4. Salon: Ni hao ma? Wir reisen mit den Augen und den Ohren nach China und lernen den Affenkönig Sun Wukong kennen.

Die Geschichte vom Affenkönig

Die Geschichte vom Affenkönig

Ziele des Salons:

Ein fernes Land wie China rückt sinnlich näher. Die Neugierde auf eine fremde Kultur wird geweckt.

● Horizonterweiterung: Wir hören die Geschichte des Affenkönigs Sun Wukong, die alle Kinder in China kennen.

● Durch die Betonung des gemeinsamen Wunsches sich zu verwandeln, entsteht eine empathische Beziehung zu Kindern in einem fernen Land.

Heute ist alles anders. Denn: Wir wollen mit allen Sinnen nach China reisen! Beim Abholen im Hort antwortet ein Mädchen auf unsere thematische Ankündigung „Ich kann nicht mit nach China, ich werde um drei Uhr abgeholt.“ Wir erinnern, dass wir schon einmal mit den Augen und den Ohren am Meer waren (20. Dezember 2011) und heute wieder so eine Phantasiereise machen. Sie ist beruhigt.

Traditionelle chinesiche Musik (Hu-Qin) erfüllt den Raum. In der Mitte des Kissenkreises liegen verschiedene Bilder und Gegenstände aus China: ein seidiges, rotes Tuch mit goldenen Drachen, eine Teedose mit Schriftzeichen, Drachen-Pantöffelchen, ein Sprachführer, der die Darsteller einer Peking Oper zeigt, ein traditionelles Landschaftsbild in Tuschetechnik, aber auch Postkarten mit Bildern verschiedener Wohnungen in Schanghai (Fotoserie Hu Yang, „Shanghai Living“, 2005) und eines chinesischen Bergmanns. Die Kinder hocken sich davor, nehmen einzelne Dinge in die Hände und benennen sie oder stellen Fragen. Wir lassen alles im Kreis herumgehen. Keiner will etwas verpassen! Die Drachen-Pantöffelchen werden befühlt und bewundert. Ein Mädchen kennt den Namen dieser Drachen:

„Mein Papa sagt, die heißen Long Gui-Drachen.“ Unser Junge ergänzt: „Solche Drachen tragen die Leute auf Stöckern und dann tanzen sie damit.“ Wir fragen, ob er das beim Karneval der Kulturen gesehen hat. Er nickt begeistert. Ein anderes Mädchen schließt gleich an: „Ja, und manchmal sind die auch in den Drachen drin.“ Auch die Postkarte, die eine chinesische Familie zeigt, wird ausführlich kommentiert:„Die Familie hat vier Kinder und nur ein Zimmer“, startet ein Mädchen. Über ihre Schulter guckend, ruft ein Kind, das selbst vier Geschwister hat: „Ist das Baby süß! Die Mama ist ganz lieb zu dem Baby. Ich finde, das sieht gemütlich aus.“ Wir erzählen, dass die meisten Familien in China auch nur ein Kind oder zwei Kinder haben, wie in Deutschland. Ein Mädchen wundert sich über die Peking-Oper-Bemalung auf dem Sprachführer. Wir erklären, dass man an der Bemalung erkennt, ob ein Mensch in dem Theaterstück böse oder gut ist. Gleich mehrere Kinder sind sich einig: „Die Leute auf dem Buch sind gut.“ Wir halten uns heute ansonsten mit Erklärungen zurück und weisen lediglich auf Details hin, wie zum Beispiel auf das Tuschebild: „Schaut mal, das hat ein chinesischer Künstler mit Tusche gemalt, wie ihr.“

Um China auch zu schmecken, verteilen wir chinesische shānzhā -Bonbons und erzählen, dass die Früchte wie kleine Äpfelchen aussehen. Dann starten wir die Geschichte vom Affenkönig Sun Wukong, der sich in 72 Gestalten verwandeln kann. Wir betonen: „Jedes Kind in China kennt die Geschichte!“ Insbesondere unser Junge fühlt sich schnell in die fantastische Figur ein. „Wenn es brennt, verwandelt er sich in Wasser!“, eilt er der Erzählung voraus. Dann ruft er: „Mein Bruder heißt auch Sun Wukong. Mit meiner Mutter war ich schon in China!“ Um die Sphäre der Phantasie als solche zu konturieren, antworten wir: „Das ist eine tolle Idee!“ Wir erklären, dass der Affenkönig zusammen mit dem Mönch Xuanzang (Spitzname Tripitaka) nach Indien reist, um von dort sehr wichtige Bücher nach China zu holen. In den Büchern stände, was die Menschen tun müssten, um ein gutes Leben zu führen. In Indien würden viele Menschen glauben, dass man ansonsten zur Strafe nach dem Tod wiedergeboren würde, um sich zu bessern. Die Kinder wirken nicht sonderlich erstaunt. Ein Mädchen kommentiert: „Und bei uns glauben viele, dass man sonst in die Hölle kommt.“

Wir breiten nun verschiedene Abbildungen des Affenkönigs aus, so dass sich jedes Kind eine davon für sein Phil, Sophie & Co-Buch aussuchen kann. Manchen Kindern fällt die Entscheidung schwer. Bemerkenswert ist, dass kaum ein Kind den kämpfenden Affenkönig wählt. Sun Wukong fliegend, mit prächtigem Gewand oder unter Wasser mit Zauberstab sind die Favoriten. Wir schlagen vor, dass sich die Kinder noch einmal in ihrer Faschingsgestalt oder in einer anderen Verwandlung zum Affenkönig gesellen könnten. Das Mädchen, das im letzten  Salon sehr mit der Transparentpapier-Reißtechnik gerungen hat, möchte heute auch ihren fliegenden Affenkönig ausreißen und den Himmel tuschen. Wir freuen uns! Unser Junge, der noch vor einigen Wochen behauptete, keine Welle drucken zu können (20. Dezember 2011), startet mit einer detaillierten Zeichnung eines Piraten, der mit dem Affenkönig kämpft: „Ich bin der Pirat“, kommentiert er. Zuvor überlegt er, wie viel Platz er für die ausgewählte Abbildung braucht. Dann bekommt die Szene einen Rahmen, der farblich mit dem Bild im Zentrum korrespondiert. Sichtlich in die aufgeklebte Abbildung vertieft, fragt er uns: „Wie haben die das Bild denn gemalt?“, und zeigt auf die Craquele-Technik. Wir sagen ihm, dass wir das auch nicht genau wüssten, weil es nicht in dem Buch stände, aus dem das Bild stammt und beschreiben unsere Vermutungen. Er grübelt: „Das sieht aus, als wären das alles Risse.“ Wir stimmen ihm zu.

Die ersten Eltern kommen, um ihre Kinder abzuholen. Einige lassen sich unsere China-Requisiten von den Kindern zeigen. Ein Mädchen fragt uns lächelnd: „Ratet mal, was ich gemalt habe?“ Wir sehen eine rote, mit Filz- und Glitzerstift ausgefüllte Fläche. Einige Formen scheinen in die Fläche eingearbeitet zu sein. Wir fragen, wie beim Scharadespiel, ob es ein Mensch oder Tier sei, ob man es essen oder trinken könnte usw. Sie ist sichtlich amüsiert. „Das ist ein Koffer!“, triumphiert sie. „Und damit reise ich mit Mama und Papa nach China!“ Wir gratulieren zu der Idee: „Da werden sich die Menschen in China aber freuen. Rot ist in China eine sehr beliebte Farbe.“ Sie zeigt das Bild der Mutter und verabschiedet sich.

Resümee:

Die Kinder haben mit großer Begeisterung das ‚China-Stilleben‘ erkundet und sich empathisch – insbesondere beim Foto einer chinesischen Familie – in das Leben der Menschen dort eingefühlt. Durch den eigenen Wunsch sich zu verwandeln (vgl. vorhergehenden Salon zu Fasching) war den Kindern die Geschichte des Affenkönigs nicht fremd. Auf den Läuterungsprozess von Sun Wukong vom übermütigen zum verantwortungsvollen Wesen, würden wir gerne in einem Salon zur moralphilosophische Frage nach einem ‚guten Leben‘ zurückkommen. Über eine den Kindern gemäße Vermittlungsform werden wir nachdenken. Die Geschwindigkeit, mit der die Kinder in ihrem bildnerischen Ausdruck an Sicherheit gewinnen, freute uns auch in diesem Salon.

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