Wozu möchte ich „Ja“ und wozu „Nein“ sagen – und wie geht das?

Wir hören die Geschichte „Wie das Ja zum Nein fand“  von Anne Thiel (zu finden im Archiv vom Bayrischen Rundfunk oder in der Kinderzeitschrift Geck, jeweils runter srcollen). Die Geschichte ist so angelegt, dass eine Figur immer nur ja sagt (Yippi, der Tag ist schön, es gibt kein schlechtes Wetter, ich mache das Beste aus allem, etc.), eine andere Figur kann nur Nein sagen (hat zu nichts Lust, will nicht mitmachen). Schließlich gerät die „Ja-Figur“ in eine ungemütliche Lage, wo sie liebend gerne „Nein“ sagen würde, aber es gelingt ihr nicht. Zum Glück kommt ihr die „Nein-Figur“ zu Hilfe.

Die Kinder haben die Geschichte sofort verstanden und schon während des Hörens kommentiert: „Ah, die „Ja-Figur“ kann immer nur „ja“ sagen“. „Ah, das „Nein“ „rettet das „Ja“. Manchmal muss man auch „nein“ sagen lernen.“

Im Anschluss: Verständnisfragen geklärt, dann weitergehend gefragt: Wozu kannst du „ja“ sagen?

Wir haben Begriffe gesammelt: Die Kinder können „ja“ sagen zu Geschenken, Süßigkeiten, etc.

Erste Differenzierung: „Aber wenn der Porsche geklaut ist?“

Dann haben wir Begriffe gesammelt, zu denen die Kinder „nein“ sagen (Krieg, Atomkraftwerk, etc.) Es herrschte ziemliche Einigkeit.

Dann kam der Begriff „Tod“ ins Spiel. Kann man da „ja“ oder „nein“sagen? Ein Kind erklärt, es könne gut sein, dass man irgendwann „ja“ dazu sagen kann, jetzt könne es sich das aber noch nicht vorstellen.

Begriff „Ehe“ – wann traut man sich da „ja“ zu sagen, wovon hängt es ab?

Wir haben die Begriffe versucht zu sortieren (Dinge, Ansichten, etc.) und am Ende der Stunde schreibt jedes Kind in sein Buch, zu was es selbt „ja“ oder „nein“ oder  – auch dieser Aspekt wurde erarbeitet, „vielleicht“ sagen könnte.

Advertisements

Wie entsteht mein Standpunkt? Oder alles eine Frage der Perspektive?

Ist Atomstrom sinnvoll? Selten hat sich ein Standpunkt zu einer konkreten Frage bei vielen Menschen so schnell verändert wie in den letzten Monaten. Auch sonst ist das so eine Sache mit dem Standpunkt. Wie kommt es, dass vernünftige Menschen, ja sogar Freunde, sich im Streit über einzelne Dinge fast die Augen auskratzen? Wieso gibt es unterschiedliche Meinungen? Und wer entscheidet, was wahr ist?

Als Einstieg lesen wir aus der  Geschichte „Kopf hoch, Fledermaus“ (von Jeanne Willis  und Tony Ross). In der Geschichte halten alle die Fledermaus für verrückt: „Es war einmal eine Fledermaus, die hatte nicht alle Tassen im Schrank. Zumindest dachten das die jungen wilden Tiere.” Denn, da die Fledermaus an einem Ast auf dem Kopf hängt, wünscht sie sich einen Regenschirm für ihre Füße, der Himmel ist für sie unten und das Gras oben. Wir lesen bis zu der Stelle, als das Ziegenkind sagt: „Wenn sie verrückt ist, ist sie vielleich auch gefährlich!“.

An die Lektüre schließen wir verschiedene Fragen an, zunächst Verständnisfragen, dann die eher „philosophischen“ Fragen. Von der konkreten Geschichte leiten wir auf das Kind ab:

  • Wieso ist für die Fledermaus der Himmel unten?
  • Warum halten die anderen Tiere die Fledermaus für verrückt?
  • Wer hat Recht?
  • Kannst du mit jemandem befreundet sein, der die Welt anders sieht als du?
  • Ist jemand, der „anders ist“ gefährlich?
  • Ist es dir schon mal passiert, dass du eine andere Meinung hattest als alle anderen? Kennst Du Beispiele?

Die Kinder sind lebhaft dabei und verstehen sofort, was es mit der unterschiedlichen Perspektive auf sich hat. Auf einmal geht es tatsächlich um Atomstrom und die Kinder diskutieren leidenschaftlich und wissen zum Teil erstaunlich gut Bescheid. (Später lesen wir das Buch noch zuende: Alle Tierkinder hängen sich an einen Ast, um die Perspektive der Fledermaus nachzuvollziehen.)

Ein physisches Experiment läßt uns am eigenen Leib spüren, was unterschiedliche Perspektiven konkret bedeuten:Wir suchen uns selbst unterschiedliche „Standpunkte“ im Raum: Ein Kind klettert auf einen Stuhl, eines legt sich unter den Tisch, eines steht in der Ecke, ein anderes im Zenrum. Wir tauschen uns aus über die Unterschiede: „In der Mitte des Raumes kann ich nicht sehen, was hinter mir ist.“, Hier unten kann ich viele Krümel auf dem Boden sehen, die man nicht sieht, wenn man steht.“

Am Ende der Stunde ist ganz nebenbei klar geworden, dass es gute Gründe für unterschiedliche Meinungen geben kann und das sich ein Austausch darüber allemal lohnt und den Horizont erweitert.