13. Salon: Was ist Vergangenheit für mich?

Ziele des Salons:

  • Verknüpfung von eigener Erinnerung (11. Salon) und kollektiver Erinnerung (Spuren des 2. Weltkriegs in der Kunstkaserne (12. Salon)
  • Im Atelier: Emanzipation vom ‚schönen Bild‘

Verlauf des Salons:

In der Mitte des Kissenkreises liegen heute Abbildungen der Kunstkaserne aus dem Jahr 1902, von Gerhard Richters „Tante Marianne“ und des „Roten Craquelés“ von Gabriele Heidecker. Als uns ein Mädchen, das drei Wochen wegen einer Mutter-Kind-Kur gefehlt hat, eine Karte mitbringt, legen wir sie dazu, bis alle Kinder eingetroffen sind.

Nach unserem Begrüßungsritual „Wir sind ein starkes Team!“ und einem Erlebnisbericht von der Insel Langeoog – wir erklären das Wort ‚Kur‘ –  fragen wir nach dem Thema des heutigen Salons. Die Kinder schauen auf die Bilder und reden zunächst wild durcheinander. Sie finden mit etwas Hilfe zu einer Rednerordnung. Ein Mädchen weiß noch den Namen des Malers Gerhard Richter und ist sichtlich stolz. Ein anderes liest den Namen der Künstlerin aus der Kunstkaserne vor: Gabriele Heidecker. Wir resümieren, dass wir uns in den letzten Wochen damit beschäftigt haben, wie man Erinnerungen an etwas Vergangenes malen kann und fragen: „Welche Spuren der Vergangenheit habt ihr in der Kunstkaserne gesehen?“ „Die Wände waren ganz schwarz!“, startet ein Kind. „Ja, und die Tür war verbrannt“, ergänzt ein anderes. Wir erinnern daran, dass dort im Krieg eine Bombe eingeschlagen ist. Auch die Risse in den Wänden werden erwähnt – „da hat das ganze Haus gewackelt und Menschen sind gestorben.“ Ein Kind erzählt von ihrem letzten Museumsbesuch: „Da stand eine Schüssel vor dem Museum und da waren auch Löcher drin vom Krieg“ (Granitschale  des Steinmetz Johann Gottfried Cantian, 1826, vor dem Alten Museum, Berlin). Wir  bestätigen ihre Beobachtung und nennen den Namen des Museums.

Als wir nun die in Farbe und in Schwarzweiß kopierten Bilder aus dem 11. Salon (siehe 8. Mai 2012) verteilen, können die Kinder den Zusammenhang selber herstellen: „Da haben wir uns an etwas erinnert und dann die Fotos gemacht!“, kommentiert ein Mädchen. Die Kinder erzählen noch einmal ihre Erinnerungsgeschichten in Kurzfassung. In Korrespondenz zu den Bildern von Gerhard Richter haben wir bewusst die verwackelten Bilder ausgewählt. Zur Inspiration für ihre eigenen Übermalungen zeigen wir Bilder von Arnulf Rainer und Andy Warhol.

Ich bin am Meer

Darauf, dass wir die schwarzweißen Bilder auf normalem Druckerpapier und etwas streifig kopiert haben, um die Hemmschwelle zum Übermalen zu verringern, reagieren die Kinder unterschiedlich. Die meisten Kinder erkennen die Parallele zu den Wischspuren auf den Bildern von Richter und wollen gleich mit dem Übermalen beginnen. Ein Mädchen möchte sich lieber selber malen und die Kopie unverändert lassen. Ein anderes klebt ihr kleines farbiges Bild in ihr Buch und malt „das Meer“ drum herum. Dann möchte sie sich in Ruhe den Katalog zur Sammlung Marx (Hamburger Bahnhof) anschauen und versinkt tief in die Bilder abstrakter Malerei.

Die streifigen Kopien rufen bei einem Kind eine unerwartete, aber naheliegende Assoziation hervor: „Wir schauen uns Zuhause manchmal Filme von Buster Keaton an. Die sind ganz alt und haben auch manchmal solche Streifen.“ Wir bekunden unsere Freude über diese Idee. Zufrieden nimmt die den Stil von Andy Warhol auf.

Ich finde mich hässlich

Ein anderes Kind bekundet lauthals ihren Unmut: „Das Bild von mir ist hässlich. Ich seh‘ da hässlich aus. Ich will das nicht haben.“ Sie deutet an, es durchreißen zu wollen. Andere Kinder versuchen sie zu stoppen: „Das ist gar nicht hässlich. Wenn Du das durchreißt, ärgerst Du Dich vielleicht hinterher.“ Murrend beginnt das Kind zu malen, startet aber schon bald die zweite Klagearie: „Das sieht doof aus, ich will das nicht.“ Kinder zeigen ihr die eigenen Bilder und wollen ihr Ideen geben. Es nützt nichts. Wir schlagen vor, dass sie uns das Bild schenken könne, Kunst müsse doch nicht immer schön sein. Wir erinnern an Arnulf Rainer. Sie zerknüllt das Bild und übergibt es einer von uns. Dann nimmt sie ein Blatt und malt es mit Tusche schwarz. Ihre Aggression ist für alle spürbar, wird aber geduldig mitgetragen. Auf ihr drittes Bild malt sie mit Buntstiften eine zarte hellblaue Wolke und schreibt „GOTT“ darunter. Sie kommt zu uns und möchte, dass wir das Bild fotografieren, „Aber nicht das Wort da unten aussprechen!“, befiehlt sie. Wir versprechen es und machen ein Foto. Eine von uns sagt: „Ich kenne ein Lied, in dem das Wort vorkommt. Sie möchte es hören. Die Melodie scheint sie etwas freundlicher zu stimmen. Auch am Tisch beginnen die Kinder ein Lied aus der Schule zu singen. Bis auf unser Kind, das heute wohl einen ‚schwarzen Tag‘ hat, sind alle amüsiert und konzentriert mit ihren neu belebten Erinnerungsporträts beschäftigt. Ein Mädchen, das sich ansonsten eher zaghaft an eigene Bildideen herantastet, ist heute extrem mutig und bohrt sogar ein Loch in den Mund ihres clownequen Porträts. „Ich hab‘ heute einfach mal drauflos gemalt“, erzählt sie beschwingt. „Ich finde das gut.“ Wir bestärken sie und erzählen, dass viele Künstler so arbeiten würden und sich dann selbst wundern, was daraus entsteht. Sie freut sich.

Mit Heiligenschein und Flügeln

Beim Aufräumen kommt ein Kind zu uns und sagt mit kraftvollem Stolz: „Heute haben wir viel gearbeitet!“ Wir stimmen ihr zu.

Resümee

Die Kinder des Salons teilen ‚Freud und Leid‘ miteinander. Diese empathischen Verbindungen konnten nur entstehen, weil unser Salon bereits ein zweites Schulhalbjahr andauert und nicht auf eine Stunde begrenzt ist. Dass dies möglich ist, obwohl die Kinder aus unterschiedlichen Bildungshintergründen kommen, unterstreicht den Wert eines philosophischen Salons an einer Grundschule.

Die Begriffe ‚Vergangenheit‘ und ‚Erinnerung‘ haben die Kinder im wahrsten Sinne des Wortes begriffen. Den Abschied vom ‚schönen Bild‘ meisterten fast alle mit Freude. Das Mädchen, das noch damit hadert, begleiteten sie geduldig in ihren Gefühlsausbrüchen.

Der Satz: „Heute haben wir viel gearbeitet!“, zeigt, dass den Kindern durchaus bewusst ist, was sie hier freiwillig leisten. Arbeit ist in diesem Sinne voll und ganz positiv besetzt.

Mein Bild ist auch ein bisschen unheimlich

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Ich finde mich schön

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Lustig

12. Salon: Wo einst Soldaten wohnten. Exkursion zur Kunstkaserne am Südkreuz

Ziele des Salons:

  • Nachdem wir uns im letzten Salon dem Begriff des Erinnerns und dem Phänomen des Erinnerungsbildes (Gerhard Richter „Tante Marianne“, 1965) angenähert haben, besuchen wir mit der Kunstkaserne einen Ort, in dem die Vergangenheit – der Krieg – seine Spuren hinterlassen hat, d. h. einen Erinnerungsort.

Verlauf des Salons:

Bis alle Kinder eingetroffen sind, malen und kleben wir eine Danke-Schön-Karte für unsere Gastgeber in der Kunstkaserne. Alle Kinder unterschreiben. Sie sind bestens gelaunt und freuen sich auf den Ausflug. Im Taxi reden wir darüber, was eine Kaserne ist und fragen, was die Kinder vom Krieg wissen. Unser Junge erzählt von Ländern, in denen es Krieg gab. Ein Mädchen ist verunsichert: „Aber hier ist jetzt kein Krieg, oder?“ Wir beruhigen sie und betonen das Glück darüber, dass wir in einem Land leben, in dem Frieden herrscht. Unser Junge: „Krieg ist, wenn sich Leute nicht einigen können. Dann schießen die sich tot.“ Er erzählt von seinem Computerspiel, „in dem man die toten Soldaten neu erfinden kann“. Ein Mädchen wirkt empört: „In echt sind die dann aber wirklich tot und das ist schlimm!“ Wir stimmen ihr zu.

In der Kunstkaserne begrüßt uns die Künstlerin Gabriele Heidecker und führt uns durch die Ausstellungsräume. Vor einer quadratischen Vertiefung in der grob verputzten Wand bleiben wir stehen. Was das denn wohl sei, fragt unsere Gastgeberin die Kinder und deutet auf die Einkerbungen auf der unteren Kante. „Das ist für Farben!“, ruft ein Mädchen. Gabriele Heidecker verneint. Nach ein paar Stichworten erraten sie, dass es sich um einen gemauerten Gewehrschrank handelt. Anhand der Stellplätze in den Gewehrschränken könne man schätzen, wie viele Soldaten hier gelebt hätten. Die Vorschläge der Kinder starten bei acht und führen bis zu 1000. Es wären ungefähr 240 Soldaten gewesen, erfahren wir.

Als nächstes führt unser Weg in einen Raum mit verkohltem Türrahmen und geschwärzter Decke. Wir bekommen erzählt, dass hier im zweiten Weltkrieg eine Bombe eingeschlagen ist. Nun geht die Spurensuche an den Wänden weiter. Risse werden befühlt, loser Putz abgeknibbelt. Einige Kinder inspizieren sehr genau die ausgestellten Installationen und Bilder. Insbesondere die Bilder aus rotem Lack und schwarzem Teer „Rote Craquelés“ (1995-2000) faszinieren sie. Sie wollen ganz genau wissen, welche Materialien verwendet worden sind und warum die Künstlerin die Werke geschaffen hat. Mit Begeisterung sammeln sie die heruntergefallenen schwarz-roten Teer-Lackstückchen ein und befühlen sie. Jedes Stückchen hat eine andere Form. Die Kinder beginnen Gesichter und anderes zu assoziieren. Jedes Kind darf sich ein Stückchen mitnehmen.

Nun betreten wir die Spiegelinstallation „Virtual Place“ (2002). Wir erinnern die Kinder daran, bitte vorsichtig zu sein! Zunächst schauen wir uns den Raum an. Anhand des Sockels und der Ofenrohröffnung ist noch genau zu erkennen, wo früher der Ofen stand. Gabriele Heidecker erzählt, dass die fehlenden Bretter am Boden zum Heizen verwendet wurden, weil es nach dem Krieg kaum Heizmaterial gab. Dann stellen sich jeweils zwei Kinder in die Mitte der Installation und beschreiben, was sie in den Spiegeln sehen. Nach und nach erkennen sie, dass es auf der einen Seite scheinbar endlos abwärts, auf der anderen Seite aufwärts geht.

Die Kinder sind erschöpft und haben Durst. Wir gehen ins Wohnzimmer der Künstlerin, die Getränke und Gebäck vorbereitet hat. Am Boden im Kreis sitzend, kehrt zufriedene Stille ein. Einige Kinder fragen, ob sie nun malen könnten, doch leider reicht die Zeit nicht mehr. Wir vertrösten auf den nächsten Salon. Zum Abschluss bekommt jedes Kind eine Karte, auf der die Arbeiten von Gabriele Heidecker und Marosch Schröder zu sehen sind: „Zur Erinnerung!“ In den Händen hält jedes Kind ein rot-schwarzes Erinnerungsstück.

Resümee

Die Kriegsvergangenheit Berlins hat für die Kinder ein Gesicht bekommen. Das Wort Kaserne kannten einige zuvor nicht. Da die ausgestellten Installationen und Bilder ebenfalls Prozesse der Vergänglichkeit und des Zusammenfalls von Raum und Mensch sicht- und erfahrbar machten, konnten die Kinder Geschichte als etwas erleben, in das sie involviert sind. Zudem haben sie eine Art des Wohnens inmitten von Kunst kennengelernt.

5. Salon: Was kann ich und was könnte ich können?

Jeder kann etwas. Das steht fest. Und jeder kann etwas nicht, auch das haben alle schon einmal erfahren. Oft ist es leichter, Dinge zu benennen, die wir nicht können, als etwas, worin wir uns ganz schön gut finden. Aber warum eigentlich? Weil es so vieles ist, was wir nicht beherrschen? Oder weil es uns einfach schwer fällt, etwas an uns selber richtig toll zu finden, obwohl es vielleicht andere gibt, die das noch toller können?

Auf die Frage, wer etwas richtig gut kann, gehen die Hände der Kinder erst nur sehr zögerlich in die Höhe: „Nichts tun“, sagt ein Junge, „Meine kleine Schwester ärgern“ ein anderer, aber auch „klettern“, „lesen“, „mir Sachen merken“ und „kochen“.

Wir schauen uns das Buch „Sehr berühmt“ von Philip Waechter an und überlegen, wofür es sich lohnen könnte, sich anzustrengen und auch mal Niederlagen in Kauf zu nehmen.

Kaum ein Kind hat exotische Wünsche an das eigene Können. Die meisten knüpfen an vorhandene Fähigkeiten und Interessen an und würden das, was sie bereits schon ganz gut können, gerne noch etwas besser können: „Ich würde einmal gerne richtig gut kochen können“ erzählt ein Mädchen, „ich glaube, das würde mir dann richtig viel Spaß machen und anderen auch, die könnten dann bei mir essen“. – Wann wird das sein? Was müssen wir tun, um eine Sache immer besser zu können? „Auf jeden Fall muss ich noch geduldig sein, denn ich bin ja noch nicht erwachsen und Kinder können meistens noch nicht so gut kochen“.

Ein Junge erzählt, dass seine Mutter schon zwei Kochbücher geschrieben hat. Alle sind sich einig, dass sie dann wohl sicher eine sehr gute Köchin ist und das lange Zeit geübt hat. Aber könnte jemand auch dann schon gut kochen, wenn es nur ihm selbst schmeckt? Reicht das aus? Oder müssen noch andere derselben Meinung sein? Und gilt das auch für andere Fähigkeiten?

Aus vorgefertigten Materialien dürfen sich diejenigen Kinder, die der Meinung sind, dass sie irgendetwas richtig gut können, einen Orden basteln. Alle sind dabei. Ich schlage vor, die Orden in das Arbeitsbuch zu kleben aber einige heften ihn sich lieber gleich mit Tape an die Brust. Verdient ist verdient.

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Anschließend tauschen wir uns noch ein wenig aus: „Ich wäre gerne besser in der Schule, dann würde mir alles auch mehr Spaß machen“, sagt ein Junge, „aber es macht mir halt nicht so viel Spaß jetzt und deshalb kann ich auch nicht besser werden“. Aber steht der Spaß wirklich am Anfang einer guten Leistung? Was müssen wir eintauschen für unser Können? „Auf jeden Fall Zeit“ sind sich alle einig, „Und Nerven!“, gibt ein Junge zu bedenken. „Manchmal auch Geld“, sagt ein Mädchen, „man muss ja ab und zu auch mal jemanden bezahlen, damit er einem was beibringt“. Und muss vielleicht das Schicksal bisweilen ein bisschen nachhelfen? „Man muss halt üben, aber man braucht immer auch ein bisschen Glück“. Und wo das Glück hinfällt, da findet man dann manchmal auch das eigene Können – und umgekehrt. Und wenn nicht, dann könnten wir ja einfach noch eine Weile weiter danach suchen.

7. Salon: Was ist mein liebstes Bild!

Ziele des Salons:

  • Vertiefung der Genese eines Bildes. Wie wird aus einer Idee ein Bild?
  • Selbstreflexion: Was ist mein liebstes Bild und welche Technik ist für die Visualisierung meiner Idee passend?
  • Horizonterweiterung und Stärkung des Selbstvertrauens: Verortung der eigenen Bilder in der Welt der Kunst
  • Resümee: Welche Bilder in meinem Phil, Sophie & Co-Tagebuch gefallen mir, welche möchte ich überarbeiten, damit sie mir gefallen?

Ich bin Tintenfisch-Tarik

Ablauf des Salons:

Unsere ca. 20-minütige Vorbereitungs- bzw. Umgestaltungsphase der Bibliothek (siehe Kommentar 2012: Rituale der Phil, Sophie und Co-Salons) nutzt insbesondere unser kleiner Philosoph für einen intensiven Austausch mit uns. Da er erst im laufenden letzten Halbjahr dazukam, können wir ihn in dieser Zeit anregen, sich mit den Seiten in seinem Phil, Sophie & Co-Tagebuch zu beschäftigen, die bei den anderen Kindern schon gestaltet sind. Heute ermuntern wir ihn, sich eine Form der Selbstdarstellung für die erste Seite zu überlegen. Nein, er möchte sich nicht so malen, wie er wirklich ist. Er möchte einen Tintenfisch malen, weil er doch der „Tintenfisch-Tarik“ ist. Erst traut er sich dies nicht zu, aber nach einem nur angedeuteten und sehr einfachen Umriss von uns, malt er differenzierend weiter. Danach startet er gleich sein zweites Bild: „Jetzt male ich eine Krake, die hat aber einen spitzen Kopf!“ Er malt konzentriert, während wir um ihn herumräumen. Als weitere Kinder eintreffen, setzen sie sich gleich an den Tisch und in kürzester Zeit entstehen mehrere bunte Kraken. Unser Junge genießt das Interesse.

Im Kissenkreis begrüßen wir unseren Besuch, eine Praktikantin der Schule. In unserem Spiel „Wir sind ein starkes Team“ ist sie die „irre Iris“. Das Kind, das beim letzten Mal mit „Dobar dan“ gegrüßt hat, weiß heute auch, wie die Heimat ihrer Mutter heißt: Serbien. Sie wählt auch in dieser Runde die Sprache. Ansonsten ist „Bonjour“ sehr beliebt. Wir erklären die Wortanteile „bon“ und „jour“.

In der Mitte des Kissenkreises liegen heute ein Skizzenbuch und eine Zeichnung mit mehreren Gesichtern, die sich aus geschwungenen Linien formieren. Wir schauen die Skizzen nacheinander an. Ein Mädchen fragt verwundert: „Aber da sich ja gar keine Menschen in dem Buch?“ Wir erinnern an Birgit Rieger, wie sie ihre Hexe Lilli erfunden hat. Ein anderer Weg, seine Ideen sichtbar zu machen, wären Formen und Linien, ganz ohne Menschen, erklären wir. Wir verweisen auf die Ornamente eines Mädchens im Kreis. Sie freut sich über die Aufmerksamkeit. Als wir dann nach den liebsten Bildern der Kinder fragen, wollen die meisten Kinder sie lieber malen, als darüber reden.

Mein liebstes Bild

Nur ein Mädchen besteht darauf, uns von ihrem Bild zu erzählen, da sie es „extra zu diesem Thema mitgebracht hat“. Sie legt das Bild in die Mitte und beschreibt nun die Details und auch die Maltechnik. Ihre Landschaft mit drei Menschen (eine Person ist sie selbst), drei Schmetterlingen, einem Regenbogen, einem Hasen und einem Vogel wirkt idyllisch. „Und dann hab‘ ich bis abends gemalt und am nächsten Tag im Hort habe ich weitergemalt. Und das ist mein liebstes Bild,“ schließt sie ihren Bericht. Nun sind die anderen nicht mehr zu halten und strömen an die Arbeitstische. Fast alle wissen sofort, was sie malen wollen und was sie dafür brauchen. Wir assistieren. Wasser für die Aquarellstifte wird in Schalen gefüllt. Unser Junge klebt seine Krake ein. Ein Mädchen zeigt ihre durchgepauste Hexe Lilli, die ihr gar nicht gefällt.

Was mir zunächst nicht gefiel, wird mein liebstes Bild

Einige Linien sind ihr verrutscht. Wir regen an, die Zeichnung noch weiter auszuarbeiten und das Bild zu kolorieren. Bei der Künstlerin Claudia Rößger hätte man auch noch die Linien gesehen, gegen die sie sich letztendlich entschieden hätte. Wir fänden das spannend, weil man doch so gleich mehrere Bilder in einem sehen würde. Die nächste Stunde ist das Kind ganz vertieft in ihr Tun. Das Ergebnis verblüfft uns. Traumgleich hingehaucht schauen wir in die pastellfarbene Ideenwelt der Hexe Lilli. Die suchenden Linien spiegeln den Kraftaufwand wieder, den ein solch kreativer Akt erfordert. „Und heute habt ihr mir fast gar nicht geholfen!“, triumphiert die kleine Künstlerin. Wir stimmen zu und wissen genau, dass sie gerade an ihr verzweifeltes Ringen um ihr Bild am Faschings-Salon denkt (siehe 3. Salon 2012).

Ein Kind zeigt uns ihre Art Bilder zu erfinden: Sie übersät zunächst das Blatt mit Punkten, die sie anschließend verbindet. „Und dann schaue ich auf das Bild und überlege mir, was das sein könnte.“ Und genau das tut sie dann auch. Unserer „8-Welt“-Zeichnerin (siehe 22. November 2011) haben wir zwei kleine kopierte Bilder von Antoni Tàpies und ein Porträt des Künstlers mitgebracht. In ihrem wiederholt artikulierten Hang zu Zahlenmetaphorik, abstrakten Formen, aber auch zu abstrakten Bildern (siehe „Das rote Haus verschluckt das Meer“am 20. Dezember 2011) zeigen sich Parallelen zum Werk des spanischen Informell-Malers. Wir stellen ihr den Künstler kurz vor und fragen, ob ihr die Bilder gefallen. Sie lächelt und möchte sie gleich in ihr Phil, Sophie & Co-Tagebuch einkleben. Zunächst möchte sie aber den Namen des Künstlers schreiben. Das Mädchen neben ihr, hilft ihr bei der Anordnung von Bild und Schrift. Wir freuen uns über diese sensible Kommunikation. Zumeist sind die anderen Kinder eher irritiert von den nicht-figurativen Bildern. Nun ist es eher ein Staunen und ein Interesse. Als die Bilder eingeklebt sind, möchte die Malerin, dass wir ihr Bild fotografieren. Die Leerstelle über dem „Blau, was das Rot trifft“, möchte sie im nächsten Salon gestalten. Als ihre Mutter kommt, sagt sie leise: „Ich möchte noch mehr Bilder von dem Künstler sehen.“ Wir versprechen, ein Buch auszuleihen und es mitzubringen.

Auch der berühmte spanische Künstler Antoni Tàpies baut ein rotes Haus am Meer

Resümee:

Die Schritte von einer ersten Ideenfindung hin zur Visualisierung, sind den Kindern nun sowohl über die figurative Zeichnung (Birgit Rieger), als auch über die frei-geschwungene Linie (Viktor Krowas) oder ein Vernetzen von Punkten (Heima) vertraut. Um an die sichtbare Freude der Kinder an einer Optik des Verschwimmens anzuknüpfen und den Mut zum experimentellen Malen zu fördern, haben wir heute entschieden, dass wir mit den Kindern nach den Ferien ausgewählte Werke der derzeit in der Nationalgalerie gezeigten Bilder von Gerhard Richter per Powerpoint anschauen werden. Leider ist die Ausstellung bereits ausgebucht, so dass wir sie nicht direkt besuchen können. Auf Korrespondenzen zwischen den Werken bildender Künstler und den Bildern der Kinder wollen wir auch in Zukunft eingehen. So selbstverständlich wie sie sich mittlerweile mit ihren Ideen in der Geschichte des Philosophierens verorten, so möchten wir ihnen auch eine nachhaltige Wertschätzung gegenüber ihren Bildern vermitteln.

Mein eigener Phil von Phil, Sophie & Co

6. Salon: Im Phil, Sophie & Co-Atelier. Wir blicken zurück.

Ziel des Salons:

Da die Kinder in den letzten zwei Salons sehr viele neue Informationen bekommen und neue bildkünstlerische Techniken gelernt haben, möchten wir uns heute Zeit für ihre Wahrnehmungen und Erinnerungen nehmen und das Gelernte vertiefen.

Ablauf des Salons:

Wir starten unseren Salon mit unserem Begrüßungsritual „Wir sind ein starkes Team!“ Zum ersten Mal benutzen alle Kinder die Langform der Begrüßung in verschiedenen Sprachen. Chinesisch, Englisch und Italienisch werden favorisiert. Ein eher zurückhaltendes Mädchen ergänzt den serbisch bzw. kroatischen Gruß „Dobar dan“. Sie hatte bisher nicht erzählt, dass Ihre Mutter die Sprache spricht. Wir freuen uns!

In der Mitte des Kissenkreises liegen heute noch einmal die Bücher zum Affenkönig und die „Hexe Lilli“ in elf Sprachen. Weil wir von den letzten zwei Salons noch so viele Ideen und Bilder im Kopf haben, machen wir einen Ateliertag, erklären wir den Kindern. Auf die Frage, was man denn in einem Atelier (den Begriff erklären wir) macht, antworten die Kinder ohne Anstrengung: malen, zeichnen, kleben, schneiden, reißen und falten. Wir ergänzen, dass man als Künstler ja zuerst nachdenken müsse, was man machen möchte und fragen: „Was ist Euch vom Affenkönig und der Hexe Lilli in Erinnerung geblieben? Was ist Euch wichtig? Was möchtet ihr noch wissen? Unser Junge ist nicht zu bremsen. In allen Details und mit Differenzierungen zwischen den Bildern in den verschiedenen Büchern gibt er die Geschichte wieder. „Und weil der Affenkönig übermütig war, wurde er 500 Jahre unter einem riesigen Berg eingesperrt“, schließt er. „Ja, 500 Jahre!“, unterstützt ihn ein Mädchen. Ein anderes: „Ich fand toll, als er unter Wasser war und den Zauberstab geholt hat.“ Wir sind überrascht, wie genau sich die Kinder erinnern, da sie während des Erzählens doch recht ungeduldig wirkten. Wir fragen, wie der Affenkönig denn wieder frei gekommen wäre? Unser Junge mit leuchtenden Augen: „Er hat versprochen, dass er sich bessert und dann hat er den Mönch auf der Reise beschützt und gegen die Bösen gekämpft.“ Wir ergänzen, dass ihn die Göttin der Gnade befreit hätte und der Mönch Tripitaka hieß. Dann wiederholen wir die Bedeutung der buddhistischen Sutren.

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Wir schauen uns noch einmal die „Hexe Lilli“–Bücher an, die uns Birgit Rieger ausgeliehen hat. „Das Buch heißt gar nicht ‚Hexe Lilli‘!“, protestiert ein Mädchen. „Das auch nicht!“, ruft ein anderes. Sie ziehen die einzelnen Buchstaben zusammen: „Kika“ (spanisch), „Tina“ (katalanisch) und „Martina“ (italienisch) lesen sie vor. Wir ergänzen die Länder. Die Kinder unterhalten sich darüber, welchen Namen sie besser finden. Unser Junge legt die asiatischen und die israelische Ausgaben zusammen: „Die kann man gar nicht lesen!“, stellt er fest und zeigt dann auf die chinesische: „Das ist Chinesisch, wie beim Affenkönig!“, sagt er stolz. Dann vergleichen sie die Abbildungen (groß-klein, schwarzweiß-bunt), die Schriftästhetik, Schriftmenge pro Seite und die Papierhaptik (rau-glatt). Wir staunen über die wissenschaftliche Herangehensweise der Kinder. Dann wiederholen wir zusammen die Arbeitsschritte von Birgit Rieger. Empörungsrufe eines Mädchens: „Birgit heißt doch ‚bienenfleißigen Birgit‘“! Wir lachen und geben ihr Recht. Die Kinder können sich genau erinnern. Wir erklären, dass wir die Technik des Kopierens heute mit Blaupausen- und Butterbrotpapier ausprobieren wollen und wechseln an die Mal- und Basteltische. Bis auf zwei Kinder sind alle nach einmaligem Vormachen ins Zeichnen vertieft. Stille Geschäftigkeit kehrt ein. Einige entscheiden sich für „Hexe Lilli“-Vorlagen, die sie abwandeln, einige pausen eigene Bilder durch. Ein Mädchen: „Zuhause habe ich alle Bilder aus meinem „Hexe Lilli“-Buch durchgepaust!“ Sie tauscht die Hexe auf dem Rücken eines Seepferdchens gegen eine Meerjungfrau aus. Ein anderes Kind schneidet ihre Hexe aus und klebt sie auf ihr Tagebuch. Völlig überrascht stellt ein Kind fest, dass all die Farben, mit denen sie auf die Blaupause gemalt hat, weg bzw. blau sind. Kurzerhand koloriert sie die Herz-Zeichnung nach und ist zufrieden.

Unser Junge und ein Mädchen wollen nicht malen und sich lieber die chinesisch-sprachigen Affenkönig-Comics anschauen. Sie sitzen auf dem Sofa und erzählen sich gegenseitig, was sie auf den Bildern sehen. Nach einiger Zeit schlagen wir vor, dass sie den Namen des Affenkönigs ja in chinesischen Schriftzeichen in ihre Phil. Sophie & Co-Bücher schreiben könnten. Sie zögern zweifelnd und stimmen dann doch zu. Strich für Strich machen wir es vor und sie nach. Aus dem „Das kann ich nicht!“ unseres Jungen werden goldene Schriftzeichen. Nahezu zwei Stunden dauert unser Salon heute. Ein Mädchen, das wir in den Hort zurückbringen, erzählt in Gedanken versunken: „Manchmal ist die Zeit langweilig. Beim Philosophieren ist die Zeit immer zu kurz.“  Wir stimmen zu, erklären, dass es das schöne Wort „kurzweilig“ gäbe, was aber selten jemand benutzt. Ihr gefällt das Wort und sie wiederholt es genießerisch.

Resümee:

Die Atelier-Salons – im letzten Schulhalbjahr nannten wir sie Werkstatt-Salons – erweisen sind als wichtige Reflexionspausen für die Kinder und uns. Mittlerweile sind unsere kleinen Philosophinnen und unser kleiner Philosoph so eigenständig in ihrem Forscherdrang, dass wir zu ihren Assistenten werden. Jeder neue Begriff wird umgehend erfragt! Dass sich Menschen wie die Künstlerin Claudia Rößger, der Philosoph Hans Feger und die Illustratorin Birgit Rieger für sie interessieren, stärkt ihr Selbstvertrauen. Unser Wunsch, mit dieser Kindergruppe auch im nächsten Schuljahr weiterzuarbeiten – und, wenn finanzierbar – eine zweite Gruppe für die Kinder auf der Warteliste zu eröffnen, erscheint mit jedem Salon sinnvoller. ‚Bildungsferne‘ würde für sie alle ein Wort, das nichts mit ihnen zu tun hätte.

3. Salon: Helau! Heute bin ich, wer ich sein will!

Ziel des Salons:

  • Stärkung des interkulturellen Interesses durch unser erweitertes Begrüßungsritual “Wir sind ein starkes Team!“
  • Förderung von Selbstreflexion und Empathie durch die Frage „Was verbinde ich mit der Gestalt, in die ich mich verwandelt habe und was mit der eines anderen Kindes?“
  • Förderung der Experimentierfreude durch die ungewohnte Bildästhetik des Collagierens mit gerissenem Transparentpapier.

 

Ablauf des Salons:

Wir erweitern unser Spiel „Wir sind ein starkes Team!“ durch die Anregung, ein Begrüßungswort in einer anderen Sprache hinzuzufügen. Hello, Ciao, Salut und Ni hao sind die ersten Vorschläge. Ein Mädchen überlegt, was „Hallo“ auf Arabisch heißt. „Wenn die Männer oder Frauen sich begrüßen, sagen die immer so was, aber ich hör‘ da nicht zu.“ Wir schlagen vor, dass sie vielleicht doch mal genau hinhört. Sie stimmt freudig zu und versinkt ins Grübeln. Ein anderes Kind wirft ein: „Meine Oma kommt aus Kroatien. Die ruf ich an und frag mal, was da „Hallo“ heißt. Ihre Vorrednerin hüpft auf dem Kissen: „Jetzt weiß ich´s, die sagen ‚Marhaba‘.“ Wir fragen, ob das türkische ‚Hallo‘ nicht ähnlich klingt? Das Mädchen mit türkischem Familienhintergrund zückt die Schultern. Das arabischstämmige Mädchen ist euphorisch: „Mein Papa ist ganz oft in der Türkei, der kann ganz toll Türkisch!“

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In der nächsten Runde erzählt jedes Kind von seinem Kostüm. Die himmlische Heima ist heute Schneekönigin. „Das hab ich auf einem Gauklermarkt gesehen. Die war so schön.“ Die durstige Dragana ist Cowgirl mit allem was dazugehört, kann aber nicht sagen warum. Wir machen Vorschläge. Nein, reiten möchte sie nicht, auf Menschen schießen auch nicht. Wichtiger ist ihr der glänzende Stern und der coole Gang. Die lustige Luna ist gelbglänzende Löwin: „Ich spiel‘ immer Löwe, jetzt wollte ich da mal reinschlüpfen.“ Die lachende Lulu ist „Bäuerin“: „Ich war in der Schule und meine Mama hat das Kleid gekauft. Jetzt bin ich Bäuerin, weil ich gerne baue.“ Sie zeigt auf die teuflische Theresa und sagt: „Und jetzt will ich Dich neu bauen!“ Sie lacht. Als wir ergänzen, dass Bäuerinnen ja auch auf einem Bauernhof leben usw. interessiert sie das nicht sonderlich.

Am Mal- und Basteltisch merkt man den Kindern die Erschöpfung vom vormittäglichen Feiern an. Die Löwin will ganz genau ihr Kostüm rekonstruieren und verzweifelt mehrfach. Wir erinnern an die Künstlerin Claudia Rößger, die uns erzählt hat, wie sie um ihre Bilder ringt und muntern sie immer wieder auf. Am Ende ist sie stolz auf ihr Bild. Zwei Kinder nehmen die Anregung, eine Collage aus gerissenem Transparentpapier zu kleben mehr oder weniger auf und integrieren die Technik in ihre Bilder. Das Cowgirl malt ihren Kopffüssler mit größter Sorgfalt. Dann schneidet sie – mit etwas Hilfe-  rotes Transparentpapier in Stückchen und klebt sie über die Figur: „Fertig!“ Ihr rotkariertes Hemd und die Roten Bordüren ihrer Weste machen alle Fragen überflüssig. Unsere Bäuerin, die eine begeisterte Malerin ist, schluchzt bei dem Versuch sich selbst aus gerissenen Transparentpapier-Stückchen darzustellen: „Die Haare sind doof. Der Kopf ist zu klein und die Beine zu dick!“ Sie ist am Ende ihrer Kräfte. Auch Zureden hilft nicht. Das Weinen wird heftiger. „Nein“, pausieren will sie nicht. Sie droht damit, die Seite aus ihrem Buch zu reißen oder gar das Buch wegzuwerfen, in das sie zahlreiche Bilder und die Namen ihrer Familienmitglieder gemalt und geschrieben hat. Uns kommt der Verdacht, dass es ihr schwer fällt, die ästhetische Eigenart der Reißtechnik anzunehmen. Zumeist werden Kinder für eine ‚ordentliche Optik‘ gelobt und dafür nicht über vorgezeichnete Linien zu malen. Auf diesen Aspekt wollen wir unbedingt zurückkommen. Heute ist das Kind für eine solche Auseinandersetzung viel zu erschöpft und es gilt schlicht, sie zu unterstützen. Daher erklärt sich eine von uns zur Assistentin. Millimeter für Millimeter reißen wir kleine Stückchen Papier, die sie dann selbst aufklebt. Unsere positive Beurteilung des Bildes soll ihr die Zuversicht geben, dass es so ‚richtig‘ ist. Die Zeit ist weit fortgeschritten und die meisten Kinder haben sich bereits verabschiedet. Nur die Schneekönigin gestaltet seelenruhig ein Bild nach dem anderen mit abstrakten Formen. Dann ist auch unsere Bäuerin zufrieden. Wir atmen auf.

 

Resümee:

Das Interesse der Kinder an den Herkunftssprachen ihrer Eltern und Großeltern nimmt zu. Durch das Faschingsthema haben sich die Kinder selbst und auch die anderen von einer neuen Seite kennen gelernt. Unser Angebot, sich mit einer neuen künstlerischen Technik auseinanderzusetzen hat ein Kind an die Grenzen der eigenen ästhetischen Flexibilität gebracht. Wir werden deshalb in unserem Salon „Was ist mein liebstes Bild?“ auf die Frage „Gibt es ein ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ in meinen Bildern?“ zurückkommen.

2. Salon: Danke-Sagen macht glücklich und schafft Freunde! (Exkursion)

Ziel des Salons:

    • Stärkung des Teamgeists durch ein gemeinsames Ziel und durch die gemeinsame Erkundung eines fremden Ortes.
    • Emotionale Erfahrung: Wie fühlt es sich an, sich bei jemandem zu bedanken, den man nicht kennt?
    • Transkulturelle Erfahrung: Wie klingt „Danke-Sagen“ in anderen Sprachen, z. B. in der Heimatsprache meiner Eltern?
    • Horizonterweiterung: Wo kommen die Mal-und Bastelmaterialien her, die wir in unseren Salons benutzen? Was brauchen Künstler für ihre Arbeit?

Danke-Schön-Collage

Ablauf:

Die Kinder sind aufgeregt und sammeln sich um die Danke-Schön-Collage. Jeder sucht seinen Beitrag. Die beiden Mädchen, die gefehlt haben, tragen ihre Namen ein. Während wir noch auf zwei Kinder warten, wiederholen wir das Spiel „Wir sind ein starkes Team!“. Alle können sich an ihre Namen und die der anderen erinnern! Vor dem Einsteigen in die Taxis, ziehen sich die Kinder einen Zettel, der entweder eine „Marzipankleber“-Dosen zeigt oder einen Stift. Demensprechend gibt es das „Stifte-Taxi“ und das „Kleber-Taxi“.

In dem Stifte-Taxi zeigen sich die Kinder gegenseitig, wo sie wohnen und wiederholen „Danke Schön“ in verschiedenen Sprachen. Als wir das „r“ von „Schukran“ nicht ausreichend rollen, werden wir von einem Mädchen freudig korrigiert. Im „Kleber-Taxi“ reden die Kinder euphorisch durcheinander. Wir machen ein Spiel, das die Aufmerksamkeit füreinander schärft. Die Kinder zählen nacheinander von 1 bis 7. Die Herausforderung dabei ist, dass es keine festgelegte Reihenfolge gibt. Wenn ein Kind also die nächste anstehende Zahl nennen möchte, muss es darauf achten, dass es nicht gleichzeitig mit jemandem spricht. Die Kinder sind konzentriert und bester Stimmung. Sie erkennen, dass sie dem Gegenüber durch ihre Gestik und durch Blickkontakt Signale senden können.

Am Ziel angekommen machen wir ein Gruppenfoto. Als der Absender des Pakets die Kinder begrüßt und sich die Collage anschaut, gesellen sich alle zu ihm und erklären ihm die Bilder, nennen ihre Namen und wiederholen „Danke Schön!“ in verschiedenen Sprachen: Schukran,Teşekkür, Thank you, Merci, Grazie und Xiexie. Zur „Schule von Athen“ und zum „Salon der Madame Geoffrin“ sagt ein Mädchen mit dem Finger darauf zeigend: „Das ist schon ganz lange her, das nicht ganz so lange und heute sind wir die Philosophen.“

Murmelbahn

Nachdem wir die Kugelbahn und das im Geschäft hängende Relief von Berlin angeschaut und unsere Schule darauf gefunden haben, begibt sich die „Kleber-Gruppe“ auf die Suche nach den entsprechenden Dosen, die „Stifte-Gruppe“, sucht Stifte, die sie aus unserem Salon kennt. Auf den Wegen durch das Geschäft bilden sich Kleingruppen, die staunend und  betastend bei Pinseln, verschiedenen Papiersorten und Styroporformen stehen bleiben. Einige haben konkrete Ideen, was sie gerne damit basteln würden. Insbesondere die Wand mit den verschiedenfarbenen Kreiden begeistert sie. Unser Junge fragt vor dem Farbenregal den Fotografen nach dessen Lieblingsfarben. Zurückgefragt zeigt er auf ein dunkles Blau, Braun und Schwarz. „Meine Mutter gibt mir immer Farben zu essen“, erzählt er. Auf die verwunderte Reaktion des Fotografen fügt er hinzu: „Die sind aber nicht giftig!“ Ihm scheint die Aussage nicht weiter erklärungsbedürftig.

Resümee:

Obwohl unser Ausflug nur kurz war, führte er dazu, dass sich Kinder miteinander unterhalten, die sonst weniger im Austausch stehen. Unsere Mädchen mit türkischem und arabischem Familienhintergrund spüren zunehmend, dass die Sprache ihrer Eltern, die sie nur sehr gegrenzt kennen, ein Gewinn für das Gespräch der Gruppe ist.

Was alle Kinder unseres Salons teilen, ist die Begeisterung für Farben und anderen Materialien des bildnerischen Ausdrucks.

1. Salon: Wir sind ein starkes Team!

 Ziel des Salons:

  • Kennenlernen der (neuen) Namen, verbunden mit einer kleinen ersten Selbstdarstellung der Kinder über alliterarisch dem Namen zugeordnete Eigenschaften
  • Stärkung des Teamgeists über das Geschenk, bzw. die Materialspende eines Geschäfts für Künstlerbedarf
  • Wir entwickeln mit den Kindern eine Form des Danke-Schön-Sagens, indem wir eine Collage basteln.

Ablauf:

Unser Berliner Team haben wir um Viktor Krowas verstärkt. Auch zwei Kinder sind erst seit drei bzw. vier Wochen dabei. Um den Teamgeist der Gruppe zu stärken, starten mit dem Kreisspiel „Wir sind ein starkes Team!“. Jedes Kind ordnet seinem Namen ein Eigenschaftswort zu und begrüßt ein anderes Kind durch Ballwurf mit dessen erweiterten Namen. Wem keine Eigenschaft einfällt, wird von der Gruppe mit Vorschlägen unterstützt. Im Kreis sitzen nun: die himmlische Heima, die lustige Luna, die lachende Lulu, die intelligente Irmak, Tintenfisch-Tarik, die zarte Zoe und die durstige Dragana. Zwei Kinder fehlen.

'Danke Schön'-Collage

Die Materialspende, die wir von einem Geschäft für Künstlerbedarf bekommen haben, machen wir zum Thema. Wir: „Jemand ist begeistert von unseren Gedankenreisen und von den vielen Bildern, die ihr gemalt habt und hat dem Phil, Sophie und Co-Team ein Paket geschickt!“ Staunen, Neugierde, Freude! Wir sammeln Ideen, was im Paket sein könnte, dann schauen wir nach: ein „Marzipankleber“ für jedes Kind, Stifte und große Aquarellblöcke.

Unser Vorschlag, eine Danke-Schön-Collage zu basteln, wird begeistert aufgenommen.  Dann wird debattiert, was jedes Kind beisteuern möchte. Die Figuren Phil & Sophie werden ausgemalt und dazu geklebt. Auch Raffaels „Schule von Athen“ und „Der Salon der Madame Geoffrin“, die die Kinder bereits aus den vorangegangenen Salons vertraut sind, werden aufgeklebt.

Resümee:

Das Spiel „Wir sind ein starkes Team!“ hat den selbstreflexiven Blick der Kinder und ihre Aufmerksamkeit für die Besonderheit der anderen geschärft. Wir werden hier in den folgenden Salons anknüpfen, indem wir die Vorstellungsrunde um die verschiedenen Sprachen, die in den Familien der Kinder gesprochen werden (Thema: Transkulturalität), erweitern.

13. Salon: Hat alles auf der Welt einen Namen?

In der Mitte des Kissenkreises steht heute eine verschlossene Schachtel. Wir kündigen den Kindern an, dass ihr Inhalt etwas mit der folgenden Geschichte zu tun hat. Die Neugierde steigt. Dann lesen wir die Geschichte „Woher die Tiere Ihre Namen haben“ aus „Als die Welt noch jung war“ von Jörg Schubiger. „Hat alles auf der Welt einen Namen?“, fragen wir und greifen die Geschichte von Alexander von Humboldt auf, der um die ganze Welt gereist ist, um Bergen und Pflanzen Namen zu geben. Die Kinder erinnern sich sofort an den Besuch des Philosophen Hans Feger im letzten Salon und an das, was er von Humboldts Reisen erzählt hat. „Hatten die Dinge nicht von Anfang an einen Namen?“ fragt ein Kind, das am letzten Dienstag gefehlt hat. Ein anderes erwidert sicher: „Nein, die Menschen geben den Dingen die Namen.“ Wir geben zu bedenken, dass dort, wo Humboldt hinreiste, ja bereits andere Menschen lebten. Ein Mädchen schlussfolgert: „Die hatten bestimmt längst Ihre eigenen Namen, „in Ihrer eigenen Sprache.“ Wir bestätigen ihre Feststellung und fragen: „Also gibt es nicht immer nur einen Namen für ein Ding?“ Ein Kind reagiert auf die Andeutung: „Nein, eine Sache kann auch verschiedene Namen haben.“ Wie flexibel die Kinder mit dem gesammelten Wissen aus den vorhergehenden Salons umgehen bestätigt auch gleich der nächste Kommentar eines Jungen: „Denn es gibt ja auch verschiedene Sprachen.“

Hat alles auf der Welt einen Namen?

Nun endlich kommt der Moment, in dem die verschlossene Schachtel geöffnet wird. Darin liegen die in Druckbuchstaben auf kleine Zettelchen geschriebenen Namen der Kinder. Begeistert sucht sich jedes Kind seinen Namen heraus. „Wie ist das mit Euren Namen? Wer hat Euch Eure Namen gegeben?“, fragen wir. “Meine Eltern!“, rufen gleich mehrere Kinder, „mein Vater!“, „meine Oma!“ Einige erzählen, was sie über Ihre Namensgebung wissen. Ein Kind hat Ihren Spitznamen von der Oma: „Nun nennen mich auch alle anderen Lulu und das finde ich toll“, schwärmt sie. „Mein Name hat eine Bedeutung, ich heiße Luna, wie der Mond“, beginnt ein Mädchen und ergänzt „und meine Mama heißt Stella, das heißt ‚Stern‘ auf Italienisch.“ Sie ist sichtlich stolz. „Was wäre, wenn Ihr einen anderen Namen hättet? Würdet Ihr Euch dann anders fühlen?“, fragen wir zum Abschluss der Gesprächsrunde. „Ja“, sagen einige Kinder. „Dann wäre ich jemand ganz anderes“, sagt ein Mädchen, „als ob ich ein anderes Gesicht hätte.“

Wir laden die Kinder an die Mal- und Basteltische ein. Sie nehmen ihre Namenszettelchen mit. Auch die ausgedruckten Schriftzeichen und die Worte in den verschiedenen Sprachen aus dem vorletzten Salon legen wir noch einmal auf den Tischen aus. Die Kinder suchen sich z. B. die Sonne, den Mond oder den Berg in verschiedenen Sprachen aus und kombinieren ihn mit ihren Namen. Dann folgt der künstlerische Teil, der bei jedem Kind anders ausfällt. Manche entscheiden sich für abstrakte Muster, einige für Ornamente, andere für figurative Szenen.

Nach einem Schulhalbjahr Phil, Sophie & Co  nehmen alle Kinder unserer Gruppe ganz selbstverständlich und ohne große Anstrengung an den Diskussionen teil. Manchmal gibt es Momente der Ungeduld, der Müdigkeit oder auch der ungestümen Euphorie, die uns signalisieren, dass wir den diskursiven Teil der Salons kürzer halten müssen, um dafür mehr Raum für die Visualisierung der Ideen einzuräumen. Wie individuell sich die Kinder auch in ihren Bildern artikulieren und wie sehr jedes Kind seine eigenen Lieblingsstifte und Farben gefunden hat, bestätigt unseren Ansatz, dass wir bewusst nicht mit gestalterischen Vorgaben gearbeitet haben. Gerade, weil unsere Kinder sich noch kaum schriftlich artikulieren können, ist dieser Weg, die „eigene Stimme zu finden“ (Peter Bieri) von besonderer Bedeutung.

Wir freuen uns auf ein weiteres Halbjahr Phil, Sophie & Co!

12. Salon: Ein Philosoph zu Gast bei Phil Sophie & Co

Der Philosoph Hans Feger

Die Kinder sind schon voller Erwartung auf den Besuch des Philosophen Hans Feger. Auf dem Pausenhof erzählen sie, dass heute ein „echter Philosoph“ kommt! Einige Kinder wollen auch dabei sein und fragen bei uns an. In unserer kleinen Bibliothek ist aber nur Platz für zwei Besucherkinder.  Bis alle da sind, setzen sich die Kinder an den Maltisch. Der Junge, der letzten Dienstag gefehlt hat und auch zuvor erst einmal an unseren Salons teilgenommen hat, ist sichtlich verunsichert und zieht eine von uns zum Sofa. „Was habt Ihr beim letzten Mal gemacht?“, fragt er. Wir stellen ihm die Frage „Wenn jeder Mensch seine eigene Sprache spräche, was wäre dann…?“ Er ist beruhigt und antwortet: „Dann würde sich keiner verstehen.“

Als der Philosoph Hans Feger in die Bibliothek tritt, ist es einen Moment still. Alle Augen sind auf ihn gerichtet. Er grüßt, setzt sich mit an den Maltisch und holt ein Foto heraus, das ihn mit anderen Philosophen in China zeigt. China! Die Spannung wächst. Dann holt er ein dickes Buch aus seiner Tasche: Alexander von Humboldts Kosmos – Entwurf einer physischen Weltbeschreibung (erschienen in fünf Bänden zwischen 1845 bis 1862). Die Kinder drängen sich näher, alle wollen ins Buch schauen.

Als alle Kinder da sind, setzen wir uns in den Kreis. Hans Feger sitzt zwischen den Kindern auf dem Sofa. Er fragt, warum die Menschen denn begonnen hätten, Bücher zu schreiben? „Weil andere auch etwas wissen sollten“, kommt die Antwort. Die Vorteile von Büchern gegenüber der gesprochenen Sprache werden diskutiert. Dann deutet Hans Feger auf den Kosmos und fragt, warum das Buch denn wohl so glitzert? „Gold, Sterne sind da drauf“ „Wunderschön!“, antworten die Kinder. Hans Feger erzählt von den Reisen des Alexander von Humboldt und seinem Wunsch, all sein Wissen in ein Buch zu schreiben. „Dieses Buch ist der Kosmos“. Die Kinder wollen das Buch genauer sehen und merken, dass sie die Schrift nicht lesen können. „Meine Ur-Oma schreibt auch so“, stellt ein Mädchen fest. Als sie hören, dass Humboldt vielen Pflanzen und Bergen Namen gegeben hat, sprühen die Kinder los: „Hat er die Tulpe, Tulpe genannt, oder den Ätna, den Olymp benannt?“ Hans Feger verneint: „Die hatten schon einen Namen. Aber er hat andere Vulkane benannt und sie gezeichnet.“ Wir erfahren, dass Humboldt (1769-1859) ungefähr zu der Zeit gelebt hat, zu der auch der Salon der Madame Geoffrin (1755) stattfand. Das Bild hängt neben der Schule von Athen an unserem Zeitstrahl, unterhalb unserer Fragen-Landkarte. Wir hatten im 2. Salon darüber gesprochen. Die Kinder gucken sich die Menschen noch mal genau an. „Aber das Buch ist doch noch gar nicht so alt, hatten die denn schon Kopierer?“, fragt ein Junge. Eine Debatte, darüber, wie man Bücher geschrieben hat, bevor es Kopierer gab, beginnt: „Ganz früher haben die Menschen in Steine geritzt.“, „Und dann auf Blätter und andere haben die abgeschrieben“[…]. Wir stellen fest, dass wir hier nicht das Originalbuch sehen, sondern eine Kopie, die viel später gemacht wurde.

Sind Philosophen schlau?

Hans Feger fragt, wer denn der erste Philosoph war? Die Kinder schweigen. Dann erzählt er von Sokrates, der der Lehrer der ersten Philosophen war, nämlich von Platon und Aristoteles. Die Kinder freuen sich, weil sie die schon kennen und zeigen auf die Schule von Athen. „Sind Philosophen eigentlich schlau, oder nicht so schlau?“, fragt ein Besucherjunge. Hans Feger: „Manche sind schlau, manche sind aber auch einseitig.“ Das Wort „einseitig“, irritiert den Jungen, er fragt: „Bist Du schlau?“ Hans Feger: „Weiß ich nicht.“ Die beiden debattieren weiter darüber, was es heißt, schlau zu sein. Ein Mädchen mischt sich ein: „Bei den Philosophen sind die Antworten gar nicht so wichtig. Schlau ist, wer die klügsten Fragen hat.“ Schon beginnt eine Diskussion über gute und schlechte Fragen. Die Antworten kommen Schlag auf Schlag: „Warum ist das Weltall groß, die Erde rund […]“, unsere Kinder sind in ihrem Element. Unser schüchterner Junge sitzt lässig neben dem Gast auf der Sofakante und hat das Fragenstellen entdeckt: „Wer hat die Roboter erfunden?“, startet er. Er ist angekommen bei Phil, Sophie & Co, wir freuen uns. Ein Mädchen möchte Hans Feger ihr Phil, Sophie & Co-Tagebuch zeigen, ein anderes Mädchen schaut sich den Kosmos skeptisch an.

Unsere Mal-und Bastelfraktion geht zurück an die Tische. Wir erklären, dass wir heute unsere eigenen Kinderphilosophen-Urkunden basteln wollen. Die goldenen Stifte und Papiere machen glänzende Augen. Jeder bestimmt, wie die Worte „Phil, Sophie & Co“, „Urkunde“ und „für“ angeordnet werden. Darunter kleben einige die ausgeschnitten Figuren Phil und Sophie. Einige malen sich selbst dazu. Wieder gibt es den Moment, in dem alle schweigen und in ihre Tätigkeit vertieft sind. Die zufriedenen Gesichter unserer kleinen Philosophen und Philosophinnen sind schlicht beglückend. Wir fragen, wer sich seine Urkunde von Hans Feger unterschreiben lassen will. Alle rufen „Ich.“ Mit Goldschrift und in Druckbuchstaben haben sie nun die Unterschrift eines „echten Philosophen.“ Bei der Verabschiedung sagt er den Kindern: „Wenn Ihr groß seid, könnt ihr zu mir an die Universität kommen.“ Ein Mädchen antwortet ohne aufzuschauen: „Ich werde lieber Künstlerin“, und malt weiter. Zu Alexander von Humboldt werden wir sicher noch einmal zurückkehren!

2. Salon: Wie wirklich sind Geheimnisse?

Geheimnisse sind magisch. Wir alle wissen etwas, das die Anderen nicht wissen sollen. Ist das vielleicht schon eine perfekte Begriffsdefinition? Ich frage die Kinder nach dem Gegenteil von einem Geheimnis. „Na, wenn es wirklich jeder weiß“, sagt ein Junge. Ein anderer: „Wenn man etwas einfach so sagen kann“. Ein Junge wendet ein, dass es Dinge gibt, die die meisten Menschen ruhig wissen können und nur vielleicht ein einziger Mensch nicht. „Das ist dann trotzdem ein Geheimnis, weil dieser Mensch dann etwas ganz bestimmtes nicht wissen soll“. Ich frage die Kinder, wer von ihnen ein Geheimnis hat. Bis auf einen Jungen gehen von allen Kindern die Hände in die Höhe.

Wie in dem Salon aus dem letzten Halbjahr zu diesem Thema lesen wir die Geschichte „In Wirklichkeit“ von Asa Lind aus „Alles von Zackarina und dem Sandwolf“. Vorweg bitte ich die Kinder, an ein Geheimnis, das sie entweder für sich alleine haben, oder mit jemandem teilen, zu denken. Welches Gefühl entsteht dabei? Hat das Geheimnis eine Farbe? Eine Form? Gibt es ein Symbol, das dazu passen könnte? Während des Vorlesens malen die Kinder, was ihnen zu diesen Fragen einfällt. Die meisten scheinen an etwas zu denken, was sie nicht belastet, ein Junge malt ein lachendes Gesicht, ein Mädchen sich selbst mit winkenden Armen in einem Regen aus Ausrufezeichen.

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 Im Anschluss überlegen wir: Darf man Geheimnisse verraten? Muss man es vielleicht sogar? Unter welchen Umständen darf man etwas für sich behalten und wann darf man eine Sache guten Gewissens ausplaudern? „Es gibt gute und schlechte Geheimnisse“ meint ein Junge, „und die guten darf man ruhig sagen“. „Nein“, sagt ein anderer, „du musst die schlechten sagen! Wenn jemand was Schlimmes getan hat, dann musst du das sagen!“. Wir sammeln Beispiele für gute und schlechte Geheimnisse und Gründe, die für oder gegen das Verraten sprechen.

Danach denkt jedes Kind noch einmal an sein spezielles Geheimnis und ich bitte die Kinder, diese Geheimnisse in ihre Tagebücher zu schreiben und fest zu übermalen und zu verkleben. Alle geben sich große Mühe, das Geheimnis gut zu verstecken. Ich erzähle dabei von Bankgeheimnissen und Staatsgeheimnissen und dass angeblich auch die Rezeptur von Coca-Cola so geheim ist, dass sie in einem Tresor verwahrt wird. Möglicherweise wäre das Coca-Cola-Rezept oder ein spezielles Staatsgeheimnis aber auch gut in den Tagebüchern der Kindern aufgehoben: fest unter zahllosen bunten Klebestreifen verborgen und für immer vor der Welt versteckt.

1. Salon: Ein Sack voll Fragen

Mit Beginn des neuen Schulhalbjahres starten die Salons an der Grundschule Rothestraße mit einer neuen Gruppe: Zehn Kinder aus verschiedenen Klassen der Stufe vier kommen mit zum teil sehr präzisen Vorstellungen in die Schulbibliothek, in der unsere Salons von nun an stattfinden.

Dass Philosophie nichts ist, was alten Männern mit grauem Bart vorbehalten ist, wissen sie bereits. Dass man zum Philosophieren kaum mehr braucht, als den eigenen Kopf und das Staunen über die Welt, das wissen sie auch. Dass es darüber hinaus von Vorteil ist, in einer Gruppe zusammen zu sein, um gemeinsam über eine knifflige Frage nachzudenken, leuchtet allen ein, auch, wenn sie das so noch nie gemacht haben. Aber – ist jede knifflige Frage schon philosophisch? Bedeutet „Philosophie“ schlichtweg, dass man nur schwer auf eine Lösung kommen kann? Mitnichten. Zum Philosophieren gehört vielmehr, dass sich durch das Nachdenken überhaupt keine eindeutigen, unerschütterlichen Erkenntnisse ergeben, sondern zunächst einmal eine Reihe neue Fragen. Und dass man sich nach der Erkenntnis zwar strecken kann, dass man sie möglicherweise aber nie erreicht. Denn Philosophieren, das bedeutet: Liebe zur Weisheit. „Das heißt also, dass man etwas wirklich, wirklich rausfinden will!“ ruft ein Junge. In der Tat.

Ein Sack voll Fragen.

Um ein Gefühl dafür zu bekommen, womit wir es in den kommenden Monaten in den philosophischen Salons zu tun haben, sammeln wir, was man denn mal so alles rausfinden könnte. Den Kindern brennen vor allem Fragen zur Erde und zum Universum unter den Nägeln, Fragen also, die von Wissenschaftlern, die sich in ihrer Disziplin gut auskennen, mit Hilfe von Versuchen, Berechnungen und Beobachtungen recht eindeutig im Rahmen der Wissenschaft beantwortet werden können: „Wie heiß ist Feuer?“ fragt sich ein Kind aus der Runde zum Beispiel, oder: „Woraus ist Luft gemacht?“. Ein anderes Kind fragt: „Was kommt nach dem Tod?“. „Wen könnten wir danach fragen?“ frage ich zurück, „Gibt es einen Wissenschaftler, der das erforschen könnte?“. Die Kinder sind ratlos. Ein Arzt vielleicht? Und wenn der Arzt uns sagt, dass nach dem Tod nichts kommt – können wir das dann wirklich glauben?

Alle Fragen aus der Runde werden auf Klebezetteln notiert und auf die Fensterscheibe geklebt. Nach und nach sortieren wir sie in „Fragen an Wissenschaft und Forschung“ links vom Fensterriegel und in „Fragen an die Philosophie“ nach rechts. Und so langsam wird allen klar, wohin uns die Reise führt.

Bin ich eine Welle, ein Baum in einem dichten Wald oder vielleicht eine Blumenwiese?

Die Zauberblume

Die Zauberblume

In die Mitte des Kissenkreises stellen wir heute eine Kerze im Glas und hoffen, die doch am Anfang der Salons zumeist recht unruhigen Kinder etwas vorweihnachtlich-bedächtig zu stimmen. Für den Raumduft wählen wir ein ätherisches Öl, das nach Zimt und Orangen riecht. Die nacheinander eintreffenden Kinder schauen auf die Kerze und reden über das anstehende Weihnachtskonzert. Dann erinnern wir sie an die getrockneten Blüten aus dem Gewächshaus. Klebstoff und die Stifte stehen zur Verfügung. Wer seine Blüte vergessen hat, bekommt eines der von uns mitgebrachten Blättchen.

Als alle da sind, eröffnen wir den Salon mit einem Triangle-Klingen und sprechen bewußt leiser. Wir greifen die Frage aus dem Gewächshaus noch einmal auf: „Sind Pflanzen lebendig?“ Diesmal ist ein einhelliges „Ja“ die Antwort. Wir fragen, was denn noch alles lebendig ist. Es folgen: „Bäume, Büsche, Menschen, Kinder, Tiere – die Welt.“ Das Mädchen, das im Gewächshaus von lebendigen Geistern gesprochen hat, begründet ihre Aussage: „Im Traum hab‘ ich Geister gesehen, und da sind die lebendig.“ Ein anderes Mädchen hat ein Gedicht über eine Zauberpflanze mitgebracht und liest es vor. Ein drittes, recht leise sprechendes Kind, möchte ihr mitgebrachtes Buch zeigen. Da sie auf einem Hocker sitzt, rückt sie sich etwas mehr in die Mitte, fragt uns: „Bin ich jetzt im Kreis?“ und startet nach unserer Bestätigung: „Da sind lebendige Tiere drin.“ Sie zeigt Bilder mit Giraffen, Löwen usw. und ist sichtlich stolz. Ein Junge, der sich etwas abseits auf eine Bank gesetzt hat ruft: „Im Gewächshaus sind gar keine Tiere!“ Ein agiles Mädchen springt aufs Sofa und hüft: „Doch, Ameisen, Würmer und Flöhe und die sind lebendig, die springen!“ Sie lacht. „Na, dann sind die Pflanzen aber nicht lebendig, die bewegen sich nicht!“, kommt der Einwand von einem Kind. Ein anderes kontert wiederum: „Klar bewegen die sich, die wachsen ja und bewegen sich, wenn der Wind in sie reinbläst.“ Vorweihnachtliche Ruhe ade! Einige unserer Kinder können nur in Bewegung philosophieren, das ist eine sichtbare Tatsache.

Charakter-Karten

Wir legen die vorbereiteten „Charakter-Karten“ in die Mitte und fragen: „Welches Bild passt zu Euch, wie fühlt ihr Euch oder wie möchtet ihr sein?“ Wir verbalisieren die Karten: „Wie ein kräftiger Baum mit vielen Ästen und tiefen Wurzeln, oder ein kleines Bäumchen, umgeben von anderen? Wie eine starke Welle? Wie eine stolze Rose? […]“ Die Kinder überlegen länger. Der Junge von der Bank kommt in den Kreis, greift sich die Welle und entwischt wieder. Nacheinander begründen die Kinder ihre Entscheidung. Das „Tierbuch-Mädchen“ hat den buckligen asiatischen Berg gewählt: „Ich bin ein Berg, auf dem die Menschen wandern können.“ Sie schaut versunken auf ihre Karte. „Ich bin eine Unterwasserblumenwiese“, ruft ein Mädchen. Ein anderes: „Ich bin eine Rose und die Menschen freuen sich, weil ich so schön bin.“ Die Wahl eines gelb-roten Farbfeldes von Mark Rothko begründet unsere „Kugelmenschen-Malerin“: „Ich bin kein Sonnenuntergang, ich bin die Liebe.“ Auf Ansprache ruft unser „Wellen-Junge“: „Ich bin ein Tsunami, eine riesige Welle.“ Ob sich die Menschen denn noch retten könnten vor der Welle, fragen wir. „Die Piraten nicht, ich hasse Piraten“, er rennt einmal durch den Raum und setzt sich wieder. Keiner will seine Karte wieder abgeben, keiner will „mit einem Segelboot in die weite Welt“! Manche Kinder wollen nicht reden.

In einer zweiten Runde legen wir samtige, flauschige, raue, glitzrige und gold-edelsteinerne Karten in die Mitte. Die Kinder fühlen und schauen. Man sieht, dass sie ihre Wahl mehr spüren, als verbalisieren. Unseren „Wellen-Jungen“ holen wir zurück in den Kreis, nehmen ihn an die Hand, dann neben uns in den Arm. Das wirkt für ein paar Momente. Er greift zielsicher das braune Bärenfell und – ist gut gelaunt wieder auf seinem Außenposten. Auf die Bitte eines Mädchens kommt er zurück und leiht ihr für einen Fühl-Moment seine Karte. Das Angebot, selbst Karten zu gestalten – mit all dem Glitzer und Kuschel – lassen sich unsere Philosophen und Philosophinnen nicht zwei Mal machen. Da sind sich alle einig. Und schon Momente später ist es ganz still im Raum.  Es wird kaum geredet, alle malen, schneiden und kleben – auch der „Wellen-Junge“! 

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Als das Mädchen, das beim letzten Mal gefragt hatte, was die Seele sei, gerade mit einem Buch etwas abseits sitzt, kommen wir auf ihre Frage zurück. Sie freut sich und sagt, dass sie das jetzt schon weiß: „Gefühle!“ Wir sind erstaunt über die prägnante Antwort und erzählen noch etwas mehr von den verschiedenen Vorstellungen der Seele auf der Welt. Obwohl man die Seele nicht sehen könne, gäbe es aber doch Bilder, die sich die Menschen bereits vor mehr als 4000 Jahren von ihr machten. Wir zeigen ihr eine Konturzeichnung des Seelenvogels Ba aus dem ägyptischen Totenbuch. „Damals glaubte man, wenn ein Mensch stirbt, würde seine Seele als Vogel den Körper verlassen und weiterleben“, erklären wir. In diesem Moment kommt ihre Mutter, um sie abzuholen. Das Kind zeigt ihr fröhlich das Bild. Die Mutter ist ganz angetan von der bedächtigen Betriebsamkeit im Raum. Wir auch.

Wozu brauche ich Freunde?

„Freundinnen müsste man sein…“ heißt es in einem Lied von Funny van Dannen. Und tatsächlich gibt es so unglaublich viele Dinge, die man mit Freunden tun kann. Aber könnte man das alles nicht auch genauso gut alleine machen? Ab wann ist jemand, den man kennt, ein Freund? Und was muss er mitbringen, um nicht einfach nur irgend jemand zu sein, sondern eben ein ganz besonderer Mensch, mit dem wir befreundet sein wollen? Müssen wir unsere Freunde dauernd treffen oder können sie auch am anderen Ende der Welt wohnen?

Kugelmensch

Wir hören die Geschichte von Platons Kugelmenschen, die mit ihren vier Armen und Beinen beneidenswert gut ausgestattet waren. Sogar von den Göttern wurden sie beneidet – und schließlich in zwei Hälften geteilt, die sich fortan nacheinander sehnen. Diese Sehnsucht kennen viele Menschen und manche behalten sie ihr Leben lang. Heißt das, dass wir ohne einen anderen Menschen unvollständig sind?

In Shel Silversteins Geschichte „Die Geschichte vom Missing Piece“ wird eine Variante des Kugelmensch-Mythos erzählt: Ein Kreis sucht sein fehlendes Stück, findet es schließlich, und lässt es nach einer gemeinsamen Zeit wieder los. Wir lesen das Buch und überlegen: Ist die Sehnsucht nach einem perfekten Partner vielleicht eigentlich ganz schön?

„Ein Freund hat etwas, das du brauchst“, sagt ein Junge in der Runde. „Und was du brauchst, das ändert sich“. „Ja“, ergänzt ein Mädchen, „wenn du deine Sorgen loswerden willst, zum Beispiel. Dann kann dir dein Freund sagen, dass alles nicht so schlimm ist“. „Ein Freund oder eine Freundin muss dich verstehen, dafür muss er oder sie so ähnlich sein wie du“, merkt ein anderes Mädchen an. „Aber auch verschieden!“ ruft ein Junge, „sonst wäre es langweilig“.

In die Ausstanzungen kleiner Papierstücke schreiben die Kinder, wozu sie jemanden brauchen, was zu zweit einfach schöner ist als allein. Auf die ausgestanzten Papierkreise notieren sie, wer diese Person ist oder wie er oder sie sein sollte. Die meisten Kinder sind außerdem nachhaltig begeistert vom Kugelmensch und malen ihre Vorstellung davon in ihre Arbeitsbücher.

„Ein Freund muss zu dir passen, du kannst nicht einfach mit jedem befreundet sein“, bemerkt ein Junge abschließend. „Ein Freund ist wie ein Teil von Dir. Das kann man nicht immer erklären. Aber fühlen kann man es schon“.

Wo ist zuhause?

Jeder Mensch hat eine Herkunft und eine Wegstrecke vor sich, die ihn anderswo hin bringen wird. Und irgendwo auf diesem Weg liegt ein Zuhause, ein Ort, der anders ist als alle anderen Orte. Die Orte, die Menschen ihr Zuhause nennen, sind so verschieden wie die Menschen selbst.

Für manche ist das Zuhause an ein Haus gebunden, für andere an eine Landschaft oder an bestimmte Menschen. Manchmal ist es aber auch nur ein Gefühl, dass uns sagt, dass sich ein Ort von anderen Orten ganz wesentlich unterscheidet. Aber sind wir schon zuhause, wenn wir uns irgendwo wohlfühlen? Es gibt Menschen, von denen man sagt, sie haben „die ganze Welt gesehen“, während andere ihr Heimatdorf nie im Leben verlassen haben. Manche Menschen leben in großen, prächtigen Häusern, andere in einer kleinen Bude, einige in Zelten und viele Menschen auf der Welt haben gar kein festes Dach über dem Kopf. Heißt das, das manche über das Zuhause-Sein besser Bescheid wissen als andere?

Im Buch „Kleine Maus, große Stadt“ von Simon Prescott wird die Fabel von der Landmaus erzählt, die ihren Freund in der Stadt besucht und nach einer Weile großes Heimweh bekommt. „Es gibt eben keinen besseren Ort als das eigene Zuhause“ heißt es dort am Ende. Stimmt das?

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 Wir kleben aus Klebezetteln eine Begrifflandschaft an die Tür: Dinge, die ganz wichtig sind für unsere Vorstellung vom Begriff „Zuhause“ kleben wir direkt daneben, andere, weniger wichtige, etwas weiter entfernt. Über die meisten Klebestellen sind sich alle einig, bei manchen gibt es Diskussionen. Ist Strom wirklich wichtig für ein Zuhause? Die meisten Kinder feiern Weihnachten bei sich zuhause nur zwei fahren weg. Jedes Kind bekommt ein kleines Büchlein, um darin Dinge aufzumalen oder aufzuschreiben, die es zuhause gesehen hat. Jeder bemalt und beklebt die Titelseite, während wir weiter diskutieren.

Wir überlegen, was wir als erstes besorgen würden, wenn wir in ein völlig leeres Haus ziehen würden. Könnten wir uns mit diesen Dingen zuhause fühlen? Welche Dinge, die man nicht kaufen kann, gehören zu einem Zuhause noch dazu? „Dass man nicht ausgegrenzt wird, wenn man weint“ meint ein Junge. Das passiere schon mal in seiner Klasse in der Schule, „dabei ist eine Klasse ja auch eine Art Zuhause“. „Aber nicht, wenn man da dauernd Ärger hat“ widerspricht ein Mädchen. „Aber Ärger gehört zum Leben dazu“, hält ein anderer Junge dagegen, „und man muss auch einen Ort haben, wo man es rauslassen kann, sonst fühlt man sich irgendwann ganz komisch“. Einig sind sich alle, dass das Zuhause ein Ort ist, „wo man ganz fest hin gehört“. Und wo man beschützt wird, von einem Dach, von anderen Menschen, oder vom eigenen Mut, den man in einem Zuhause fassen kann, denn: „Zuhause ist man da, wo die Angst ganz weit weg ist“.

Welche Farbe hat das Glück?

Die Kinder treffen nach und nach ein, setzen sich auf ‚ihren Platz‘ und beginnen in ihre Phil, Sophie & Co-Bücher zu malen. Ein Mädchen zeigt ihren sehr detailiert gestalteten Kugelmenschen und ist sichtlich stolz.

Kugelmensch

Als alle da sind, erzählen wir dem Mädchen, das beim letzten Mal gefehlt hat, was wir bei unserem Besuch der Künstlerin Claudia Rößger erlebt haben. „Wir haben ganz viele Bilder angeschaut“, sagt eines der Mädchen, die in der Kleingruppe mit der Künstlerin eine zweite „Kunstbetrachtungsrunde“ gemacht hat. „Wir haben Monster gemalt“, ergänzt ein Junge. „Wir haben einen jodelnden Flamingo gefunden“ – das Mädchen jodelt und freut sich. Die anderen rufen „Ja!“

Wir fragen, ob denn jemand bemerkt hätte, was heute im Raum anders ist? Alle schauen sich um. „Die Wände sind blau!“, ruft ein Mädchen. „Sind die erst heute blau?“, fragen wir. „Nein“, schallt es. Das Mädchen, das gefehlt hat, zeigt auf unser Gruppenfoto, das bei Claudia Rößger entstand und nun an unserem Zeitstrahl in der „Gegenwart“ befestigt ist.  Großes „Hurra!“. Jedes Kind bekommt ein Foto. Mit dem Mädchen, das nicht dabei war besprechen wir, dass wir ihr Foto dazu kleben werden. Wir zeigen auf die vier Etappen des Zeitstrahls: „In der Antike, vor 2000 Jahren, gab es Philosophen, vor 500 und vor 200 Jahren gab es Philosophen und heute sind wir die Philosophen.“ Das scheint für die Kinder nicht der Rede wert, sondern eher selbstverständlich.

Wir verteilen eine Kopie des Bildes Mutter und Kind (2004). Der Reihe nach erzählt jedes Kind, woran es sich erinnert: „Das Bild ist dunkel.“ „Das Kind ist mit der Hand in was reingerutscht.“ „Ja, und kommt nicht mehr raus und die große Frau hilft ihr.“ „Das dritte Bein ist zu schwer, darum ist sie reingerutscht.“ „Was war das noch Mal mit den Zacken?“, fragt ein Junge. Die  Kinder überlegen. „Gefahr!“, sagt eines. Wir fragen: „Hatten die Zacken nicht etwas mit einem  Geräusch zu tun? Was hat Claudia erzählt?“ „Ja“, rufen gleich mehrere und machen gestikulierend Knall- und Explosionsgeräusche.

Wir fragen nach den Farben in Mutter und Kind. Die Antworten nutzen wir zur Überleitung zum heutigen Thema. Zudem erinnern wir an die Bilder, die die Kinder heute in ihre Bücher gemalt haben und an frühere Gespräche. Ein Kind hat eine ganze Seite ihres Buches flächig gelb gemalt, ein anderes ein buntes Haus: „So sieht das Haus aus, in dem ich wohnen will.“ Wir wiederholen vom Zeit-Salon die beschriebenen „glücklichen“ und „unglücklichen Momente“, von denen die Kinder sprachen. Nun legen wir die Farbkarten in die Mitte und sagen, dass sich jedes Kind seine heutige Glücksfarbe aussuchen kann. Als einige Kinder mehrere Karten nehmen, schlagen wir vor, eine nach vorne zu sortieren. Alle Kinder wählen Rot, Pink, Orange, ein Junge entscheidet sich erst für Rot, dann doch für Hellgrün, ein Mädchen für Türkisblau. Wir fragen, welche Situation, welches Gefühl oder welchen Ort sie mit der Farbe verbinden würden? Ein Mädchen zeigt auf ihren Pulli: „Pink mag ich“, ein anderes Mädchen unterstützt sie und zeigt ihr T-Shirt. Wir fragen, ob sie glücklich sind, wenn sie etwas Pinkfarbenes anhätten? „Ja“, rufen beide. „Kommt das Glück dann zu Euch?“, fragen wir. Davon sind beide überzeugt.

Utagawa Hiroshige, Kirschblüten am Ufer des Flusses Tamagawa

Wir fragen, wie denn der Ort oder die Landschaft aussehen, an denen sie glücklich waren? Ein Mädchen erzählt von „schönen rosa Wolken am Abend“. Ein anderes vom Urlaub in einem Dorf: „Da sind nicht so viele Autos und nicht so viele Menschen. Aber ganz viele Bäume.“ Viele Menschen und Autos mögen die anderen auch nicht. Das Mädchen mit der blauen Karte erzählt von ihren Ostseeurlaub, vom blauen Wasser und dem blauen Himmel. Und von ihrem Lieblingsschwimmbad „Da geh ich immer mit Papa hin.“ Ein Junge sagt: „Schwimmen ist toll, da kann man unter Wasser rennen und ist ganz langsam. Und man kann auf den Händen laufen, ohne den Boden zu berühren.“

Wir starten den Beamer: Auf der Leinwand sehen wir Utagawa Hiroshiges Kirschblüten am Ufer des Flusses Tamagawa (1856) und fragen, ob die Menschen dort wohl glücklich seien? „Ja“, sind sich alle einig. Der Reihe nach erzählt jedes Kind, was es sieht: „Ich seh‘ Rot.“ Sie steht auf und zeigt die Stellen im Bild, u. a. eine rote Tafel mit Schriftzeichen. „Das ist in Japan“, sagt ein Mädchen, das sieht man an der Schrift.“ „Schöne Häuser, wo die Menschen wohnen.“ „Ein blauer Himmel“ , „Ein Fluß, der in der Mitte ganz tief ist“, ergänzen die anderen. Ein Junge freudig: „Oh, da kann man reinspringen“ Wir fragen nach den Menschen im Bild, ob die es wohl eilig haben? „Nein, die reden und gehen spazieren.“ „Und wie riecht es in dem Bild?“ Ein Mädchen springt auf und zeigt auf die Baumblüten: „Toll, nach Blumen.“

C. D. Friedrich, Der Mönch am Meer

Nun zeigen wir C. D. Friedrichs Mönch am Meer (1808-1810). Die Kinder reagieren abwehrend und wollen lieber malen. Wir  fragen noch kurz: „Ist der Mann in dem Bild wohl glücklich?“ „Nein“, tönt es. „Das ist doch ganz grau“, ergänzt ein Junge mit deutlich gesenkter Stimme. Die Kinder holen ihre Bücher hervor und malen am Boden liegend, schauen aber bei unserer nächsten Frage noch mal kurz auf. „Kann man nicht auch alleine glücklich sein, wenn das Meer rauscht und die Sterne am Himmel scheinen?“ Der Junge: „Alleine sein ist schön, aber nicht so grau.“ Auch die anderen sagen, dass sie manchmal gerne alleine sind.“ „Ich will nicht mehr reden, ich will malen“, klagt ein Mädchen. Wir müssen lachen und fragen, ob denn Malen glücklich macht? Das „Ja“ ist eindeutig. Wir: „Dann wollen wir Euch nicht beim Glücklich sein stören“, und machen den Beamer aus.

Als die ersten Eltern kommen, malen die Kinder immer noch. Eine Großmutter schaut noch zu, wie ihre Enkelin zu Ende malt. „Ist ja toll, was ihr hier macht“, sagt sie zu den Kindern. Zu uns gewandt: „Da müssen wir Alten jetzt noch mal lernen, wer Platon ist. Aber ist ja gut so.“ Sie lacht.

Wie sieht Wut aus?

Ein Wutanfall kann wie ein Naturschauspiel sein: Wie ein Vulkanausbruch oder wie eine riesige Welle. Einen Wutanfall bei jemandem zu beobachten kann schon mal richtig Angst machen und es kommt vor, dass man sogar vor der eigenen Wut erschrickt. Doch meistens ist die Wut, wenn sie am größten ist, auch bald wieder vorbei. Nur selten bleibt Wut für längere Zeit, meist ist sie dann nicht so laut und heftig sondern etwas stiller, dafür beständig: „Groll“ nennt man sie dann.

Wenn wir über Wut sprechen, dann fallen unsviele Bilder ein: „Ich platze gleich“ sagt man zum Beispiel, „Ich bin auf hundertachtzig“ oder: „Die Wut ist verraucht“. Welche Bilder passen zu Deiner eigenen Wut? Welche Farbe hat sie? Auf welchen Wegen bewegt sie sich durch den Körper? Was macht die Wut mit Dir, und: Wie wirst Du sie wieder los? Ist Wut schlecht? Oder gar böse? Oder gehört sie zu uns wie die Erleichterung, die Freude und die Langeweile?

Wir schauen uns das Bilderbuch „Robbi regt sich auf“ von Mireille d‘ Allance und Markus Weber an und reden über Wutanfälle aller Art: „Die Wut ist halt ein Teil von mir, mal ist sie da und mal nicht“ und „Wut kann einfach nur ne Verkleidung für etwas anderes sein, für Traurigkeit zum Beispiel“.

Anschließend malen wir die Wut mit Buntstiften und leuchtender Ölkreide in unsere Arbeitbücher hinein.

1. Salon: Warum sind wir hier und nicht woanders?

Sechs Kinder unserer Gruppe sind sechs Jahre alt, ein Mädchen ist fünf, ein Junge und ein Mädchen acht. Alle wurden von ihren Eltern angemeldet. Sie wissen nicht so recht, was auf sie zukommt. Nur der achtjährige Junge antwortet: „Mein Vater sagt, hier kann ich etwas lernen.“ Die Kinder freuen sich über die Phil, Sophie & Co-Namensschildchen, tragen ihre Namen ein und malen sie an. Dann begeben wir uns auf die Suche nach Fragen, „auf die es keine richtigen oder falschen Antworten gibt“: „Warum heißt die Schinkenwurst Schinkenwurst?“, startet ein Kind. Ein anderes antwortet: „Na weil Schinken drin ist.“ Das Tempo steigt: „Warum gibt es große und kleine Kreise, große und kleine Büsche? Warum ist eine Kugel auf dem Fernsehturm? Warum hören die Zahlen nie auf? Kurze Diskussion: Hören sie bei Hundert auf, bei einer Millionen? Die Kinder kommen zu dem Schluß: sie hören nie auf.

Unsere Fragenlandkarte

Die Frage „Wie ist die Welt entstanden?“ löst ein Streitgespräch aus. Ein sechsjähriger Junge ist sich sicher, dass Gott sie geschaffen hat. Ein gleichaltriges Mädchen ist auch von Gott als Schöpfer überzeugt, erzählt von Adam und Eva und ergänzt: „Und Gott ist ein Mann, Frauen können so etwas nicht.“ „Meint Ihr auch, dass Gott ein Mann ist?“, fragen wir. Ein Mädchen antwortet: „Gott ist ein Mann, aber es gibt ja auch Göttinnen, die können was anderes.“ Der achtjährige Junge glaubt nicht an Gott und erzählt vom Feuerball der abkühlt, von Dinos und den ersten Pflanzen. Gott hätte ja auch noch niemand gesehen, schließt er. „Und wenn man in den Weltraum fliegt?“, überlegt ein anderer Junge. „Gibt es denn nur das, was man sieht?“, fragen wir. „Gott gibt es“, sind sich der Sechsjährige und seine Mitstreiterin sicher, die Luft könnte man ja auch nicht sehen und die gibt’s ganz sicher.“ Wir schreiben die Fragen auf kleine Zettel und kleben sie auf unsere Fragenlandkarte. Dann beginnen wir damit, die Karte mit Stiften zu gestalten: eine Schatzkiste, Flugzeuge, Raketen, Schiffe, Reiserouten, viel Wasser, Bäume, Blumen, Mädchen, Jungen und ein Vater „mit dickem Bauch, weil er so gerne isst“ beleben die Freiräume zwischen den Fragen. Die Zeit neigt sich dem Ende zu.

Zum Abschluß verteilen wir die Phil, Sophie und Co-Tagebücher. Großes „Oh!“ und „Ah!“. Wir kündigen an, dass wir sie im nächsten Salon genauer anschauen. Die Kinder verabschieden sich. Vor der Tür fragt ein Mädchen eine unserer Teilnehmerinnen: „Was habt ihr gemacht?“ Die Fünfjährige antwortet ganz selbstverständlich: „Wir haben Philosophie gemacht.“

Kann man Denken üben?

Unsere Gedanken gehören uns ganz allein – oder gehören wir zu unseren Gedanken? Es ist fast unmöglich, an gar nichts zu denken und manchmal verfolgt uns ein bestimmter Gedanke sogar bis in den Schlaf, obwohl wir ihn vielleicht viel lieber endlich vergessen würden. Werden unsere Gedanken schärfer, wenn wir uns länger damit befassen? Oder sind die spontanen Einfälle die besten? Kann man in einem Gedanken zuhause sein, und wenn ja: Hat dieses Zuhause eine Farbe?
Wir lesen aus „Zackarina und der Sandwolf“ und denken über das Denken nach. Anschließend kleben wir in unser Reisetagebuch Buchstaben ein, die zu unseren Lieblingsgedanken gehören.

Was ist das Gute an einer guten Tat?

Jemandem eine Freude zu bereiten, ist nicht schwer. Wir alle wissen, wie gut es sich anfühlt, wenn uns jemand mit einer Kleinigkeit überrascht, mit der wir nicht gerechnet haben. Trotzdem lassen wir viele Gelegenheiten für gute Taten verstreichen. Wieso eigentlich? Und manchmal sind wir auch nicht so sicher, ob sich der andere wirklich freut. Aber ist es überhaupt wichtig für eine gute Tat, dass sich am Ende jemand freut? Oder reicht es schon, sich nur zu bemühen? Und spielt es für die Freude eine Rolle, dass man weiß, wer sie uns bereitet hat?

    

Wir hören die Geschichte „Die Überraschung“ von Arnold Lobel und schreiben Postkarten an Menschen, die sich bestimmt darüber freuen werden.