12. Salon: Wo einst Soldaten wohnten. Exkursion zur Kunstkaserne am Südkreuz

Ziele des Salons:

  • Nachdem wir uns im letzten Salon dem Begriff des Erinnerns und dem Phänomen des Erinnerungsbildes (Gerhard Richter „Tante Marianne“, 1965) angenähert haben, besuchen wir mit der Kunstkaserne einen Ort, in dem die Vergangenheit – der Krieg – seine Spuren hinterlassen hat, d. h. einen Erinnerungsort.

Verlauf des Salons:

Bis alle Kinder eingetroffen sind, malen und kleben wir eine Danke-Schön-Karte für unsere Gastgeber in der Kunstkaserne. Alle Kinder unterschreiben. Sie sind bestens gelaunt und freuen sich auf den Ausflug. Im Taxi reden wir darüber, was eine Kaserne ist und fragen, was die Kinder vom Krieg wissen. Unser Junge erzählt von Ländern, in denen es Krieg gab. Ein Mädchen ist verunsichert: „Aber hier ist jetzt kein Krieg, oder?“ Wir beruhigen sie und betonen das Glück darüber, dass wir in einem Land leben, in dem Frieden herrscht. Unser Junge: „Krieg ist, wenn sich Leute nicht einigen können. Dann schießen die sich tot.“ Er erzählt von seinem Computerspiel, „in dem man die toten Soldaten neu erfinden kann“. Ein Mädchen wirkt empört: „In echt sind die dann aber wirklich tot und das ist schlimm!“ Wir stimmen ihr zu.

In der Kunstkaserne begrüßt uns die Künstlerin Gabriele Heidecker und führt uns durch die Ausstellungsräume. Vor einer quadratischen Vertiefung in der grob verputzten Wand bleiben wir stehen. Was das denn wohl sei, fragt unsere Gastgeberin die Kinder und deutet auf die Einkerbungen auf der unteren Kante. „Das ist für Farben!“, ruft ein Mädchen. Gabriele Heidecker verneint. Nach ein paar Stichworten erraten sie, dass es sich um einen gemauerten Gewehrschrank handelt. Anhand der Stellplätze in den Gewehrschränken könne man schätzen, wie viele Soldaten hier gelebt hätten. Die Vorschläge der Kinder starten bei acht und führen bis zu 1000. Es wären ungefähr 240 Soldaten gewesen, erfahren wir.

Als nächstes führt unser Weg in einen Raum mit verkohltem Türrahmen und geschwärzter Decke. Wir bekommen erzählt, dass hier im zweiten Weltkrieg eine Bombe eingeschlagen ist. Nun geht die Spurensuche an den Wänden weiter. Risse werden befühlt, loser Putz abgeknibbelt. Einige Kinder inspizieren sehr genau die ausgestellten Installationen und Bilder. Insbesondere die Bilder aus rotem Lack und schwarzem Teer „Rote Craquelés“ (1995-2000) faszinieren sie. Sie wollen ganz genau wissen, welche Materialien verwendet worden sind und warum die Künstlerin die Werke geschaffen hat. Mit Begeisterung sammeln sie die heruntergefallenen schwarz-roten Teer-Lackstückchen ein und befühlen sie. Jedes Stückchen hat eine andere Form. Die Kinder beginnen Gesichter und anderes zu assoziieren. Jedes Kind darf sich ein Stückchen mitnehmen.

Nun betreten wir die Spiegelinstallation „Virtual Place“ (2002). Wir erinnern die Kinder daran, bitte vorsichtig zu sein! Zunächst schauen wir uns den Raum an. Anhand des Sockels und der Ofenrohröffnung ist noch genau zu erkennen, wo früher der Ofen stand. Gabriele Heidecker erzählt, dass die fehlenden Bretter am Boden zum Heizen verwendet wurden, weil es nach dem Krieg kaum Heizmaterial gab. Dann stellen sich jeweils zwei Kinder in die Mitte der Installation und beschreiben, was sie in den Spiegeln sehen. Nach und nach erkennen sie, dass es auf der einen Seite scheinbar endlos abwärts, auf der anderen Seite aufwärts geht.

Die Kinder sind erschöpft und haben Durst. Wir gehen ins Wohnzimmer der Künstlerin, die Getränke und Gebäck vorbereitet hat. Am Boden im Kreis sitzend, kehrt zufriedene Stille ein. Einige Kinder fragen, ob sie nun malen könnten, doch leider reicht die Zeit nicht mehr. Wir vertrösten auf den nächsten Salon. Zum Abschluss bekommt jedes Kind eine Karte, auf der die Arbeiten von Gabriele Heidecker und Marosch Schröder zu sehen sind: „Zur Erinnerung!“ In den Händen hält jedes Kind ein rot-schwarzes Erinnerungsstück.

Resümee

Die Kriegsvergangenheit Berlins hat für die Kinder ein Gesicht bekommen. Das Wort Kaserne kannten einige zuvor nicht. Da die ausgestellten Installationen und Bilder ebenfalls Prozesse der Vergänglichkeit und des Zusammenfalls von Raum und Mensch sicht- und erfahrbar machten, konnten die Kinder Geschichte als etwas erleben, in das sie involviert sind. Zudem haben sie eine Art des Wohnens inmitten von Kunst kennengelernt.

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10. Salon: Wo hört der Himmel auf?

Ziele des Salons:

  • Mit dem Thema des letzten Salons „Was ist die Seele?“ sprachen wir bereits die Sphäre der Vorstellung und des Metaphysischen an. Mit der Frage „Wo hört der Himmel auf?“ knüpfen wir hier in räumlicher Hinsicht an.
  • Da wir bisher vorwiegend konturbezogen gemalt haben, bieten wir heute ausschließlich Aquarellfarben an. Das Fließende der Farbe visualisiert die Unendlichkeit des Himmels und die Unmöglichkeit, den Horizont zu erreichen.

Verlauf des Salons:

Über der Mitte des Kissenkreises schwebt heute das Poster von Gerhard Richters „Seestück“ (1970). Die Kinder legen sich unter das Bild und fangen an zu assoziieren. „Das Meer hängt ja am Himmel“, startet ein Mädchen. „Aber da ist doch auch der Himmel und nicht nur das Meer drauf“, differenziert die Nachbarin. Eine Diskussion darüber, welche Hälfte des Bildes das Meer und welche den Himmel zeigt, beginnt. „Du musst dich anders herum legen, dann ist es umgekehrt“, regt ein Kind an. Neue Perspektiven werden ausprobiert.

„Seestück (See-See)“, 1970, 200×200 cm, Öl auf Leinwand; Staatl. Museen zu Berlin, Nationalgalerie (Foto: © Gerhard Richter, 2012)

Wir fordern die Kinder auf etwas genauer zu beschreiben, was sie sehen. „Das Dunklere ist das Meer, das ist viel wilder“, lautet das erste Angebot. Der Feststellung „Das Meer spiegelt sich am Himmel“, folgt die Gegenthese: „Nein, der Himmel spiegelt sich im Meer!“. Das Gespür der Kinder für nicht zu beantwortende Fragen ist geschärft, so dass wir zum Thema des heutigen Salons kommen. Wir fragen: „Wo hört denn der Himmel auf und wo fängt das Meer an?“ Die Antworten überschlagen sich: „Am Ende der Welt, ganz am Ende, ganz, ganz da oben!“, ruft ein Kind. „Der Himmel hört nie auf“, meinen gleich mehrere Kinder. „Erst kommt der Himmel und dann kommt ein Riss und dann kommt der Weltraum“, schlägt unser Philosoph von seinem Posten hinterm Sofa vor. Ein Mädchen überzeugt das nicht: „Da wo das Meer aufhört und der Himmel anfängt, ist der Horizont.“ Einige Kinder stimmen zu. Wir fragen, wie man den Horizont denn erreichen könnte? Unser Philosoph schlägt ein schnelles Flugzeug oder ein U-Boot vor. Die Vorrednerin guckt unwillig: „Nein, den Horizont kann man nicht erreichen, der ist immer schon wieder weiter weg, wenn man da ankommt, wo er war.“

Als wir an das Thema des letzten Salons erinnern, verstehen die Kinder den Wink sofort. „Ja, manche glauben die Seelen von den Gestorbenen wohnen im Himmel“, ruft ein Mädchen. Ein anderes hat einen ungewöhnlichen Vorschlag: „Ich glaube, dass die Mutter dem Kind bei der Geburt – über die Nabelschnur – ein Stück ihrer Seele gibt.“ Von der anderen Seite des Kreises kommt der vehemente Einwurf: „Gott hat den Menschen gemacht und darum hat er ihm auch die Seele gegeben!“ Die Aufmerksamkeit der Kinder ist erschöpft. Wir schlagen vor, den Himmel zu malen und wechseln an die  Mal- und Basteltische.

Wenn die Sonne über dem Meer zerfließt

Heute stehen nur Aquarellfarben, Pinsel und Schwämmchen zur Verfügung. Auf die Kanten der Tische haben wir zwei lange Papierbänder geklebt. Symbolisch für das Unendliche des Himmels, malen jeweils die Hälfte der Gruppe an einem Fries. Sonnenuntergänge, kühles, verschwommenes Blau, aber auch abstrakte Formen reihen sich aneinander. Im Anschluss an das gemeinsame Werk legen wir für jedes Kind ein großes Blatt Aquarellpapier auf den Boden. Die Aquarellfarben bieten wir in einzelnen kleinen Schälchen an. Jedes Kind hat seinen eigenen Wassertopf. Einige Kinder wischen schwimmendes Himmelblau. Ein Mädchen schwärmt vom roten Abendhimmel, den sie dann auch malt. Unsere Tapies-Malerin braucht nur leuchtendes Rot. Mit grobem Pinselstrich malt sie „Ein Flugzeug!“. Dann schaut sie sich die abstrakt expressionistischen Bilder in dem von uns mitgebrachten Ausstellungskatalog des Us-amerikanischen Malers Richard Diebenkorn an. Seine blaudominierten Meeres- und Luftbilder der „Ocean Park“-Serie (begonnen 1967) passen hervorragend zum Thema des heutigen Salons.

Wenn sich am Abend der Himmel rot färbt

Zum Abschluss weisen wir – veranschaulicht durch die entstandenen Bilder der Kinder – auf die besondere Eigenschaft von Aquarellen hin: Sie sind durchscheinend wie der Himmel und wie das Wasser.

Resümee:

Das Arbeiten in salonübergreifenden Themenkomplexen  – mit dem 9. Salon starteten wir unsere Reihe zum Thema „Vergangenheit und Erinnerung“ – hat sich auch heute bewährt. Da die Aufmerksamkeit der Kinder nach einem langen Schultag begrenzt ist und wir oftmals nicht dazu kommen, die Gesprächsbeiträge der Kinder zu bündeln, ermöglicht uns diese Arbeitsweise, Informationen oder Anregungen nachzureichen.

Der Regenbogen färbt den Himmel bunt

4. Salon: Welche Farbe hat die Wut

Gleich zu Beginn unseres Salons machen die Kinder große Augen. Wut – dazu können wirklich alle etwas erzählen. Einige holen schon einmal tief Luft, manche rollen die Augen. Wut ist ein starkes Gefühl, und wir kennen es sowohl von uns selbst, als auch von anderen.

Welche Farbe hat die Wut?

„Oh Gott: Wut“, sagt ein Junge. Anscheinend sind viele gespalten, wenn es darum geht, sich über Wut Gedanken zu machen. Eigentlich sei Wut ganz okay, meinen die meisten in der Runde, und es sei auch okay, dass man die Wut rauslässt. „Man MUSS sie sogar rauslassen“, erklärt ein Mädchen, „sonst wird man sie nie wieder los“. Aber alle wissen bereits, dass es nicht immer so ganz einfach ist, mit Wut umzugehen, nicht mit der eigenen, und nicht mit der Wut von anderen Menschen.

Und wie geht das überhaupt: die Wut rauslassen? Kann man vielleicht auch zuviel davon freisetzen? Die Kinder wählen aus hundert Farbkarten, die auf dem Tisch ausliegen, ihre eigene Farbe für Wut. Viele greifen nach Rottönen, und beschreiben ihre Wut mit gängigen Sprachbildern: „Man kocht dann so innerlich“, „Es brodelt in einem“. Einige suchen sich aber auch dunklere Farben aus, ein Mädchen wählt blau: „Weil meine Wut manchmal so riesig ist, wie ein Meer“, erklärt sie. Ein Junge wählt den Farbton „Deep Forest“, ein dunkles Grün. Als ich ihm den Namen übersetze, nickt er andächtig: „Das passt. Eine Wut kann so groß und mächtig sein, dass du dich auch richtig drin verirren kannst“.

Wir lesen „Robbi regt sich auf“ von Mireille d’ Allance und Markus Weber, in der die Wut erst groß und rot ist, und immer kleiner und kleiner wird. Nach und nach erzählen die Kinder, was sie wütend macht und wie sie ihre Wut erleben. Ein Mädchen hält eine schwarze Karte hoch: „Wut ist von außen eigentlich rot“, sagt sie, „aber in mir ist dann alles ganz schwarz“.

„Das Gute an der Wut ist: sie geht vorbei“, sagt ein Junge. Nicht immer fühlt man sich dann hinterher wirklich viel besser, oft aber doch. Und wirklich: Kein Wutanfall hält ewig und insofern passt die Schlussbemerkung aus der Runde, die Wut sei „wie ein Gewitter“. Das hört ja auch irgendwann wieder auf. Manchmal sogar schneller, als man zunächst dachte.

Wo war ich, bevor ich geboren wurde?

Ob es einem nun passt oder nicht: Die längste Zeit auf der Erde hat es uns wohl nicht gegeben. Die meisten Dinge, die passiert sind, haben anscheinend ohne uns stattgefunden und wir haben zwar davon gehört, können uns aber nicht daran erinnern. Weil wir es nicht selbst erlebt haben.

Selbst Menschen, die uns nahe stehen, unsere Eltern zum Beispiel, haben prägende Erlebnisse gehabt, noch lange, bevor wir dabei sein konnten. Wir kamen erst danach. Aber seit wann genau gehören wir eigentlich so richtig dazu zur Welt? Und sind wir wirklich nur da, so lange wir denken, dass wir da sind? Oder erstreckt sich unsere Existenz über Geburt und Tod hinaus?

Zunächst sind sich alle Kinder im Salon einig, dass sie vor ihrer Geburt irgendwie in den Körpern ihrer Eltern waren, die meisten entscheiden sich für die Vorstellung, ein sehr kleiner Teil ihrer Väter gewesen zu sein. Ein Junge denkt diese Vorstellung weiter: „Es gibt mich also, seit es meinen Vater gibt“. „Nein“, widerspricht ein anderer, „dich gibt es erst seit deiner Geburt“. „Ich glaube“, vermutet der nächste, „so richtig gibt es mich erst, seit ich über mich selbst nachdenke. Das war mit fünf“. Dass es eine Zeit gegeben hat, die keine Kenntnis hatte von ihnen, ist allen Kindern in der Runde nicht so richtig geheuer.

Wir lesen die Geschichte „Das Fahrradurlaubsfoto“ aus Asa Linds „Zackarina und der Sandwolf“. Der Sandwolf erzählt darin von seiner Existenz als Stein. Für ein Foto von uns selbst basteln wir uns Bilderrahmen aus Papptellern und verzieren sie bunt. – Dass sie sich nicht aus Steinen entwickelt haben, steht für alle Kinder in der Runde außer Zweifel. Aber auf einen Zeitpunkt, ab wann es sie auf der Erde gibt, können sie sich immer noch nicht einigen. „Es gibt mich, seit meine Eltern sich ein Kind gewünscht haben“ bemerkt ein Mädchen, „denn ab dann hatte sie eine Vorstellung von mir“. „Aber mit einer Vorstellung kann man sich auch täuschen“, wirft ein Mädchen ein, „es gibt ja Kinder, die kommen ganz anders zur Welt, als die Eltern das dachten, und welche Vorstellung war das dann?“. „Vielleicht die von Gott“, meint ein Junge.

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Ist die Vorstellung, die wir von uns selbst haben, möglicherweise die Seele, die in uns wohnt? Wenn die Seele von uns ohne unseren Körper existieren kann, könnte es dann sein, dass wir vielleicht doch schon lange auf der Erde sind, viel länger, als wir uns erinnern können? Ein Junge schlägt vor, es könne ja sein, dass Adam und Eva einmal alle Seelen von allen Menschen hatten „und von da aus werden sie immer neu verteilt“. Ein anderer sieht es quasi umgekehrt: „Vielleicht ist die ganze Geschichte auch nur erfunden und die ersten Menschen sind jetzt wir“.

Wo ist zuhause?

Jeder Mensch hat eine Herkunft und eine Wegstrecke vor sich, die ihn anderswo hin bringen wird. Und irgendwo auf diesem Weg liegt ein Zuhause, ein Ort, der anders ist als alle anderen Orte. Die Orte, die Menschen ihr Zuhause nennen, sind so verschieden wie die Menschen selbst.

Für manche ist das Zuhause an ein Haus gebunden, für andere an eine Landschaft oder an bestimmte Menschen. Manchmal ist es aber auch nur ein Gefühl, dass uns sagt, dass sich ein Ort von anderen Orten ganz wesentlich unterscheidet. Aber sind wir schon zuhause, wenn wir uns irgendwo wohlfühlen? Es gibt Menschen, von denen man sagt, sie haben „die ganze Welt gesehen“, während andere ihr Heimatdorf nie im Leben verlassen haben. Manche Menschen leben in großen, prächtigen Häusern, andere in einer kleinen Bude, einige in Zelten und viele Menschen auf der Welt haben gar kein festes Dach über dem Kopf. Heißt das, das manche über das Zuhause-Sein besser Bescheid wissen als andere?

Im Buch „Kleine Maus, große Stadt“ von Simon Prescott wird die Fabel von der Landmaus erzählt, die ihren Freund in der Stadt besucht und nach einer Weile großes Heimweh bekommt. „Es gibt eben keinen besseren Ort als das eigene Zuhause“ heißt es dort am Ende. Stimmt das?

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 Wir kleben aus Klebezetteln eine Begrifflandschaft an die Tür: Dinge, die ganz wichtig sind für unsere Vorstellung vom Begriff „Zuhause“ kleben wir direkt daneben, andere, weniger wichtige, etwas weiter entfernt. Über die meisten Klebestellen sind sich alle einig, bei manchen gibt es Diskussionen. Ist Strom wirklich wichtig für ein Zuhause? Die meisten Kinder feiern Weihnachten bei sich zuhause nur zwei fahren weg. Jedes Kind bekommt ein kleines Büchlein, um darin Dinge aufzumalen oder aufzuschreiben, die es zuhause gesehen hat. Jeder bemalt und beklebt die Titelseite, während wir weiter diskutieren.

Wir überlegen, was wir als erstes besorgen würden, wenn wir in ein völlig leeres Haus ziehen würden. Könnten wir uns mit diesen Dingen zuhause fühlen? Welche Dinge, die man nicht kaufen kann, gehören zu einem Zuhause noch dazu? „Dass man nicht ausgegrenzt wird, wenn man weint“ meint ein Junge. Das passiere schon mal in seiner Klasse in der Schule, „dabei ist eine Klasse ja auch eine Art Zuhause“. „Aber nicht, wenn man da dauernd Ärger hat“ widerspricht ein Mädchen. „Aber Ärger gehört zum Leben dazu“, hält ein anderer Junge dagegen, „und man muss auch einen Ort haben, wo man es rauslassen kann, sonst fühlt man sich irgendwann ganz komisch“. Einig sind sich alle, dass das Zuhause ein Ort ist, „wo man ganz fest hin gehört“. Und wo man beschützt wird, von einem Dach, von anderen Menschen, oder vom eigenen Mut, den man in einem Zuhause fassen kann, denn: „Zuhause ist man da, wo die Angst ganz weit weg ist“.

Woher kommt die ganze Welt?

Die ersten fünf Kinder kommen nacheinander an, setzen sich und legen die Phil Sophie & Co-Bücher vor sich auf den Boden. Ein Mädchen schaut auf die Fragenlandkarte. „Ich hab noch eine Frage!“, ruft sie: „Welcher Stern ist der Größte?“ Wir schreiben die Frage auf einen Zettel und heften ihn zu den anderen an die Karte. Ihre Nachbarin ist schon beim Thema des heutigen Salons, ohne dass wir ihn zuvor angesprochen haben: „Wie ist die Welt geworden?“, fragt sie und schreibt die Frage in ihr Buch. Ein drittes Mädchen: „Der größte Stern ist die Sonne!“ Zwei weitere Kinder kommen dazu. Eines von ihnen hat beim letzten Mal gefehlt. Wir erzählen ihr vom letzten Salon. Ein Mädchen: „Wir haben ein Bild angeschaut mit blühenden Bäumen. Und dass man glücklich ist, wenn man seine Lieblingsfarbe anhat.“ Das Mädchen neben ihr sagt mit ruhiger, eher zurückgenommener Stimme: „Wenn man glücklich ist, fühlt man sich geborgen.“ Das letzte Wort spricht sie auffällig gedehnt, als hätte sie es für den heutigen Salon mitgebracht. „Was heißt denn ‚geborgen‘, fragen wir tastend. Sie antwortet leise: „Wenn man sich sicher fühlt. Wenn man mit Mama und Papa zusammen ist.“ Während wir reden, holt ein Mädchen das Buch „Herr Flo sucht das Glück“ (Friederike Wilhelmi, Andrea Hebrok) aus der Tasche und sagt: „Das habe ich mitgebracht.“ Sie erzählt die Geschichte von Herrn Flo, der – auf der Suche nach einem Ort, an dem man sich wohlfühlen kann –  im Ohr eines verliebten Bären landet. Glück ist Geborgenheit, das  finden die anderen Kinder auch.

Als alle Kinder da sind, starten wir mit der Geschichte „Als die Welt noch jung war“ (Jürg Schubiger). Die Kinder malen beim Zuhören. Nach vier Schöpfungsvarianten fragen wir: „Was meint ihr denn, was zuerst auf der Welt war?“ Die Kinder sind kaum zu bremsen und wollen alle gleichzeitig reden. „Am Anfang war das Paradies“, startet ein Mädchen und müht sich, das Wort auszusprechen. Es folgen Geschichten vom Urknall, von herabfallenden Sternen und Meteoriten. Die Kinder kommen zu Adam und Eva aus der vorgelesenen Geschichte zurück. Ein Junge möchte sein Buch – das keine Bibel ist! (betont er), aber von Adam und Eva erzählt –  beim nächsten Mal mitbringen. Ein Mädchen meint, erst wäre die Milchstraße dagewesen und dann erst die Erde. Ein Junge springt auf und ruft laut: „Ich weiß, wie die Dinos gestorben sind! Die Vulkane sind ausgebrochen und dann kam die Eiszeit und dann sind die Pflanzenfresser gestorben und dann die Fleischfresser.“ Er ist kaum zu bändigen und hüft. Ein Mädchen bestätigt: „Ja, und dann sind sie gestorben.“ Wir fragen, woher die Menschen das denn wüssten. „Es war doch niemand dabei?“ Schweigen. Ein Mädchen, das sich kurzzeitig hinter ein Bücherregal zurückgezogen hat, kommt mit einem Buch über Dinosaurier zurück. „Aus Büchern!“, triumphiert sie. Alle wollen das Buch sehen. Wir fragen in die quirlige Gruppe: „Und woher wissen das die Menschen, die die Bücher geschrieben haben?“ Ein Mädchen, das auf ihrem Platz geblieben ist, sagt ruhig: „Die haben geforscht.“ „Mit Computern!“, ruft unser Dino-Experte. Wir: „Seit wann gibt es denn Computer?“ Die Antwort erübrigt sich. Dann kommt das Schlüsselwort, das alle mit einem ‚Jaaa!‘ unterstützen: „Knochen! Die haben die Knochen erforscht.“ Es wird wieder etwas ruhiger.

 

Auch unsere zweite Fragerunde wird sehr lebendig. „Wenn ihr die Welt neu erfinden würdet, wie würde sie dann aussehen?“, fragen wir. „Eine Welt aus Süßigkeiten!“, „Nie wieder Zähneputzen!“, “Dass man nie wieder schlafen muss“, lauten die Vorschläge. Mit dem letzten sind nicht alle einverstanden: „Ich schlafe aber gerne, ich kuschel mich gerne ein“, empört sich ein Mädchen und ergänzt: „Meine Welt soll aus Kissen sein, ganz weich!“ Ein ansonsten fröhliches Mädchen sagt jammernd: „Ich will, dass meine Schildkröte Lili wieder da ist. Die ist im Tierheim.“ Wir: „Oh, das ist traurig. Wir wünschen uns also eine Welt, in der die Menschen und Tiere, die wir lieben und die nicht bei uns sind, zu uns zurückkommen.“ Nickende Zustimmung. Unserem hüpfenden Junge geht es sichtlich gut in seiner Welt: „Alle sollen meine Diener sein!“, ruft er euphorisch. Die anderen verziehen die Gesichter. Wir: „Wollen wir alle Diener sein?“ Das ‚Nein‘ stört ihn nicht. „Dann hol ich meine Familie und meine Oma.“ Wir: „Wir wünschen uns eine Welt, in der sich alle wohlfühlen!“

Ein bis dato zuhörendes Mädchen meldet sich zaghaft. Wir ermutigen sie und wiederholen die Frage: „Wie würdest Du die Welt neu schaffen?“ Leise und ernst sagt sie: „Anders.“ Sie ist sichtlich in Gedanken, möchte aber nicht weiter reden. „Wir wollen jetzt mit Tusche malen!“, schallt es durch den Raum. Wir stimmen zu. Bis auf zwei Mädchen wechseln alle vom Boden an den Tisch. Das schweigsamere Kind begleiten wir an der Hand zum Maltisch. Später erzählt sie, dass sie sich eine „8-Welt“ wünscht. Als wir fragen, ob sie die Zahl 8 meint, nickt sie, will das aber nicht weiter ausführen. In ihr Buch schreibt sie groß ihren Namen, malt sich selbst mit Filzstiften – sehr detailliert mit Fingern und den einzelnen Fußzehen! – und schreibt eine 8. „In meiner Welt gibt’s mich“, spricht sie in die Runde, aber eher zu sich.

Die Acht-Welt

Die Aquarellfarben werden begeistert angenommen. Bäume, Blumen, viel Wasser, „eine Welt bei Nacht“, eine „mit Schwester“ und eine „mit Kakerlaken“ entstehen in den Büchern und auf anderen Blättern. Unser Dino-Experte sitzt auf dem Tisch und wischt immer wieder kraftvoll die Farbe vom Blatt. Dann stellt er sich ans Mikrofon und erzählt seinen Weltentwurf: „Ich will eine Welt, wo es nur Partys gibt, nur McDonalds-Häuser und alles ist umsonst!“. „Alle sollen reich sein“, löst ihn ein Mädchen ab. „Eine Welt aus Gold!“ Wir fragen, was man da denn essen könnte? „Honigmelonen“, antwortet sie. Wir: „Und welche Menschen gibt es in Deiner Welt?“ „Einen Gärtner und Kinder – aber keine die prügeln!“, ergänzt sie. Eines der zwei Mädchen, die am Boden malen, erzählt mit ernster Stimme: „Alle denken ich bin älter. Ich bin aber erst 6. Und viele glauben meine Schwester ist ein Junge.“ Wir: „Vielleicht glauben manche Leute, dass du älter bist, weil Du so gut malen und erzählen kannst.“ Ihre Nachbarin wirft ein: „In unserer Welt dürfen Mädchen alles, Jungen nicht!“ Die Zeit neigt sich dem Ende zu. Wir räumen auf und verabschieden uns.

Wozu möchte ich „Ja“ und wozu „Nein“ sagen – und wie geht das?

Wir hören die Geschichte „Wie das Ja zum Nein fand“  von Anne Thiel (zu finden im Archiv vom Bayrischen Rundfunk oder in der Kinderzeitschrift Geck, jeweils runter srcollen). Die Geschichte ist so angelegt, dass eine Figur immer nur ja sagt (Yippi, der Tag ist schön, es gibt kein schlechtes Wetter, ich mache das Beste aus allem, etc.), eine andere Figur kann nur Nein sagen (hat zu nichts Lust, will nicht mitmachen). Schließlich gerät die „Ja-Figur“ in eine ungemütliche Lage, wo sie liebend gerne „Nein“ sagen würde, aber es gelingt ihr nicht. Zum Glück kommt ihr die „Nein-Figur“ zu Hilfe.

Die Kinder haben die Geschichte sofort verstanden und schon während des Hörens kommentiert: „Ah, die „Ja-Figur“ kann immer nur „ja“ sagen“. „Ah, das „Nein“ „rettet das „Ja“. Manchmal muss man auch „nein“ sagen lernen.“

Im Anschluss: Verständnisfragen geklärt, dann weitergehend gefragt: Wozu kannst du „ja“ sagen?

Wir haben Begriffe gesammelt: Die Kinder können „ja“ sagen zu Geschenken, Süßigkeiten, etc.

Erste Differenzierung: „Aber wenn der Porsche geklaut ist?“

Dann haben wir Begriffe gesammelt, zu denen die Kinder „nein“ sagen (Krieg, Atomkraftwerk, etc.) Es herrschte ziemliche Einigkeit.

Dann kam der Begriff „Tod“ ins Spiel. Kann man da „ja“ oder „nein“sagen? Ein Kind erklärt, es könne gut sein, dass man irgendwann „ja“ dazu sagen kann, jetzt könne es sich das aber noch nicht vorstellen.

Begriff „Ehe“ – wann traut man sich da „ja“ zu sagen, wovon hängt es ab?

Wir haben die Begriffe versucht zu sortieren (Dinge, Ansichten, etc.) und am Ende der Stunde schreibt jedes Kind in sein Buch, zu was es selbt „ja“ oder „nein“ oder  – auch dieser Aspekt wurde erarbeitet, „vielleicht“ sagen könnte.