Mädchen antwortet ohne aufzuschauen: „Ich werde lieber Künstlerin“, und malt weiter. Zu Alexander von Humboldt werden wir sicher noch einmal zurückkehren!

2. Salon: Wie wirklich sind Geheimnisse?

Geheimnisse sind magisch. Wir alle wissen etwas, das die Anderen nicht wissen sollen. Ist das vielleicht schon eine perfekte Begriffsdefinition? Ich frage die Kinder nach dem Gegenteil von einem Geheimnis. „Na, wenn es wirklich jeder weiß“, sagt ein Junge. Ein anderer: „Wenn man etwas einfach so sagen kann“. Ein Junge wendet ein, dass es Dinge gibt, die die meisten Menschen ruhig wissen können und nur vielleicht ein einziger Mensch nicht. „Das ist dann trotzdem ein Geheimnis, weil dieser Mensch dann etwas ganz bestimmtes nicht wissen soll“. Ich frage die Kinder, wer von ihnen ein Geheimnis hat. Bis auf einen Jungen gehen von allen Kindern die Hände in die Höhe.

Wie in dem Salon aus dem letzten Halbjahr zu diesem Thema lesen wir die Geschichte „In Wirklichkeit“ von Asa Lind aus „Alles von Zackarina und dem Sandwolf“. Vorweg bitte ich die Kinder, an ein Geheimnis, das sie entweder für sich alleine haben, oder mit jemandem teilen, zu denken. Welches Gefühl entsteht dabei? Hat das Geheimnis eine Farbe? Eine Form? Gibt es ein Symbol, das dazu passen könnte? Während des Vorlesens malen die Kinder, was ihnen zu diesen Fragen einfällt. Die meisten scheinen an etwas zu denken, was sie nicht belastet, ein Junge malt ein lachendes Gesicht, ein Mädchen sich selbst mit winkenden Armen in einem Regen aus Ausrufezeichen.

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 Im Anschluss überlegen wir: Darf man Geheimnisse verraten? Muss man es vielleicht sogar? Unter welchen Umständen darf man etwas für sich behalten und wann darf man eine Sache guten Gewissens ausplaudern? „Es gibt gute und schlechte Geheimnisse“ meint ein Junge, „und die guten darf man ruhig sagen“. „Nein“, sagt ein anderer, „du musst die schlechten sagen! Wenn jemand was Schlimmes getan hat, dann musst du das sagen!“. Wir sammeln Beispiele für gute und schlechte Geheimnisse und Gründe, die für oder gegen das Verraten sprechen.

Danach denkt jedes Kind noch einmal an sein spezielles Geheimnis und ich bitte die Kinder, diese Geheimnisse in ihre Tagebücher zu schreiben und fest zu übermalen und zu verkleben. Alle geben sich große Mühe, das Geheimnis gut zu verstecken. Ich erzähle dabei von Bankgeheimnissen und Staatsgeheimnissen und dass angeblich auch die Rezeptur von Coca-Cola so geheim ist, dass sie in einem Tresor verwahrt wird. Möglicherweise wäre das Coca-Cola-Rezept oder ein spezielles Staatsgeheimnis aber auch gut in den Tagebüchern der Kindern aufgehoben: fest unter zahllosen bunten Klebestreifen verborgen und für immer vor der Welt versteckt.

1. Salon: Ein Sack voll Fragen

Mit Beginn des neuen Schulhalbjahres starten die Salons an der Grundschule Rothestraße mit einer neuen Gruppe: Zehn Kinder aus verschiedenen Klassen der Stufe vier kommen mit zum teil sehr präzisen Vorstellungen in die Schulbibliothek, in der unsere Salons von nun an stattfinden.

Dass Philosophie nichts ist, was alten Männern mit grauem Bart vorbehalten ist, wissen sie bereits. Dass man zum Philosophieren kaum mehr braucht, als den eigenen Kopf und das Staunen über die Welt, das wissen sie auch. Dass es darüber hinaus von Vorteil ist, in einer Gruppe zusammen zu sein, um gemeinsam über eine knifflige Frage nachzudenken, leuchtet allen ein, auch, wenn sie das so noch nie gemacht haben. Aber – ist jede knifflige Frage schon philosophisch? Bedeutet „Philosophie“ schlichtweg, dass man nur schwer auf eine Lösung kommen kann? Mitnichten. Zum Philosophieren gehört vielmehr, dass sich durch das Nachdenken überhaupt keine eindeutigen, unerschütterlichen Erkenntnisse ergeben, sondern zunächst einmal eine Reihe neue Fragen. Und dass man sich nach der Erkenntnis zwar strecken kann, dass man sie möglicherweise aber nie erreicht. Denn Philosophieren, das bedeutet: Liebe zur Weisheit. „Das heißt also, dass man etwas wirklich, wirklich rausfinden will!“ ruft ein Junge. In der Tat.

Ein Sack voll Fragen.

Um ein Gefühl dafür zu bekommen, womit wir es in den kommenden Monaten in den philosophischen Salons zu tun haben, sammeln wir, was man denn mal so alles rausfinden könnte. Den Kindern brennen vor allem Fragen zur Erde und zum Universum unter den Nägeln, Fragen also, die von Wissenschaftlern, die sich in ihrer Disziplin gut auskennen, mit Hilfe von Versuchen, Berechnungen und Beobachtungen recht eindeutig im Rahmen der Wissenschaft beantwortet werden können: „Wie heiß ist Feuer?“ fragt sich ein Kind aus der Runde zum Beispiel, oder: „Woraus ist Luft gemacht?“. Ein anderes Kind fragt: „Was kommt nach dem Tod?“. „Wen könnten wir danach fragen?“ frage ich zurück, „Gibt es einen Wissenschaftler, der das erforschen könnte?“. Die Kinder sind ratlos. Ein Arzt vielleicht? Und wenn der Arzt uns sagt, dass nach dem Tod nichts kommt – können wir das dann wirklich glauben?

Alle Fragen aus der Runde werden auf Klebezetteln notiert und auf die Fensterscheibe geklebt. Nach und nach sortieren wir sie in „Fragen an Wissenschaft und Forschung“ links vom Fensterriegel und in „Fragen an die Philosophie“ nach rechts. Und so langsam wird allen klar, wohin uns die Reise führt.

Auf dem Berg angekommen. Ein Werkstatttag

Als die ersten Kinder kommen, wundern sie sich darüber, dass keine Stifte in der Mitte unserer Kissenrunde stehen. Ein Korb mit Mandarinen lockt stattdessen. Wir bitten darum mit dem Essen zu warten, bis alle da sind und fragen, ob sie sonst noch etwas riechen. Ein Junge springt auf: „Jaaaa! Das riecht lecker.“ „Mandarinen, Zitronen, Blüten“, raten die Kinder. Wir zeigen Ihnen die Flasche mit dem ätherischen Öl und erklären, dass Philosophieren ja auch heißt, dass man ganz genau auf Veränderungen achtet. Alle wollen mal sprühen.

Als alle Kinder da sind erzählen wir, dass heute die Hälfte unserer Phil, Sophie & Co-Salons hinter uns liegen. Wir kündigen an, dass wir – während wir die Mandarinen essen – darüber sprechen möchten, was uns in Erinnerung geblieben ist und was uns Philosophieren bedeutet. Danach wollen wir in zwei ‚Werkstätten‘ zum Thema „Zeit“ und zu unserer Fragenlandkarte zurückkehren. Ein Junge hüpft und gibt Kraftlaute von sich. Er ist erst durchs Mandarinen-Schälen zu bändigen. Unser Plan geht auf. Nun kann das Gespräch starten. Drei Kinder fanden die Geschichte vom Kugelmenschen besonders gut, ein Mädchen zeigt ihre zweite Zeichnung dazu in ihrem Buch: Der Kugelmensch rennt fröhlich über ein Möhrenfeld. Ein Mädchen erinnert sich an den Glücks-Salon und an die Farbkarten. Auch der Besuch bei der Künstlerin wird erwähnt. Unser hüpfender Junge erinnert sich an den Fotografen bei der Künstlerin: „Das fand ich cool!“ Die anderen Kinder zeigen der Reihe nach, was sie in ihre Bücher gemalt haben. Ein Mädchen erinnert sich: „Ich war Supermann in meiner Welt“, sie zeigt das Bild und dann das vom letzten Mal: „Die 8-Welt ist gut, eine 10-Welt noch besser, oder eine 12-Welt!“ Sie strahlt. Unser jüngstes Mädchen (im letzten Sommer eingeschult!) hat ihr Buch fast vollständig mit Zeichnungen, Bildern und Collagen gestaltet. Unter der Rubrik „Meine Ideen“ sind drei Seiten dicht an dicht beschrieben. Alle staunen. Wir fragen was sie denn geschrieben hat. „Ich kann doch noch nicht schreiben“, sagt sie zaghaft. Sie hat die Seiten mit Buchstabengruppen gefüllt. Es wird klar, dass sie aber genau weiß, was dort steht. Wir sind begeistert. Eine Geheimschrift! Unsere Frage: „Was bedeutet für jeden von uns „Philosophieren?“ verschieben wir, da die Kinder unbedingt malen wollen.

Drei Kinder gestalten mit Aquarellfarbe die Fragenlandkarte: ein Glücksland/ Freundschaftsland (regenbogenfarbener Kreis), ein Schneeprinzessinnenland (ausgeschnittene Berge) und „die Wüste mit Pyramide, wo der Pharao wohnt“ entstehen. Ein Mädchen ist ganz versunken in die Bildausschnitte des Collagematerials, entscheidet sich für Berge und wählt noch Erdstrukturen für ihr Tagebuch. Unser zunächst wilder Junge hat sich ein Plätzchen am Boden gesucht und klebt einen Schneeberg in sein Buch. Nun malt er mit Aquarellfarben einen Rahmen. Ganz ruhig und zufrieden.

In der Zeit-Werkstatt stellen wir den Kindern das Bildmaterial vor: „Was ist denn wohl von früher, was von heute?“ Wir sortieren die Bilder in Gruppen auf der Pappe. „Vergangenheit, weil die so komische Sachen anhaben“, ist ein Kriterium. „Vergangenheit, weil das ist schwarzweiß?“, ein anderes. Die Bilder werden aufgeklebt. Die Gegenwart wird eine bunte Mitte. In der Vergangenheit (links) finden sich alte Postkarten, Zeitungsauschnitte, aber auch gemalte Kunstwerke. Rechts malen die Kinder, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. Über allem entsteht eine Wortkette: „Urlaubszeit, Uhrzeit, Kindergartenzeit („da mußte man nicht so früh aufstehen!“), Mut-Zeit, Dino-Zeit, Hungerzeit (das Wort kommt zu einem Foto aus der Nachkriegszeit), Schlafenszeit (ein Kind gähnt), ein Kind singt vor sich hin. Das Lesen ist noch mühsam für die Kinder, sie tasten die Buchstaben ab: „Friedenszeit“, kommt diesmal dabei heraus. „Das ist Gegenwart“, sagt ein Mädchen. Zur Kriegszeit erzählt ein anderes von ihrer Großmutter: „Die hat das wirklich erlebt!“ „Schulzeit ist eine gute Zeit“, sagt ein Kind. Ein anders verzieht das Gesicht. Die Kinder malen sich in die Gegenwart. „Das bin ich heute“, rufen drei nacheinander. „Später krieg ich braune Haare. Das weiß ich, weil meine Mama hat auch braune Haare. Und ich werde auch Tänzerin!“ In der Zukunft haben alle Kinder lange Beine und „keine Schulranzen!“ Und – wichtig –  das wurde von einem Kind mehrfach betont: „In der Zukunft ist meine Schildkröte Lili aus dem Tierheim zurück! Die Zeit neigt sich dem Ende zu.

Im Rückblick auf unsere sieben Salons sind wir überrascht, wie stark die Kinder den Ablauf unserer gemeinsamen Zeit mitbestimmen und wie wichtig die Phil, Sophie & Co-Bücher für sie sind. Was hat aber das, was wir tun mit Philosophie zu tun? Der Philosoph Peter Bieri benennt es in seinem Buch „Wie wollen wir leben?“ (2011): „Wer sich in dem, was er ist, nicht ausdrückt, verpasst eine Möglichkeit zu erkennen, wer er ist.“

Woher kommt die ganze Welt?

Die ersten fünf Kinder kommen nacheinander an, setzen sich und legen die Phil Sophie & Co-Bücher vor sich auf den Boden. Ein Mädchen schaut auf die Fragenlandkarte. „Ich hab noch eine Frage!“, ruft sie: „Welcher Stern ist der Größte?“ Wir schreiben die Frage auf einen Zettel und heften ihn zu den anderen an die Karte. Ihre Nachbarin ist schon beim Thema des heutigen Salons, ohne dass wir ihn zuvor angesprochen haben: „Wie ist die Welt geworden?“, fragt sie und schreibt die Frage in ihr Buch. Ein drittes Mädchen: „Der größte Stern ist die Sonne!“ Zwei weitere Kinder kommen dazu. Eines von ihnen hat beim letzten Mal gefehlt. Wir erzählen ihr vom letzten Salon. Ein Mädchen: „Wir haben ein Bild angeschaut mit blühenden Bäumen. Und dass man glücklich ist, wenn man seine Lieblingsfarbe anhat.“ Das Mädchen neben ihr sagt mit ruhiger, eher zurückgenommener Stimme: „Wenn man glücklich ist, fühlt man sich geborgen.“ Das letzte Wort spricht sie auffällig gedehnt, als hätte sie es für den heutigen Salon mitgebracht. „Was heißt denn ‚geborgen‘, fragen wir tastend. Sie antwortet leise: „Wenn man sich sicher fühlt. Wenn man mit Mama und Papa zusammen ist.“ Während wir reden, holt ein Mädchen das Buch „Herr Flo sucht das Glück“ (Friederike Wilhelmi, Andrea Hebrok) aus der Tasche und sagt: „Das habe ich mitgebracht.“ Sie erzählt die Geschichte von Herrn Flo, der – auf der Suche nach einem Ort, an dem man sich wohlfühlen kann –  im Ohr eines verliebten Bären landet. Glück ist Geborgenheit, das  finden die anderen Kinder auch.

Als alle Kinder da sind, starten wir mit der Geschichte „Als die Welt noch jung war“ (Jürg Schubiger). Die Kinder malen beim Zuhören. Nach vier Schöpfungsvarianten fragen wir: „Was meint ihr denn, was zuerst auf der Welt war?“ Die Kinder sind kaum zu bremsen und wollen alle gleichzeitig reden. „Am Anfang war das Paradies“, startet ein Mädchen und müht sich, das Wort auszusprechen. Es folgen Geschichten vom Urknall, von herabfallenden Sternen und Meteoriten. Die Kinder kommen zu Adam und Eva aus der vorgelesenen Geschichte zurück. Ein Junge möchte sein Buch – das keine Bibel ist! (betont er), aber von Adam und Eva erzählt –  beim nächsten Mal mitbringen. Ein Mädchen meint, erst wäre die Milchstraße dagewesen und dann erst die Erde. Ein Junge springt auf und ruft laut: „Ich weiß, wie die Dinos gestorben sind! Die Vulkane sind ausgebrochen und dann kam die Eiszeit und dann sind die Pflanzenfresser gestorben und dann die Fleischfresser.“ Er ist kaum zu bändigen und hüft. Ein Mädchen bestätigt: „Ja, und dann sind sie gestorben.“ Wir fragen, woher die Menschen das denn wüssten. „Es war doch niemand dabei?“ Schweigen. Ein Mädchen, das sich kurzzeitig hinter ein Bücherregal zurückgezogen hat, kommt mit einem Buch über Dinosaurier zurück. „Aus Büchern!“, triumphiert sie. Alle wollen das Buch sehen. Wir fragen in die quirlige Gruppe: „Und woher wissen das die Menschen, die die Bücher geschrieben haben?“ Ein Mädchen, das auf ihrem Platz geblieben ist, sagt ruhig: „Die haben geforscht.“ „Mit Computern!“, ruft unser Dino-Experte. Wir: „Seit wann gibt es denn Computer?“ Die Antwort erübrigt sich. Dann kommt das Schlüsselwort, das alle mit einem ‚Jaaa!‘ unterstützen: „Knochen! Die haben die Knochen erforscht.“ Es wird wieder etwas ruhiger.

 

Auch unsere zweite Fragerunde wird sehr lebendig. „Wenn ihr die Welt neu erfinden würdet, wie würde sie dann aussehen?“, fragen wir. „Eine Welt aus Süßigkeiten!“, „Nie wieder Zähneputzen!“, “Dass man nie wieder schlafen muss“, lauten die Vorschläge. Mit dem letzten sind nicht alle einverstanden: „Ich schlafe aber gerne, ich kuschel mich gerne ein“, empört sich ein Mädchen und ergänzt: „Meine Welt soll aus Kissen sein, ganz weich!“ Ein ansonsten fröhliches Mädchen sagt jammernd: „Ich will, dass meine Schildkröte Lili wieder da ist. Die ist im Tierheim.“ Wir: „Oh, das ist traurig. Wir wünschen uns also eine Welt, in der die Menschen und Tiere, die wir lieben und die nicht bei uns sind, zu uns zurückkommen.“ Nickende Zustimmung. Unserem hüpfenden Junge geht es sichtlich gut in seiner Welt: „Alle sollen meine Diener sein!“, ruft er euphorisch. Die anderen verziehen die Gesichter. Wir: „Wollen wir alle Diener sein?“ Das ‚Nein‘ stört ihn nicht. „Dann hol ich meine Familie und meine Oma.“ Wir: „Wir wünschen uns eine Welt, in der sich alle wohlfühlen!“

Ein bis dato zuhörendes Mädchen meldet sich zaghaft. Wir ermutigen sie und wiederholen die Frage: „Wie würdest Du die Welt neu schaffen?“ Leise und ernst sagt sie: „Anders.“ Sie ist sichtlich in Gedanken, möchte aber nicht weiter reden. „Wir wollen jetzt mit Tusche malen!“, schallt es durch den Raum. Wir stimmen zu. Bis auf zwei Mädchen wechseln alle vom Boden an den Tisch. Das schweigsamere Kind begleiten wir an der Hand zum Maltisch. Später erzählt sie, dass sie sich eine „8-Welt“ wünscht. Als wir fragen, ob sie die Zahl 8 meint, nickt sie, will das aber nicht weiter ausführen. In ihr Buch schreibt sie groß ihren Namen, malt sich selbst mit Filzstiften – sehr detailliert mit Fingern und den einzelnen Fußzehen! – und schreibt eine 8. „In meiner Welt gibt’s mich“, spricht sie in die Runde, aber eher zu sich.

Die Acht-Welt

Die Aquarellfarben werden begeistert angenommen. Bäume, Blumen, viel Wasser, „eine Welt bei Nacht“, eine „mit Schwester“ und eine „mit Kakerlaken“ entstehen in den Büchern und auf anderen Blättern. Unser Dino-Experte sitzt auf dem Tisch und wischt immer wieder kraftvoll die Farbe vom Blatt. Dann stellt er sich ans Mikrofon und erzählt seinen Weltentwurf: „Ich will eine Welt, wo es nur Partys gibt, nur McDonalds-Häuser und alles ist umsonst!“. „Alle sollen reich sein“, löst ihn ein Mädchen ab. „Eine Welt aus Gold!“ Wir fragen, was man da denn essen könnte? „Honigmelonen“, antwortet sie. Wir: „Und welche Menschen gibt es in Deiner Welt?“ „Einen Gärtner und Kinder – aber keine die prügeln!“, ergänzt sie. Eines der zwei Mädchen, die am Boden malen, erzählt mit ernster Stimme: „Alle denken ich bin älter. Ich bin aber erst 6. Und viele glauben meine Schwester ist ein Junge.“ Wir: „Vielleicht glauben manche Leute, dass du älter bist, weil Du so gut malen und erzählen kannst.“ Ihre Nachbarin wirft ein: „In unserer Welt dürfen Mädchen alles, Jungen nicht!“ Die Zeit neigt sich dem Ende zu. Wir räumen auf und verabschieden uns.

Es war einmal – Wie erkennt man, dass die Zeit vergeht?

„Es war einmal vor langer, langer Zeit, bestimmt vor deinem letzten Geburtstag, da lebte in dem großen Wald, der gleich hinter der Autobahn liegt, eine Fee” (aus: „Nee! Sagte die Fee” von Kirsten Boie). „Es war einmal“ – das klingt nach guter alter Zeit, aber Autobahn? Da weiß gleich jedes Kind, dass da was nicht stimmt. Kleine werden groß, Junge alt, Feen essen Müsli und wollen böse sein, und zum Versenden einer Nachricht brauchen wir längst keine Postkutsche mehr. Alles Zeichen, dass das Rad der Zeit sich dreht.

Um über dieses Phänomen zu philosophieren lesen wir als Einstieg das Märchen „Dornröschen“. Wie war das noch gleich? Dornröschen fällt in einen hundertjährigen Schlaf. Stell Dir vor, Dornröschen wäre vor 100 Jahren eingeschlafen und würde in unserem Zeitalter wieder aufwachen: Was hätte sich verändert? Würde es sich noch zurecht finden? „Die Leute von früher würden heute gut klarkommen, weil alles einfacher geworden ist“, sagt ein Mädchen, „zum Beispiel Strom, Autos, usw.“ Darüber entspinnt sich eine lebhafte Diskussion. Manches sei auch komplizierter geworden (mehr Telefonanbieter, etc.).

Kinder sagen, was Zeit für sie bedeutet: „Zeit ist Geld“, „Zeit ist hektisch“ aber auch „Zeit ist langsam und leise“ spiegelt die Bandbreite ihrer Assoziationen.

Anhand von alten Fotografien raten wie historische Berufe: „Der Mann hat kräftige Hände, mit denen arbeitet er wahrscheinlich“ (= Gepäckträger). Ein s/w Bild von ärmlich gekleideten Kindern ordnen die Kinder einer verganenen Zeit zu und sind überrascht, dass das heute ist, nur in einem anderen Land. Ein Bild zeigt eine Telefonzentrale und ein „antikes“ Telefon, das noch nicht mal eine Drehscheibe hat sondern nur eine Kurbel.

Zum Schluss dürfen die Kinder „Handys“ basteln, aus Blanko-Streichholzschachteln, Pfeifenputzern, Glitzerfolien und Plastikeiern. Die Kinder sind begeistert bei der Sache – kein Wunder, haben doch die Smartphones heute regelrechten Kultstatus. Die Aufgabe lautet, ein Handy zu basteln, wie es in 100 Jahren sein könnte. Aus den Eiern werden sofort I-Phones (Ei-Phones) gebastelt. Und die Kreativität tobt auch in andere Richtungen:  „Mein Handy hat einen kleinen Druiden, der sprechen kann“, „mein Handy fliegt immer neben mir, ich kann es nicht verlieren“, „meines kann Freunde erkennen“, usw.

Die Kinder erkennen spielerisch, wie sehr sie Kinder „ihrer“ Zeit sind,  wie unterschiedlich man Zeit empfinden kann und wie sehr sie unseren Alltag bestimmt. Die Stunde selbst ist auf jeden Fall nur so verfolgen.