13. Salon: Was ist Vergangenheit für mich?

Ziele des Salons:

  • Verknüpfung von eigener Erinnerung (11. Salon) und kollektiver Erinnerung (Spuren des 2. Weltkriegs in der Kunstkaserne (12. Salon)
  • Im Atelier: Emanzipation vom ‚schönen Bild‘

Verlauf des Salons:

In der Mitte des Kissenkreises liegen heute Abbildungen der Kunstkaserne aus dem Jahr 1902, von Gerhard Richters „Tante Marianne“ und des „Roten Craquelés“ von Gabriele Heidecker. Als uns ein Mädchen, das drei Wochen wegen einer Mutter-Kind-Kur gefehlt hat, eine Karte mitbringt, legen wir sie dazu, bis alle Kinder eingetroffen sind.

Nach unserem Begrüßungsritual „Wir sind ein starkes Team!“ und einem Erlebnisbericht von der Insel Langeoog – wir erklären das Wort ‚Kur‘ –  fragen wir nach dem Thema des heutigen Salons. Die Kinder schauen auf die Bilder und reden zunächst wild durcheinander. Sie finden mit etwas Hilfe zu einer Rednerordnung. Ein Mädchen weiß noch den Namen des Malers Gerhard Richter und ist sichtlich stolz. Ein anderes liest den Namen der Künstlerin aus der Kunstkaserne vor: Gabriele Heidecker. Wir resümieren, dass wir uns in den letzten Wochen damit beschäftigt haben, wie man Erinnerungen an etwas Vergangenes malen kann und fragen: „Welche Spuren der Vergangenheit habt ihr in der Kunstkaserne gesehen?“ „Die Wände waren ganz schwarz!“, startet ein Kind. „Ja, und die Tür war verbrannt“, ergänzt ein anderes. Wir erinnern daran, dass dort im Krieg eine Bombe eingeschlagen ist. Auch die Risse in den Wänden werden erwähnt – „da hat das ganze Haus gewackelt und Menschen sind gestorben.“ Ein Kind erzählt von ihrem letzten Museumsbesuch: „Da stand eine Schüssel vor dem Museum und da waren auch Löcher drin vom Krieg“ (Granitschale  des Steinmetz Johann Gottfried Cantian, 1826, vor dem Alten Museum, Berlin). Wir  bestätigen ihre Beobachtung und nennen den Namen des Museums.

Als wir nun die in Farbe und in Schwarzweiß kopierten Bilder aus dem 11. Salon (siehe 8. Mai 2012) verteilen, können die Kinder den Zusammenhang selber herstellen: „Da haben wir uns an etwas erinnert und dann die Fotos gemacht!“, kommentiert ein Mädchen. Die Kinder erzählen noch einmal ihre Erinnerungsgeschichten in Kurzfassung. In Korrespondenz zu den Bildern von Gerhard Richter haben wir bewusst die verwackelten Bilder ausgewählt. Zur Inspiration für ihre eigenen Übermalungen zeigen wir Bilder von Arnulf Rainer und Andy Warhol.

Ich bin am Meer

Darauf, dass wir die schwarzweißen Bilder auf normalem Druckerpapier und etwas streifig kopiert haben, um die Hemmschwelle zum Übermalen zu verringern, reagieren die Kinder unterschiedlich. Die meisten Kinder erkennen die Parallele zu den Wischspuren auf den Bildern von Richter und wollen gleich mit dem Übermalen beginnen. Ein Mädchen möchte sich lieber selber malen und die Kopie unverändert lassen. Ein anderes klebt ihr kleines farbiges Bild in ihr Buch und malt „das Meer“ drum herum. Dann möchte sie sich in Ruhe den Katalog zur Sammlung Marx (Hamburger Bahnhof) anschauen und versinkt tief in die Bilder abstrakter Malerei.

Die streifigen Kopien rufen bei einem Kind eine unerwartete, aber naheliegende Assoziation hervor: „Wir schauen uns Zuhause manchmal Filme von Buster Keaton an. Die sind ganz alt und haben auch manchmal solche Streifen.“ Wir bekunden unsere Freude über diese Idee. Zufrieden nimmt die den Stil von Andy Warhol auf.

Ich finde mich hässlich

Ein anderes Kind bekundet lauthals ihren Unmut: „Das Bild von mir ist hässlich. Ich seh‘ da hässlich aus. Ich will das nicht haben.“ Sie deutet an, es durchreißen zu wollen. Andere Kinder versuchen sie zu stoppen: „Das ist gar nicht hässlich. Wenn Du das durchreißt, ärgerst Du Dich vielleicht hinterher.“ Murrend beginnt das Kind zu malen, startet aber schon bald die zweite Klagearie: „Das sieht doof aus, ich will das nicht.“ Kinder zeigen ihr die eigenen Bilder und wollen ihr Ideen geben. Es nützt nichts. Wir schlagen vor, dass sie uns das Bild schenken könne, Kunst müsse doch nicht immer schön sein. Wir erinnern an Arnulf Rainer. Sie zerknüllt das Bild und übergibt es einer von uns. Dann nimmt sie ein Blatt und malt es mit Tusche schwarz. Ihre Aggression ist für alle spürbar, wird aber geduldig mitgetragen. Auf ihr drittes Bild malt sie mit Buntstiften eine zarte hellblaue Wolke und schreibt „GOTT“ darunter. Sie kommt zu uns und möchte, dass wir das Bild fotografieren, „Aber nicht das Wort da unten aussprechen!“, befiehlt sie. Wir versprechen es und machen ein Foto. Eine von uns sagt: „Ich kenne ein Lied, in dem das Wort vorkommt. Sie möchte es hören. Die Melodie scheint sie etwas freundlicher zu stimmen. Auch am Tisch beginnen die Kinder ein Lied aus der Schule zu singen. Bis auf unser Kind, das heute wohl einen ‚schwarzen Tag‘ hat, sind alle amüsiert und konzentriert mit ihren neu belebten Erinnerungsporträts beschäftigt. Ein Mädchen, das sich ansonsten eher zaghaft an eigene Bildideen herantastet, ist heute extrem mutig und bohrt sogar ein Loch in den Mund ihres clownequen Porträts. „Ich hab‘ heute einfach mal drauflos gemalt“, erzählt sie beschwingt. „Ich finde das gut.“ Wir bestärken sie und erzählen, dass viele Künstler so arbeiten würden und sich dann selbst wundern, was daraus entsteht. Sie freut sich.

Mit Heiligenschein und Flügeln

Beim Aufräumen kommt ein Kind zu uns und sagt mit kraftvollem Stolz: „Heute haben wir viel gearbeitet!“ Wir stimmen ihr zu.

Resümee

Die Kinder des Salons teilen ‚Freud und Leid‘ miteinander. Diese empathischen Verbindungen konnten nur entstehen, weil unser Salon bereits ein zweites Schulhalbjahr andauert und nicht auf eine Stunde begrenzt ist. Dass dies möglich ist, obwohl die Kinder aus unterschiedlichen Bildungshintergründen kommen, unterstreicht den Wert eines philosophischen Salons an einer Grundschule.

Die Begriffe ‚Vergangenheit‘ und ‚Erinnerung‘ haben die Kinder im wahrsten Sinne des Wortes begriffen. Den Abschied vom ‚schönen Bild‘ meisterten fast alle mit Freude. Das Mädchen, das noch damit hadert, begleiteten sie geduldig in ihren Gefühlsausbrüchen.

Der Satz: „Heute haben wir viel gearbeitet!“, zeigt, dass den Kindern durchaus bewusst ist, was sie hier freiwillig leisten. Arbeit ist in diesem Sinne voll und ganz positiv besetzt.

Mein Bild ist auch ein bisschen unheimlich

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Ich finde mich schön

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Lustig

12. Salon: Wo einst Soldaten wohnten. Exkursion zur Kunstkaserne am Südkreuz

Ziele des Salons:

  • Nachdem wir uns im letzten Salon dem Begriff des Erinnerns und dem Phänomen des Erinnerungsbildes (Gerhard Richter „Tante Marianne“, 1965) angenähert haben, besuchen wir mit der Kunstkaserne einen Ort, in dem die Vergangenheit – der Krieg – seine Spuren hinterlassen hat, d. h. einen Erinnerungsort.

Verlauf des Salons:

Bis alle Kinder eingetroffen sind, malen und kleben wir eine Danke-Schön-Karte für unsere Gastgeber in der Kunstkaserne. Alle Kinder unterschreiben. Sie sind bestens gelaunt und freuen sich auf den Ausflug. Im Taxi reden wir darüber, was eine Kaserne ist und fragen, was die Kinder vom Krieg wissen. Unser Junge erzählt von Ländern, in denen es Krieg gab. Ein Mädchen ist verunsichert: „Aber hier ist jetzt kein Krieg, oder?“ Wir beruhigen sie und betonen das Glück darüber, dass wir in einem Land leben, in dem Frieden herrscht. Unser Junge: „Krieg ist, wenn sich Leute nicht einigen können. Dann schießen die sich tot.“ Er erzählt von seinem Computerspiel, „in dem man die toten Soldaten neu erfinden kann“. Ein Mädchen wirkt empört: „In echt sind die dann aber wirklich tot und das ist schlimm!“ Wir stimmen ihr zu.

In der Kunstkaserne begrüßt uns die Künstlerin Gabriele Heidecker und führt uns durch die Ausstellungsräume. Vor einer quadratischen Vertiefung in der grob verputzten Wand bleiben wir stehen. Was das denn wohl sei, fragt unsere Gastgeberin die Kinder und deutet auf die Einkerbungen auf der unteren Kante. „Das ist für Farben!“, ruft ein Mädchen. Gabriele Heidecker verneint. Nach ein paar Stichworten erraten sie, dass es sich um einen gemauerten Gewehrschrank handelt. Anhand der Stellplätze in den Gewehrschränken könne man schätzen, wie viele Soldaten hier gelebt hätten. Die Vorschläge der Kinder starten bei acht und führen bis zu 1000. Es wären ungefähr 240 Soldaten gewesen, erfahren wir.

Als nächstes führt unser Weg in einen Raum mit verkohltem Türrahmen und geschwärzter Decke. Wir bekommen erzählt, dass hier im zweiten Weltkrieg eine Bombe eingeschlagen ist. Nun geht die Spurensuche an den Wänden weiter. Risse werden befühlt, loser Putz abgeknibbelt. Einige Kinder inspizieren sehr genau die ausgestellten Installationen und Bilder. Insbesondere die Bilder aus rotem Lack und schwarzem Teer „Rote Craquelés“ (1995-2000) faszinieren sie. Sie wollen ganz genau wissen, welche Materialien verwendet worden sind und warum die Künstlerin die Werke geschaffen hat. Mit Begeisterung sammeln sie die heruntergefallenen schwarz-roten Teer-Lackstückchen ein und befühlen sie. Jedes Stückchen hat eine andere Form. Die Kinder beginnen Gesichter und anderes zu assoziieren. Jedes Kind darf sich ein Stückchen mitnehmen.

Nun betreten wir die Spiegelinstallation „Virtual Place“ (2002). Wir erinnern die Kinder daran, bitte vorsichtig zu sein! Zunächst schauen wir uns den Raum an. Anhand des Sockels und der Ofenrohröffnung ist noch genau zu erkennen, wo früher der Ofen stand. Gabriele Heidecker erzählt, dass die fehlenden Bretter am Boden zum Heizen verwendet wurden, weil es nach dem Krieg kaum Heizmaterial gab. Dann stellen sich jeweils zwei Kinder in die Mitte der Installation und beschreiben, was sie in den Spiegeln sehen. Nach und nach erkennen sie, dass es auf der einen Seite scheinbar endlos abwärts, auf der anderen Seite aufwärts geht.

Die Kinder sind erschöpft und haben Durst. Wir gehen ins Wohnzimmer der Künstlerin, die Getränke und Gebäck vorbereitet hat. Am Boden im Kreis sitzend, kehrt zufriedene Stille ein. Einige Kinder fragen, ob sie nun malen könnten, doch leider reicht die Zeit nicht mehr. Wir vertrösten auf den nächsten Salon. Zum Abschluss bekommt jedes Kind eine Karte, auf der die Arbeiten von Gabriele Heidecker und Marosch Schröder zu sehen sind: „Zur Erinnerung!“ In den Händen hält jedes Kind ein rot-schwarzes Erinnerungsstück.

Resümee

Die Kriegsvergangenheit Berlins hat für die Kinder ein Gesicht bekommen. Das Wort Kaserne kannten einige zuvor nicht. Da die ausgestellten Installationen und Bilder ebenfalls Prozesse der Vergänglichkeit und des Zusammenfalls von Raum und Mensch sicht- und erfahrbar machten, konnten die Kinder Geschichte als etwas erleben, in das sie involviert sind. Zudem haben sie eine Art des Wohnens inmitten von Kunst kennengelernt.

11. Salon: Wie malt man Erinnerung?

11. Salon: Wie malt man Erinnerung?

Ziele des Salons:

  • Förderung der Selbstreflexion durch die Frage „An was erinnere ich mich?“
  • Förderung der Visualisierung ‚innerer Bilder‘ durch die Frage „Wie möchte ich meine Erinnerung malen?“

Verlauf des Salons:

In der Mitte des Kissenkreises liegt für jedes Kind eine Kopie von Gerhard Richters Bild „Tante Marianne“ (1965). Auf die Frage, was heute wohl unser Thema ist, antwortet ein Mädchen: „Meine Mama hat beim Frühstück auf den Plan geguckt und es mir vorgelesen. Wir fragen uns heute, wie man das malt, woran man sich erinnert.“ Das Kind hat auch ein Buch mitgebracht, aus dem sie vorlesen möchte: „Gefühle – Was ist das?“ (Oscar Brenifier, Serge Bloch, Tobias Scheffel). Bevor wir noch mit der Bildbetrachtung beginnen können, befinden wir uns mitten in einer Debatte darüber, was ‚Pflicht‘ ist und ob sie auch gilt, wenn man sie gar nicht erfüllen kann. Insbesondere die Gründe dafür, warum Kinder evtl. nicht in die Schule gehen können, obwohl sie es wegen der Schulpflicht müssten – so z. B. wegen großer Armut oder eines Erdbebens –, beschäftigt die Kinder sehr.

Gerhard Richter: Tante Marianne, Öl auf Leinwand, 1965

Um zu unserem Thema zurückzukommen, weisen wir die Kinder auf die hellblaue Decke hin, die dort hängt, wo sich ansonsten unsere Fragenlandkarte befindet. Wir erklären ihnen, dass wir anstelle unseres Begrüßungsrituals „Wir sind ein starkes Team!“ ein Erinnerungsspiel machen möchten. Jedes Kind setzt sich nun der Reihe nach auf den Stuhl vor die Decke und erzählt etwas, woran es sich erinnert. Ein anderes Kind fotografiert die Szene. Ein Foto solle möglichst klar sein, eines verwackelt, erklären wir und weisen auf das Bild im Kissenkreis hin, das ja auch ganz verwackelt aussieht.

Konzentriert und ernsthaft beginnen die Kinder ihre Erzählungen. Urlaubsreisen (der erste Flug, die schöne Ferienwohnung) und der Besuch bei den Großeltern („der Opa hat ganz doll gekleckert“) werden detailliert beschrieben. Ein Mädchen blickt leidenschaftlich auf die Zeit in der Heimat der Mutter (Libanon) zurück: „Und der Opa, der hat in Deutschland gelebt, aber die Oma im Libanon. Da musste er natürlich zurück, weil er die Oma nicht alleine lassen kann. Als wir alle im Libanon waren, haben wir Ferrari-Kuchen gegessen. Und der war sooooo lecker.“ Ihre Freude auf das nächste Zusammentreffen der ganzen Familie im Sommer ist unbändig. Verträumt legt sie den Kopf zur Seite.

Ihre Nachfolgerin ist etwas befangen. „Ich kann mich an nichts erinnern“, startet sie. Die anderen geben Ratschläge. Sie könnte doch auch vom Urlaub erzählen. „Ich hab‘ noch nie Urlaub gemacht“, antwortet sie und schweigt. Wir fragen, ob sie sich an einem Moment erinnert, in dem sie sehr glücklich war. „Wenn die Sonne scheint“, sagt sie lächelnd und ist sichtlich nachdenklich. Dann leuchtet ihr Gesicht auf: „Aber im Sommer fahren wir in die Türkei.“ Wir teilen ihre Freude. Für ihr Foto legt sie feierlich die Hände in den Schoß.

Ein Mädchen, das zumeist recht knappe Wortbeiträge macht, ergreift erstaunlich selbstsicher das Wort. Auch sie erzählt von einer Reise. „Erst sind meine Mama und mein Papa und ich mit dem Zug nach Mannheim und dann nach Heidelberg gefahren. Und da wurde ich operiert. Die anderen Kinder reagieren betroffen und schweigen. Nach einer kleinen Pause erzählt sie lächelnd und kraftvoll von der Narkose („und das tat gar nicht weh, weil ich ja geschlafen habe“) und von der Operation selbst. Die Kinder wollen ganz genau wissen, wie sich das jetzt anfühlt und ob sie wieder ganz gesund wird. Sie zerstreut die Bedenken und blickt selbstsicher in die Kamera.

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Wir kommen nun zu den Bildern im Kreis zurück und erzählen von dem berühmten Maler Gerhard Richter. Auf dem Bild wäre er noch ein kleines Baby und hinter ihm stände seine Tante Marianne. Wir betonen, dass er das Bild erst gemalt hat, als er schon erwachsen war. „Warum malt er seine Erinnerung denn wohl so verschwommen?, fragen wir. Ein Mädchen ruft: „Ich weiß, das ist der gleiche Maler, der auch das Meer und den Himmel gemalt hat!“ (siehe 24. April 2012) Die anderen stimmen zu. Ein anderes Kind ist ganz gerührt: „Ich glaube, der Maler hat seine Tante sooooooo lieb, dass er das ganz schön malen wollte. Ich finde das Bild schön.“ Nach einem kurzen Gespräch über die Technik des Bildes (Unterschied von Öl- und Aquarellfarbe) wollen die Kinder malen. In Gedanken versunken, entscheiden sich heute fast alle Kinder für abstrakte Aquarellbilder. Die schwimmenden Himmel der letzten Woche wirken nach. Richters Bild „Tante Marianne“ liegt neben ihren Tagebüchern in Sichtnähe.

Resümee:

Dass heute drei Kinder fehlten, wirkte sich positiv auf unsere Gesprächssituation aus. Nach nunmehr fast einem Schuljahr ist die Atmosphäre sehr vertraut. Sich über Werke der bildenden Kunst den eigenen Gefühlen und Gedanken zu nähern, ist für die Kinder selbstverständlich geworden. Auch ihr Blick für die Technik eines Bildes ist geschärft. Das Thema ‚Erinnerung‘ hat die Kinder fast durchgängig zu abstrakten Bildkompositionen animiert.

10. Salon: Wo hört der Himmel auf?

Ziele des Salons:

  • Mit dem Thema des letzten Salons „Was ist die Seele?“ sprachen wir bereits die Sphäre der Vorstellung und des Metaphysischen an. Mit der Frage „Wo hört der Himmel auf?“ knüpfen wir hier in räumlicher Hinsicht an.
  • Da wir bisher vorwiegend konturbezogen gemalt haben, bieten wir heute ausschließlich Aquarellfarben an. Das Fließende der Farbe visualisiert die Unendlichkeit des Himmels und die Unmöglichkeit, den Horizont zu erreichen.

Verlauf des Salons:

Über der Mitte des Kissenkreises schwebt heute das Poster von Gerhard Richters „Seestück“ (1970). Die Kinder legen sich unter das Bild und fangen an zu assoziieren. „Das Meer hängt ja am Himmel“, startet ein Mädchen. „Aber da ist doch auch der Himmel und nicht nur das Meer drauf“, differenziert die Nachbarin. Eine Diskussion darüber, welche Hälfte des Bildes das Meer und welche den Himmel zeigt, beginnt. „Du musst dich anders herum legen, dann ist es umgekehrt“, regt ein Kind an. Neue Perspektiven werden ausprobiert.

„Seestück (See-See)“, 1970, 200×200 cm, Öl auf Leinwand; Staatl. Museen zu Berlin, Nationalgalerie (Foto: © Gerhard Richter, 2012)

Wir fordern die Kinder auf etwas genauer zu beschreiben, was sie sehen. „Das Dunklere ist das Meer, das ist viel wilder“, lautet das erste Angebot. Der Feststellung „Das Meer spiegelt sich am Himmel“, folgt die Gegenthese: „Nein, der Himmel spiegelt sich im Meer!“. Das Gespür der Kinder für nicht zu beantwortende Fragen ist geschärft, so dass wir zum Thema des heutigen Salons kommen. Wir fragen: „Wo hört denn der Himmel auf und wo fängt das Meer an?“ Die Antworten überschlagen sich: „Am Ende der Welt, ganz am Ende, ganz, ganz da oben!“, ruft ein Kind. „Der Himmel hört nie auf“, meinen gleich mehrere Kinder. „Erst kommt der Himmel und dann kommt ein Riss und dann kommt der Weltraum“, schlägt unser Philosoph von seinem Posten hinterm Sofa vor. Ein Mädchen überzeugt das nicht: „Da wo das Meer aufhört und der Himmel anfängt, ist der Horizont.“ Einige Kinder stimmen zu. Wir fragen, wie man den Horizont denn erreichen könnte? Unser Philosoph schlägt ein schnelles Flugzeug oder ein U-Boot vor. Die Vorrednerin guckt unwillig: „Nein, den Horizont kann man nicht erreichen, der ist immer schon wieder weiter weg, wenn man da ankommt, wo er war.“

Als wir an das Thema des letzten Salons erinnern, verstehen die Kinder den Wink sofort. „Ja, manche glauben die Seelen von den Gestorbenen wohnen im Himmel“, ruft ein Mädchen. Ein anderes hat einen ungewöhnlichen Vorschlag: „Ich glaube, dass die Mutter dem Kind bei der Geburt – über die Nabelschnur – ein Stück ihrer Seele gibt.“ Von der anderen Seite des Kreises kommt der vehemente Einwurf: „Gott hat den Menschen gemacht und darum hat er ihm auch die Seele gegeben!“ Die Aufmerksamkeit der Kinder ist erschöpft. Wir schlagen vor, den Himmel zu malen und wechseln an die  Mal- und Basteltische.

Wenn die Sonne über dem Meer zerfließt

Heute stehen nur Aquarellfarben, Pinsel und Schwämmchen zur Verfügung. Auf die Kanten der Tische haben wir zwei lange Papierbänder geklebt. Symbolisch für das Unendliche des Himmels, malen jeweils die Hälfte der Gruppe an einem Fries. Sonnenuntergänge, kühles, verschwommenes Blau, aber auch abstrakte Formen reihen sich aneinander. Im Anschluss an das gemeinsame Werk legen wir für jedes Kind ein großes Blatt Aquarellpapier auf den Boden. Die Aquarellfarben bieten wir in einzelnen kleinen Schälchen an. Jedes Kind hat seinen eigenen Wassertopf. Einige Kinder wischen schwimmendes Himmelblau. Ein Mädchen schwärmt vom roten Abendhimmel, den sie dann auch malt. Unsere Tapies-Malerin braucht nur leuchtendes Rot. Mit grobem Pinselstrich malt sie „Ein Flugzeug!“. Dann schaut sie sich die abstrakt expressionistischen Bilder in dem von uns mitgebrachten Ausstellungskatalog des Us-amerikanischen Malers Richard Diebenkorn an. Seine blaudominierten Meeres- und Luftbilder der „Ocean Park“-Serie (begonnen 1967) passen hervorragend zum Thema des heutigen Salons.

Wenn sich am Abend der Himmel rot färbt

Zum Abschluss weisen wir – veranschaulicht durch die entstandenen Bilder der Kinder – auf die besondere Eigenschaft von Aquarellen hin: Sie sind durchscheinend wie der Himmel und wie das Wasser.

Resümee:

Das Arbeiten in salonübergreifenden Themenkomplexen  – mit dem 9. Salon starteten wir unsere Reihe zum Thema „Vergangenheit und Erinnerung“ – hat sich auch heute bewährt. Da die Aufmerksamkeit der Kinder nach einem langen Schultag begrenzt ist und wir oftmals nicht dazu kommen, die Gesprächsbeiträge der Kinder zu bündeln, ermöglicht uns diese Arbeitsweise, Informationen oder Anregungen nachzureichen.

Der Regenbogen färbt den Himmel bunt

9. Salon: Was ist die Seele? Vielleicht ein Vogel auf einem Bein?

Was ist die Seele?

Ziele des Salons:

  • Selbstreflexion: Der abstrakte Begriff ‚Seele‘ wird von jedem Kind individuell definiert
  • Visualisierung der eigenen, emotionalen Verfassung
  • Stärkung der ästhetischen Entscheidungsfähigkeit: Jedes Kind wählt die für sich  angemessene künstlerischen Technik

Verlauf des Salons:

Heute übernehmen die Kinder die Choreografie des Salons, bevor wir auch nur die Zeit für unser Begrüßungsritual „Wir sind ein starkes Team!“ haben. Die Bilder in der Mitte des Kissenkreises haben einen derart hohen Aufforderungscharakter, dass die Diskussion sofort beginnt. Auch unser Junge taucht gar nicht erst hinterm Sofa ab (siehe frühere Berichte), sondern verfolgt das Geschehen gespannt über die Sofalehne hinweg. Während ein Mädchen die Quelle der kopierten Vogelbilder aus dem Buch „Der Seelenvogel“ (Michal Snunit und Na’ama Golomb) bereits kennt und dies euphorisch verkündet, ist ein anderes Kind ganz hingerissen von der chinesisch anmutenden Tuschelandschaft: „Das ist ja wunderschön!“ Andere stimmen zu. Unser Junge hat hingegen nur Augen für die Abbildung des Seelenvogels ‚Ba‘ aus der ägyptischen Mythologie: „Da liegt ein Pharao, das kenn ich!“, triumphiert er.

Als etwas Ruhe einkehrt, fragen wir, wer denn den Zettel mit der Aufschrift „WAS IST DIE SEELE?“ – den wir am Schluss des letzten Salons verteilt hatten (siehe 27. März 2012) –  jemandem gezeigt hat? Ein Mädchen hüpft vor Aufregung: „Ich hab den Zettel ganz vielen gezeigt. Meine Mama sagt, wenn wir fühlen, dass wir leben, dann ist das die Seele.“ Dann erzählt sie von einer Szene aus einem Garfield-Film: „Da liegt Garfield unter dem Auto und fragt sich, ob er tot ist. Das geht doch gar nicht.“ Die anderen stimmen zu.

Manchmal weiß man gar nicht, was man fühlt.

Das Mädchen neben ihr ist ganz vertieft in die Vogelbilder, die verschiedene Seelenzustände darstellen. „Manchmal weiß ich gar nicht, wie mein Seelenvogel aussieht, dann bin ich etwas verwirrt.“ Ein Mädchen reagiert: „Dann muss man ganz genau in sich horchen.“ Das Gesicht der Vorgängerin hellt sich auf: „Ja, und wenn ich was Schönes für meinen Seelenvogel male, dann ist der auch glücklich.“ Wir gratulieren zu der Idee, dass man selbst etwas für das Wohl der eigenen Seele tun kann.

Eine traurige Seele.

Obwohl alle Kinder die Seele als etwas Angenehmes und Wichtiges („Sonst würde uns ja was fehlen!“) beschreiben, erzählen sie auch von traurigen Gefühlen. Der dazugehörige Vogel lässt den Kopf hängen. Ein Mädchen meldet sich ganz entschlossen: „Ich möchte mal erzählen, was der Seele weh tut.“ Mit ernster Stimme beschreibt sie eine Situation auf dem Pausenhof, in der ihre Freundin von einem Jungen beleidigt wurde schließt mit den Worten: „Und das tat noch ganz lange weh, auch noch abends.“ Die Kinder debattieren, was schlimmer ist und länger weh tut; ein aufgeschürftes Knie oder Traurigkeit. Erst plädieren sie fürs Knie, nach und nach halten sie Trauer und Wut für nachhaltiger. Ein Kind erzählt vom Liebeskummer der Mutter und von ihrem Versuch sie zu trösten. Liebeskummer sei schlimm, meinen auch andere Kinder.

Ein stilles Mädchen hält das Bild des aufgebahrten Pharao statt waagerecht, senkrecht: „Ich seh‘ ein ‚B‘ und ein ‚P‘ und ein ‚i‘. Die Kinder rechts und links neben ihr wollen auch gleich nach Buchstaben suchen und werden ebenfalls fündig. Wir staunen, dass sie das grafische Wahrnehmen von Buchstaben im letzten Salon (siehe 27. März 2012) so schnell verinnerlicht haben. Immerhin lagen zwei Ferienwochen dazwischen. Zudem verlief heute der Weg des Erkennens in der entgegengesetzten Richtung: Der Ausgangspunkt des letzten Salons waren Buchstaben, die dann in Bilder integriert wurden. Diesmal wurden die Buchstaben in ein Bild hineinassoziiert.

Der Seelenvogel 'Ba' im Reich der Pharaonen

Nach einer außergewöhnlich langen und konzentrierten Diskussion strömen die Kinder an die Mal- und Basteltische. Sie warten gar nicht erst auf eine Anregung von uns. Einige Kinder wollen einen Vogel abpausen und gehen ans Fenster, andere malen ihn frei nach. Zwei Mädchen inspirieren sich gegenseitig zu bunten, rechteckigen Formen, die sie in ihre Phil, Sophie & Co-Tagebücher malen. Das Kind, das mit der Idee gestartet ist, wählt Buntstifte, das andere Tusche. „Das ist ein Haus mit vielen Wohnungen“, erzählt erstere. „Meine Seele wohnt im zweiten Stock. Ich frag später mal meine Mutter, wo ihre Seele wohnt. Vielleicht im dritten Stock.“ Sie freut sich und malt weiter. Unser Junge paust den Pharao und den Seelenvogel ‚Ba‘ am Fenster ab und ist äußerst konzentriert. Die schwarze Konturzeichnung malt er am Tisch mit Aquarellfarbe aus. Es ist kaum zu glauben, dass sich dieses Kind noch vor gut 3 Monaten kaum zutraute, Wellen zu malen (siehe 20. Dezember 2011). Dass es in seiner Seele auch weniger farbige Areale gibt, visualisiert sein mit feinen schwarzen Filsstiftstrichen ausgefüllter Seelenvogel. Immerhin hat er sich eine fröhlich hüpfende Konturzeichnung ausgesucht. Die Dichte der heutigen Diskussion und das vielschichtige malerische Schaffen der Kinder kann hier nur angedeutet werden. Die Bilder sprechen für sich.

Meine Seele wohnt im 2. Stock.

Meine Seele hat viele fröhliche Farben.

Resümee:

Unsicher darüber, wie die doch noch recht jungen Kinder mit der abstrakten Frage „Was ist die Seele?“ umgehen würden, hat uns der Salonverlauf im höchsten Maße positiv überrascht. Konzentriert, emotional beteiligt und diskursiv haben sie sich das Thema erarbeitet. Für Erklärungen zur ägyptischen Seelenvorstellung gab es absolut keinen Raum. Auch die chinesische Vorstellung, dass am Anfang der Welt ein sphärischer Hauch stand, der dann alles, d.h. Steine, Pflanzen, Tiere und den Menschen gleichermaßen beseelte, konnten wir nur andeutungsweise in die Gespräche am Mal- und Basteltisch einbringen. Die diesbezüglichen Bilder nahmen die Kinder allerdings begeistert an.

Wenn der Seelenvogel vor Glück in die Luft springt.

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Mein Seelenvogel ist verliebt.

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Der Seelenvogel 'Ba' im Reich der Pharaonen.

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Bilder sagen mehr als Worte.

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5. Salon: Was kann ich und was könnte ich können?

Jeder kann etwas. Das steht fest. Und jeder kann etwas nicht, auch das haben alle schon einmal erfahren. Oft ist es leichter, Dinge zu benennen, die wir nicht können, als etwas, worin wir uns ganz schön gut finden. Aber warum eigentlich? Weil es so vieles ist, was wir nicht beherrschen? Oder weil es uns einfach schwer fällt, etwas an uns selber richtig toll zu finden, obwohl es vielleicht andere gibt, die das noch toller können?

Auf die Frage, wer etwas richtig gut kann, gehen die Hände der Kinder erst nur sehr zögerlich in die Höhe: „Nichts tun“, sagt ein Junge, „Meine kleine Schwester ärgern“ ein anderer, aber auch „klettern“, „lesen“, „mir Sachen merken“ und „kochen“.

Wir schauen uns das Buch „Sehr berühmt“ von Philip Waechter an und überlegen, wofür es sich lohnen könnte, sich anzustrengen und auch mal Niederlagen in Kauf zu nehmen.

Kaum ein Kind hat exotische Wünsche an das eigene Können. Die meisten knüpfen an vorhandene Fähigkeiten und Interessen an und würden das, was sie bereits schon ganz gut können, gerne noch etwas besser können: „Ich würde einmal gerne richtig gut kochen können“ erzählt ein Mädchen, „ich glaube, das würde mir dann richtig viel Spaß machen und anderen auch, die könnten dann bei mir essen“. – Wann wird das sein? Was müssen wir tun, um eine Sache immer besser zu können? „Auf jeden Fall muss ich noch geduldig sein, denn ich bin ja noch nicht erwachsen und Kinder können meistens noch nicht so gut kochen“.

Ein Junge erzählt, dass seine Mutter schon zwei Kochbücher geschrieben hat. Alle sind sich einig, dass sie dann wohl sicher eine sehr gute Köchin ist und das lange Zeit geübt hat. Aber könnte jemand auch dann schon gut kochen, wenn es nur ihm selbst schmeckt? Reicht das aus? Oder müssen noch andere derselben Meinung sein? Und gilt das auch für andere Fähigkeiten?

Aus vorgefertigten Materialien dürfen sich diejenigen Kinder, die der Meinung sind, dass sie irgendetwas richtig gut können, einen Orden basteln. Alle sind dabei. Ich schlage vor, die Orden in das Arbeitsbuch zu kleben aber einige heften ihn sich lieber gleich mit Tape an die Brust. Verdient ist verdient.

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Anschließend tauschen wir uns noch ein wenig aus: „Ich wäre gerne besser in der Schule, dann würde mir alles auch mehr Spaß machen“, sagt ein Junge, „aber es macht mir halt nicht so viel Spaß jetzt und deshalb kann ich auch nicht besser werden“. Aber steht der Spaß wirklich am Anfang einer guten Leistung? Was müssen wir eintauschen für unser Können? „Auf jeden Fall Zeit“ sind sich alle einig, „Und Nerven!“, gibt ein Junge zu bedenken. „Manchmal auch Geld“, sagt ein Mädchen, „man muss ja ab und zu auch mal jemanden bezahlen, damit er einem was beibringt“. Und muss vielleicht das Schicksal bisweilen ein bisschen nachhelfen? „Man muss halt üben, aber man braucht immer auch ein bisschen Glück“. Und wo das Glück hinfällt, da findet man dann manchmal auch das eigene Können – und umgekehrt. Und wenn nicht, dann könnten wir ja einfach noch eine Weile weiter danach suchen.

8. Salon: Warum soll ich schreiben und lesen lernen?

Ziele des Salons:

  • Selbstreflexion: Als Erstklässler können die Kinder im zweiten Schulhalbjahr schon mehr oder weniger schreiben und lesen. Was bedeutet ihnen die erworbene Fähigkeit?
  • Horizonterweiterung: Wie funktioniert Kommunikation mit und ohne Schrift und Sprache?
  • Das praktische Angebot, ein Bild mit Buchstaben zu kleben und zu malen, regt die Kinder dazu an, Buchstaben auch grafisch wahrzunehmen.

Verlauf des Salons:

Ich spreche in Bildern

Schon auf dem Schulhof kommen zwei Kinder auf uns zu und wollen beim Umgestalten der Bibliothek helfen. Unser kleiner Philosoph ist dafür aber viel zu müde und lümmelt sich gleich aufs Sofa. Das Mädchen hingegen ist sichtlich überreizt, spricht ohrenbetäubend laut und dehnt alle Silben jaulend in die Länge. Beide sind ferienreif, das ist schnell klar. Wir bemühen uns besonders ruhig und aufmerksam mit ihnen zu reden und gestalten den Raum. Nach und nach entspannen sich beide Kinder. Der Junge kuschelt sich hinters Sofa und döst, das Mädchen beginnt zu malen.

Unser Begrüßungsritual „Wir sind ein starkes Team!“ fällt heute ruhiger aus als sonst. Auch die anderen Kinder wirken erschöpft. Eigentlich dachten wir heute an eine Erweiterung der Begrüßungsformeln, merken aber, dass alle zufrieden sind mit den bekannten Gestaltungsfreiräumen. Der muslimische Gruß „Salem aleikum“, das chinesische „Ni hao“ und das französische „Salut“ sind heute beliebt. Beim „Dobar dan“ der „durstigen Dragana“ stellt ein Mädchen fest, dass alle Wörter mit „D“ anfangen. Die Kinder stimmen ihr staunend zu.

In der Mitte des Kissenkreises liegen heute verschiedene Zeitschriften, Bücher und ausgeschnittene Buchstaben. Das Thema erraten die Kinder recht schnell. Interessant sind Details, die den Kindern auffallen: „H & M ist eine Marke“, bemerkt ein Mädchen. Unser Junge sieht nur die Fische auf zwei Büchern: „Wir wollen über Fische reden!“, mutmaßt er. Ein Kind hatte vor dem Salon mit den Eltern in unser Programm geschaut und sagt: „Nein, wir reden über Schreiben und Lesen und wofür man das braucht“, korrigiert sie. Das Mädchen neben ihr schließt gleich an: „Na wenn ich nicht auf das Paket schreibe, wohin es soll, wie soll der Postbote das dann finden?“ Ein anderes Kind denkt noch weiter: „Wenn man in der Welt zurecht kommen will, muss man lesen und schreiben können.“ Keiner widerspricht. Wir fragen, ob man denn auch ohne Worte und Schrift miteinander reden kann. Zwei Mädchen können Zeichensprache und gestikulieren: „Ich gehe nach Hause.“ und „Ich liebe Dich.“ „Ja, Zeichensprache geht auch“, ruft ein Kind.

'B' wie Bikini und wie Ball

Wir zeigen auf die einzelnen Buchstaben am Boden und fragen, ob man mit Buchstaben auch Bilder gestalten kann. Ein Mädchen greift gleich zum „B“ und dreht es in die Waagerechte: „Eine Bikiniunterhose!“, freut sie sich. Ein anderes nimmt ein zweites „B“ und ergänzt: „Aber auch ein Bikinioberteil!“ Nun wollen alle an die Mal- und Basteltische.  Hier ist die Erschöpfung bei fast allen Kindern verflogen. Buchstaben werden ausgeschnitten und zu Namen, Begriffen und Bildern gestaltet. Das Mädchen, das schon beim Aufbau dabei war, bleibt missmutig und setzt sich mit ihrem Phil, Sophie & Co-Buch an einen kleinen Extratisch. Dort malt sie mit einem orangefarbenen, extra weichen Gelstift ein Blatt beidseitig flächig aus und faltet daraus eine Herzform. Wir konnten schon öfter beobachten, dass diese Stifte beruhigend auf Kinder wirken, da sie übers Papier rutschen und es mit einer glitschig-leuchtenden Oberfläche überziehen. Mit der fertigen Form kehrt sie zu den anderen Kindern zurück und möchte nun auch kleben und malen.

Das 'O' wird mein Kopf, das 'B' mein Bikini

Unsere „8-Welt“-Zeichnerin (siehe 20. März 2012 und 20. November 2011) entscheidet sich für ein „D“, weil ihr Name mit diesem Buchstaben anfängt und ergänzt es zum Wort „DOSE“. Danach möchte sie sich lieber auf dem Sofa das von uns für sie mitgebrachte Buch mit Werken des Künstlers Antoni Tàpies anschauen. Zusammen mit unserem kleinen Philosophen sucht sie die Achten in den Bildern. Sie unterhalten sich darüber, was sie auf den doch stark abstrahierten Bildern erkennen. Beide scheint dieser Blick auf die Werke des Künstlers zu inspirieren. Sie kehren an den Mal- und Basteltisch zurück und beginnen zu malen. Unser Junge greift entschieden zu Aquarellfarbe und Pinsel und ist nicht mehr ansprechbar. In leuchtenden Farben und sich aneinanderschmiegenden Formen entsteht ein Frühlingstraum (unsere unausgesprochene Interpretation!). Nein, er braucht heute keine Worte, um sich zu verständigen, auch keine Buchstaben! Unsere Tàpies-Bewunderin schlägt die Seiten in Ihrem Phil, Sophie & Co-Buch auf, wo sie am letzten Dienstag bereits das Porträt des Künstlers und eines seiner Bilder eingeklebt hat. Nun malt sie ihre eigene „8“ in die freigehaltene Lücke. Sie zeigt uns stolz ihre Komposition, packt ihr Buch in die Tasche und möchte in den Hort gebracht werden. Ihr Tagwerk ist vollbracht, das sehen wir auch so.

Bei der Verabschiedung geben wir ihr und später den anderen Kindern einen kleinen Zettel, auf dem die Frage „WAS IST DIE SEELE?“ in hellen Blau- und Lilatönen steht. Dies sei das Thema in unserem nächsten Salon. Wer möchte, könnte ja Jemandem den Zettel zeigen und sich die Antwort merken. Alle stecken die Zettel in Ihre Tagebuch-Taschen. Ein Mädchen stürmt gleich auf eine Horterzieherin zu und zeigt ihr den Zettel. Sie lehnt sich zurück und denkt nach: „Die Seele ….“

Was ist die Seele?

Resümee:

Der heutige Salon zeigte einmal mehr, dass eine gezielte Förderung von Kindern mit zum Teil hohem Unterstützungsbedarf kaum von nur einer Bezugsperson zu leisten ist. Da wir als Team arbeiten, ist es sehr gut möglich, Angebote genau auf bestimmte Kinder zuzuschneiden. Insbesondere Kinder mit Motivationsblockaden, Entscheidungsschwächen oder anderen Schwierigkeiten profitieren von dieser Arbeitsteilung. Der philosophische Freiraum wird zum hierarchiefreien Ort für jedes Kind. Integration braucht es hier nicht, da niemand ausgeschlossen wird. „Wenn mir etwas wichtig ist, das ich gemalt habe und ich nicht sagen kann warum, dann ist das Kunst.“ Das haben unsere Kinder verstanden. Wer würde da wiedersprechen? Buchstaben werden zu Bikinis, Farben zur Oase und Achten zum Inbegriff der idealen Welt (das chinesische Zeichen für Acht „八“ heißt Glück!). Statt Kinder mit erhöhtem Unterstützungsbedarf so zu fördern, dass sie sich selbst als defizitär erleben, empfängt sie der philosophische Salon so, wie sie sind und begibt sich mit ihnen gemeinsam auf die Suche nach dem ihnen gemäßen Weg zum ‚staunenden Erobern der Welt‘. Und was ist Bildung anderes, als die Welt staunend zu erobern?

6. Salon: Im Phil, Sophie & Co-Atelier. Wir blicken zurück.

Ziel des Salons:

Da die Kinder in den letzten zwei Salons sehr viele neue Informationen bekommen und neue bildkünstlerische Techniken gelernt haben, möchten wir uns heute Zeit für ihre Wahrnehmungen und Erinnerungen nehmen und das Gelernte vertiefen.

Ablauf des Salons:

Wir starten unseren Salon mit unserem Begrüßungsritual „Wir sind ein starkes Team!“ Zum ersten Mal benutzen alle Kinder die Langform der Begrüßung in verschiedenen Sprachen. Chinesisch, Englisch und Italienisch werden favorisiert. Ein eher zurückhaltendes Mädchen ergänzt den serbisch bzw. kroatischen Gruß „Dobar dan“. Sie hatte bisher nicht erzählt, dass Ihre Mutter die Sprache spricht. Wir freuen uns!

In der Mitte des Kissenkreises liegen heute noch einmal die Bücher zum Affenkönig und die „Hexe Lilli“ in elf Sprachen. Weil wir von den letzten zwei Salons noch so viele Ideen und Bilder im Kopf haben, machen wir einen Ateliertag, erklären wir den Kindern. Auf die Frage, was man denn in einem Atelier (den Begriff erklären wir) macht, antworten die Kinder ohne Anstrengung: malen, zeichnen, kleben, schneiden, reißen und falten. Wir ergänzen, dass man als Künstler ja zuerst nachdenken müsse, was man machen möchte und fragen: „Was ist Euch vom Affenkönig und der Hexe Lilli in Erinnerung geblieben? Was ist Euch wichtig? Was möchtet ihr noch wissen? Unser Junge ist nicht zu bremsen. In allen Details und mit Differenzierungen zwischen den Bildern in den verschiedenen Büchern gibt er die Geschichte wieder. „Und weil der Affenkönig übermütig war, wurde er 500 Jahre unter einem riesigen Berg eingesperrt“, schließt er. „Ja, 500 Jahre!“, unterstützt ihn ein Mädchen. Ein anderes: „Ich fand toll, als er unter Wasser war und den Zauberstab geholt hat.“ Wir sind überrascht, wie genau sich die Kinder erinnern, da sie während des Erzählens doch recht ungeduldig wirkten. Wir fragen, wie der Affenkönig denn wieder frei gekommen wäre? Unser Junge mit leuchtenden Augen: „Er hat versprochen, dass er sich bessert und dann hat er den Mönch auf der Reise beschützt und gegen die Bösen gekämpft.“ Wir ergänzen, dass ihn die Göttin der Gnade befreit hätte und der Mönch Tripitaka hieß. Dann wiederholen wir die Bedeutung der buddhistischen Sutren.

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Wir schauen uns noch einmal die „Hexe Lilli“–Bücher an, die uns Birgit Rieger ausgeliehen hat. „Das Buch heißt gar nicht ‚Hexe Lilli‘!“, protestiert ein Mädchen. „Das auch nicht!“, ruft ein anderes. Sie ziehen die einzelnen Buchstaben zusammen: „Kika“ (spanisch), „Tina“ (katalanisch) und „Martina“ (italienisch) lesen sie vor. Wir ergänzen die Länder. Die Kinder unterhalten sich darüber, welchen Namen sie besser finden. Unser Junge legt die asiatischen und die israelische Ausgaben zusammen: „Die kann man gar nicht lesen!“, stellt er fest und zeigt dann auf die chinesische: „Das ist Chinesisch, wie beim Affenkönig!“, sagt er stolz. Dann vergleichen sie die Abbildungen (groß-klein, schwarzweiß-bunt), die Schriftästhetik, Schriftmenge pro Seite und die Papierhaptik (rau-glatt). Wir staunen über die wissenschaftliche Herangehensweise der Kinder. Dann wiederholen wir zusammen die Arbeitsschritte von Birgit Rieger. Empörungsrufe eines Mädchens: „Birgit heißt doch ‚bienenfleißigen Birgit‘“! Wir lachen und geben ihr Recht. Die Kinder können sich genau erinnern. Wir erklären, dass wir die Technik des Kopierens heute mit Blaupausen- und Butterbrotpapier ausprobieren wollen und wechseln an die Mal- und Basteltische. Bis auf zwei Kinder sind alle nach einmaligem Vormachen ins Zeichnen vertieft. Stille Geschäftigkeit kehrt ein. Einige entscheiden sich für „Hexe Lilli“-Vorlagen, die sie abwandeln, einige pausen eigene Bilder durch. Ein Mädchen: „Zuhause habe ich alle Bilder aus meinem „Hexe Lilli“-Buch durchgepaust!“ Sie tauscht die Hexe auf dem Rücken eines Seepferdchens gegen eine Meerjungfrau aus. Ein anderes Kind schneidet ihre Hexe aus und klebt sie auf ihr Tagebuch. Völlig überrascht stellt ein Kind fest, dass all die Farben, mit denen sie auf die Blaupause gemalt hat, weg bzw. blau sind. Kurzerhand koloriert sie die Herz-Zeichnung nach und ist zufrieden.

Unser Junge und ein Mädchen wollen nicht malen und sich lieber die chinesisch-sprachigen Affenkönig-Comics anschauen. Sie sitzen auf dem Sofa und erzählen sich gegenseitig, was sie auf den Bildern sehen. Nach einiger Zeit schlagen wir vor, dass sie den Namen des Affenkönigs ja in chinesischen Schriftzeichen in ihre Phil. Sophie & Co-Bücher schreiben könnten. Sie zögern zweifelnd und stimmen dann doch zu. Strich für Strich machen wir es vor und sie nach. Aus dem „Das kann ich nicht!“ unseres Jungen werden goldene Schriftzeichen. Nahezu zwei Stunden dauert unser Salon heute. Ein Mädchen, das wir in den Hort zurückbringen, erzählt in Gedanken versunken: „Manchmal ist die Zeit langweilig. Beim Philosophieren ist die Zeit immer zu kurz.“  Wir stimmen zu, erklären, dass es das schöne Wort „kurzweilig“ gäbe, was aber selten jemand benutzt. Ihr gefällt das Wort und sie wiederholt es genießerisch.

Resümee:

Die Atelier-Salons – im letzten Schulhalbjahr nannten wir sie Werkstatt-Salons – erweisen sind als wichtige Reflexionspausen für die Kinder und uns. Mittlerweile sind unsere kleinen Philosophinnen und unser kleiner Philosoph so eigenständig in ihrem Forscherdrang, dass wir zu ihren Assistenten werden. Jeder neue Begriff wird umgehend erfragt! Dass sich Menschen wie die Künstlerin Claudia Rößger, der Philosoph Hans Feger und die Illustratorin Birgit Rieger für sie interessieren, stärkt ihr Selbstvertrauen. Unser Wunsch, mit dieser Kindergruppe auch im nächsten Schuljahr weiterzuarbeiten – und, wenn finanzierbar – eine zweite Gruppe für die Kinder auf der Warteliste zu eröffnen, erscheint mit jedem Salon sinnvoller. ‚Bildungsferne‘ würde für sie alle ein Wort, das nichts mit ihnen zu tun hätte.

4. Salon: Ni hao ma? Wir reisen mit den Augen und den Ohren nach China und lernen den Affenkönig Sun Wukong kennen.

Die Geschichte vom Affenkönig

Die Geschichte vom Affenkönig

Ziele des Salons:

Ein fernes Land wie China rückt sinnlich näher. Die Neugierde auf eine fremde Kultur wird geweckt.

● Horizonterweiterung: Wir hören die Geschichte des Affenkönigs Sun Wukong, die alle Kinder in China kennen.

● Durch die Betonung des gemeinsamen Wunsches sich zu verwandeln, entsteht eine empathische Beziehung zu Kindern in einem fernen Land.

Heute ist alles anders. Denn: Wir wollen mit allen Sinnen nach China reisen! Beim Abholen im Hort antwortet ein Mädchen auf unsere thematische Ankündigung „Ich kann nicht mit nach China, ich werde um drei Uhr abgeholt.“ Wir erinnern, dass wir schon einmal mit den Augen und den Ohren am Meer waren (20. Dezember 2011) und heute wieder so eine Phantasiereise machen. Sie ist beruhigt.

Traditionelle chinesiche Musik (Hu-Qin) erfüllt den Raum. In der Mitte des Kissenkreises liegen verschiedene Bilder und Gegenstände aus China: ein seidiges, rotes Tuch mit goldenen Drachen, eine Teedose mit Schriftzeichen, Drachen-Pantöffelchen, ein Sprachführer, der die Darsteller einer Peking Oper zeigt, ein traditionelles Landschaftsbild in Tuschetechnik, aber auch Postkarten mit Bildern verschiedener Wohnungen in Schanghai (Fotoserie Hu Yang, „Shanghai Living“, 2005) und eines chinesischen Bergmanns. Die Kinder hocken sich davor, nehmen einzelne Dinge in die Hände und benennen sie oder stellen Fragen. Wir lassen alles im Kreis herumgehen. Keiner will etwas verpassen! Die Drachen-Pantöffelchen werden befühlt und bewundert. Ein Mädchen kennt den Namen dieser Drachen:

„Mein Papa sagt, die heißen Long Gui-Drachen.“ Unser Junge ergänzt: „Solche Drachen tragen die Leute auf Stöckern und dann tanzen sie damit.“ Wir fragen, ob er das beim Karneval der Kulturen gesehen hat. Er nickt begeistert. Ein anderes Mädchen schließt gleich an: „Ja, und manchmal sind die auch in den Drachen drin.“ Auch die Postkarte, die eine chinesische Familie zeigt, wird ausführlich kommentiert:„Die Familie hat vier Kinder und nur ein Zimmer“, startet ein Mädchen. Über ihre Schulter guckend, ruft ein Kind, das selbst vier Geschwister hat: „Ist das Baby süß! Die Mama ist ganz lieb zu dem Baby. Ich finde, das sieht gemütlich aus.“ Wir erzählen, dass die meisten Familien in China auch nur ein Kind oder zwei Kinder haben, wie in Deutschland. Ein Mädchen wundert sich über die Peking-Oper-Bemalung auf dem Sprachführer. Wir erklären, dass man an der Bemalung erkennt, ob ein Mensch in dem Theaterstück böse oder gut ist. Gleich mehrere Kinder sind sich einig: „Die Leute auf dem Buch sind gut.“ Wir halten uns heute ansonsten mit Erklärungen zurück und weisen lediglich auf Details hin, wie zum Beispiel auf das Tuschebild: „Schaut mal, das hat ein chinesischer Künstler mit Tusche gemalt, wie ihr.“

Um China auch zu schmecken, verteilen wir chinesische shānzhā -Bonbons und erzählen, dass die Früchte wie kleine Äpfelchen aussehen. Dann starten wir die Geschichte vom Affenkönig Sun Wukong, der sich in 72 Gestalten verwandeln kann. Wir betonen: „Jedes Kind in China kennt die Geschichte!“ Insbesondere unser Junge fühlt sich schnell in die fantastische Figur ein. „Wenn es brennt, verwandelt er sich in Wasser!“, eilt er der Erzählung voraus. Dann ruft er: „Mein Bruder heißt auch Sun Wukong. Mit meiner Mutter war ich schon in China!“ Um die Sphäre der Phantasie als solche zu konturieren, antworten wir: „Das ist eine tolle Idee!“ Wir erklären, dass der Affenkönig zusammen mit dem Mönch Xuanzang (Spitzname Tripitaka) nach Indien reist, um von dort sehr wichtige Bücher nach China zu holen. In den Büchern stände, was die Menschen tun müssten, um ein gutes Leben zu führen. In Indien würden viele Menschen glauben, dass man ansonsten zur Strafe nach dem Tod wiedergeboren würde, um sich zu bessern. Die Kinder wirken nicht sonderlich erstaunt. Ein Mädchen kommentiert: „Und bei uns glauben viele, dass man sonst in die Hölle kommt.“

Wir breiten nun verschiedene Abbildungen des Affenkönigs aus, so dass sich jedes Kind eine davon für sein Phil, Sophie & Co-Buch aussuchen kann. Manchen Kindern fällt die Entscheidung schwer. Bemerkenswert ist, dass kaum ein Kind den kämpfenden Affenkönig wählt. Sun Wukong fliegend, mit prächtigem Gewand oder unter Wasser mit Zauberstab sind die Favoriten. Wir schlagen vor, dass sich die Kinder noch einmal in ihrer Faschingsgestalt oder in einer anderen Verwandlung zum Affenkönig gesellen könnten. Das Mädchen, das im letzten  Salon sehr mit der Transparentpapier-Reißtechnik gerungen hat, möchte heute auch ihren fliegenden Affenkönig ausreißen und den Himmel tuschen. Wir freuen uns! Unser Junge, der noch vor einigen Wochen behauptete, keine Welle drucken zu können (20. Dezember 2011), startet mit einer detaillierten Zeichnung eines Piraten, der mit dem Affenkönig kämpft: „Ich bin der Pirat“, kommentiert er. Zuvor überlegt er, wie viel Platz er für die ausgewählte Abbildung braucht. Dann bekommt die Szene einen Rahmen, der farblich mit dem Bild im Zentrum korrespondiert. Sichtlich in die aufgeklebte Abbildung vertieft, fragt er uns: „Wie haben die das Bild denn gemalt?“, und zeigt auf die Craquele-Technik. Wir sagen ihm, dass wir das auch nicht genau wüssten, weil es nicht in dem Buch stände, aus dem das Bild stammt und beschreiben unsere Vermutungen. Er grübelt: „Das sieht aus, als wären das alles Risse.“ Wir stimmen ihm zu.

Die ersten Eltern kommen, um ihre Kinder abzuholen. Einige lassen sich unsere China-Requisiten von den Kindern zeigen. Ein Mädchen fragt uns lächelnd: „Ratet mal, was ich gemalt habe?“ Wir sehen eine rote, mit Filz- und Glitzerstift ausgefüllte Fläche. Einige Formen scheinen in die Fläche eingearbeitet zu sein. Wir fragen, wie beim Scharadespiel, ob es ein Mensch oder Tier sei, ob man es essen oder trinken könnte usw. Sie ist sichtlich amüsiert. „Das ist ein Koffer!“, triumphiert sie. „Und damit reise ich mit Mama und Papa nach China!“ Wir gratulieren zu der Idee: „Da werden sich die Menschen in China aber freuen. Rot ist in China eine sehr beliebte Farbe.“ Sie zeigt das Bild der Mutter und verabschiedet sich.

Resümee:

Die Kinder haben mit großer Begeisterung das ‚China-Stilleben‘ erkundet und sich empathisch – insbesondere beim Foto einer chinesischen Familie – in das Leben der Menschen dort eingefühlt. Durch den eigenen Wunsch sich zu verwandeln (vgl. vorhergehenden Salon zu Fasching) war den Kindern die Geschichte des Affenkönigs nicht fremd. Auf den Läuterungsprozess von Sun Wukong vom übermütigen zum verantwortungsvollen Wesen, würden wir gerne in einem Salon zur moralphilosophische Frage nach einem ‚guten Leben‘ zurückkommen. Über eine den Kindern gemäße Vermittlungsform werden wir nachdenken. Die Geschwindigkeit, mit der die Kinder in ihrem bildnerischen Ausdruck an Sicherheit gewinnen, freute uns auch in diesem Salon.

5. Salon: Bilder erfinden ist keine Zauberei: Die „Hexe-Lilli“-Illustratorin Birgit Rieger zu Besuch bei Phil, Sophie und Co

Ziele des Salons:

  • Horizonterweiterung: Fragend und beobachtend erfahren die Kinder, wer die Bilder in ihren Büchern erfindet und wie sie visualisiert werden.
  • Wissensvertiefung: Wir erinnern an die Reproduktionstechnik von Büchern, wie wir sie beim Besuch des Philosophen Hans Feger besprochen haben.
  • Interkulturelles Wissen: Das gleiche Buch gibt es in vielen Sprachen!
  • Indem die Kinder eigene Hexe-Lilli-Kreationen schaffen und diese von der Erfinderin der Buch-Hexe gewürdigt werden, wird ihr Mut zur „eigenen (visuellen) Stimme“ gestärkt.

Hexe Lilli in verschiedenen Sprachen

Ablauf des Salons:

Birgit Rieger sitzt neben unserer Fragenlandkarte im Kissenkreis, als die Kinder nach und nach eintreffen. Alle gruppieren sich neugierig in ihrer Nähe. Als wir fragen, ob sie denn wüssten, wer heute bei uns ist, stimmen sie zu. Ein Mädchen: „Sie hat die Hexe Lilli-Geschichten geschrieben!“ Birgit Rieger erklärt die Arbeitsteilung zwischen Autor und Zeichnerin. „Was ist Zeichnen?“, fragt ein Kind und eröffnet damit die gewohnte Gesprächssituation. Die Differenzierung zwischen Zeichnen und Malen leuchtet den Kindern ein. Bereits zum wiederholten Male hat ein Mädchen ihr eignes Hexe Lilli-Buch dabei. Verlegen schmiegt sie sich an eine von uns und versteckt das Buch. Als wir Birgit Rieger erzählen, wie sehr sich das Kind auf ihren Besuch gefreut hat und auf das Buch verweisen, ist das Eis gebrochen. Den ganzen Salon über weicht das Mädchen nicht mehr von der Seite der Bild-Zauberin!

Wir schlagen vor, Birgit Rieger mit unserem Begrüßungsritual „Wir sind ein starkes Team!“ Willkommen zu heißen. Alle stimmen zu. Unser Junge, der heute bereits zu Anfang des Salons seine Müdigkeit bekundete und hinter dem Sofa verschwand, streckt den Kopf hervor und macht von dort aus mit. Wir nutzen die Gelegenheit, der Gruppe noch einmal das Mädchen vorzustellen, das seit letzter Woche an unseren Salons teilnimmt. Unsere Runde wird also heute um die „klare Clara“ und die „bienenfleißige Birgit“ erweitert. Ein Mädchen reckt den Finger in die Höhe: „Ich möchte etwas erzählen!“ Stolz sagt sie in die Aufmerksamkeit der Gruppe: „Ich hab‘ meinen Papa gefragt: Auf Arabisch heißt ‚Guten Tag‘ ‚Marhaba‘ und auf Türkisch ‚Merhaba‘“ (siehe Salonbericht vom 21. Februar 2012). Wir zeigen unsere Freude über die mitgebrachte Antwort, wiederholen die Worte und integrieren sie in unser Spiel.

Am Anfang eines Bildes steht das weiße Papier

Birgit Rieger legt Hexe Lilli-Bücher in verschiedenen Sprachen in die Mitte des Kissenkreises. Die Kinder sprühen vor Begeisterung und vergleichen die Schriften. „Was sind denn das für Würmchen?“, fragt ein Kind und deutet auf die arabische Schrift. Unser Mädchen mit arabischem Familienhintergrund klärt uns auf. Nun liest das Kind mit türkischem Familienhintergrund aus der türkischen Buchversion vor. Zuvor hatte sie immer wieder betont, dass sie kein Türkisch könne (vgl. Salonbericht 21. Februar 2012)! Sie beobachtet die Reaktion der anderen. Birgit Rieger beglückwünscht sie dazu, zwei Sprachen zu kennen. Wir freuen uns über diese zufällige Unterstützung unserer Arbeit. Unser Junge sitzt nun auf dem Sofa und vergleicht die japanische und die chinesische Schrift. „Wie bei den Affenkönig-Comics!“, stellt er fest und fragt, ob wir die Box mit den chinesischen Heftchen wieder dabei hätten. Wir vertrösten ihn auf den nächsten Salon. „Wie hast du die Bücher gemacht?“, fragt das Mädchen mit dem eigenen Hexe-Lilli-Buch und deutet auf den Umschlag mit einer 3D-Folie. Birgit Rieger erklärt die Arbeitsteilung. „Und wie kommen denn dann deine Bilder da rein?“, fragt das Mädchen gleich weiter. Wir erinnern an Humboldts Kosmos-Buch und was uns der Philosoph Hans Feger über das Kopieren von Schrift und Bild erzählt hat.

Das Fenster ist unser Leuchttisch

Das Stichwort zur ‚Bild-Zauberei‘ ist gefallen. Birgit Rieger holt Papier und Stifte hervor und zeigt den Kindern, wie aus dem Nichts des weißen Papiers eine Hexe Lilli wird und wie sich der „Prototyp“ – das Wort wird erklärt! –  in die verschiedenen Gestalten verwandelt. Die Kinder wollen es nach kürzester Zeit selbst ausprobieren. “Layout-Papier“ wird verteilt. Das Wort wird bedächtig nachgesprochen. Und schon sind die Kinder an den Arbeitstischen. Da wir keinen „Lichttisch“ haben, nutzen einige Kinder die Fenster, um Konturen durchzupausen. Birgit Rieger hilft. Die meisten Kinder entscheiden sich, ihre eigene Hexe Lilli zu kreieren. Zaubertricks, andere Frisuren, ein Zauberhut und vieles mehr werden erfunden. Ein Mädchen zeigt Birgit Rieger ihre Bilderfindung. Beide besprechen Details wie z. B. die Hautfarbe. „Das ist der glücklichste Tag in meinem Leben!“, verkündet das Kind mit rührender Inbrunst.

Gegen Ende der Zeit verteilt Birgit Rieger den kleinen Flugdrachen Hektor aus „Hexe Lilli“ zum Ausschneiden. Das Kind, das sich beim letzten Mal einen Koffer für die eigene China-Reise gemalt hat, zaubert ihrem Drachen gleich zwei davon. „Dann kann der Drache Hektor die Drachen in China besuchen!“, kommentiert sie. Aus einer Stunde werden wieder einmal zwei und die Eltern treffen nach und nach ein. Ein Mädchen reagiert nicht auf die freundliche Ansprache des Vaters: „Hallo, ich bin Dein Vater!“ ruft er sichtlich amüsiert und schaut auf sein lesendes Kind. Ihr Blick macht klar, dass sie erst wieder auftauchen muss aus ihrer Hexe Lilli-Welt.

Resümee:

Philosophieren mit Erstklässlern ist eine sinnliche Reise, die jedes Kind mitnimmt, so wie es im jeweiligen Moment ist –  euphorisch, besonnen, übermutig, müde, lustig, traurig oder auch mal verzweifelt. Dieses Fazit legen uns die Kinder auch in diesem Salon nahe. Sie lernen mit Begeisterung und zunehmender Geduld. Neue Geschichten und Begriffe haben einen Zauber für sie. Neue Materialien werden zur Inspiration ihrer Vorstellungskraft.

Ich erfinde meine eigene Hexe Lilli

Birgit Rieger beglückwünscht uns zu unserer Arbeit: „Hier ist ja jedes Kind eine ganz eigene Persönlichkeit!“ Wir fühlen uns bestätigt. Wir möchten die Kinder in ihrem Selbstvertrauen, ihrer Entscheidungs- und Kritikfähigkeit stärken. Eine eigene Bildwelt (die eigene Hexe Lilli!) soll sie vor blinder Bewunderung gegenüber medial vermittelten Bildwelten schützen. Was unser Pilotprojekt aber auch zeigt, ist, dass ein Philosophieren mit Erstklässlern nur sehr schwer in ein 45-Minuten-Format passt. Als AG am Nachmittag wiederum ist die Erschöpfung der Kinder ein nicht zu leugnender Faktor. Indem wir jedem Kind zugestehen, sich zeitweilig zurückzuziehen, fällt ihnen die Entscheidung, jeden Dienstag zu uns zu kommen, leicht. Der Begriff des Salons suggeriert diesen individuellen Gestaltungsfreiraum.

3. Salon: Helau! Heute bin ich, wer ich sein will!

Ziel des Salons:

  • Stärkung des interkulturellen Interesses durch unser erweitertes Begrüßungsritual “Wir sind ein starkes Team!“
  • Förderung von Selbstreflexion und Empathie durch die Frage „Was verbinde ich mit der Gestalt, in die ich mich verwandelt habe und was mit der eines anderen Kindes?“
  • Förderung der Experimentierfreude durch die ungewohnte Bildästhetik des Collagierens mit gerissenem Transparentpapier.

 

Ablauf des Salons:

Wir erweitern unser Spiel „Wir sind ein starkes Team!“ durch die Anregung, ein Begrüßungswort in einer anderen Sprache hinzuzufügen. Hello, Ciao, Salut und Ni hao sind die ersten Vorschläge. Ein Mädchen überlegt, was „Hallo“ auf Arabisch heißt. „Wenn die Männer oder Frauen sich begrüßen, sagen die immer so was, aber ich hör‘ da nicht zu.“ Wir schlagen vor, dass sie vielleicht doch mal genau hinhört. Sie stimmt freudig zu und versinkt ins Grübeln. Ein anderes Kind wirft ein: „Meine Oma kommt aus Kroatien. Die ruf ich an und frag mal, was da „Hallo“ heißt. Ihre Vorrednerin hüpft auf dem Kissen: „Jetzt weiß ich´s, die sagen ‚Marhaba‘.“ Wir fragen, ob das türkische ‚Hallo‘ nicht ähnlich klingt? Das Mädchen mit türkischem Familienhintergrund zückt die Schultern. Das arabischstämmige Mädchen ist euphorisch: „Mein Papa ist ganz oft in der Türkei, der kann ganz toll Türkisch!“

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In der nächsten Runde erzählt jedes Kind von seinem Kostüm. Die himmlische Heima ist heute Schneekönigin. „Das hab ich auf einem Gauklermarkt gesehen. Die war so schön.“ Die durstige Dragana ist Cowgirl mit allem was dazugehört, kann aber nicht sagen warum. Wir machen Vorschläge. Nein, reiten möchte sie nicht, auf Menschen schießen auch nicht. Wichtiger ist ihr der glänzende Stern und der coole Gang. Die lustige Luna ist gelbglänzende Löwin: „Ich spiel‘ immer Löwe, jetzt wollte ich da mal reinschlüpfen.“ Die lachende Lulu ist „Bäuerin“: „Ich war in der Schule und meine Mama hat das Kleid gekauft. Jetzt bin ich Bäuerin, weil ich gerne baue.“ Sie zeigt auf die teuflische Theresa und sagt: „Und jetzt will ich Dich neu bauen!“ Sie lacht. Als wir ergänzen, dass Bäuerinnen ja auch auf einem Bauernhof leben usw. interessiert sie das nicht sonderlich.

Am Mal- und Basteltisch merkt man den Kindern die Erschöpfung vom vormittäglichen Feiern an. Die Löwin will ganz genau ihr Kostüm rekonstruieren und verzweifelt mehrfach. Wir erinnern an die Künstlerin Claudia Rößger, die uns erzählt hat, wie sie um ihre Bilder ringt und muntern sie immer wieder auf. Am Ende ist sie stolz auf ihr Bild. Zwei Kinder nehmen die Anregung, eine Collage aus gerissenem Transparentpapier zu kleben mehr oder weniger auf und integrieren die Technik in ihre Bilder. Das Cowgirl malt ihren Kopffüssler mit größter Sorgfalt. Dann schneidet sie – mit etwas Hilfe-  rotes Transparentpapier in Stückchen und klebt sie über die Figur: „Fertig!“ Ihr rotkariertes Hemd und die Roten Bordüren ihrer Weste machen alle Fragen überflüssig. Unsere Bäuerin, die eine begeisterte Malerin ist, schluchzt bei dem Versuch sich selbst aus gerissenen Transparentpapier-Stückchen darzustellen: „Die Haare sind doof. Der Kopf ist zu klein und die Beine zu dick!“ Sie ist am Ende ihrer Kräfte. Auch Zureden hilft nicht. Das Weinen wird heftiger. „Nein“, pausieren will sie nicht. Sie droht damit, die Seite aus ihrem Buch zu reißen oder gar das Buch wegzuwerfen, in das sie zahlreiche Bilder und die Namen ihrer Familienmitglieder gemalt und geschrieben hat. Uns kommt der Verdacht, dass es ihr schwer fällt, die ästhetische Eigenart der Reißtechnik anzunehmen. Zumeist werden Kinder für eine ‚ordentliche Optik‘ gelobt und dafür nicht über vorgezeichnete Linien zu malen. Auf diesen Aspekt wollen wir unbedingt zurückkommen. Heute ist das Kind für eine solche Auseinandersetzung viel zu erschöpft und es gilt schlicht, sie zu unterstützen. Daher erklärt sich eine von uns zur Assistentin. Millimeter für Millimeter reißen wir kleine Stückchen Papier, die sie dann selbst aufklebt. Unsere positive Beurteilung des Bildes soll ihr die Zuversicht geben, dass es so ‚richtig‘ ist. Die Zeit ist weit fortgeschritten und die meisten Kinder haben sich bereits verabschiedet. Nur die Schneekönigin gestaltet seelenruhig ein Bild nach dem anderen mit abstrakten Formen. Dann ist auch unsere Bäuerin zufrieden. Wir atmen auf.

 

Resümee:

Das Interesse der Kinder an den Herkunftssprachen ihrer Eltern und Großeltern nimmt zu. Durch das Faschingsthema haben sich die Kinder selbst und auch die anderen von einer neuen Seite kennen gelernt. Unser Angebot, sich mit einer neuen künstlerischen Technik auseinanderzusetzen hat ein Kind an die Grenzen der eigenen ästhetischen Flexibilität gebracht. Wir werden deshalb in unserem Salon „Was ist mein liebstes Bild?“ auf die Frage „Gibt es ein ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ in meinen Bildern?“ zurückkommen.

4. Salon: Welche Farbe hat die Wut

Gleich zu Beginn unseres Salons machen die Kinder große Augen. Wut – dazu können wirklich alle etwas erzählen. Einige holen schon einmal tief Luft, manche rollen die Augen. Wut ist ein starkes Gefühl, und wir kennen es sowohl von uns selbst, als auch von anderen.

Welche Farbe hat die Wut?

„Oh Gott: Wut“, sagt ein Junge. Anscheinend sind viele gespalten, wenn es darum geht, sich über Wut Gedanken zu machen. Eigentlich sei Wut ganz okay, meinen die meisten in der Runde, und es sei auch okay, dass man die Wut rauslässt. „Man MUSS sie sogar rauslassen“, erklärt ein Mädchen, „sonst wird man sie nie wieder los“. Aber alle wissen bereits, dass es nicht immer so ganz einfach ist, mit Wut umzugehen, nicht mit der eigenen, und nicht mit der Wut von anderen Menschen.

Und wie geht das überhaupt: die Wut rauslassen? Kann man vielleicht auch zuviel davon freisetzen? Die Kinder wählen aus hundert Farbkarten, die auf dem Tisch ausliegen, ihre eigene Farbe für Wut. Viele greifen nach Rottönen, und beschreiben ihre Wut mit gängigen Sprachbildern: „Man kocht dann so innerlich“, „Es brodelt in einem“. Einige suchen sich aber auch dunklere Farben aus, ein Mädchen wählt blau: „Weil meine Wut manchmal so riesig ist, wie ein Meer“, erklärt sie. Ein Junge wählt den Farbton „Deep Forest“, ein dunkles Grün. Als ich ihm den Namen übersetze, nickt er andächtig: „Das passt. Eine Wut kann so groß und mächtig sein, dass du dich auch richtig drin verirren kannst“.

Wir lesen „Robbi regt sich auf“ von Mireille d’ Allance und Markus Weber, in der die Wut erst groß und rot ist, und immer kleiner und kleiner wird. Nach und nach erzählen die Kinder, was sie wütend macht und wie sie ihre Wut erleben. Ein Mädchen hält eine schwarze Karte hoch: „Wut ist von außen eigentlich rot“, sagt sie, „aber in mir ist dann alles ganz schwarz“.

„Das Gute an der Wut ist: sie geht vorbei“, sagt ein Junge. Nicht immer fühlt man sich dann hinterher wirklich viel besser, oft aber doch. Und wirklich: Kein Wutanfall hält ewig und insofern passt die Schlussbemerkung aus der Runde, die Wut sei „wie ein Gewitter“. Das hört ja auch irgendwann wieder auf. Manchmal sogar schneller, als man zunächst dachte.

2. Salon: Danke-Sagen macht glücklich und schafft Freunde! (Exkursion)

Ziel des Salons:

    • Stärkung des Teamgeists durch ein gemeinsames Ziel und durch die gemeinsame Erkundung eines fremden Ortes.
    • Emotionale Erfahrung: Wie fühlt es sich an, sich bei jemandem zu bedanken, den man nicht kennt?
    • Transkulturelle Erfahrung: Wie klingt „Danke-Sagen“ in anderen Sprachen, z. B. in der Heimatsprache meiner Eltern?
    • Horizonterweiterung: Wo kommen die Mal-und Bastelmaterialien her, die wir in unseren Salons benutzen? Was brauchen Künstler für ihre Arbeit?

Danke-Schön-Collage

Ablauf:

Die Kinder sind aufgeregt und sammeln sich um die Danke-Schön-Collage. Jeder sucht seinen Beitrag. Die beiden Mädchen, die gefehlt haben, tragen ihre Namen ein. Während wir noch auf zwei Kinder warten, wiederholen wir das Spiel „Wir sind ein starkes Team!“. Alle können sich an ihre Namen und die der anderen erinnern! Vor dem Einsteigen in die Taxis, ziehen sich die Kinder einen Zettel, der entweder eine „Marzipankleber“-Dosen zeigt oder einen Stift. Demensprechend gibt es das „Stifte-Taxi“ und das „Kleber-Taxi“.

In dem Stifte-Taxi zeigen sich die Kinder gegenseitig, wo sie wohnen und wiederholen „Danke Schön“ in verschiedenen Sprachen. Als wir das „r“ von „Schukran“ nicht ausreichend rollen, werden wir von einem Mädchen freudig korrigiert. Im „Kleber-Taxi“ reden die Kinder euphorisch durcheinander. Wir machen ein Spiel, das die Aufmerksamkeit füreinander schärft. Die Kinder zählen nacheinander von 1 bis 7. Die Herausforderung dabei ist, dass es keine festgelegte Reihenfolge gibt. Wenn ein Kind also die nächste anstehende Zahl nennen möchte, muss es darauf achten, dass es nicht gleichzeitig mit jemandem spricht. Die Kinder sind konzentriert und bester Stimmung. Sie erkennen, dass sie dem Gegenüber durch ihre Gestik und durch Blickkontakt Signale senden können.

Am Ziel angekommen machen wir ein Gruppenfoto. Als der Absender des Pakets die Kinder begrüßt und sich die Collage anschaut, gesellen sich alle zu ihm und erklären ihm die Bilder, nennen ihre Namen und wiederholen „Danke Schön!“ in verschiedenen Sprachen: Schukran,Teşekkür, Thank you, Merci, Grazie und Xiexie. Zur „Schule von Athen“ und zum „Salon der Madame Geoffrin“ sagt ein Mädchen mit dem Finger darauf zeigend: „Das ist schon ganz lange her, das nicht ganz so lange und heute sind wir die Philosophen.“

Murmelbahn

Nachdem wir die Kugelbahn und das im Geschäft hängende Relief von Berlin angeschaut und unsere Schule darauf gefunden haben, begibt sich die „Kleber-Gruppe“ auf die Suche nach den entsprechenden Dosen, die „Stifte-Gruppe“, sucht Stifte, die sie aus unserem Salon kennt. Auf den Wegen durch das Geschäft bilden sich Kleingruppen, die staunend und  betastend bei Pinseln, verschiedenen Papiersorten und Styroporformen stehen bleiben. Einige haben konkrete Ideen, was sie gerne damit basteln würden. Insbesondere die Wand mit den verschiedenfarbenen Kreiden begeistert sie. Unser Junge fragt vor dem Farbenregal den Fotografen nach dessen Lieblingsfarben. Zurückgefragt zeigt er auf ein dunkles Blau, Braun und Schwarz. „Meine Mutter gibt mir immer Farben zu essen“, erzählt er. Auf die verwunderte Reaktion des Fotografen fügt er hinzu: „Die sind aber nicht giftig!“ Ihm scheint die Aussage nicht weiter erklärungsbedürftig.

Resümee:

Obwohl unser Ausflug nur kurz war, führte er dazu, dass sich Kinder miteinander unterhalten, die sonst weniger im Austausch stehen. Unsere Mädchen mit türkischem und arabischem Familienhintergrund spüren zunehmend, dass die Sprache ihrer Eltern, die sie nur sehr gegrenzt kennen, ein Gewinn für das Gespräch der Gruppe ist.

Was alle Kinder unseres Salons teilen, ist die Begeisterung für Farben und anderen Materialien des bildnerischen Ausdrucks.

1. Salon: Wir sind ein starkes Team!

 Ziel des Salons:

  • Kennenlernen der (neuen) Namen, verbunden mit einer kleinen ersten Selbstdarstellung der Kinder über alliterarisch dem Namen zugeordnete Eigenschaften
  • Stärkung des Teamgeists über das Geschenk, bzw. die Materialspende eines Geschäfts für Künstlerbedarf
  • Wir entwickeln mit den Kindern eine Form des Danke-Schön-Sagens, indem wir eine Collage basteln.

Ablauf:

Unser Berliner Team haben wir um Viktor Krowas verstärkt. Auch zwei Kinder sind erst seit drei bzw. vier Wochen dabei. Um den Teamgeist der Gruppe zu stärken, starten mit dem Kreisspiel „Wir sind ein starkes Team!“. Jedes Kind ordnet seinem Namen ein Eigenschaftswort zu und begrüßt ein anderes Kind durch Ballwurf mit dessen erweiterten Namen. Wem keine Eigenschaft einfällt, wird von der Gruppe mit Vorschlägen unterstützt. Im Kreis sitzen nun: die himmlische Heima, die lustige Luna, die lachende Lulu, die intelligente Irmak, Tintenfisch-Tarik, die zarte Zoe und die durstige Dragana. Zwei Kinder fehlen.

'Danke Schön'-Collage

Die Materialspende, die wir von einem Geschäft für Künstlerbedarf bekommen haben, machen wir zum Thema. Wir: „Jemand ist begeistert von unseren Gedankenreisen und von den vielen Bildern, die ihr gemalt habt und hat dem Phil, Sophie und Co-Team ein Paket geschickt!“ Staunen, Neugierde, Freude! Wir sammeln Ideen, was im Paket sein könnte, dann schauen wir nach: ein „Marzipankleber“ für jedes Kind, Stifte und große Aquarellblöcke.

Unser Vorschlag, eine Danke-Schön-Collage zu basteln, wird begeistert aufgenommen.  Dann wird debattiert, was jedes Kind beisteuern möchte. Die Figuren Phil & Sophie werden ausgemalt und dazu geklebt. Auch Raffaels „Schule von Athen“ und „Der Salon der Madame Geoffrin“, die die Kinder bereits aus den vorangegangenen Salons vertraut sind, werden aufgeklebt.

Resümee:

Das Spiel „Wir sind ein starkes Team!“ hat den selbstreflexiven Blick der Kinder und ihre Aufmerksamkeit für die Besonderheit der anderen geschärft. Wir werden hier in den folgenden Salons anknüpfen, indem wir die Vorstellungsrunde um die verschiedenen Sprachen, die in den Familien der Kinder gesprochen werden (Thema: Transkulturalität), erweitern.

3. Salon: Hat alles auf der Welt seinen Platz?

Die Erde scheint ein großes Durcheinander zu sein. Menschen aller Art, Häuser, Regentropfen, Glück, Sand, Staub, Fernsehprogramme, Hungersnot, Zauberei, Tiefsee, Lava, Kängurus, Politik, Schlamm – all das gibt es. Aber gehört all das auch irgendwie zusammen? Haben wir einen Platz darin? Gibt es eine Verbindung zwischen den Dingen? „Ja“, ruft ein Mädchen sofort „aber wir kennen sie nicht genau“. Auf die Rückfrage, was das für ein Zusammenhang sein könnte, antwortet sie: „Alles ist von irgendwem gemacht worden, alles kommt irgendwo her, vielleicht von einem Gott, ich weiß es nicht. Aber das haben alle Dinge gemeinsam“. Das leuchtet allen Kindern in der Runde ein. Haben wir damit die Antwort auf unsere Frage schon gefunden?

Wir schauen uns das Buch „Zoologie“ von Joelle Jolivet an, die auf schön gezeichneten Doppelseiten Tiere zu Kategorien zusammenfasst. Ich lasse die Kinder raten, welche Kategorie jeweils gemeint sein könnte. Die Kinder erraten jede Kategorie sehr schnell.

Im Anschluss daran wollen wir nun selber Kategorien bilden. Auf dem Teppichboden steht ein Gurkenglas mit einem Sammelsurium an kleinen Dingen darin – ein Mini-Universum, gewissermaßen. Ich schütte den Inhalt des Glases aus und bitte die Kinder, sich drei oder vier der Gegenstände, die einen Zusammenhang haben, auszusuchen. Die Kinder schieben die Teilchen hin und her und suchen sich zielsicher und schnell kleine Teilchen-Gruppen zusammen. Nacheinander raten wir, wer welche Kategorie dabei im Kopf hatte: „aus Glas!“, „aus der Natur!“, „bunt!“, und auch: „kaputt!“.

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Wir füllen alle Teile wieder in das Glas zurück und ich frage noch einmal nach dem Zusammenhang im Universum. Gibt es eine Ordnung im Chaos? „Ja, wenn du eine Ordnung in Deinem Kopf drin hast, dann kannst du die sozusagen auch in die Welt reintun“, erklärt ein Junge. „Oder Du siehst etwas, und merkst dann plötzlich, dass es zusammengehört, und so kommt die Ordnung dann von außen in Deinen Kopf rein“, erklärt ein anderer. „Aber das Chaos, das gibt es trotzdem“ beharrt ein Mädchen, „manchmal versteht man einfach gar nichts und kapiert nicht, wie alles sein soll“. „Aber nur weil du es nicht kapierst, heißt es nicht, dass es nicht trotzdem irgendwie geht, eine Ordnung zu finden“, sagt ein Junge abschließend. „Manchmal ist eine Ordnung da und wir können sie einfach nur nicht sehen“.

Zum Abschluss erzähle ich den Kindern eine Kurzversion von Platons Höhlengleichnis. Vielleicht gibt es irgendwo lauter Antworten auf unsere Fragen, und wir haben sie einfach noch nicht gefunden.

13. Salon: Hat alles auf der Welt einen Namen?

In der Mitte des Kissenkreises steht heute eine verschlossene Schachtel. Wir kündigen den Kindern an, dass ihr Inhalt etwas mit der folgenden Geschichte zu tun hat. Die Neugierde steigt. Dann lesen wir die Geschichte „Woher die Tiere Ihre Namen haben“ aus „Als die Welt noch jung war“ von Jörg Schubiger. „Hat alles auf der Welt einen Namen?“, fragen wir und greifen die Geschichte von Alexander von Humboldt auf, der um die ganze Welt gereist ist, um Bergen und Pflanzen Namen zu geben. Die Kinder erinnern sich sofort an den Besuch des Philosophen Hans Feger im letzten Salon und an das, was er von Humboldts Reisen erzählt hat. „Hatten die Dinge nicht von Anfang an einen Namen?“ fragt ein Kind, das am letzten Dienstag gefehlt hat. Ein anderes erwidert sicher: „Nein, die Menschen geben den Dingen die Namen.“ Wir geben zu bedenken, dass dort, wo Humboldt hinreiste, ja bereits andere Menschen lebten. Ein Mädchen schlussfolgert: „Die hatten bestimmt längst Ihre eigenen Namen, „in Ihrer eigenen Sprache.“ Wir bestätigen ihre Feststellung und fragen: „Also gibt es nicht immer nur einen Namen für ein Ding?“ Ein Kind reagiert auf die Andeutung: „Nein, eine Sache kann auch verschiedene Namen haben.“ Wie flexibel die Kinder mit dem gesammelten Wissen aus den vorhergehenden Salons umgehen bestätigt auch gleich der nächste Kommentar eines Jungen: „Denn es gibt ja auch verschiedene Sprachen.“

Hat alles auf der Welt einen Namen?

Nun endlich kommt der Moment, in dem die verschlossene Schachtel geöffnet wird. Darin liegen die in Druckbuchstaben auf kleine Zettelchen geschriebenen Namen der Kinder. Begeistert sucht sich jedes Kind seinen Namen heraus. „Wie ist das mit Euren Namen? Wer hat Euch Eure Namen gegeben?“, fragen wir. “Meine Eltern!“, rufen gleich mehrere Kinder, „mein Vater!“, „meine Oma!“ Einige erzählen, was sie über Ihre Namensgebung wissen. Ein Kind hat Ihren Spitznamen von der Oma: „Nun nennen mich auch alle anderen Lulu und das finde ich toll“, schwärmt sie. „Mein Name hat eine Bedeutung, ich heiße Luna, wie der Mond“, beginnt ein Mädchen und ergänzt „und meine Mama heißt Stella, das heißt ‚Stern‘ auf Italienisch.“ Sie ist sichtlich stolz. „Was wäre, wenn Ihr einen anderen Namen hättet? Würdet Ihr Euch dann anders fühlen?“, fragen wir zum Abschluss der Gesprächsrunde. „Ja“, sagen einige Kinder. „Dann wäre ich jemand ganz anderes“, sagt ein Mädchen, „als ob ich ein anderes Gesicht hätte.“

Wir laden die Kinder an die Mal- und Basteltische ein. Sie nehmen ihre Namenszettelchen mit. Auch die ausgedruckten Schriftzeichen und die Worte in den verschiedenen Sprachen aus dem vorletzten Salon legen wir noch einmal auf den Tischen aus. Die Kinder suchen sich z. B. die Sonne, den Mond oder den Berg in verschiedenen Sprachen aus und kombinieren ihn mit ihren Namen. Dann folgt der künstlerische Teil, der bei jedem Kind anders ausfällt. Manche entscheiden sich für abstrakte Muster, einige für Ornamente, andere für figurative Szenen.

Nach einem Schulhalbjahr Phil, Sophie & Co  nehmen alle Kinder unserer Gruppe ganz selbstverständlich und ohne große Anstrengung an den Diskussionen teil. Manchmal gibt es Momente der Ungeduld, der Müdigkeit oder auch der ungestümen Euphorie, die uns signalisieren, dass wir den diskursiven Teil der Salons kürzer halten müssen, um dafür mehr Raum für die Visualisierung der Ideen einzuräumen. Wie individuell sich die Kinder auch in ihren Bildern artikulieren und wie sehr jedes Kind seine eigenen Lieblingsstifte und Farben gefunden hat, bestätigt unseren Ansatz, dass wir bewusst nicht mit gestalterischen Vorgaben gearbeitet haben. Gerade, weil unsere Kinder sich noch kaum schriftlich artikulieren können, ist dieser Weg, die „eigene Stimme zu finden“ (Peter Bieri) von besonderer Bedeutung.

Wir freuen uns auf ein weiteres Halbjahr Phil, Sophie & Co!

12. Salon: Ein Philosoph zu Gast bei Phil Sophie & Co

Der Philosoph Hans Feger

Die Kinder sind schon voller Erwartung auf den Besuch des Philosophen Hans Feger. Auf dem Pausenhof erzählen sie, dass heute ein „echter Philosoph“ kommt! Einige Kinder wollen auch dabei sein und fragen bei uns an. In unserer kleinen Bibliothek ist aber nur Platz für zwei Besucherkinder.  Bis alle da sind, setzen sich die Kinder an den Maltisch. Der Junge, der letzten Dienstag gefehlt hat und auch zuvor erst einmal an unseren Salons teilgenommen hat, ist sichtlich verunsichert und zieht eine von uns zum Sofa. „Was habt Ihr beim letzten Mal gemacht?“, fragt er. Wir stellen ihm die Frage „Wenn jeder Mensch seine eigene Sprache spräche, was wäre dann…?“ Er ist beruhigt und antwortet: „Dann würde sich keiner verstehen.“

Als der Philosoph Hans Feger in die Bibliothek tritt, ist es einen Moment still. Alle Augen sind auf ihn gerichtet. Er grüßt, setzt sich mit an den Maltisch und holt ein Foto heraus, das ihn mit anderen Philosophen in China zeigt. China! Die Spannung wächst. Dann holt er ein dickes Buch aus seiner Tasche: Alexander von Humboldts Kosmos – Entwurf einer physischen Weltbeschreibung (erschienen in fünf Bänden zwischen 1845 bis 1862). Die Kinder drängen sich näher, alle wollen ins Buch schauen.

Als alle Kinder da sind, setzen wir uns in den Kreis. Hans Feger sitzt zwischen den Kindern auf dem Sofa. Er fragt, warum die Menschen denn begonnen hätten, Bücher zu schreiben? „Weil andere auch etwas wissen sollten“, kommt die Antwort. Die Vorteile von Büchern gegenüber der gesprochenen Sprache werden diskutiert. Dann deutet Hans Feger auf den Kosmos und fragt, warum das Buch denn wohl so glitzert? „Gold, Sterne sind da drauf“ „Wunderschön!“, antworten die Kinder. Hans Feger erzählt von den Reisen des Alexander von Humboldt und seinem Wunsch, all sein Wissen in ein Buch zu schreiben. „Dieses Buch ist der Kosmos“. Die Kinder wollen das Buch genauer sehen und merken, dass sie die Schrift nicht lesen können. „Meine Ur-Oma schreibt auch so“, stellt ein Mädchen fest. Als sie hören, dass Humboldt vielen Pflanzen und Bergen Namen gegeben hat, sprühen die Kinder los: „Hat er die Tulpe, Tulpe genannt, oder den Ätna, den Olymp benannt?“ Hans Feger verneint: „Die hatten schon einen Namen. Aber er hat andere Vulkane benannt und sie gezeichnet.“ Wir erfahren, dass Humboldt (1769-1859) ungefähr zu der Zeit gelebt hat, zu der auch der Salon der Madame Geoffrin (1755) stattfand. Das Bild hängt neben der Schule von Athen an unserem Zeitstrahl, unterhalb unserer Fragen-Landkarte. Wir hatten im 2. Salon darüber gesprochen. Die Kinder gucken sich die Menschen noch mal genau an. „Aber das Buch ist doch noch gar nicht so alt, hatten die denn schon Kopierer?“, fragt ein Junge. Eine Debatte, darüber, wie man Bücher geschrieben hat, bevor es Kopierer gab, beginnt: „Ganz früher haben die Menschen in Steine geritzt.“, „Und dann auf Blätter und andere haben die abgeschrieben“[…]. Wir stellen fest, dass wir hier nicht das Originalbuch sehen, sondern eine Kopie, die viel später gemacht wurde.

Sind Philosophen schlau?

Hans Feger fragt, wer denn der erste Philosoph war? Die Kinder schweigen. Dann erzählt er von Sokrates, der der Lehrer der ersten Philosophen war, nämlich von Platon und Aristoteles. Die Kinder freuen sich, weil sie die schon kennen und zeigen auf die Schule von Athen. „Sind Philosophen eigentlich schlau, oder nicht so schlau?“, fragt ein Besucherjunge. Hans Feger: „Manche sind schlau, manche sind aber auch einseitig.“ Das Wort „einseitig“, irritiert den Jungen, er fragt: „Bist Du schlau?“ Hans Feger: „Weiß ich nicht.“ Die beiden debattieren weiter darüber, was es heißt, schlau zu sein. Ein Mädchen mischt sich ein: „Bei den Philosophen sind die Antworten gar nicht so wichtig. Schlau ist, wer die klügsten Fragen hat.“ Schon beginnt eine Diskussion über gute und schlechte Fragen. Die Antworten kommen Schlag auf Schlag: „Warum ist das Weltall groß, die Erde rund […]“, unsere Kinder sind in ihrem Element. Unser schüchterner Junge sitzt lässig neben dem Gast auf der Sofakante und hat das Fragenstellen entdeckt: „Wer hat die Roboter erfunden?“, startet er. Er ist angekommen bei Phil, Sophie & Co, wir freuen uns. Ein Mädchen möchte Hans Feger ihr Phil, Sophie & Co-Tagebuch zeigen, ein anderes Mädchen schaut sich den Kosmos skeptisch an.

Unsere Mal-und Bastelfraktion geht zurück an die Tische. Wir erklären, dass wir heute unsere eigenen Kinderphilosophen-Urkunden basteln wollen. Die goldenen Stifte und Papiere machen glänzende Augen. Jeder bestimmt, wie die Worte „Phil, Sophie & Co“, „Urkunde“ und „für“ angeordnet werden. Darunter kleben einige die ausgeschnitten Figuren Phil und Sophie. Einige malen sich selbst dazu. Wieder gibt es den Moment, in dem alle schweigen und in ihre Tätigkeit vertieft sind. Die zufriedenen Gesichter unserer kleinen Philosophen und Philosophinnen sind schlicht beglückend. Wir fragen, wer sich seine Urkunde von Hans Feger unterschreiben lassen will. Alle rufen „Ich.“ Mit Goldschrift und in Druckbuchstaben haben sie nun die Unterschrift eines „echten Philosophen.“ Bei der Verabschiedung sagt er den Kindern: „Wenn Ihr groß seid, könnt ihr zu mir an die Universität kommen.“ Ein Mädchen antwortet ohne aufzuschauen: „Ich werde lieber Künstlerin“, und malt weiter. Zu Alexander von Humboldt werden wir sicher noch einmal zurückkehren!

11. Salon: Wenn jeder Mensch seine eigene Sprache spräche, dann…?

Ausgeschnittene Worte (Deutsch, Englisch, Türkisch, Arabisch), chinesische Schriftzeichen und Bilder liegen in der Mitte des Kreises. Die Kinder sortieren sie nach Wortlänge, einige lesen einzelne Worte vor.

Wir lesen aus „Zackarina und der Sandwolf“  von Asa Lind die Geschichte  „Zackarinas Sprache“.

In der Geschichte erfindet Zackarina ihre eigene Sprache. „Was wäre, wenn jeder seine eigene Sprache sprechen würde?“, fragen wir. „Dann würde keiner den anderen verstehen“, kommt die prompte Antwort. Ein anderes Kind ergänzt: „Und dann könnte keiner miteinander reden“.

Wir denken uns eine eigene Geheimsprache aus und bezeichnen verschiedene Dinge. „Erdbeere könnte man Punktbeere nennen, oder Punkti.“ Die Kinder greifen nach den in der Mitte liegenden Bildern und betrachten sie, bevor sie ihnen neue Namen geben. Auch die Wörter und Schriftzeichen ziehen die Aufmerksamkeit der Kinder an. Als Erstklässler fällt Ihnen das Lesen noch schwer. „Ist das ein Reh?“, fragt ein Kind? Wir zeigen auf die einzelnen Buchstaben und lesen sie zusammenziehend vor: „E-R“. Das Kind hatte sie von hinten nach vorne gelesen.

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„Habt Ihr schon einmal irgendwo kein Wort verstanden“, fragen wir? Ein Mädchen: „Ich war in Italien, da habe ich nichts verstanden. Nur ein Wort habe ich gelernt, ‚Grazie‘, das heißt ‚Danke‘. Und mein Papa ist fast immer im Zimmer geblieben, weil er nichts verstanden hat. Nur Mama und ich sind raus.“ „Ich kann Türkisch und Deutsch“, ruft ein Junge. Ein Mädchen entdeckt die arabische Schrift und sagt: „Ich kann nicht Arabisch lesen, aber zählen“  Sie zählt. Ein anderes Mädchen beginnt auf Englisch zu zählen, ein anderes wiederholt. Dann wird auf Türkisch gezählt. Wir zählen auf Arabisch und Chinesisch. Die Melodie der chinesischen Töne erstaunt die Kinder besonders.

„Was ist so besonders an der Sprache? Würden wir denn auch ohne Sprache zurecht kommen?“, fragen wir. „Nein“, ist die einhellige Antwort. Ein Mädchen: „Wir brauchen Sprache. Wenn einer mal einen Fisch haben will, an der Kasse, dann muss der auch fragen können, wie viel der kostet!“ „Ohne Sprache“, sagt ein Kind, „würden wir gar nicht hier sitzen, ohne Sprache kann man nicht Philosophieren.“ „Dann müsste man das anders machen,“ ergänzt ein Junge und verzieht das Gesicht zu einer Grimasse. „ Wie denn?“ fragen wir. „ Mit Zeichensprache!“, rufen gleich mehrere Kinder und fangen an zu gestikulieren.

Wir schlagen das Spiel Scharade vor, in dem Wörter umschrieben oder pantomimisch darstellt werden. Einige Kinder sind begeistert und wollen gleich beginnen. Andere nehmen ihre Phil, Sophie & Co-Bücher, die ausgeschnittenen Worte und Zeichen mit an den Maltisch. Den chinesischen Schriftzeichen kann man zum Teil Ihre Bedeutung noch ansehen, stellen die Kinder fest, so zum Beispiel bei der Feder, dem Berg oder dem Wald. Ein Mädchen legt Wörter und Zeichen in einen Reihe und schreibt sie in ihr Buch. Obwohl sie gerade erst 6 Jahre geworden ist, schreibt sie schon kleine Geschichten über ihre Familie auf. Viele Bilder bekommen die Widmung „Für Nazar“, ihre große Schwester. Da ihr Buch schon fast gänzlich mit Bildern und Texten gefüllt ist, versprechen wir ihr, dass sie im nächsten Salon ein neues bekommt, das erste aber gut aufbewahren soll! Sie sagt mit ernster Stimme, dass sie lieber beide bei sich haben möchte: „Ich hab‘ das Buch immer in meiner Tasche!“ Wir sind beeindruckt und versprechen ihr auch eine größere Schutzhülle, in die dann beide Bücher passen.

Arbeitsbuch

Die Zeit nähert sich dem Ende. Zwei Mädchen haben die Zeit vergessen, sie malen und sind vertieft in ein Gespräch über die ersten Worte der Steinzeitmenschen. Als wir mit dem Aufräumen beginnen und die von uns mitgebrachten Glühbirnen (warmes Licht) gegen die bibliothekseigenen Spar-Glühbirnen (kaltes Licht) austauschen, bemerkt eines der Mädchen misslaunig: „Bei so einem Licht kann man nicht philosophieren! Bei so einem Licht wäre das hier bloß ein Bastelkurs.“ Wir lachen und geben ihr voll und ganz Recht.

2. Salon: Wie wirklich sind Geheimnisse?

Geheimnisse sind magisch. Wir alle wissen etwas, das die Anderen nicht wissen sollen. Ist das vielleicht schon eine perfekte Begriffsdefinition? Ich frage die Kinder nach dem Gegenteil von einem Geheimnis. „Na, wenn es wirklich jeder weiß“, sagt ein Junge. Ein anderer: „Wenn man etwas einfach so sagen kann“. Ein Junge wendet ein, dass es Dinge gibt, die die meisten Menschen ruhig wissen können und nur vielleicht ein einziger Mensch nicht. „Das ist dann trotzdem ein Geheimnis, weil dieser Mensch dann etwas ganz bestimmtes nicht wissen soll“. Ich frage die Kinder, wer von ihnen ein Geheimnis hat. Bis auf einen Jungen gehen von allen Kindern die Hände in die Höhe.

Wie in dem Salon aus dem letzten Halbjahr zu diesem Thema lesen wir die Geschichte „In Wirklichkeit“ von Asa Lind aus „Alles von Zackarina und dem Sandwolf“. Vorweg bitte ich die Kinder, an ein Geheimnis, das sie entweder für sich alleine haben, oder mit jemandem teilen, zu denken. Welches Gefühl entsteht dabei? Hat das Geheimnis eine Farbe? Eine Form? Gibt es ein Symbol, das dazu passen könnte? Während des Vorlesens malen die Kinder, was ihnen zu diesen Fragen einfällt. Die meisten scheinen an etwas zu denken, was sie nicht belastet, ein Junge malt ein lachendes Gesicht, ein Mädchen sich selbst mit winkenden Armen in einem Regen aus Ausrufezeichen.

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 Im Anschluss überlegen wir: Darf man Geheimnisse verraten? Muss man es vielleicht sogar? Unter welchen Umständen darf man etwas für sich behalten und wann darf man eine Sache guten Gewissens ausplaudern? „Es gibt gute und schlechte Geheimnisse“ meint ein Junge, „und die guten darf man ruhig sagen“. „Nein“, sagt ein anderer, „du musst die schlechten sagen! Wenn jemand was Schlimmes getan hat, dann musst du das sagen!“. Wir sammeln Beispiele für gute und schlechte Geheimnisse und Gründe, die für oder gegen das Verraten sprechen.

Danach denkt jedes Kind noch einmal an sein spezielles Geheimnis und ich bitte die Kinder, diese Geheimnisse in ihre Tagebücher zu schreiben und fest zu übermalen und zu verkleben. Alle geben sich große Mühe, das Geheimnis gut zu verstecken. Ich erzähle dabei von Bankgeheimnissen und Staatsgeheimnissen und dass angeblich auch die Rezeptur von Coca-Cola so geheim ist, dass sie in einem Tresor verwahrt wird. Möglicherweise wäre das Coca-Cola-Rezept oder ein spezielles Staatsgeheimnis aber auch gut in den Tagebüchern der Kindern aufgehoben: fest unter zahllosen bunten Klebestreifen verborgen und für immer vor der Welt versteckt.

Wo war ich, bevor ich geboren wurde?

Ob es einem nun passt oder nicht: Die längste Zeit auf der Erde hat es uns wohl nicht gegeben. Die meisten Dinge, die passiert sind, haben anscheinend ohne uns stattgefunden und wir haben zwar davon gehört, können uns aber nicht daran erinnern. Weil wir es nicht selbst erlebt haben.

Selbst Menschen, die uns nahe stehen, unsere Eltern zum Beispiel, haben prägende Erlebnisse gehabt, noch lange, bevor wir dabei sein konnten. Wir kamen erst danach. Aber seit wann genau gehören wir eigentlich so richtig dazu zur Welt? Und sind wir wirklich nur da, so lange wir denken, dass wir da sind? Oder erstreckt sich unsere Existenz über Geburt und Tod hinaus?

Zunächst sind sich alle Kinder im Salon einig, dass sie vor ihrer Geburt irgendwie in den Körpern ihrer Eltern waren, die meisten entscheiden sich für die Vorstellung, ein sehr kleiner Teil ihrer Väter gewesen zu sein. Ein Junge denkt diese Vorstellung weiter: „Es gibt mich also, seit es meinen Vater gibt“. „Nein“, widerspricht ein anderer, „dich gibt es erst seit deiner Geburt“. „Ich glaube“, vermutet der nächste, „so richtig gibt es mich erst, seit ich über mich selbst nachdenke. Das war mit fünf“. Dass es eine Zeit gegeben hat, die keine Kenntnis hatte von ihnen, ist allen Kindern in der Runde nicht so richtig geheuer.

Wir lesen die Geschichte „Das Fahrradurlaubsfoto“ aus Asa Linds „Zackarina und der Sandwolf“. Der Sandwolf erzählt darin von seiner Existenz als Stein. Für ein Foto von uns selbst basteln wir uns Bilderrahmen aus Papptellern und verzieren sie bunt. – Dass sie sich nicht aus Steinen entwickelt haben, steht für alle Kinder in der Runde außer Zweifel. Aber auf einen Zeitpunkt, ab wann es sie auf der Erde gibt, können sie sich immer noch nicht einigen. „Es gibt mich, seit meine Eltern sich ein Kind gewünscht haben“ bemerkt ein Mädchen, „denn ab dann hatte sie eine Vorstellung von mir“. „Aber mit einer Vorstellung kann man sich auch täuschen“, wirft ein Mädchen ein, „es gibt ja Kinder, die kommen ganz anders zur Welt, als die Eltern das dachten, und welche Vorstellung war das dann?“. „Vielleicht die von Gott“, meint ein Junge.

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Ist die Vorstellung, die wir von uns selbst haben, möglicherweise die Seele, die in uns wohnt? Wenn die Seele von uns ohne unseren Körper existieren kann, könnte es dann sein, dass wir vielleicht doch schon lange auf der Erde sind, viel länger, als wir uns erinnern können? Ein Junge schlägt vor, es könne ja sein, dass Adam und Eva einmal alle Seelen von allen Menschen hatten „und von da aus werden sie immer neu verteilt“. Ein anderer sieht es quasi umgekehrt: „Vielleicht ist die ganze Geschichte auch nur erfunden und die ersten Menschen sind jetzt wir“.