6. Salon: Im Phil, Sophie & Co-Atelier. Wir blicken zurück.

Ziel des Salons:

Da die Kinder in den letzten zwei Salons sehr viele neue Informationen bekommen und neue bildkünstlerische Techniken gelernt haben, möchten wir uns heute Zeit für ihre Wahrnehmungen und Erinnerungen nehmen und das Gelernte vertiefen.

Ablauf des Salons:

Wir starten unseren Salon mit unserem Begrüßungsritual „Wir sind ein starkes Team!“ Zum ersten Mal benutzen alle Kinder die Langform der Begrüßung in verschiedenen Sprachen. Chinesisch, Englisch und Italienisch werden favorisiert. Ein eher zurückhaltendes Mädchen ergänzt den serbisch bzw. kroatischen Gruß „Dobar dan“. Sie hatte bisher nicht erzählt, dass Ihre Mutter die Sprache spricht. Wir freuen uns!

In der Mitte des Kissenkreises liegen heute noch einmal die Bücher zum Affenkönig und die „Hexe Lilli“ in elf Sprachen. Weil wir von den letzten zwei Salons noch so viele Ideen und Bilder im Kopf haben, machen wir einen Ateliertag, erklären wir den Kindern. Auf die Frage, was man denn in einem Atelier (den Begriff erklären wir) macht, antworten die Kinder ohne Anstrengung: malen, zeichnen, kleben, schneiden, reißen und falten. Wir ergänzen, dass man als Künstler ja zuerst nachdenken müsse, was man machen möchte und fragen: „Was ist Euch vom Affenkönig und der Hexe Lilli in Erinnerung geblieben? Was ist Euch wichtig? Was möchtet ihr noch wissen? Unser Junge ist nicht zu bremsen. In allen Details und mit Differenzierungen zwischen den Bildern in den verschiedenen Büchern gibt er die Geschichte wieder. „Und weil der Affenkönig übermütig war, wurde er 500 Jahre unter einem riesigen Berg eingesperrt“, schließt er. „Ja, 500 Jahre!“, unterstützt ihn ein Mädchen. Ein anderes: „Ich fand toll, als er unter Wasser war und den Zauberstab geholt hat.“ Wir sind überrascht, wie genau sich die Kinder erinnern, da sie während des Erzählens doch recht ungeduldig wirkten. Wir fragen, wie der Affenkönig denn wieder frei gekommen wäre? Unser Junge mit leuchtenden Augen: „Er hat versprochen, dass er sich bessert und dann hat er den Mönch auf der Reise beschützt und gegen die Bösen gekämpft.“ Wir ergänzen, dass ihn die Göttin der Gnade befreit hätte und der Mönch Tripitaka hieß. Dann wiederholen wir die Bedeutung der buddhistischen Sutren.

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Wir schauen uns noch einmal die „Hexe Lilli“–Bücher an, die uns Birgit Rieger ausgeliehen hat. „Das Buch heißt gar nicht ‚Hexe Lilli‘!“, protestiert ein Mädchen. „Das auch nicht!“, ruft ein anderes. Sie ziehen die einzelnen Buchstaben zusammen: „Kika“ (spanisch), „Tina“ (katalanisch) und „Martina“ (italienisch) lesen sie vor. Wir ergänzen die Länder. Die Kinder unterhalten sich darüber, welchen Namen sie besser finden. Unser Junge legt die asiatischen und die israelische Ausgaben zusammen: „Die kann man gar nicht lesen!“, stellt er fest und zeigt dann auf die chinesische: „Das ist Chinesisch, wie beim Affenkönig!“, sagt er stolz. Dann vergleichen sie die Abbildungen (groß-klein, schwarzweiß-bunt), die Schriftästhetik, Schriftmenge pro Seite und die Papierhaptik (rau-glatt). Wir staunen über die wissenschaftliche Herangehensweise der Kinder. Dann wiederholen wir zusammen die Arbeitsschritte von Birgit Rieger. Empörungsrufe eines Mädchens: „Birgit heißt doch ‚bienenfleißigen Birgit‘“! Wir lachen und geben ihr Recht. Die Kinder können sich genau erinnern. Wir erklären, dass wir die Technik des Kopierens heute mit Blaupausen- und Butterbrotpapier ausprobieren wollen und wechseln an die Mal- und Basteltische. Bis auf zwei Kinder sind alle nach einmaligem Vormachen ins Zeichnen vertieft. Stille Geschäftigkeit kehrt ein. Einige entscheiden sich für „Hexe Lilli“-Vorlagen, die sie abwandeln, einige pausen eigene Bilder durch. Ein Mädchen: „Zuhause habe ich alle Bilder aus meinem „Hexe Lilli“-Buch durchgepaust!“ Sie tauscht die Hexe auf dem Rücken eines Seepferdchens gegen eine Meerjungfrau aus. Ein anderes Kind schneidet ihre Hexe aus und klebt sie auf ihr Tagebuch. Völlig überrascht stellt ein Kind fest, dass all die Farben, mit denen sie auf die Blaupause gemalt hat, weg bzw. blau sind. Kurzerhand koloriert sie die Herz-Zeichnung nach und ist zufrieden.

Unser Junge und ein Mädchen wollen nicht malen und sich lieber die chinesisch-sprachigen Affenkönig-Comics anschauen. Sie sitzen auf dem Sofa und erzählen sich gegenseitig, was sie auf den Bildern sehen. Nach einiger Zeit schlagen wir vor, dass sie den Namen des Affenkönigs ja in chinesischen Schriftzeichen in ihre Phil. Sophie & Co-Bücher schreiben könnten. Sie zögern zweifelnd und stimmen dann doch zu. Strich für Strich machen wir es vor und sie nach. Aus dem „Das kann ich nicht!“ unseres Jungen werden goldene Schriftzeichen. Nahezu zwei Stunden dauert unser Salon heute. Ein Mädchen, das wir in den Hort zurückbringen, erzählt in Gedanken versunken: „Manchmal ist die Zeit langweilig. Beim Philosophieren ist die Zeit immer zu kurz.“  Wir stimmen zu, erklären, dass es das schöne Wort „kurzweilig“ gäbe, was aber selten jemand benutzt. Ihr gefällt das Wort und sie wiederholt es genießerisch.

Resümee:

Die Atelier-Salons – im letzten Schulhalbjahr nannten wir sie Werkstatt-Salons – erweisen sind als wichtige Reflexionspausen für die Kinder und uns. Mittlerweile sind unsere kleinen Philosophinnen und unser kleiner Philosoph so eigenständig in ihrem Forscherdrang, dass wir zu ihren Assistenten werden. Jeder neue Begriff wird umgehend erfragt! Dass sich Menschen wie die Künstlerin Claudia Rößger, der Philosoph Hans Feger und die Illustratorin Birgit Rieger für sie interessieren, stärkt ihr Selbstvertrauen. Unser Wunsch, mit dieser Kindergruppe auch im nächsten Schuljahr weiterzuarbeiten – und, wenn finanzierbar – eine zweite Gruppe für die Kinder auf der Warteliste zu eröffnen, erscheint mit jedem Salon sinnvoller. ‚Bildungsferne‘ würde für sie alle ein Wort, das nichts mit ihnen zu tun hätte.

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1. Salon: Wir sind ein starkes Team!

 Ziel des Salons:

  • Kennenlernen der (neuen) Namen, verbunden mit einer kleinen ersten Selbstdarstellung der Kinder über alliterarisch dem Namen zugeordnete Eigenschaften
  • Stärkung des Teamgeists über das Geschenk, bzw. die Materialspende eines Geschäfts für Künstlerbedarf
  • Wir entwickeln mit den Kindern eine Form des Danke-Schön-Sagens, indem wir eine Collage basteln.

Ablauf:

Unser Berliner Team haben wir um Viktor Krowas verstärkt. Auch zwei Kinder sind erst seit drei bzw. vier Wochen dabei. Um den Teamgeist der Gruppe zu stärken, starten mit dem Kreisspiel „Wir sind ein starkes Team!“. Jedes Kind ordnet seinem Namen ein Eigenschaftswort zu und begrüßt ein anderes Kind durch Ballwurf mit dessen erweiterten Namen. Wem keine Eigenschaft einfällt, wird von der Gruppe mit Vorschlägen unterstützt. Im Kreis sitzen nun: die himmlische Heima, die lustige Luna, die lachende Lulu, die intelligente Irmak, Tintenfisch-Tarik, die zarte Zoe und die durstige Dragana. Zwei Kinder fehlen.

'Danke Schön'-Collage

Die Materialspende, die wir von einem Geschäft für Künstlerbedarf bekommen haben, machen wir zum Thema. Wir: „Jemand ist begeistert von unseren Gedankenreisen und von den vielen Bildern, die ihr gemalt habt und hat dem Phil, Sophie und Co-Team ein Paket geschickt!“ Staunen, Neugierde, Freude! Wir sammeln Ideen, was im Paket sein könnte, dann schauen wir nach: ein „Marzipankleber“ für jedes Kind, Stifte und große Aquarellblöcke.

Unser Vorschlag, eine Danke-Schön-Collage zu basteln, wird begeistert aufgenommen.  Dann wird debattiert, was jedes Kind beisteuern möchte. Die Figuren Phil & Sophie werden ausgemalt und dazu geklebt. Auch Raffaels „Schule von Athen“ und „Der Salon der Madame Geoffrin“, die die Kinder bereits aus den vorangegangenen Salons vertraut sind, werden aufgeklebt.

Resümee:

Das Spiel „Wir sind ein starkes Team!“ hat den selbstreflexiven Blick der Kinder und ihre Aufmerksamkeit für die Besonderheit der anderen geschärft. Wir werden hier in den folgenden Salons anknüpfen, indem wir die Vorstellungsrunde um die verschiedenen Sprachen, die in den Familien der Kinder gesprochen werden (Thema: Transkulturalität), erweitern.

13. Salon: Hat alles auf der Welt einen Namen?

In der Mitte des Kissenkreises steht heute eine verschlossene Schachtel. Wir kündigen den Kindern an, dass ihr Inhalt etwas mit der folgenden Geschichte zu tun hat. Die Neugierde steigt. Dann lesen wir die Geschichte „Woher die Tiere Ihre Namen haben“ aus „Als die Welt noch jung war“ von Jörg Schubiger. „Hat alles auf der Welt einen Namen?“, fragen wir und greifen die Geschichte von Alexander von Humboldt auf, der um die ganze Welt gereist ist, um Bergen und Pflanzen Namen zu geben. Die Kinder erinnern sich sofort an den Besuch des Philosophen Hans Feger im letzten Salon und an das, was er von Humboldts Reisen erzählt hat. „Hatten die Dinge nicht von Anfang an einen Namen?“ fragt ein Kind, das am letzten Dienstag gefehlt hat. Ein anderes erwidert sicher: „Nein, die Menschen geben den Dingen die Namen.“ Wir geben zu bedenken, dass dort, wo Humboldt hinreiste, ja bereits andere Menschen lebten. Ein Mädchen schlussfolgert: „Die hatten bestimmt längst Ihre eigenen Namen, „in Ihrer eigenen Sprache.“ Wir bestätigen ihre Feststellung und fragen: „Also gibt es nicht immer nur einen Namen für ein Ding?“ Ein Kind reagiert auf die Andeutung: „Nein, eine Sache kann auch verschiedene Namen haben.“ Wie flexibel die Kinder mit dem gesammelten Wissen aus den vorhergehenden Salons umgehen bestätigt auch gleich der nächste Kommentar eines Jungen: „Denn es gibt ja auch verschiedene Sprachen.“

Hat alles auf der Welt einen Namen?

Nun endlich kommt der Moment, in dem die verschlossene Schachtel geöffnet wird. Darin liegen die in Druckbuchstaben auf kleine Zettelchen geschriebenen Namen der Kinder. Begeistert sucht sich jedes Kind seinen Namen heraus. „Wie ist das mit Euren Namen? Wer hat Euch Eure Namen gegeben?“, fragen wir. “Meine Eltern!“, rufen gleich mehrere Kinder, „mein Vater!“, „meine Oma!“ Einige erzählen, was sie über Ihre Namensgebung wissen. Ein Kind hat Ihren Spitznamen von der Oma: „Nun nennen mich auch alle anderen Lulu und das finde ich toll“, schwärmt sie. „Mein Name hat eine Bedeutung, ich heiße Luna, wie der Mond“, beginnt ein Mädchen und ergänzt „und meine Mama heißt Stella, das heißt ‚Stern‘ auf Italienisch.“ Sie ist sichtlich stolz. „Was wäre, wenn Ihr einen anderen Namen hättet? Würdet Ihr Euch dann anders fühlen?“, fragen wir zum Abschluss der Gesprächsrunde. „Ja“, sagen einige Kinder. „Dann wäre ich jemand ganz anderes“, sagt ein Mädchen, „als ob ich ein anderes Gesicht hätte.“

Wir laden die Kinder an die Mal- und Basteltische ein. Sie nehmen ihre Namenszettelchen mit. Auch die ausgedruckten Schriftzeichen und die Worte in den verschiedenen Sprachen aus dem vorletzten Salon legen wir noch einmal auf den Tischen aus. Die Kinder suchen sich z. B. die Sonne, den Mond oder den Berg in verschiedenen Sprachen aus und kombinieren ihn mit ihren Namen. Dann folgt der künstlerische Teil, der bei jedem Kind anders ausfällt. Manche entscheiden sich für abstrakte Muster, einige für Ornamente, andere für figurative Szenen.

Nach einem Schulhalbjahr Phil, Sophie & Co  nehmen alle Kinder unserer Gruppe ganz selbstverständlich und ohne große Anstrengung an den Diskussionen teil. Manchmal gibt es Momente der Ungeduld, der Müdigkeit oder auch der ungestümen Euphorie, die uns signalisieren, dass wir den diskursiven Teil der Salons kürzer halten müssen, um dafür mehr Raum für die Visualisierung der Ideen einzuräumen. Wie individuell sich die Kinder auch in ihren Bildern artikulieren und wie sehr jedes Kind seine eigenen Lieblingsstifte und Farben gefunden hat, bestätigt unseren Ansatz, dass wir bewusst nicht mit gestalterischen Vorgaben gearbeitet haben. Gerade, weil unsere Kinder sich noch kaum schriftlich artikulieren können, ist dieser Weg, die „eigene Stimme zu finden“ (Peter Bieri) von besonderer Bedeutung.

Wir freuen uns auf ein weiteres Halbjahr Phil, Sophie & Co!