8. Salon: Warum soll ich schreiben und lesen lernen?

Ziele des Salons:

  • Selbstreflexion: Als Erstklässler können die Kinder im zweiten Schulhalbjahr schon mehr oder weniger schreiben und lesen. Was bedeutet ihnen die erworbene Fähigkeit?
  • Horizonterweiterung: Wie funktioniert Kommunikation mit und ohne Schrift und Sprache?
  • Das praktische Angebot, ein Bild mit Buchstaben zu kleben und zu malen, regt die Kinder dazu an, Buchstaben auch grafisch wahrzunehmen.

Verlauf des Salons:

Ich spreche in Bildern

Schon auf dem Schulhof kommen zwei Kinder auf uns zu und wollen beim Umgestalten der Bibliothek helfen. Unser kleiner Philosoph ist dafür aber viel zu müde und lümmelt sich gleich aufs Sofa. Das Mädchen hingegen ist sichtlich überreizt, spricht ohrenbetäubend laut und dehnt alle Silben jaulend in die Länge. Beide sind ferienreif, das ist schnell klar. Wir bemühen uns besonders ruhig und aufmerksam mit ihnen zu reden und gestalten den Raum. Nach und nach entspannen sich beide Kinder. Der Junge kuschelt sich hinters Sofa und döst, das Mädchen beginnt zu malen.

Unser Begrüßungsritual „Wir sind ein starkes Team!“ fällt heute ruhiger aus als sonst. Auch die anderen Kinder wirken erschöpft. Eigentlich dachten wir heute an eine Erweiterung der Begrüßungsformeln, merken aber, dass alle zufrieden sind mit den bekannten Gestaltungsfreiräumen. Der muslimische Gruß „Salem aleikum“, das chinesische „Ni hao“ und das französische „Salut“ sind heute beliebt. Beim „Dobar dan“ der „durstigen Dragana“ stellt ein Mädchen fest, dass alle Wörter mit „D“ anfangen. Die Kinder stimmen ihr staunend zu.

In der Mitte des Kissenkreises liegen heute verschiedene Zeitschriften, Bücher und ausgeschnittene Buchstaben. Das Thema erraten die Kinder recht schnell. Interessant sind Details, die den Kindern auffallen: „H & M ist eine Marke“, bemerkt ein Mädchen. Unser Junge sieht nur die Fische auf zwei Büchern: „Wir wollen über Fische reden!“, mutmaßt er. Ein Kind hatte vor dem Salon mit den Eltern in unser Programm geschaut und sagt: „Nein, wir reden über Schreiben und Lesen und wofür man das braucht“, korrigiert sie. Das Mädchen neben ihr schließt gleich an: „Na wenn ich nicht auf das Paket schreibe, wohin es soll, wie soll der Postbote das dann finden?“ Ein anderes Kind denkt noch weiter: „Wenn man in der Welt zurecht kommen will, muss man lesen und schreiben können.“ Keiner widerspricht. Wir fragen, ob man denn auch ohne Worte und Schrift miteinander reden kann. Zwei Mädchen können Zeichensprache und gestikulieren: „Ich gehe nach Hause.“ und „Ich liebe Dich.“ „Ja, Zeichensprache geht auch“, ruft ein Kind.

'B' wie Bikini und wie Ball

Wir zeigen auf die einzelnen Buchstaben am Boden und fragen, ob man mit Buchstaben auch Bilder gestalten kann. Ein Mädchen greift gleich zum „B“ und dreht es in die Waagerechte: „Eine Bikiniunterhose!“, freut sie sich. Ein anderes nimmt ein zweites „B“ und ergänzt: „Aber auch ein Bikinioberteil!“ Nun wollen alle an die Mal- und Basteltische.  Hier ist die Erschöpfung bei fast allen Kindern verflogen. Buchstaben werden ausgeschnitten und zu Namen, Begriffen und Bildern gestaltet. Das Mädchen, das schon beim Aufbau dabei war, bleibt missmutig und setzt sich mit ihrem Phil, Sophie & Co-Buch an einen kleinen Extratisch. Dort malt sie mit einem orangefarbenen, extra weichen Gelstift ein Blatt beidseitig flächig aus und faltet daraus eine Herzform. Wir konnten schon öfter beobachten, dass diese Stifte beruhigend auf Kinder wirken, da sie übers Papier rutschen und es mit einer glitschig-leuchtenden Oberfläche überziehen. Mit der fertigen Form kehrt sie zu den anderen Kindern zurück und möchte nun auch kleben und malen.

Das 'O' wird mein Kopf, das 'B' mein Bikini

Unsere „8-Welt“-Zeichnerin (siehe 20. März 2012 und 20. November 2011) entscheidet sich für ein „D“, weil ihr Name mit diesem Buchstaben anfängt und ergänzt es zum Wort „DOSE“. Danach möchte sie sich lieber auf dem Sofa das von uns für sie mitgebrachte Buch mit Werken des Künstlers Antoni Tàpies anschauen. Zusammen mit unserem kleinen Philosophen sucht sie die Achten in den Bildern. Sie unterhalten sich darüber, was sie auf den doch stark abstrahierten Bildern erkennen. Beide scheint dieser Blick auf die Werke des Künstlers zu inspirieren. Sie kehren an den Mal- und Basteltisch zurück und beginnen zu malen. Unser Junge greift entschieden zu Aquarellfarbe und Pinsel und ist nicht mehr ansprechbar. In leuchtenden Farben und sich aneinanderschmiegenden Formen entsteht ein Frühlingstraum (unsere unausgesprochene Interpretation!). Nein, er braucht heute keine Worte, um sich zu verständigen, auch keine Buchstaben! Unsere Tàpies-Bewunderin schlägt die Seiten in Ihrem Phil, Sophie & Co-Buch auf, wo sie am letzten Dienstag bereits das Porträt des Künstlers und eines seiner Bilder eingeklebt hat. Nun malt sie ihre eigene „8“ in die freigehaltene Lücke. Sie zeigt uns stolz ihre Komposition, packt ihr Buch in die Tasche und möchte in den Hort gebracht werden. Ihr Tagwerk ist vollbracht, das sehen wir auch so.

Bei der Verabschiedung geben wir ihr und später den anderen Kindern einen kleinen Zettel, auf dem die Frage „WAS IST DIE SEELE?“ in hellen Blau- und Lilatönen steht. Dies sei das Thema in unserem nächsten Salon. Wer möchte, könnte ja Jemandem den Zettel zeigen und sich die Antwort merken. Alle stecken die Zettel in Ihre Tagebuch-Taschen. Ein Mädchen stürmt gleich auf eine Horterzieherin zu und zeigt ihr den Zettel. Sie lehnt sich zurück und denkt nach: „Die Seele ….“

Was ist die Seele?

Resümee:

Der heutige Salon zeigte einmal mehr, dass eine gezielte Förderung von Kindern mit zum Teil hohem Unterstützungsbedarf kaum von nur einer Bezugsperson zu leisten ist. Da wir als Team arbeiten, ist es sehr gut möglich, Angebote genau auf bestimmte Kinder zuzuschneiden. Insbesondere Kinder mit Motivationsblockaden, Entscheidungsschwächen oder anderen Schwierigkeiten profitieren von dieser Arbeitsteilung. Der philosophische Freiraum wird zum hierarchiefreien Ort für jedes Kind. Integration braucht es hier nicht, da niemand ausgeschlossen wird. „Wenn mir etwas wichtig ist, das ich gemalt habe und ich nicht sagen kann warum, dann ist das Kunst.“ Das haben unsere Kinder verstanden. Wer würde da wiedersprechen? Buchstaben werden zu Bikinis, Farben zur Oase und Achten zum Inbegriff der idealen Welt (das chinesische Zeichen für Acht „八“ heißt Glück!). Statt Kinder mit erhöhtem Unterstützungsbedarf so zu fördern, dass sie sich selbst als defizitär erleben, empfängt sie der philosophische Salon so, wie sie sind und begibt sich mit ihnen gemeinsam auf die Suche nach dem ihnen gemäßen Weg zum ‚staunenden Erobern der Welt‘. Und was ist Bildung anderes, als die Welt staunend zu erobern?

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6. Salon: Im Phil, Sophie & Co-Atelier. Wir blicken zurück.

Ziel des Salons:

Da die Kinder in den letzten zwei Salons sehr viele neue Informationen bekommen und neue bildkünstlerische Techniken gelernt haben, möchten wir uns heute Zeit für ihre Wahrnehmungen und Erinnerungen nehmen und das Gelernte vertiefen.

Ablauf des Salons:

Wir starten unseren Salon mit unserem Begrüßungsritual „Wir sind ein starkes Team!“ Zum ersten Mal benutzen alle Kinder die Langform der Begrüßung in verschiedenen Sprachen. Chinesisch, Englisch und Italienisch werden favorisiert. Ein eher zurückhaltendes Mädchen ergänzt den serbisch bzw. kroatischen Gruß „Dobar dan“. Sie hatte bisher nicht erzählt, dass Ihre Mutter die Sprache spricht. Wir freuen uns!

In der Mitte des Kissenkreises liegen heute noch einmal die Bücher zum Affenkönig und die „Hexe Lilli“ in elf Sprachen. Weil wir von den letzten zwei Salons noch so viele Ideen und Bilder im Kopf haben, machen wir einen Ateliertag, erklären wir den Kindern. Auf die Frage, was man denn in einem Atelier (den Begriff erklären wir) macht, antworten die Kinder ohne Anstrengung: malen, zeichnen, kleben, schneiden, reißen und falten. Wir ergänzen, dass man als Künstler ja zuerst nachdenken müsse, was man machen möchte und fragen: „Was ist Euch vom Affenkönig und der Hexe Lilli in Erinnerung geblieben? Was ist Euch wichtig? Was möchtet ihr noch wissen? Unser Junge ist nicht zu bremsen. In allen Details und mit Differenzierungen zwischen den Bildern in den verschiedenen Büchern gibt er die Geschichte wieder. „Und weil der Affenkönig übermütig war, wurde er 500 Jahre unter einem riesigen Berg eingesperrt“, schließt er. „Ja, 500 Jahre!“, unterstützt ihn ein Mädchen. Ein anderes: „Ich fand toll, als er unter Wasser war und den Zauberstab geholt hat.“ Wir sind überrascht, wie genau sich die Kinder erinnern, da sie während des Erzählens doch recht ungeduldig wirkten. Wir fragen, wie der Affenkönig denn wieder frei gekommen wäre? Unser Junge mit leuchtenden Augen: „Er hat versprochen, dass er sich bessert und dann hat er den Mönch auf der Reise beschützt und gegen die Bösen gekämpft.“ Wir ergänzen, dass ihn die Göttin der Gnade befreit hätte und der Mönch Tripitaka hieß. Dann wiederholen wir die Bedeutung der buddhistischen Sutren.

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Wir schauen uns noch einmal die „Hexe Lilli“–Bücher an, die uns Birgit Rieger ausgeliehen hat. „Das Buch heißt gar nicht ‚Hexe Lilli‘!“, protestiert ein Mädchen. „Das auch nicht!“, ruft ein anderes. Sie ziehen die einzelnen Buchstaben zusammen: „Kika“ (spanisch), „Tina“ (katalanisch) und „Martina“ (italienisch) lesen sie vor. Wir ergänzen die Länder. Die Kinder unterhalten sich darüber, welchen Namen sie besser finden. Unser Junge legt die asiatischen und die israelische Ausgaben zusammen: „Die kann man gar nicht lesen!“, stellt er fest und zeigt dann auf die chinesische: „Das ist Chinesisch, wie beim Affenkönig!“, sagt er stolz. Dann vergleichen sie die Abbildungen (groß-klein, schwarzweiß-bunt), die Schriftästhetik, Schriftmenge pro Seite und die Papierhaptik (rau-glatt). Wir staunen über die wissenschaftliche Herangehensweise der Kinder. Dann wiederholen wir zusammen die Arbeitsschritte von Birgit Rieger. Empörungsrufe eines Mädchens: „Birgit heißt doch ‚bienenfleißigen Birgit‘“! Wir lachen und geben ihr Recht. Die Kinder können sich genau erinnern. Wir erklären, dass wir die Technik des Kopierens heute mit Blaupausen- und Butterbrotpapier ausprobieren wollen und wechseln an die Mal- und Basteltische. Bis auf zwei Kinder sind alle nach einmaligem Vormachen ins Zeichnen vertieft. Stille Geschäftigkeit kehrt ein. Einige entscheiden sich für „Hexe Lilli“-Vorlagen, die sie abwandeln, einige pausen eigene Bilder durch. Ein Mädchen: „Zuhause habe ich alle Bilder aus meinem „Hexe Lilli“-Buch durchgepaust!“ Sie tauscht die Hexe auf dem Rücken eines Seepferdchens gegen eine Meerjungfrau aus. Ein anderes Kind schneidet ihre Hexe aus und klebt sie auf ihr Tagebuch. Völlig überrascht stellt ein Kind fest, dass all die Farben, mit denen sie auf die Blaupause gemalt hat, weg bzw. blau sind. Kurzerhand koloriert sie die Herz-Zeichnung nach und ist zufrieden.

Unser Junge und ein Mädchen wollen nicht malen und sich lieber die chinesisch-sprachigen Affenkönig-Comics anschauen. Sie sitzen auf dem Sofa und erzählen sich gegenseitig, was sie auf den Bildern sehen. Nach einiger Zeit schlagen wir vor, dass sie den Namen des Affenkönigs ja in chinesischen Schriftzeichen in ihre Phil. Sophie & Co-Bücher schreiben könnten. Sie zögern zweifelnd und stimmen dann doch zu. Strich für Strich machen wir es vor und sie nach. Aus dem „Das kann ich nicht!“ unseres Jungen werden goldene Schriftzeichen. Nahezu zwei Stunden dauert unser Salon heute. Ein Mädchen, das wir in den Hort zurückbringen, erzählt in Gedanken versunken: „Manchmal ist die Zeit langweilig. Beim Philosophieren ist die Zeit immer zu kurz.“  Wir stimmen zu, erklären, dass es das schöne Wort „kurzweilig“ gäbe, was aber selten jemand benutzt. Ihr gefällt das Wort und sie wiederholt es genießerisch.

Resümee:

Die Atelier-Salons – im letzten Schulhalbjahr nannten wir sie Werkstatt-Salons – erweisen sind als wichtige Reflexionspausen für die Kinder und uns. Mittlerweile sind unsere kleinen Philosophinnen und unser kleiner Philosoph so eigenständig in ihrem Forscherdrang, dass wir zu ihren Assistenten werden. Jeder neue Begriff wird umgehend erfragt! Dass sich Menschen wie die Künstlerin Claudia Rößger, der Philosoph Hans Feger und die Illustratorin Birgit Rieger für sie interessieren, stärkt ihr Selbstvertrauen. Unser Wunsch, mit dieser Kindergruppe auch im nächsten Schuljahr weiterzuarbeiten – und, wenn finanzierbar – eine zweite Gruppe für die Kinder auf der Warteliste zu eröffnen, erscheint mit jedem Salon sinnvoller. ‚Bildungsferne‘ würde für sie alle ein Wort, das nichts mit ihnen zu tun hätte.

5. Salon: Bilder erfinden ist keine Zauberei: Die „Hexe-Lilli“-Illustratorin Birgit Rieger zu Besuch bei Phil, Sophie und Co

Ziele des Salons:

  • Horizonterweiterung: Fragend und beobachtend erfahren die Kinder, wer die Bilder in ihren Büchern erfindet und wie sie visualisiert werden.
  • Wissensvertiefung: Wir erinnern an die Reproduktionstechnik von Büchern, wie wir sie beim Besuch des Philosophen Hans Feger besprochen haben.
  • Interkulturelles Wissen: Das gleiche Buch gibt es in vielen Sprachen!
  • Indem die Kinder eigene Hexe-Lilli-Kreationen schaffen und diese von der Erfinderin der Buch-Hexe gewürdigt werden, wird ihr Mut zur „eigenen (visuellen) Stimme“ gestärkt.

Hexe Lilli in verschiedenen Sprachen

Ablauf des Salons:

Birgit Rieger sitzt neben unserer Fragenlandkarte im Kissenkreis, als die Kinder nach und nach eintreffen. Alle gruppieren sich neugierig in ihrer Nähe. Als wir fragen, ob sie denn wüssten, wer heute bei uns ist, stimmen sie zu. Ein Mädchen: „Sie hat die Hexe Lilli-Geschichten geschrieben!“ Birgit Rieger erklärt die Arbeitsteilung zwischen Autor und Zeichnerin. „Was ist Zeichnen?“, fragt ein Kind und eröffnet damit die gewohnte Gesprächssituation. Die Differenzierung zwischen Zeichnen und Malen leuchtet den Kindern ein. Bereits zum wiederholten Male hat ein Mädchen ihr eignes Hexe Lilli-Buch dabei. Verlegen schmiegt sie sich an eine von uns und versteckt das Buch. Als wir Birgit Rieger erzählen, wie sehr sich das Kind auf ihren Besuch gefreut hat und auf das Buch verweisen, ist das Eis gebrochen. Den ganzen Salon über weicht das Mädchen nicht mehr von der Seite der Bild-Zauberin!

Wir schlagen vor, Birgit Rieger mit unserem Begrüßungsritual „Wir sind ein starkes Team!“ Willkommen zu heißen. Alle stimmen zu. Unser Junge, der heute bereits zu Anfang des Salons seine Müdigkeit bekundete und hinter dem Sofa verschwand, streckt den Kopf hervor und macht von dort aus mit. Wir nutzen die Gelegenheit, der Gruppe noch einmal das Mädchen vorzustellen, das seit letzter Woche an unseren Salons teilnimmt. Unsere Runde wird also heute um die „klare Clara“ und die „bienenfleißige Birgit“ erweitert. Ein Mädchen reckt den Finger in die Höhe: „Ich möchte etwas erzählen!“ Stolz sagt sie in die Aufmerksamkeit der Gruppe: „Ich hab‘ meinen Papa gefragt: Auf Arabisch heißt ‚Guten Tag‘ ‚Marhaba‘ und auf Türkisch ‚Merhaba‘“ (siehe Salonbericht vom 21. Februar 2012). Wir zeigen unsere Freude über die mitgebrachte Antwort, wiederholen die Worte und integrieren sie in unser Spiel.

Am Anfang eines Bildes steht das weiße Papier

Birgit Rieger legt Hexe Lilli-Bücher in verschiedenen Sprachen in die Mitte des Kissenkreises. Die Kinder sprühen vor Begeisterung und vergleichen die Schriften. „Was sind denn das für Würmchen?“, fragt ein Kind und deutet auf die arabische Schrift. Unser Mädchen mit arabischem Familienhintergrund klärt uns auf. Nun liest das Kind mit türkischem Familienhintergrund aus der türkischen Buchversion vor. Zuvor hatte sie immer wieder betont, dass sie kein Türkisch könne (vgl. Salonbericht 21. Februar 2012)! Sie beobachtet die Reaktion der anderen. Birgit Rieger beglückwünscht sie dazu, zwei Sprachen zu kennen. Wir freuen uns über diese zufällige Unterstützung unserer Arbeit. Unser Junge sitzt nun auf dem Sofa und vergleicht die japanische und die chinesische Schrift. „Wie bei den Affenkönig-Comics!“, stellt er fest und fragt, ob wir die Box mit den chinesischen Heftchen wieder dabei hätten. Wir vertrösten ihn auf den nächsten Salon. „Wie hast du die Bücher gemacht?“, fragt das Mädchen mit dem eigenen Hexe-Lilli-Buch und deutet auf den Umschlag mit einer 3D-Folie. Birgit Rieger erklärt die Arbeitsteilung. „Und wie kommen denn dann deine Bilder da rein?“, fragt das Mädchen gleich weiter. Wir erinnern an Humboldts Kosmos-Buch und was uns der Philosoph Hans Feger über das Kopieren von Schrift und Bild erzählt hat.

Das Fenster ist unser Leuchttisch

Das Stichwort zur ‚Bild-Zauberei‘ ist gefallen. Birgit Rieger holt Papier und Stifte hervor und zeigt den Kindern, wie aus dem Nichts des weißen Papiers eine Hexe Lilli wird und wie sich der „Prototyp“ – das Wort wird erklärt! –  in die verschiedenen Gestalten verwandelt. Die Kinder wollen es nach kürzester Zeit selbst ausprobieren. “Layout-Papier“ wird verteilt. Das Wort wird bedächtig nachgesprochen. Und schon sind die Kinder an den Arbeitstischen. Da wir keinen „Lichttisch“ haben, nutzen einige Kinder die Fenster, um Konturen durchzupausen. Birgit Rieger hilft. Die meisten Kinder entscheiden sich, ihre eigene Hexe Lilli zu kreieren. Zaubertricks, andere Frisuren, ein Zauberhut und vieles mehr werden erfunden. Ein Mädchen zeigt Birgit Rieger ihre Bilderfindung. Beide besprechen Details wie z. B. die Hautfarbe. „Das ist der glücklichste Tag in meinem Leben!“, verkündet das Kind mit rührender Inbrunst.

Gegen Ende der Zeit verteilt Birgit Rieger den kleinen Flugdrachen Hektor aus „Hexe Lilli“ zum Ausschneiden. Das Kind, das sich beim letzten Mal einen Koffer für die eigene China-Reise gemalt hat, zaubert ihrem Drachen gleich zwei davon. „Dann kann der Drache Hektor die Drachen in China besuchen!“, kommentiert sie. Aus einer Stunde werden wieder einmal zwei und die Eltern treffen nach und nach ein. Ein Mädchen reagiert nicht auf die freundliche Ansprache des Vaters: „Hallo, ich bin Dein Vater!“ ruft er sichtlich amüsiert und schaut auf sein lesendes Kind. Ihr Blick macht klar, dass sie erst wieder auftauchen muss aus ihrer Hexe Lilli-Welt.

Resümee:

Philosophieren mit Erstklässlern ist eine sinnliche Reise, die jedes Kind mitnimmt, so wie es im jeweiligen Moment ist –  euphorisch, besonnen, übermutig, müde, lustig, traurig oder auch mal verzweifelt. Dieses Fazit legen uns die Kinder auch in diesem Salon nahe. Sie lernen mit Begeisterung und zunehmender Geduld. Neue Geschichten und Begriffe haben einen Zauber für sie. Neue Materialien werden zur Inspiration ihrer Vorstellungskraft.

Ich erfinde meine eigene Hexe Lilli

Birgit Rieger beglückwünscht uns zu unserer Arbeit: „Hier ist ja jedes Kind eine ganz eigene Persönlichkeit!“ Wir fühlen uns bestätigt. Wir möchten die Kinder in ihrem Selbstvertrauen, ihrer Entscheidungs- und Kritikfähigkeit stärken. Eine eigene Bildwelt (die eigene Hexe Lilli!) soll sie vor blinder Bewunderung gegenüber medial vermittelten Bildwelten schützen. Was unser Pilotprojekt aber auch zeigt, ist, dass ein Philosophieren mit Erstklässlern nur sehr schwer in ein 45-Minuten-Format passt. Als AG am Nachmittag wiederum ist die Erschöpfung der Kinder ein nicht zu leugnender Faktor. Indem wir jedem Kind zugestehen, sich zeitweilig zurückzuziehen, fällt ihnen die Entscheidung, jeden Dienstag zu uns zu kommen, leicht. Der Begriff des Salons suggeriert diesen individuellen Gestaltungsfreiraum.

3. Salon: Helau! Heute bin ich, wer ich sein will!

Ziel des Salons:

  • Stärkung des interkulturellen Interesses durch unser erweitertes Begrüßungsritual “Wir sind ein starkes Team!“
  • Förderung von Selbstreflexion und Empathie durch die Frage „Was verbinde ich mit der Gestalt, in die ich mich verwandelt habe und was mit der eines anderen Kindes?“
  • Förderung der Experimentierfreude durch die ungewohnte Bildästhetik des Collagierens mit gerissenem Transparentpapier.

 

Ablauf des Salons:

Wir erweitern unser Spiel „Wir sind ein starkes Team!“ durch die Anregung, ein Begrüßungswort in einer anderen Sprache hinzuzufügen. Hello, Ciao, Salut und Ni hao sind die ersten Vorschläge. Ein Mädchen überlegt, was „Hallo“ auf Arabisch heißt. „Wenn die Männer oder Frauen sich begrüßen, sagen die immer so was, aber ich hör‘ da nicht zu.“ Wir schlagen vor, dass sie vielleicht doch mal genau hinhört. Sie stimmt freudig zu und versinkt ins Grübeln. Ein anderes Kind wirft ein: „Meine Oma kommt aus Kroatien. Die ruf ich an und frag mal, was da „Hallo“ heißt. Ihre Vorrednerin hüpft auf dem Kissen: „Jetzt weiß ich´s, die sagen ‚Marhaba‘.“ Wir fragen, ob das türkische ‚Hallo‘ nicht ähnlich klingt? Das Mädchen mit türkischem Familienhintergrund zückt die Schultern. Das arabischstämmige Mädchen ist euphorisch: „Mein Papa ist ganz oft in der Türkei, der kann ganz toll Türkisch!“

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In der nächsten Runde erzählt jedes Kind von seinem Kostüm. Die himmlische Heima ist heute Schneekönigin. „Das hab ich auf einem Gauklermarkt gesehen. Die war so schön.“ Die durstige Dragana ist Cowgirl mit allem was dazugehört, kann aber nicht sagen warum. Wir machen Vorschläge. Nein, reiten möchte sie nicht, auf Menschen schießen auch nicht. Wichtiger ist ihr der glänzende Stern und der coole Gang. Die lustige Luna ist gelbglänzende Löwin: „Ich spiel‘ immer Löwe, jetzt wollte ich da mal reinschlüpfen.“ Die lachende Lulu ist „Bäuerin“: „Ich war in der Schule und meine Mama hat das Kleid gekauft. Jetzt bin ich Bäuerin, weil ich gerne baue.“ Sie zeigt auf die teuflische Theresa und sagt: „Und jetzt will ich Dich neu bauen!“ Sie lacht. Als wir ergänzen, dass Bäuerinnen ja auch auf einem Bauernhof leben usw. interessiert sie das nicht sonderlich.

Am Mal- und Basteltisch merkt man den Kindern die Erschöpfung vom vormittäglichen Feiern an. Die Löwin will ganz genau ihr Kostüm rekonstruieren und verzweifelt mehrfach. Wir erinnern an die Künstlerin Claudia Rößger, die uns erzählt hat, wie sie um ihre Bilder ringt und muntern sie immer wieder auf. Am Ende ist sie stolz auf ihr Bild. Zwei Kinder nehmen die Anregung, eine Collage aus gerissenem Transparentpapier zu kleben mehr oder weniger auf und integrieren die Technik in ihre Bilder. Das Cowgirl malt ihren Kopffüssler mit größter Sorgfalt. Dann schneidet sie – mit etwas Hilfe-  rotes Transparentpapier in Stückchen und klebt sie über die Figur: „Fertig!“ Ihr rotkariertes Hemd und die Roten Bordüren ihrer Weste machen alle Fragen überflüssig. Unsere Bäuerin, die eine begeisterte Malerin ist, schluchzt bei dem Versuch sich selbst aus gerissenen Transparentpapier-Stückchen darzustellen: „Die Haare sind doof. Der Kopf ist zu klein und die Beine zu dick!“ Sie ist am Ende ihrer Kräfte. Auch Zureden hilft nicht. Das Weinen wird heftiger. „Nein“, pausieren will sie nicht. Sie droht damit, die Seite aus ihrem Buch zu reißen oder gar das Buch wegzuwerfen, in das sie zahlreiche Bilder und die Namen ihrer Familienmitglieder gemalt und geschrieben hat. Uns kommt der Verdacht, dass es ihr schwer fällt, die ästhetische Eigenart der Reißtechnik anzunehmen. Zumeist werden Kinder für eine ‚ordentliche Optik‘ gelobt und dafür nicht über vorgezeichnete Linien zu malen. Auf diesen Aspekt wollen wir unbedingt zurückkommen. Heute ist das Kind für eine solche Auseinandersetzung viel zu erschöpft und es gilt schlicht, sie zu unterstützen. Daher erklärt sich eine von uns zur Assistentin. Millimeter für Millimeter reißen wir kleine Stückchen Papier, die sie dann selbst aufklebt. Unsere positive Beurteilung des Bildes soll ihr die Zuversicht geben, dass es so ‚richtig‘ ist. Die Zeit ist weit fortgeschritten und die meisten Kinder haben sich bereits verabschiedet. Nur die Schneekönigin gestaltet seelenruhig ein Bild nach dem anderen mit abstrakten Formen. Dann ist auch unsere Bäuerin zufrieden. Wir atmen auf.

 

Resümee:

Das Interesse der Kinder an den Herkunftssprachen ihrer Eltern und Großeltern nimmt zu. Durch das Faschingsthema haben sich die Kinder selbst und auch die anderen von einer neuen Seite kennen gelernt. Unser Angebot, sich mit einer neuen künstlerischen Technik auseinanderzusetzen hat ein Kind an die Grenzen der eigenen ästhetischen Flexibilität gebracht. Wir werden deshalb in unserem Salon „Was ist mein liebstes Bild?“ auf die Frage „Gibt es ein ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ in meinen Bildern?“ zurückkommen.

2. Salon: Danke-Sagen macht glücklich und schafft Freunde! (Exkursion)

Ziel des Salons:

    • Stärkung des Teamgeists durch ein gemeinsames Ziel und durch die gemeinsame Erkundung eines fremden Ortes.
    • Emotionale Erfahrung: Wie fühlt es sich an, sich bei jemandem zu bedanken, den man nicht kennt?
    • Transkulturelle Erfahrung: Wie klingt „Danke-Sagen“ in anderen Sprachen, z. B. in der Heimatsprache meiner Eltern?
    • Horizonterweiterung: Wo kommen die Mal-und Bastelmaterialien her, die wir in unseren Salons benutzen? Was brauchen Künstler für ihre Arbeit?

Danke-Schön-Collage

Ablauf:

Die Kinder sind aufgeregt und sammeln sich um die Danke-Schön-Collage. Jeder sucht seinen Beitrag. Die beiden Mädchen, die gefehlt haben, tragen ihre Namen ein. Während wir noch auf zwei Kinder warten, wiederholen wir das Spiel „Wir sind ein starkes Team!“. Alle können sich an ihre Namen und die der anderen erinnern! Vor dem Einsteigen in die Taxis, ziehen sich die Kinder einen Zettel, der entweder eine „Marzipankleber“-Dosen zeigt oder einen Stift. Demensprechend gibt es das „Stifte-Taxi“ und das „Kleber-Taxi“.

In dem Stifte-Taxi zeigen sich die Kinder gegenseitig, wo sie wohnen und wiederholen „Danke Schön“ in verschiedenen Sprachen. Als wir das „r“ von „Schukran“ nicht ausreichend rollen, werden wir von einem Mädchen freudig korrigiert. Im „Kleber-Taxi“ reden die Kinder euphorisch durcheinander. Wir machen ein Spiel, das die Aufmerksamkeit füreinander schärft. Die Kinder zählen nacheinander von 1 bis 7. Die Herausforderung dabei ist, dass es keine festgelegte Reihenfolge gibt. Wenn ein Kind also die nächste anstehende Zahl nennen möchte, muss es darauf achten, dass es nicht gleichzeitig mit jemandem spricht. Die Kinder sind konzentriert und bester Stimmung. Sie erkennen, dass sie dem Gegenüber durch ihre Gestik und durch Blickkontakt Signale senden können.

Am Ziel angekommen machen wir ein Gruppenfoto. Als der Absender des Pakets die Kinder begrüßt und sich die Collage anschaut, gesellen sich alle zu ihm und erklären ihm die Bilder, nennen ihre Namen und wiederholen „Danke Schön!“ in verschiedenen Sprachen: Schukran,Teşekkür, Thank you, Merci, Grazie und Xiexie. Zur „Schule von Athen“ und zum „Salon der Madame Geoffrin“ sagt ein Mädchen mit dem Finger darauf zeigend: „Das ist schon ganz lange her, das nicht ganz so lange und heute sind wir die Philosophen.“

Murmelbahn

Nachdem wir die Kugelbahn und das im Geschäft hängende Relief von Berlin angeschaut und unsere Schule darauf gefunden haben, begibt sich die „Kleber-Gruppe“ auf die Suche nach den entsprechenden Dosen, die „Stifte-Gruppe“, sucht Stifte, die sie aus unserem Salon kennt. Auf den Wegen durch das Geschäft bilden sich Kleingruppen, die staunend und  betastend bei Pinseln, verschiedenen Papiersorten und Styroporformen stehen bleiben. Einige haben konkrete Ideen, was sie gerne damit basteln würden. Insbesondere die Wand mit den verschiedenfarbenen Kreiden begeistert sie. Unser Junge fragt vor dem Farbenregal den Fotografen nach dessen Lieblingsfarben. Zurückgefragt zeigt er auf ein dunkles Blau, Braun und Schwarz. „Meine Mutter gibt mir immer Farben zu essen“, erzählt er. Auf die verwunderte Reaktion des Fotografen fügt er hinzu: „Die sind aber nicht giftig!“ Ihm scheint die Aussage nicht weiter erklärungsbedürftig.

Resümee:

Obwohl unser Ausflug nur kurz war, führte er dazu, dass sich Kinder miteinander unterhalten, die sonst weniger im Austausch stehen. Unsere Mädchen mit türkischem und arabischem Familienhintergrund spüren zunehmend, dass die Sprache ihrer Eltern, die sie nur sehr gegrenzt kennen, ein Gewinn für das Gespräch der Gruppe ist.

Was alle Kinder unseres Salons teilen, ist die Begeisterung für Farben und anderen Materialien des bildnerischen Ausdrucks.

12. Salon: Ein Philosoph zu Gast bei Phil Sophie & Co

Der Philosoph Hans Feger

Die Kinder sind schon voller Erwartung auf den Besuch des Philosophen Hans Feger. Auf dem Pausenhof erzählen sie, dass heute ein „echter Philosoph“ kommt! Einige Kinder wollen auch dabei sein und fragen bei uns an. In unserer kleinen Bibliothek ist aber nur Platz für zwei Besucherkinder.  Bis alle da sind, setzen sich die Kinder an den Maltisch. Der Junge, der letzten Dienstag gefehlt hat und auch zuvor erst einmal an unseren Salons teilgenommen hat, ist sichtlich verunsichert und zieht eine von uns zum Sofa. „Was habt Ihr beim letzten Mal gemacht?“, fragt er. Wir stellen ihm die Frage „Wenn jeder Mensch seine eigene Sprache spräche, was wäre dann…?“ Er ist beruhigt und antwortet: „Dann würde sich keiner verstehen.“

Als der Philosoph Hans Feger in die Bibliothek tritt, ist es einen Moment still. Alle Augen sind auf ihn gerichtet. Er grüßt, setzt sich mit an den Maltisch und holt ein Foto heraus, das ihn mit anderen Philosophen in China zeigt. China! Die Spannung wächst. Dann holt er ein dickes Buch aus seiner Tasche: Alexander von Humboldts Kosmos – Entwurf einer physischen Weltbeschreibung (erschienen in fünf Bänden zwischen 1845 bis 1862). Die Kinder drängen sich näher, alle wollen ins Buch schauen.

Als alle Kinder da sind, setzen wir uns in den Kreis. Hans Feger sitzt zwischen den Kindern auf dem Sofa. Er fragt, warum die Menschen denn begonnen hätten, Bücher zu schreiben? „Weil andere auch etwas wissen sollten“, kommt die Antwort. Die Vorteile von Büchern gegenüber der gesprochenen Sprache werden diskutiert. Dann deutet Hans Feger auf den Kosmos und fragt, warum das Buch denn wohl so glitzert? „Gold, Sterne sind da drauf“ „Wunderschön!“, antworten die Kinder. Hans Feger erzählt von den Reisen des Alexander von Humboldt und seinem Wunsch, all sein Wissen in ein Buch zu schreiben. „Dieses Buch ist der Kosmos“. Die Kinder wollen das Buch genauer sehen und merken, dass sie die Schrift nicht lesen können. „Meine Ur-Oma schreibt auch so“, stellt ein Mädchen fest. Als sie hören, dass Humboldt vielen Pflanzen und Bergen Namen gegeben hat, sprühen die Kinder los: „Hat er die Tulpe, Tulpe genannt, oder den Ätna, den Olymp benannt?“ Hans Feger verneint: „Die hatten schon einen Namen. Aber er hat andere Vulkane benannt und sie gezeichnet.“ Wir erfahren, dass Humboldt (1769-1859) ungefähr zu der Zeit gelebt hat, zu der auch der Salon der Madame Geoffrin (1755) stattfand. Das Bild hängt neben der Schule von Athen an unserem Zeitstrahl, unterhalb unserer Fragen-Landkarte. Wir hatten im 2. Salon darüber gesprochen. Die Kinder gucken sich die Menschen noch mal genau an. „Aber das Buch ist doch noch gar nicht so alt, hatten die denn schon Kopierer?“, fragt ein Junge. Eine Debatte, darüber, wie man Bücher geschrieben hat, bevor es Kopierer gab, beginnt: „Ganz früher haben die Menschen in Steine geritzt.“, „Und dann auf Blätter und andere haben die abgeschrieben“[…]. Wir stellen fest, dass wir hier nicht das Originalbuch sehen, sondern eine Kopie, die viel später gemacht wurde.

Sind Philosophen schlau?

Hans Feger fragt, wer denn der erste Philosoph war? Die Kinder schweigen. Dann erzählt er von Sokrates, der der Lehrer der ersten Philosophen war, nämlich von Platon und Aristoteles. Die Kinder freuen sich, weil sie die schon kennen und zeigen auf die Schule von Athen. „Sind Philosophen eigentlich schlau, oder nicht so schlau?“, fragt ein Besucherjunge. Hans Feger: „Manche sind schlau, manche sind aber auch einseitig.“ Das Wort „einseitig“, irritiert den Jungen, er fragt: „Bist Du schlau?“ Hans Feger: „Weiß ich nicht.“ Die beiden debattieren weiter darüber, was es heißt, schlau zu sein. Ein Mädchen mischt sich ein: „Bei den Philosophen sind die Antworten gar nicht so wichtig. Schlau ist, wer die klügsten Fragen hat.“ Schon beginnt eine Diskussion über gute und schlechte Fragen. Die Antworten kommen Schlag auf Schlag: „Warum ist das Weltall groß, die Erde rund […]“, unsere Kinder sind in ihrem Element. Unser schüchterner Junge sitzt lässig neben dem Gast auf der Sofakante und hat das Fragenstellen entdeckt: „Wer hat die Roboter erfunden?“, startet er. Er ist angekommen bei Phil, Sophie & Co, wir freuen uns. Ein Mädchen möchte Hans Feger ihr Phil, Sophie & Co-Tagebuch zeigen, ein anderes Mädchen schaut sich den Kosmos skeptisch an.

Unsere Mal-und Bastelfraktion geht zurück an die Tische. Wir erklären, dass wir heute unsere eigenen Kinderphilosophen-Urkunden basteln wollen. Die goldenen Stifte und Papiere machen glänzende Augen. Jeder bestimmt, wie die Worte „Phil, Sophie & Co“, „Urkunde“ und „für“ angeordnet werden. Darunter kleben einige die ausgeschnitten Figuren Phil und Sophie. Einige malen sich selbst dazu. Wieder gibt es den Moment, in dem alle schweigen und in ihre Tätigkeit vertieft sind. Die zufriedenen Gesichter unserer kleinen Philosophen und Philosophinnen sind schlicht beglückend. Wir fragen, wer sich seine Urkunde von Hans Feger unterschreiben lassen will. Alle rufen „Ich.“ Mit Goldschrift und in Druckbuchstaben haben sie nun die Unterschrift eines „echten Philosophen.“ Bei der Verabschiedung sagt er den Kindern: „Wenn Ihr groß seid, könnt ihr zu mir an die Universität kommen.“ Ein Mädchen antwortet ohne aufzuschauen: „Ich werde lieber Künstlerin“, und malt weiter. Zu Alexander von Humboldt werden wir sicher noch einmal zurückkehren!

11. Salon: Wenn jeder Mensch seine eigene Sprache spräche, dann…?

Ausgeschnittene Worte (Deutsch, Englisch, Türkisch, Arabisch), chinesische Schriftzeichen und Bilder liegen in der Mitte des Kreises. Die Kinder sortieren sie nach Wortlänge, einige lesen einzelne Worte vor.

Wir lesen aus „Zackarina und der Sandwolf“  von Asa Lind die Geschichte  „Zackarinas Sprache“.

In der Geschichte erfindet Zackarina ihre eigene Sprache. „Was wäre, wenn jeder seine eigene Sprache sprechen würde?“, fragen wir. „Dann würde keiner den anderen verstehen“, kommt die prompte Antwort. Ein anderes Kind ergänzt: „Und dann könnte keiner miteinander reden“.

Wir denken uns eine eigene Geheimsprache aus und bezeichnen verschiedene Dinge. „Erdbeere könnte man Punktbeere nennen, oder Punkti.“ Die Kinder greifen nach den in der Mitte liegenden Bildern und betrachten sie, bevor sie ihnen neue Namen geben. Auch die Wörter und Schriftzeichen ziehen die Aufmerksamkeit der Kinder an. Als Erstklässler fällt Ihnen das Lesen noch schwer. „Ist das ein Reh?“, fragt ein Kind? Wir zeigen auf die einzelnen Buchstaben und lesen sie zusammenziehend vor: „E-R“. Das Kind hatte sie von hinten nach vorne gelesen.

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„Habt Ihr schon einmal irgendwo kein Wort verstanden“, fragen wir? Ein Mädchen: „Ich war in Italien, da habe ich nichts verstanden. Nur ein Wort habe ich gelernt, ‚Grazie‘, das heißt ‚Danke‘. Und mein Papa ist fast immer im Zimmer geblieben, weil er nichts verstanden hat. Nur Mama und ich sind raus.“ „Ich kann Türkisch und Deutsch“, ruft ein Junge. Ein Mädchen entdeckt die arabische Schrift und sagt: „Ich kann nicht Arabisch lesen, aber zählen“  Sie zählt. Ein anderes Mädchen beginnt auf Englisch zu zählen, ein anderes wiederholt. Dann wird auf Türkisch gezählt. Wir zählen auf Arabisch und Chinesisch. Die Melodie der chinesischen Töne erstaunt die Kinder besonders.

„Was ist so besonders an der Sprache? Würden wir denn auch ohne Sprache zurecht kommen?“, fragen wir. „Nein“, ist die einhellige Antwort. Ein Mädchen: „Wir brauchen Sprache. Wenn einer mal einen Fisch haben will, an der Kasse, dann muss der auch fragen können, wie viel der kostet!“ „Ohne Sprache“, sagt ein Kind, „würden wir gar nicht hier sitzen, ohne Sprache kann man nicht Philosophieren.“ „Dann müsste man das anders machen,“ ergänzt ein Junge und verzieht das Gesicht zu einer Grimasse. „ Wie denn?“ fragen wir. „ Mit Zeichensprache!“, rufen gleich mehrere Kinder und fangen an zu gestikulieren.

Wir schlagen das Spiel Scharade vor, in dem Wörter umschrieben oder pantomimisch darstellt werden. Einige Kinder sind begeistert und wollen gleich beginnen. Andere nehmen ihre Phil, Sophie & Co-Bücher, die ausgeschnittenen Worte und Zeichen mit an den Maltisch. Den chinesischen Schriftzeichen kann man zum Teil Ihre Bedeutung noch ansehen, stellen die Kinder fest, so zum Beispiel bei der Feder, dem Berg oder dem Wald. Ein Mädchen legt Wörter und Zeichen in einen Reihe und schreibt sie in ihr Buch. Obwohl sie gerade erst 6 Jahre geworden ist, schreibt sie schon kleine Geschichten über ihre Familie auf. Viele Bilder bekommen die Widmung „Für Nazar“, ihre große Schwester. Da ihr Buch schon fast gänzlich mit Bildern und Texten gefüllt ist, versprechen wir ihr, dass sie im nächsten Salon ein neues bekommt, das erste aber gut aufbewahren soll! Sie sagt mit ernster Stimme, dass sie lieber beide bei sich haben möchte: „Ich hab‘ das Buch immer in meiner Tasche!“ Wir sind beeindruckt und versprechen ihr auch eine größere Schutzhülle, in die dann beide Bücher passen.

Arbeitsbuch

Die Zeit nähert sich dem Ende. Zwei Mädchen haben die Zeit vergessen, sie malen und sind vertieft in ein Gespräch über die ersten Worte der Steinzeitmenschen. Als wir mit dem Aufräumen beginnen und die von uns mitgebrachten Glühbirnen (warmes Licht) gegen die bibliothekseigenen Spar-Glühbirnen (kaltes Licht) austauschen, bemerkt eines der Mädchen misslaunig: „Bei so einem Licht kann man nicht philosophieren! Bei so einem Licht wäre das hier bloß ein Bastelkurs.“ Wir lachen und geben ihr voll und ganz Recht.