10. Salon: Wo hört der Himmel auf?

Ziele des Salons:

  • Mit dem Thema des letzten Salons „Was ist die Seele?“ sprachen wir bereits die Sphäre der Vorstellung und des Metaphysischen an. Mit der Frage „Wo hört der Himmel auf?“ knüpfen wir hier in räumlicher Hinsicht an.
  • Da wir bisher vorwiegend konturbezogen gemalt haben, bieten wir heute ausschließlich Aquarellfarben an. Das Fließende der Farbe visualisiert die Unendlichkeit des Himmels und die Unmöglichkeit, den Horizont zu erreichen.

Verlauf des Salons:

Über der Mitte des Kissenkreises schwebt heute das Poster von Gerhard Richters „Seestück“ (1970). Die Kinder legen sich unter das Bild und fangen an zu assoziieren. „Das Meer hängt ja am Himmel“, startet ein Mädchen. „Aber da ist doch auch der Himmel und nicht nur das Meer drauf“, differenziert die Nachbarin. Eine Diskussion darüber, welche Hälfte des Bildes das Meer und welche den Himmel zeigt, beginnt. „Du musst dich anders herum legen, dann ist es umgekehrt“, regt ein Kind an. Neue Perspektiven werden ausprobiert.

„Seestück (See-See)“, 1970, 200×200 cm, Öl auf Leinwand; Staatl. Museen zu Berlin, Nationalgalerie (Foto: © Gerhard Richter, 2012)

Wir fordern die Kinder auf etwas genauer zu beschreiben, was sie sehen. „Das Dunklere ist das Meer, das ist viel wilder“, lautet das erste Angebot. Der Feststellung „Das Meer spiegelt sich am Himmel“, folgt die Gegenthese: „Nein, der Himmel spiegelt sich im Meer!“. Das Gespür der Kinder für nicht zu beantwortende Fragen ist geschärft, so dass wir zum Thema des heutigen Salons kommen. Wir fragen: „Wo hört denn der Himmel auf und wo fängt das Meer an?“ Die Antworten überschlagen sich: „Am Ende der Welt, ganz am Ende, ganz, ganz da oben!“, ruft ein Kind. „Der Himmel hört nie auf“, meinen gleich mehrere Kinder. „Erst kommt der Himmel und dann kommt ein Riss und dann kommt der Weltraum“, schlägt unser Philosoph von seinem Posten hinterm Sofa vor. Ein Mädchen überzeugt das nicht: „Da wo das Meer aufhört und der Himmel anfängt, ist der Horizont.“ Einige Kinder stimmen zu. Wir fragen, wie man den Horizont denn erreichen könnte? Unser Philosoph schlägt ein schnelles Flugzeug oder ein U-Boot vor. Die Vorrednerin guckt unwillig: „Nein, den Horizont kann man nicht erreichen, der ist immer schon wieder weiter weg, wenn man da ankommt, wo er war.“

Als wir an das Thema des letzten Salons erinnern, verstehen die Kinder den Wink sofort. „Ja, manche glauben die Seelen von den Gestorbenen wohnen im Himmel“, ruft ein Mädchen. Ein anderes hat einen ungewöhnlichen Vorschlag: „Ich glaube, dass die Mutter dem Kind bei der Geburt – über die Nabelschnur – ein Stück ihrer Seele gibt.“ Von der anderen Seite des Kreises kommt der vehemente Einwurf: „Gott hat den Menschen gemacht und darum hat er ihm auch die Seele gegeben!“ Die Aufmerksamkeit der Kinder ist erschöpft. Wir schlagen vor, den Himmel zu malen und wechseln an die  Mal- und Basteltische.

Wenn die Sonne über dem Meer zerfließt

Heute stehen nur Aquarellfarben, Pinsel und Schwämmchen zur Verfügung. Auf die Kanten der Tische haben wir zwei lange Papierbänder geklebt. Symbolisch für das Unendliche des Himmels, malen jeweils die Hälfte der Gruppe an einem Fries. Sonnenuntergänge, kühles, verschwommenes Blau, aber auch abstrakte Formen reihen sich aneinander. Im Anschluss an das gemeinsame Werk legen wir für jedes Kind ein großes Blatt Aquarellpapier auf den Boden. Die Aquarellfarben bieten wir in einzelnen kleinen Schälchen an. Jedes Kind hat seinen eigenen Wassertopf. Einige Kinder wischen schwimmendes Himmelblau. Ein Mädchen schwärmt vom roten Abendhimmel, den sie dann auch malt. Unsere Tapies-Malerin braucht nur leuchtendes Rot. Mit grobem Pinselstrich malt sie „Ein Flugzeug!“. Dann schaut sie sich die abstrakt expressionistischen Bilder in dem von uns mitgebrachten Ausstellungskatalog des Us-amerikanischen Malers Richard Diebenkorn an. Seine blaudominierten Meeres- und Luftbilder der „Ocean Park“-Serie (begonnen 1967) passen hervorragend zum Thema des heutigen Salons.

Wenn sich am Abend der Himmel rot färbt

Zum Abschluss weisen wir – veranschaulicht durch die entstandenen Bilder der Kinder – auf die besondere Eigenschaft von Aquarellen hin: Sie sind durchscheinend wie der Himmel und wie das Wasser.

Resümee:

Das Arbeiten in salonübergreifenden Themenkomplexen  – mit dem 9. Salon starteten wir unsere Reihe zum Thema „Vergangenheit und Erinnerung“ – hat sich auch heute bewährt. Da die Aufmerksamkeit der Kinder nach einem langen Schultag begrenzt ist und wir oftmals nicht dazu kommen, die Gesprächsbeiträge der Kinder zu bündeln, ermöglicht uns diese Arbeitsweise, Informationen oder Anregungen nachzureichen.

Der Regenbogen färbt den Himmel bunt

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9. Salon: Was ist die Seele? Vielleicht ein Vogel auf einem Bein?

Was ist die Seele?

Ziele des Salons:

  • Selbstreflexion: Der abstrakte Begriff ‚Seele‘ wird von jedem Kind individuell definiert
  • Visualisierung der eigenen, emotionalen Verfassung
  • Stärkung der ästhetischen Entscheidungsfähigkeit: Jedes Kind wählt die für sich  angemessene künstlerischen Technik

Verlauf des Salons:

Heute übernehmen die Kinder die Choreografie des Salons, bevor wir auch nur die Zeit für unser Begrüßungsritual „Wir sind ein starkes Team!“ haben. Die Bilder in der Mitte des Kissenkreises haben einen derart hohen Aufforderungscharakter, dass die Diskussion sofort beginnt. Auch unser Junge taucht gar nicht erst hinterm Sofa ab (siehe frühere Berichte), sondern verfolgt das Geschehen gespannt über die Sofalehne hinweg. Während ein Mädchen die Quelle der kopierten Vogelbilder aus dem Buch „Der Seelenvogel“ (Michal Snunit und Na’ama Golomb) bereits kennt und dies euphorisch verkündet, ist ein anderes Kind ganz hingerissen von der chinesisch anmutenden Tuschelandschaft: „Das ist ja wunderschön!“ Andere stimmen zu. Unser Junge hat hingegen nur Augen für die Abbildung des Seelenvogels ‚Ba‘ aus der ägyptischen Mythologie: „Da liegt ein Pharao, das kenn ich!“, triumphiert er.

Als etwas Ruhe einkehrt, fragen wir, wer denn den Zettel mit der Aufschrift „WAS IST DIE SEELE?“ – den wir am Schluss des letzten Salons verteilt hatten (siehe 27. März 2012) –  jemandem gezeigt hat? Ein Mädchen hüpft vor Aufregung: „Ich hab den Zettel ganz vielen gezeigt. Meine Mama sagt, wenn wir fühlen, dass wir leben, dann ist das die Seele.“ Dann erzählt sie von einer Szene aus einem Garfield-Film: „Da liegt Garfield unter dem Auto und fragt sich, ob er tot ist. Das geht doch gar nicht.“ Die anderen stimmen zu.

Manchmal weiß man gar nicht, was man fühlt.

Das Mädchen neben ihr ist ganz vertieft in die Vogelbilder, die verschiedene Seelenzustände darstellen. „Manchmal weiß ich gar nicht, wie mein Seelenvogel aussieht, dann bin ich etwas verwirrt.“ Ein Mädchen reagiert: „Dann muss man ganz genau in sich horchen.“ Das Gesicht der Vorgängerin hellt sich auf: „Ja, und wenn ich was Schönes für meinen Seelenvogel male, dann ist der auch glücklich.“ Wir gratulieren zu der Idee, dass man selbst etwas für das Wohl der eigenen Seele tun kann.

Eine traurige Seele.

Obwohl alle Kinder die Seele als etwas Angenehmes und Wichtiges („Sonst würde uns ja was fehlen!“) beschreiben, erzählen sie auch von traurigen Gefühlen. Der dazugehörige Vogel lässt den Kopf hängen. Ein Mädchen meldet sich ganz entschlossen: „Ich möchte mal erzählen, was der Seele weh tut.“ Mit ernster Stimme beschreibt sie eine Situation auf dem Pausenhof, in der ihre Freundin von einem Jungen beleidigt wurde schließt mit den Worten: „Und das tat noch ganz lange weh, auch noch abends.“ Die Kinder debattieren, was schlimmer ist und länger weh tut; ein aufgeschürftes Knie oder Traurigkeit. Erst plädieren sie fürs Knie, nach und nach halten sie Trauer und Wut für nachhaltiger. Ein Kind erzählt vom Liebeskummer der Mutter und von ihrem Versuch sie zu trösten. Liebeskummer sei schlimm, meinen auch andere Kinder.

Ein stilles Mädchen hält das Bild des aufgebahrten Pharao statt waagerecht, senkrecht: „Ich seh‘ ein ‚B‘ und ein ‚P‘ und ein ‚i‘. Die Kinder rechts und links neben ihr wollen auch gleich nach Buchstaben suchen und werden ebenfalls fündig. Wir staunen, dass sie das grafische Wahrnehmen von Buchstaben im letzten Salon (siehe 27. März 2012) so schnell verinnerlicht haben. Immerhin lagen zwei Ferienwochen dazwischen. Zudem verlief heute der Weg des Erkennens in der entgegengesetzten Richtung: Der Ausgangspunkt des letzten Salons waren Buchstaben, die dann in Bilder integriert wurden. Diesmal wurden die Buchstaben in ein Bild hineinassoziiert.

Der Seelenvogel 'Ba' im Reich der Pharaonen

Nach einer außergewöhnlich langen und konzentrierten Diskussion strömen die Kinder an die Mal- und Basteltische. Sie warten gar nicht erst auf eine Anregung von uns. Einige Kinder wollen einen Vogel abpausen und gehen ans Fenster, andere malen ihn frei nach. Zwei Mädchen inspirieren sich gegenseitig zu bunten, rechteckigen Formen, die sie in ihre Phil, Sophie & Co-Tagebücher malen. Das Kind, das mit der Idee gestartet ist, wählt Buntstifte, das andere Tusche. „Das ist ein Haus mit vielen Wohnungen“, erzählt erstere. „Meine Seele wohnt im zweiten Stock. Ich frag später mal meine Mutter, wo ihre Seele wohnt. Vielleicht im dritten Stock.“ Sie freut sich und malt weiter. Unser Junge paust den Pharao und den Seelenvogel ‚Ba‘ am Fenster ab und ist äußerst konzentriert. Die schwarze Konturzeichnung malt er am Tisch mit Aquarellfarbe aus. Es ist kaum zu glauben, dass sich dieses Kind noch vor gut 3 Monaten kaum zutraute, Wellen zu malen (siehe 20. Dezember 2011). Dass es in seiner Seele auch weniger farbige Areale gibt, visualisiert sein mit feinen schwarzen Filsstiftstrichen ausgefüllter Seelenvogel. Immerhin hat er sich eine fröhlich hüpfende Konturzeichnung ausgesucht. Die Dichte der heutigen Diskussion und das vielschichtige malerische Schaffen der Kinder kann hier nur angedeutet werden. Die Bilder sprechen für sich.

Meine Seele wohnt im 2. Stock.

Meine Seele hat viele fröhliche Farben.

Resümee:

Unsicher darüber, wie die doch noch recht jungen Kinder mit der abstrakten Frage „Was ist die Seele?“ umgehen würden, hat uns der Salonverlauf im höchsten Maße positiv überrascht. Konzentriert, emotional beteiligt und diskursiv haben sie sich das Thema erarbeitet. Für Erklärungen zur ägyptischen Seelenvorstellung gab es absolut keinen Raum. Auch die chinesische Vorstellung, dass am Anfang der Welt ein sphärischer Hauch stand, der dann alles, d.h. Steine, Pflanzen, Tiere und den Menschen gleichermaßen beseelte, konnten wir nur andeutungsweise in die Gespräche am Mal- und Basteltisch einbringen. Die diesbezüglichen Bilder nahmen die Kinder allerdings begeistert an.

Wenn der Seelenvogel vor Glück in die Luft springt.

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Mein Seelenvogel ist verliebt.

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Der Seelenvogel 'Ba' im Reich der Pharaonen.

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Bilder sagen mehr als Worte.

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Wo war ich, bevor ich geboren wurde?

Ob es einem nun passt oder nicht: Die längste Zeit auf der Erde hat es uns wohl nicht gegeben. Die meisten Dinge, die passiert sind, haben anscheinend ohne uns stattgefunden und wir haben zwar davon gehört, können uns aber nicht daran erinnern. Weil wir es nicht selbst erlebt haben.

Selbst Menschen, die uns nahe stehen, unsere Eltern zum Beispiel, haben prägende Erlebnisse gehabt, noch lange, bevor wir dabei sein konnten. Wir kamen erst danach. Aber seit wann genau gehören wir eigentlich so richtig dazu zur Welt? Und sind wir wirklich nur da, so lange wir denken, dass wir da sind? Oder erstreckt sich unsere Existenz über Geburt und Tod hinaus?

Zunächst sind sich alle Kinder im Salon einig, dass sie vor ihrer Geburt irgendwie in den Körpern ihrer Eltern waren, die meisten entscheiden sich für die Vorstellung, ein sehr kleiner Teil ihrer Väter gewesen zu sein. Ein Junge denkt diese Vorstellung weiter: „Es gibt mich also, seit es meinen Vater gibt“. „Nein“, widerspricht ein anderer, „dich gibt es erst seit deiner Geburt“. „Ich glaube“, vermutet der nächste, „so richtig gibt es mich erst, seit ich über mich selbst nachdenke. Das war mit fünf“. Dass es eine Zeit gegeben hat, die keine Kenntnis hatte von ihnen, ist allen Kindern in der Runde nicht so richtig geheuer.

Wir lesen die Geschichte „Das Fahrradurlaubsfoto“ aus Asa Linds „Zackarina und der Sandwolf“. Der Sandwolf erzählt darin von seiner Existenz als Stein. Für ein Foto von uns selbst basteln wir uns Bilderrahmen aus Papptellern und verzieren sie bunt. – Dass sie sich nicht aus Steinen entwickelt haben, steht für alle Kinder in der Runde außer Zweifel. Aber auf einen Zeitpunkt, ab wann es sie auf der Erde gibt, können sie sich immer noch nicht einigen. „Es gibt mich, seit meine Eltern sich ein Kind gewünscht haben“ bemerkt ein Mädchen, „denn ab dann hatte sie eine Vorstellung von mir“. „Aber mit einer Vorstellung kann man sich auch täuschen“, wirft ein Mädchen ein, „es gibt ja Kinder, die kommen ganz anders zur Welt, als die Eltern das dachten, und welche Vorstellung war das dann?“. „Vielleicht die von Gott“, meint ein Junge.

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Ist die Vorstellung, die wir von uns selbst haben, möglicherweise die Seele, die in uns wohnt? Wenn die Seele von uns ohne unseren Körper existieren kann, könnte es dann sein, dass wir vielleicht doch schon lange auf der Erde sind, viel länger, als wir uns erinnern können? Ein Junge schlägt vor, es könne ja sein, dass Adam und Eva einmal alle Seelen von allen Menschen hatten „und von da aus werden sie immer neu verteilt“. Ein anderer sieht es quasi umgekehrt: „Vielleicht ist die ganze Geschichte auch nur erfunden und die ersten Menschen sind jetzt wir“.