1. Salon: Wir sind ein starkes Team!

 Ziel des Salons:

  • Kennenlernen der (neuen) Namen, verbunden mit einer kleinen ersten Selbstdarstellung der Kinder über alliterarisch dem Namen zugeordnete Eigenschaften
  • Stärkung des Teamgeists über das Geschenk, bzw. die Materialspende eines Geschäfts für Künstlerbedarf
  • Wir entwickeln mit den Kindern eine Form des Danke-Schön-Sagens, indem wir eine Collage basteln.

Ablauf:

Unser Berliner Team haben wir um Viktor Krowas verstärkt. Auch zwei Kinder sind erst seit drei bzw. vier Wochen dabei. Um den Teamgeist der Gruppe zu stärken, starten mit dem Kreisspiel „Wir sind ein starkes Team!“. Jedes Kind ordnet seinem Namen ein Eigenschaftswort zu und begrüßt ein anderes Kind durch Ballwurf mit dessen erweiterten Namen. Wem keine Eigenschaft einfällt, wird von der Gruppe mit Vorschlägen unterstützt. Im Kreis sitzen nun: die himmlische Heima, die lustige Luna, die lachende Lulu, die intelligente Irmak, Tintenfisch-Tarik, die zarte Zoe und die durstige Dragana. Zwei Kinder fehlen.

'Danke Schön'-Collage

Die Materialspende, die wir von einem Geschäft für Künstlerbedarf bekommen haben, machen wir zum Thema. Wir: „Jemand ist begeistert von unseren Gedankenreisen und von den vielen Bildern, die ihr gemalt habt und hat dem Phil, Sophie und Co-Team ein Paket geschickt!“ Staunen, Neugierde, Freude! Wir sammeln Ideen, was im Paket sein könnte, dann schauen wir nach: ein „Marzipankleber“ für jedes Kind, Stifte und große Aquarellblöcke.

Unser Vorschlag, eine Danke-Schön-Collage zu basteln, wird begeistert aufgenommen.  Dann wird debattiert, was jedes Kind beisteuern möchte. Die Figuren Phil & Sophie werden ausgemalt und dazu geklebt. Auch Raffaels „Schule von Athen“ und „Der Salon der Madame Geoffrin“, die die Kinder bereits aus den vorangegangenen Salons vertraut sind, werden aufgeklebt.

Resümee:

Das Spiel „Wir sind ein starkes Team!“ hat den selbstreflexiven Blick der Kinder und ihre Aufmerksamkeit für die Besonderheit der anderen geschärft. Wir werden hier in den folgenden Salons anknüpfen, indem wir die Vorstellungsrunde um die verschiedenen Sprachen, die in den Familien der Kinder gesprochen werden (Thema: Transkulturalität), erweitern.

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13. Salon: Hat alles auf der Welt einen Namen?

In der Mitte des Kissenkreises steht heute eine verschlossene Schachtel. Wir kündigen den Kindern an, dass ihr Inhalt etwas mit der folgenden Geschichte zu tun hat. Die Neugierde steigt. Dann lesen wir die Geschichte „Woher die Tiere Ihre Namen haben“ aus „Als die Welt noch jung war“ von Jörg Schubiger. „Hat alles auf der Welt einen Namen?“, fragen wir und greifen die Geschichte von Alexander von Humboldt auf, der um die ganze Welt gereist ist, um Bergen und Pflanzen Namen zu geben. Die Kinder erinnern sich sofort an den Besuch des Philosophen Hans Feger im letzten Salon und an das, was er von Humboldts Reisen erzählt hat. „Hatten die Dinge nicht von Anfang an einen Namen?“ fragt ein Kind, das am letzten Dienstag gefehlt hat. Ein anderes erwidert sicher: „Nein, die Menschen geben den Dingen die Namen.“ Wir geben zu bedenken, dass dort, wo Humboldt hinreiste, ja bereits andere Menschen lebten. Ein Mädchen schlussfolgert: „Die hatten bestimmt längst Ihre eigenen Namen, „in Ihrer eigenen Sprache.“ Wir bestätigen ihre Feststellung und fragen: „Also gibt es nicht immer nur einen Namen für ein Ding?“ Ein Kind reagiert auf die Andeutung: „Nein, eine Sache kann auch verschiedene Namen haben.“ Wie flexibel die Kinder mit dem gesammelten Wissen aus den vorhergehenden Salons umgehen bestätigt auch gleich der nächste Kommentar eines Jungen: „Denn es gibt ja auch verschiedene Sprachen.“

Hat alles auf der Welt einen Namen?

Nun endlich kommt der Moment, in dem die verschlossene Schachtel geöffnet wird. Darin liegen die in Druckbuchstaben auf kleine Zettelchen geschriebenen Namen der Kinder. Begeistert sucht sich jedes Kind seinen Namen heraus. „Wie ist das mit Euren Namen? Wer hat Euch Eure Namen gegeben?“, fragen wir. “Meine Eltern!“, rufen gleich mehrere Kinder, „mein Vater!“, „meine Oma!“ Einige erzählen, was sie über Ihre Namensgebung wissen. Ein Kind hat Ihren Spitznamen von der Oma: „Nun nennen mich auch alle anderen Lulu und das finde ich toll“, schwärmt sie. „Mein Name hat eine Bedeutung, ich heiße Luna, wie der Mond“, beginnt ein Mädchen und ergänzt „und meine Mama heißt Stella, das heißt ‚Stern‘ auf Italienisch.“ Sie ist sichtlich stolz. „Was wäre, wenn Ihr einen anderen Namen hättet? Würdet Ihr Euch dann anders fühlen?“, fragen wir zum Abschluss der Gesprächsrunde. „Ja“, sagen einige Kinder. „Dann wäre ich jemand ganz anderes“, sagt ein Mädchen, „als ob ich ein anderes Gesicht hätte.“

Wir laden die Kinder an die Mal- und Basteltische ein. Sie nehmen ihre Namenszettelchen mit. Auch die ausgedruckten Schriftzeichen und die Worte in den verschiedenen Sprachen aus dem vorletzten Salon legen wir noch einmal auf den Tischen aus. Die Kinder suchen sich z. B. die Sonne, den Mond oder den Berg in verschiedenen Sprachen aus und kombinieren ihn mit ihren Namen. Dann folgt der künstlerische Teil, der bei jedem Kind anders ausfällt. Manche entscheiden sich für abstrakte Muster, einige für Ornamente, andere für figurative Szenen.

Nach einem Schulhalbjahr Phil, Sophie & Co  nehmen alle Kinder unserer Gruppe ganz selbstverständlich und ohne große Anstrengung an den Diskussionen teil. Manchmal gibt es Momente der Ungeduld, der Müdigkeit oder auch der ungestümen Euphorie, die uns signalisieren, dass wir den diskursiven Teil der Salons kürzer halten müssen, um dafür mehr Raum für die Visualisierung der Ideen einzuräumen. Wie individuell sich die Kinder auch in ihren Bildern artikulieren und wie sehr jedes Kind seine eigenen Lieblingsstifte und Farben gefunden hat, bestätigt unseren Ansatz, dass wir bewusst nicht mit gestalterischen Vorgaben gearbeitet haben. Gerade, weil unsere Kinder sich noch kaum schriftlich artikulieren können, ist dieser Weg, die „eigene Stimme zu finden“ (Peter Bieri) von besonderer Bedeutung.

Wir freuen uns auf ein weiteres Halbjahr Phil, Sophie & Co!

12. Salon: Ein Philosoph zu Gast bei Phil Sophie & Co

Der Philosoph Hans Feger

Die Kinder sind schon voller Erwartung auf den Besuch des Philosophen Hans Feger. Auf dem Pausenhof erzählen sie, dass heute ein „echter Philosoph“ kommt! Einige Kinder wollen auch dabei sein und fragen bei uns an. In unserer kleinen Bibliothek ist aber nur Platz für zwei Besucherkinder.  Bis alle da sind, setzen sich die Kinder an den Maltisch. Der Junge, der letzten Dienstag gefehlt hat und auch zuvor erst einmal an unseren Salons teilgenommen hat, ist sichtlich verunsichert und zieht eine von uns zum Sofa. „Was habt Ihr beim letzten Mal gemacht?“, fragt er. Wir stellen ihm die Frage „Wenn jeder Mensch seine eigene Sprache spräche, was wäre dann…?“ Er ist beruhigt und antwortet: „Dann würde sich keiner verstehen.“

Als der Philosoph Hans Feger in die Bibliothek tritt, ist es einen Moment still. Alle Augen sind auf ihn gerichtet. Er grüßt, setzt sich mit an den Maltisch und holt ein Foto heraus, das ihn mit anderen Philosophen in China zeigt. China! Die Spannung wächst. Dann holt er ein dickes Buch aus seiner Tasche: Alexander von Humboldts Kosmos – Entwurf einer physischen Weltbeschreibung (erschienen in fünf Bänden zwischen 1845 bis 1862). Die Kinder drängen sich näher, alle wollen ins Buch schauen.

Als alle Kinder da sind, setzen wir uns in den Kreis. Hans Feger sitzt zwischen den Kindern auf dem Sofa. Er fragt, warum die Menschen denn begonnen hätten, Bücher zu schreiben? „Weil andere auch etwas wissen sollten“, kommt die Antwort. Die Vorteile von Büchern gegenüber der gesprochenen Sprache werden diskutiert. Dann deutet Hans Feger auf den Kosmos und fragt, warum das Buch denn wohl so glitzert? „Gold, Sterne sind da drauf“ „Wunderschön!“, antworten die Kinder. Hans Feger erzählt von den Reisen des Alexander von Humboldt und seinem Wunsch, all sein Wissen in ein Buch zu schreiben. „Dieses Buch ist der Kosmos“. Die Kinder wollen das Buch genauer sehen und merken, dass sie die Schrift nicht lesen können. „Meine Ur-Oma schreibt auch so“, stellt ein Mädchen fest. Als sie hören, dass Humboldt vielen Pflanzen und Bergen Namen gegeben hat, sprühen die Kinder los: „Hat er die Tulpe, Tulpe genannt, oder den Ätna, den Olymp benannt?“ Hans Feger verneint: „Die hatten schon einen Namen. Aber er hat andere Vulkane benannt und sie gezeichnet.“ Wir erfahren, dass Humboldt (1769-1859) ungefähr zu der Zeit gelebt hat, zu der auch der Salon der Madame Geoffrin (1755) stattfand. Das Bild hängt neben der Schule von Athen an unserem Zeitstrahl, unterhalb unserer Fragen-Landkarte. Wir hatten im 2. Salon darüber gesprochen. Die Kinder gucken sich die Menschen noch mal genau an. „Aber das Buch ist doch noch gar nicht so alt, hatten die denn schon Kopierer?“, fragt ein Junge. Eine Debatte, darüber, wie man Bücher geschrieben hat, bevor es Kopierer gab, beginnt: „Ganz früher haben die Menschen in Steine geritzt.“, „Und dann auf Blätter und andere haben die abgeschrieben“[…]. Wir stellen fest, dass wir hier nicht das Originalbuch sehen, sondern eine Kopie, die viel später gemacht wurde.

Sind Philosophen schlau?

Hans Feger fragt, wer denn der erste Philosoph war? Die Kinder schweigen. Dann erzählt er von Sokrates, der der Lehrer der ersten Philosophen war, nämlich von Platon und Aristoteles. Die Kinder freuen sich, weil sie die schon kennen und zeigen auf die Schule von Athen. „Sind Philosophen eigentlich schlau, oder nicht so schlau?“, fragt ein Besucherjunge. Hans Feger: „Manche sind schlau, manche sind aber auch einseitig.“ Das Wort „einseitig“, irritiert den Jungen, er fragt: „Bist Du schlau?“ Hans Feger: „Weiß ich nicht.“ Die beiden debattieren weiter darüber, was es heißt, schlau zu sein. Ein Mädchen mischt sich ein: „Bei den Philosophen sind die Antworten gar nicht so wichtig. Schlau ist, wer die klügsten Fragen hat.“ Schon beginnt eine Diskussion über gute und schlechte Fragen. Die Antworten kommen Schlag auf Schlag: „Warum ist das Weltall groß, die Erde rund […]“, unsere Kinder sind in ihrem Element. Unser schüchterner Junge sitzt lässig neben dem Gast auf der Sofakante und hat das Fragenstellen entdeckt: „Wer hat die Roboter erfunden?“, startet er. Er ist angekommen bei Phil, Sophie & Co, wir freuen uns. Ein Mädchen möchte Hans Feger ihr Phil, Sophie & Co-Tagebuch zeigen, ein anderes Mädchen schaut sich den Kosmos skeptisch an.

Unsere Mal-und Bastelfraktion geht zurück an die Tische. Wir erklären, dass wir heute unsere eigenen Kinderphilosophen-Urkunden basteln wollen. Die goldenen Stifte und Papiere machen glänzende Augen. Jeder bestimmt, wie die Worte „Phil, Sophie & Co“, „Urkunde“ und „für“ angeordnet werden. Darunter kleben einige die ausgeschnitten Figuren Phil und Sophie. Einige malen sich selbst dazu. Wieder gibt es den Moment, in dem alle schweigen und in ihre Tätigkeit vertieft sind. Die zufriedenen Gesichter unserer kleinen Philosophen und Philosophinnen sind schlicht beglückend. Wir fragen, wer sich seine Urkunde von Hans Feger unterschreiben lassen will. Alle rufen „Ich.“ Mit Goldschrift und in Druckbuchstaben haben sie nun die Unterschrift eines „echten Philosophen.“ Bei der Verabschiedung sagt er den Kindern: „Wenn Ihr groß seid, könnt ihr zu mir an die Universität kommen.“ Ein Mädchen antwortet ohne aufzuschauen: „Ich werde lieber Künstlerin“, und malt weiter. Zu Alexander von Humboldt werden wir sicher noch einmal zurückkehren!

2. Salon: Wie wirklich sind Geheimnisse?

Geheimnisse sind magisch. Wir alle wissen etwas, das die Anderen nicht wissen sollen. Ist das vielleicht schon eine perfekte Begriffsdefinition? Ich frage die Kinder nach dem Gegenteil von einem Geheimnis. „Na, wenn es wirklich jeder weiß“, sagt ein Junge. Ein anderer: „Wenn man etwas einfach so sagen kann“. Ein Junge wendet ein, dass es Dinge gibt, die die meisten Menschen ruhig wissen können und nur vielleicht ein einziger Mensch nicht. „Das ist dann trotzdem ein Geheimnis, weil dieser Mensch dann etwas ganz bestimmtes nicht wissen soll“. Ich frage die Kinder, wer von ihnen ein Geheimnis hat. Bis auf einen Jungen gehen von allen Kindern die Hände in die Höhe.

Wie in dem Salon aus dem letzten Halbjahr zu diesem Thema lesen wir die Geschichte „In Wirklichkeit“ von Asa Lind aus „Alles von Zackarina und dem Sandwolf“. Vorweg bitte ich die Kinder, an ein Geheimnis, das sie entweder für sich alleine haben, oder mit jemandem teilen, zu denken. Welches Gefühl entsteht dabei? Hat das Geheimnis eine Farbe? Eine Form? Gibt es ein Symbol, das dazu passen könnte? Während des Vorlesens malen die Kinder, was ihnen zu diesen Fragen einfällt. Die meisten scheinen an etwas zu denken, was sie nicht belastet, ein Junge malt ein lachendes Gesicht, ein Mädchen sich selbst mit winkenden Armen in einem Regen aus Ausrufezeichen.

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 Im Anschluss überlegen wir: Darf man Geheimnisse verraten? Muss man es vielleicht sogar? Unter welchen Umständen darf man etwas für sich behalten und wann darf man eine Sache guten Gewissens ausplaudern? „Es gibt gute und schlechte Geheimnisse“ meint ein Junge, „und die guten darf man ruhig sagen“. „Nein“, sagt ein anderer, „du musst die schlechten sagen! Wenn jemand was Schlimmes getan hat, dann musst du das sagen!“. Wir sammeln Beispiele für gute und schlechte Geheimnisse und Gründe, die für oder gegen das Verraten sprechen.

Danach denkt jedes Kind noch einmal an sein spezielles Geheimnis und ich bitte die Kinder, diese Geheimnisse in ihre Tagebücher zu schreiben und fest zu übermalen und zu verkleben. Alle geben sich große Mühe, das Geheimnis gut zu verstecken. Ich erzähle dabei von Bankgeheimnissen und Staatsgeheimnissen und dass angeblich auch die Rezeptur von Coca-Cola so geheim ist, dass sie in einem Tresor verwahrt wird. Möglicherweise wäre das Coca-Cola-Rezept oder ein spezielles Staatsgeheimnis aber auch gut in den Tagebüchern der Kindern aufgehoben: fest unter zahllosen bunten Klebestreifen verborgen und für immer vor der Welt versteckt.

1. Salon: Ein Sack voll Fragen

Mit Beginn des neuen Schulhalbjahres starten die Salons an der Grundschule Rothestraße mit einer neuen Gruppe: Zehn Kinder aus verschiedenen Klassen der Stufe vier kommen mit zum teil sehr präzisen Vorstellungen in die Schulbibliothek, in der unsere Salons von nun an stattfinden.

Dass Philosophie nichts ist, was alten Männern mit grauem Bart vorbehalten ist, wissen sie bereits. Dass man zum Philosophieren kaum mehr braucht, als den eigenen Kopf und das Staunen über die Welt, das wissen sie auch. Dass es darüber hinaus von Vorteil ist, in einer Gruppe zusammen zu sein, um gemeinsam über eine knifflige Frage nachzudenken, leuchtet allen ein, auch, wenn sie das so noch nie gemacht haben. Aber – ist jede knifflige Frage schon philosophisch? Bedeutet „Philosophie“ schlichtweg, dass man nur schwer auf eine Lösung kommen kann? Mitnichten. Zum Philosophieren gehört vielmehr, dass sich durch das Nachdenken überhaupt keine eindeutigen, unerschütterlichen Erkenntnisse ergeben, sondern zunächst einmal eine Reihe neue Fragen. Und dass man sich nach der Erkenntnis zwar strecken kann, dass man sie möglicherweise aber nie erreicht. Denn Philosophieren, das bedeutet: Liebe zur Weisheit. „Das heißt also, dass man etwas wirklich, wirklich rausfinden will!“ ruft ein Junge. In der Tat.

Ein Sack voll Fragen.

Um ein Gefühl dafür zu bekommen, womit wir es in den kommenden Monaten in den philosophischen Salons zu tun haben, sammeln wir, was man denn mal so alles rausfinden könnte. Den Kindern brennen vor allem Fragen zur Erde und zum Universum unter den Nägeln, Fragen also, die von Wissenschaftlern, die sich in ihrer Disziplin gut auskennen, mit Hilfe von Versuchen, Berechnungen und Beobachtungen recht eindeutig im Rahmen der Wissenschaft beantwortet werden können: „Wie heiß ist Feuer?“ fragt sich ein Kind aus der Runde zum Beispiel, oder: „Woraus ist Luft gemacht?“. Ein anderes Kind fragt: „Was kommt nach dem Tod?“. „Wen könnten wir danach fragen?“ frage ich zurück, „Gibt es einen Wissenschaftler, der das erforschen könnte?“. Die Kinder sind ratlos. Ein Arzt vielleicht? Und wenn der Arzt uns sagt, dass nach dem Tod nichts kommt – können wir das dann wirklich glauben?

Alle Fragen aus der Runde werden auf Klebezetteln notiert und auf die Fensterscheibe geklebt. Nach und nach sortieren wir sie in „Fragen an Wissenschaft und Forschung“ links vom Fensterriegel und in „Fragen an die Philosophie“ nach rechts. Und so langsam wird allen klar, wohin uns die Reise führt.

Bin ich eine Welle, ein Baum in einem dichten Wald oder vielleicht eine Blumenwiese?

Die Zauberblume

Die Zauberblume

In die Mitte des Kissenkreises stellen wir heute eine Kerze im Glas und hoffen, die doch am Anfang der Salons zumeist recht unruhigen Kinder etwas vorweihnachtlich-bedächtig zu stimmen. Für den Raumduft wählen wir ein ätherisches Öl, das nach Zimt und Orangen riecht. Die nacheinander eintreffenden Kinder schauen auf die Kerze und reden über das anstehende Weihnachtskonzert. Dann erinnern wir sie an die getrockneten Blüten aus dem Gewächshaus. Klebstoff und die Stifte stehen zur Verfügung. Wer seine Blüte vergessen hat, bekommt eines der von uns mitgebrachten Blättchen.

Als alle da sind, eröffnen wir den Salon mit einem Triangle-Klingen und sprechen bewußt leiser. Wir greifen die Frage aus dem Gewächshaus noch einmal auf: „Sind Pflanzen lebendig?“ Diesmal ist ein einhelliges „Ja“ die Antwort. Wir fragen, was denn noch alles lebendig ist. Es folgen: „Bäume, Büsche, Menschen, Kinder, Tiere – die Welt.“ Das Mädchen, das im Gewächshaus von lebendigen Geistern gesprochen hat, begründet ihre Aussage: „Im Traum hab‘ ich Geister gesehen, und da sind die lebendig.“ Ein anderes Mädchen hat ein Gedicht über eine Zauberpflanze mitgebracht und liest es vor. Ein drittes, recht leise sprechendes Kind, möchte ihr mitgebrachtes Buch zeigen. Da sie auf einem Hocker sitzt, rückt sie sich etwas mehr in die Mitte, fragt uns: „Bin ich jetzt im Kreis?“ und startet nach unserer Bestätigung: „Da sind lebendige Tiere drin.“ Sie zeigt Bilder mit Giraffen, Löwen usw. und ist sichtlich stolz. Ein Junge, der sich etwas abseits auf eine Bank gesetzt hat ruft: „Im Gewächshaus sind gar keine Tiere!“ Ein agiles Mädchen springt aufs Sofa und hüft: „Doch, Ameisen, Würmer und Flöhe und die sind lebendig, die springen!“ Sie lacht. „Na, dann sind die Pflanzen aber nicht lebendig, die bewegen sich nicht!“, kommt der Einwand von einem Kind. Ein anderes kontert wiederum: „Klar bewegen die sich, die wachsen ja und bewegen sich, wenn der Wind in sie reinbläst.“ Vorweihnachtliche Ruhe ade! Einige unserer Kinder können nur in Bewegung philosophieren, das ist eine sichtbare Tatsache.

Charakter-Karten

Wir legen die vorbereiteten „Charakter-Karten“ in die Mitte und fragen: „Welches Bild passt zu Euch, wie fühlt ihr Euch oder wie möchtet ihr sein?“ Wir verbalisieren die Karten: „Wie ein kräftiger Baum mit vielen Ästen und tiefen Wurzeln, oder ein kleines Bäumchen, umgeben von anderen? Wie eine starke Welle? Wie eine stolze Rose? […]“ Die Kinder überlegen länger. Der Junge von der Bank kommt in den Kreis, greift sich die Welle und entwischt wieder. Nacheinander begründen die Kinder ihre Entscheidung. Das „Tierbuch-Mädchen“ hat den buckligen asiatischen Berg gewählt: „Ich bin ein Berg, auf dem die Menschen wandern können.“ Sie schaut versunken auf ihre Karte. „Ich bin eine Unterwasserblumenwiese“, ruft ein Mädchen. Ein anderes: „Ich bin eine Rose und die Menschen freuen sich, weil ich so schön bin.“ Die Wahl eines gelb-roten Farbfeldes von Mark Rothko begründet unsere „Kugelmenschen-Malerin“: „Ich bin kein Sonnenuntergang, ich bin die Liebe.“ Auf Ansprache ruft unser „Wellen-Junge“: „Ich bin ein Tsunami, eine riesige Welle.“ Ob sich die Menschen denn noch retten könnten vor der Welle, fragen wir. „Die Piraten nicht, ich hasse Piraten“, er rennt einmal durch den Raum und setzt sich wieder. Keiner will seine Karte wieder abgeben, keiner will „mit einem Segelboot in die weite Welt“! Manche Kinder wollen nicht reden.

In einer zweiten Runde legen wir samtige, flauschige, raue, glitzrige und gold-edelsteinerne Karten in die Mitte. Die Kinder fühlen und schauen. Man sieht, dass sie ihre Wahl mehr spüren, als verbalisieren. Unseren „Wellen-Jungen“ holen wir zurück in den Kreis, nehmen ihn an die Hand, dann neben uns in den Arm. Das wirkt für ein paar Momente. Er greift zielsicher das braune Bärenfell und – ist gut gelaunt wieder auf seinem Außenposten. Auf die Bitte eines Mädchens kommt er zurück und leiht ihr für einen Fühl-Moment seine Karte. Das Angebot, selbst Karten zu gestalten – mit all dem Glitzer und Kuschel – lassen sich unsere Philosophen und Philosophinnen nicht zwei Mal machen. Da sind sich alle einig. Und schon Momente später ist es ganz still im Raum.  Es wird kaum geredet, alle malen, schneiden und kleben – auch der „Wellen-Junge“! 

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Als das Mädchen, das beim letzten Mal gefragt hatte, was die Seele sei, gerade mit einem Buch etwas abseits sitzt, kommen wir auf ihre Frage zurück. Sie freut sich und sagt, dass sie das jetzt schon weiß: „Gefühle!“ Wir sind erstaunt über die prägnante Antwort und erzählen noch etwas mehr von den verschiedenen Vorstellungen der Seele auf der Welt. Obwohl man die Seele nicht sehen könne, gäbe es aber doch Bilder, die sich die Menschen bereits vor mehr als 4000 Jahren von ihr machten. Wir zeigen ihr eine Konturzeichnung des Seelenvogels Ba aus dem ägyptischen Totenbuch. „Damals glaubte man, wenn ein Mensch stirbt, würde seine Seele als Vogel den Körper verlassen und weiterleben“, erklären wir. In diesem Moment kommt ihre Mutter, um sie abzuholen. Das Kind zeigt ihr fröhlich das Bild. Die Mutter ist ganz angetan von der bedächtigen Betriebsamkeit im Raum. Wir auch.

Wozu brauche ich Freunde?

„Freundinnen müsste man sein…“ heißt es in einem Lied von Funny van Dannen. Und tatsächlich gibt es so unglaublich viele Dinge, die man mit Freunden tun kann. Aber könnte man das alles nicht auch genauso gut alleine machen? Ab wann ist jemand, den man kennt, ein Freund? Und was muss er mitbringen, um nicht einfach nur irgend jemand zu sein, sondern eben ein ganz besonderer Mensch, mit dem wir befreundet sein wollen? Müssen wir unsere Freunde dauernd treffen oder können sie auch am anderen Ende der Welt wohnen?

Kugelmensch

Wir hören die Geschichte von Platons Kugelmenschen, die mit ihren vier Armen und Beinen beneidenswert gut ausgestattet waren. Sogar von den Göttern wurden sie beneidet – und schließlich in zwei Hälften geteilt, die sich fortan nacheinander sehnen. Diese Sehnsucht kennen viele Menschen und manche behalten sie ihr Leben lang. Heißt das, dass wir ohne einen anderen Menschen unvollständig sind?

In Shel Silversteins Geschichte „Die Geschichte vom Missing Piece“ wird eine Variante des Kugelmensch-Mythos erzählt: Ein Kreis sucht sein fehlendes Stück, findet es schließlich, und lässt es nach einer gemeinsamen Zeit wieder los. Wir lesen das Buch und überlegen: Ist die Sehnsucht nach einem perfekten Partner vielleicht eigentlich ganz schön?

„Ein Freund hat etwas, das du brauchst“, sagt ein Junge in der Runde. „Und was du brauchst, das ändert sich“. „Ja“, ergänzt ein Mädchen, „wenn du deine Sorgen loswerden willst, zum Beispiel. Dann kann dir dein Freund sagen, dass alles nicht so schlimm ist“. „Ein Freund oder eine Freundin muss dich verstehen, dafür muss er oder sie so ähnlich sein wie du“, merkt ein anderes Mädchen an. „Aber auch verschieden!“ ruft ein Junge, „sonst wäre es langweilig“.

In die Ausstanzungen kleiner Papierstücke schreiben die Kinder, wozu sie jemanden brauchen, was zu zweit einfach schöner ist als allein. Auf die ausgestanzten Papierkreise notieren sie, wer diese Person ist oder wie er oder sie sein sollte. Die meisten Kinder sind außerdem nachhaltig begeistert vom Kugelmensch und malen ihre Vorstellung davon in ihre Arbeitsbücher.

„Ein Freund muss zu dir passen, du kannst nicht einfach mit jedem befreundet sein“, bemerkt ein Junge abschließend. „Ein Freund ist wie ein Teil von Dir. Das kann man nicht immer erklären. Aber fühlen kann man es schon“.