13. Salon: Was ist Vergangenheit für mich?

Ziele des Salons:

  • Verknüpfung von eigener Erinnerung (11. Salon) und kollektiver Erinnerung (Spuren des 2. Weltkriegs in der Kunstkaserne (12. Salon)
  • Im Atelier: Emanzipation vom ‚schönen Bild‘

Verlauf des Salons:

In der Mitte des Kissenkreises liegen heute Abbildungen der Kunstkaserne aus dem Jahr 1902, von Gerhard Richters „Tante Marianne“ und des „Roten Craquelés“ von Gabriele Heidecker. Als uns ein Mädchen, das drei Wochen wegen einer Mutter-Kind-Kur gefehlt hat, eine Karte mitbringt, legen wir sie dazu, bis alle Kinder eingetroffen sind.

Nach unserem Begrüßungsritual „Wir sind ein starkes Team!“ und einem Erlebnisbericht von der Insel Langeoog – wir erklären das Wort ‚Kur‘ –  fragen wir nach dem Thema des heutigen Salons. Die Kinder schauen auf die Bilder und reden zunächst wild durcheinander. Sie finden mit etwas Hilfe zu einer Rednerordnung. Ein Mädchen weiß noch den Namen des Malers Gerhard Richter und ist sichtlich stolz. Ein anderes liest den Namen der Künstlerin aus der Kunstkaserne vor: Gabriele Heidecker. Wir resümieren, dass wir uns in den letzten Wochen damit beschäftigt haben, wie man Erinnerungen an etwas Vergangenes malen kann und fragen: „Welche Spuren der Vergangenheit habt ihr in der Kunstkaserne gesehen?“ „Die Wände waren ganz schwarz!“, startet ein Kind. „Ja, und die Tür war verbrannt“, ergänzt ein anderes. Wir erinnern daran, dass dort im Krieg eine Bombe eingeschlagen ist. Auch die Risse in den Wänden werden erwähnt – „da hat das ganze Haus gewackelt und Menschen sind gestorben.“ Ein Kind erzählt von ihrem letzten Museumsbesuch: „Da stand eine Schüssel vor dem Museum und da waren auch Löcher drin vom Krieg“ (Granitschale  des Steinmetz Johann Gottfried Cantian, 1826, vor dem Alten Museum, Berlin). Wir  bestätigen ihre Beobachtung und nennen den Namen des Museums.

Als wir nun die in Farbe und in Schwarzweiß kopierten Bilder aus dem 11. Salon (siehe 8. Mai 2012) verteilen, können die Kinder den Zusammenhang selber herstellen: „Da haben wir uns an etwas erinnert und dann die Fotos gemacht!“, kommentiert ein Mädchen. Die Kinder erzählen noch einmal ihre Erinnerungsgeschichten in Kurzfassung. In Korrespondenz zu den Bildern von Gerhard Richter haben wir bewusst die verwackelten Bilder ausgewählt. Zur Inspiration für ihre eigenen Übermalungen zeigen wir Bilder von Arnulf Rainer und Andy Warhol.

Ich bin am Meer

Darauf, dass wir die schwarzweißen Bilder auf normalem Druckerpapier und etwas streifig kopiert haben, um die Hemmschwelle zum Übermalen zu verringern, reagieren die Kinder unterschiedlich. Die meisten Kinder erkennen die Parallele zu den Wischspuren auf den Bildern von Richter und wollen gleich mit dem Übermalen beginnen. Ein Mädchen möchte sich lieber selber malen und die Kopie unverändert lassen. Ein anderes klebt ihr kleines farbiges Bild in ihr Buch und malt „das Meer“ drum herum. Dann möchte sie sich in Ruhe den Katalog zur Sammlung Marx (Hamburger Bahnhof) anschauen und versinkt tief in die Bilder abstrakter Malerei.

Die streifigen Kopien rufen bei einem Kind eine unerwartete, aber naheliegende Assoziation hervor: „Wir schauen uns Zuhause manchmal Filme von Buster Keaton an. Die sind ganz alt und haben auch manchmal solche Streifen.“ Wir bekunden unsere Freude über diese Idee. Zufrieden nimmt die den Stil von Andy Warhol auf.

Ich finde mich hässlich

Ein anderes Kind bekundet lauthals ihren Unmut: „Das Bild von mir ist hässlich. Ich seh‘ da hässlich aus. Ich will das nicht haben.“ Sie deutet an, es durchreißen zu wollen. Andere Kinder versuchen sie zu stoppen: „Das ist gar nicht hässlich. Wenn Du das durchreißt, ärgerst Du Dich vielleicht hinterher.“ Murrend beginnt das Kind zu malen, startet aber schon bald die zweite Klagearie: „Das sieht doof aus, ich will das nicht.“ Kinder zeigen ihr die eigenen Bilder und wollen ihr Ideen geben. Es nützt nichts. Wir schlagen vor, dass sie uns das Bild schenken könne, Kunst müsse doch nicht immer schön sein. Wir erinnern an Arnulf Rainer. Sie zerknüllt das Bild und übergibt es einer von uns. Dann nimmt sie ein Blatt und malt es mit Tusche schwarz. Ihre Aggression ist für alle spürbar, wird aber geduldig mitgetragen. Auf ihr drittes Bild malt sie mit Buntstiften eine zarte hellblaue Wolke und schreibt „GOTT“ darunter. Sie kommt zu uns und möchte, dass wir das Bild fotografieren, „Aber nicht das Wort da unten aussprechen!“, befiehlt sie. Wir versprechen es und machen ein Foto. Eine von uns sagt: „Ich kenne ein Lied, in dem das Wort vorkommt. Sie möchte es hören. Die Melodie scheint sie etwas freundlicher zu stimmen. Auch am Tisch beginnen die Kinder ein Lied aus der Schule zu singen. Bis auf unser Kind, das heute wohl einen ‚schwarzen Tag‘ hat, sind alle amüsiert und konzentriert mit ihren neu belebten Erinnerungsporträts beschäftigt. Ein Mädchen, das sich ansonsten eher zaghaft an eigene Bildideen herantastet, ist heute extrem mutig und bohrt sogar ein Loch in den Mund ihres clownequen Porträts. „Ich hab‘ heute einfach mal drauflos gemalt“, erzählt sie beschwingt. „Ich finde das gut.“ Wir bestärken sie und erzählen, dass viele Künstler so arbeiten würden und sich dann selbst wundern, was daraus entsteht. Sie freut sich.

Mit Heiligenschein und Flügeln

Beim Aufräumen kommt ein Kind zu uns und sagt mit kraftvollem Stolz: „Heute haben wir viel gearbeitet!“ Wir stimmen ihr zu.

Resümee

Die Kinder des Salons teilen ‚Freud und Leid‘ miteinander. Diese empathischen Verbindungen konnten nur entstehen, weil unser Salon bereits ein zweites Schulhalbjahr andauert und nicht auf eine Stunde begrenzt ist. Dass dies möglich ist, obwohl die Kinder aus unterschiedlichen Bildungshintergründen kommen, unterstreicht den Wert eines philosophischen Salons an einer Grundschule.

Die Begriffe ‚Vergangenheit‘ und ‚Erinnerung‘ haben die Kinder im wahrsten Sinne des Wortes begriffen. Den Abschied vom ‚schönen Bild‘ meisterten fast alle mit Freude. Das Mädchen, das noch damit hadert, begleiteten sie geduldig in ihren Gefühlsausbrüchen.

Der Satz: „Heute haben wir viel gearbeitet!“, zeigt, dass den Kindern durchaus bewusst ist, was sie hier freiwillig leisten. Arbeit ist in diesem Sinne voll und ganz positiv besetzt.

Mein Bild ist auch ein bisschen unheimlich

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Ich finde mich schön

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Lustig

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12. Salon: Wo einst Soldaten wohnten. Exkursion zur Kunstkaserne am Südkreuz

Ziele des Salons:

  • Nachdem wir uns im letzten Salon dem Begriff des Erinnerns und dem Phänomen des Erinnerungsbildes (Gerhard Richter „Tante Marianne“, 1965) angenähert haben, besuchen wir mit der Kunstkaserne einen Ort, in dem die Vergangenheit – der Krieg – seine Spuren hinterlassen hat, d. h. einen Erinnerungsort.

Verlauf des Salons:

Bis alle Kinder eingetroffen sind, malen und kleben wir eine Danke-Schön-Karte für unsere Gastgeber in der Kunstkaserne. Alle Kinder unterschreiben. Sie sind bestens gelaunt und freuen sich auf den Ausflug. Im Taxi reden wir darüber, was eine Kaserne ist und fragen, was die Kinder vom Krieg wissen. Unser Junge erzählt von Ländern, in denen es Krieg gab. Ein Mädchen ist verunsichert: „Aber hier ist jetzt kein Krieg, oder?“ Wir beruhigen sie und betonen das Glück darüber, dass wir in einem Land leben, in dem Frieden herrscht. Unser Junge: „Krieg ist, wenn sich Leute nicht einigen können. Dann schießen die sich tot.“ Er erzählt von seinem Computerspiel, „in dem man die toten Soldaten neu erfinden kann“. Ein Mädchen wirkt empört: „In echt sind die dann aber wirklich tot und das ist schlimm!“ Wir stimmen ihr zu.

In der Kunstkaserne begrüßt uns die Künstlerin Gabriele Heidecker und führt uns durch die Ausstellungsräume. Vor einer quadratischen Vertiefung in der grob verputzten Wand bleiben wir stehen. Was das denn wohl sei, fragt unsere Gastgeberin die Kinder und deutet auf die Einkerbungen auf der unteren Kante. „Das ist für Farben!“, ruft ein Mädchen. Gabriele Heidecker verneint. Nach ein paar Stichworten erraten sie, dass es sich um einen gemauerten Gewehrschrank handelt. Anhand der Stellplätze in den Gewehrschränken könne man schätzen, wie viele Soldaten hier gelebt hätten. Die Vorschläge der Kinder starten bei acht und führen bis zu 1000. Es wären ungefähr 240 Soldaten gewesen, erfahren wir.

Als nächstes führt unser Weg in einen Raum mit verkohltem Türrahmen und geschwärzter Decke. Wir bekommen erzählt, dass hier im zweiten Weltkrieg eine Bombe eingeschlagen ist. Nun geht die Spurensuche an den Wänden weiter. Risse werden befühlt, loser Putz abgeknibbelt. Einige Kinder inspizieren sehr genau die ausgestellten Installationen und Bilder. Insbesondere die Bilder aus rotem Lack und schwarzem Teer „Rote Craquelés“ (1995-2000) faszinieren sie. Sie wollen ganz genau wissen, welche Materialien verwendet worden sind und warum die Künstlerin die Werke geschaffen hat. Mit Begeisterung sammeln sie die heruntergefallenen schwarz-roten Teer-Lackstückchen ein und befühlen sie. Jedes Stückchen hat eine andere Form. Die Kinder beginnen Gesichter und anderes zu assoziieren. Jedes Kind darf sich ein Stückchen mitnehmen.

Nun betreten wir die Spiegelinstallation „Virtual Place“ (2002). Wir erinnern die Kinder daran, bitte vorsichtig zu sein! Zunächst schauen wir uns den Raum an. Anhand des Sockels und der Ofenrohröffnung ist noch genau zu erkennen, wo früher der Ofen stand. Gabriele Heidecker erzählt, dass die fehlenden Bretter am Boden zum Heizen verwendet wurden, weil es nach dem Krieg kaum Heizmaterial gab. Dann stellen sich jeweils zwei Kinder in die Mitte der Installation und beschreiben, was sie in den Spiegeln sehen. Nach und nach erkennen sie, dass es auf der einen Seite scheinbar endlos abwärts, auf der anderen Seite aufwärts geht.

Die Kinder sind erschöpft und haben Durst. Wir gehen ins Wohnzimmer der Künstlerin, die Getränke und Gebäck vorbereitet hat. Am Boden im Kreis sitzend, kehrt zufriedene Stille ein. Einige Kinder fragen, ob sie nun malen könnten, doch leider reicht die Zeit nicht mehr. Wir vertrösten auf den nächsten Salon. Zum Abschluss bekommt jedes Kind eine Karte, auf der die Arbeiten von Gabriele Heidecker und Marosch Schröder zu sehen sind: „Zur Erinnerung!“ In den Händen hält jedes Kind ein rot-schwarzes Erinnerungsstück.

Resümee

Die Kriegsvergangenheit Berlins hat für die Kinder ein Gesicht bekommen. Das Wort Kaserne kannten einige zuvor nicht. Da die ausgestellten Installationen und Bilder ebenfalls Prozesse der Vergänglichkeit und des Zusammenfalls von Raum und Mensch sicht- und erfahrbar machten, konnten die Kinder Geschichte als etwas erleben, in das sie involviert sind. Zudem haben sie eine Art des Wohnens inmitten von Kunst kennengelernt.