Ist Können eine Kunst?

Im Leben eines jeden Menschen gibt es etwas, das er gut kann – manchmal sogar, ohne es zu wissen! Es gibt Menschen, bei denen sich erst durch einen Zufall herausstellte, dass sie in der Lage sind, etwas ganz besonders gut zu machen, besser als viele andere. Zugleich sind überall auf der Welt Kinder und Erwachsene damit beschäftigt, eine Sache zu üben und Fortschritte zu machen: beim Musizieren zum Beispiel, oder beim Sport. Manchmal macht das Üben Spaß, manchmal nicht, meistens aber ist es ein schönes Gefühl, wenn wir merken, dass wir etwas schaffen, was wir gerne schaffen wollen.

Manche sind berühmt für das, was sie besonders gut machen, andere pflegen Ihr Können eher im Stillen. Viele Menschen bekommen Applaus und viel Aufmerksamkeit für etwas, das andere auch gerne können würden. Und an einige wird man sich auch lange nach ihrem Tod noch erinnern. Dabei haben wir alle mal bei Null angefangen und konnten fast nichts – oder? Gibt es Dinge, die man gut kann, ohne sie jemals geübt zu haben? Und ist es wichtig, dass andere sehen, was man alles kann? Oder reicht es schon, es einfach für sich zu wissen? Macht uns erst unser Können wertvoll?

An unsere Erfolge denken wir alle gerne – aber wie fühlt es sich eigentlich an, etwas nicht zu schaffen, was man gerne schaffen möchte? Womit kannst du dich dann trösten? Alle Menschen haben nicht nur ganz klein angefangen, wir alle werden auch eines Tages wieder aufhören, das zu tun, was wir gut können, vielleicht weil wir zu alt dafür werden, weil es uns irgendwann keine Freude mehr macht, oder weil das Leben eben eines Tages zu Ende geht und damit auch alles, was wir gerne tun. Wir lange willst du das, was du jetzt gern tust, noch betreiben? Was brauchst du dafür? Wer kann dir dabei helfen?

Wir lesen sie Geschichte „Der große Bär“ von Nicholas Oldland und überlegen, wer in der Runde welche besonderen Fähigkeiten hat. Manche Kinder zögern zunächst, etwas zu benennen, worauf sie bei sich selbst stolz sind. Aber so nach und nach fällt jedem etwas ein. Wir basteln uns bunte Orden für uns selbst und legen sie in Pergamintütchen in unsere Arbeitsbücher, um sie bei Bedarf griffbereit zu haben. Manche Kinder basteln gleich mehrere Orden für mehrere Fähigkeiten oder für andere Menschen, die diese Sache ebenfalls gut beherrschen.

Warum ist es manchmal so schwer, etwas an sich selbst richtig gut zu finden, während wir andere Menschen schneller bewundern können? „Alles, was ich kann, kann irgendjemand irgendwo noch besser“ sagt ein Junge. „Woher willst du denn das wissen?“ fragt ein Mädchen zurück, „du kennst doch gar nicht alle!“. „Besondere Fähigkeiten sind so eine Art Dekoration“, sagt ein anderes Mädchen, „Hauptsache ist, dass man zufrieden ist, man kann auch ganz normal sein“. Ist „ganz normal sein“ vielleicht auch schon eine Kunst?

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Zu Besuch im Atelier der Träume oder 1:0 für einen jodelnden Flamingo

Wir starten unseren ersten Ausflug, der uns – nur einen kurzen Fußmarsch von der Schule entfernt – zur Künstlerin Claudia Rößger führt. Die Kinder sind bester Laune und haben alle ihre Phil, Sophie & Co-Bücher dabei. Am Ziel angekommen, sind sie spürbar aufgeregt. Sie sprinten die Treppe hoch. Die Künstlerin begrüßt die Kinder. Sie verteilen sich auf den Sofas, nehmen ihre Phil, Sophie & Co-Bücher und beginnen zu malen. Unser Anfangsritual ist definiert – von den Kindern, nicht von uns! Claudia Rößger lädt die Kinder ein, mit ihr die Wohnung zu erkunden. Erster Höhepunkt: ein polnisch sprechendes Bilderbuch! Die Kinder sind begeistert. Sie sprechen darüber, wer von ihren Bekannten Polnisch spricht. Dann entdecken sie einen jodelnden Plüsch-Flamingo, beginnen ihn nachzuahmen und durch die Wohnung zu springen. Wer denkt da an Kunst und Philosophie! Wir warten, bis die Stimmung etwas ruhiger wird.

Ein Geburtstagsständchen für eines der Kinder bringt uns wieder auf die Sofas zurück. Nun können wir mit der Bildbetrachtung beginnen. Wir weisen die Kinder auf das große Bild (Mutter und Kind, Öl auf Leinwand, 2004) hin, das direkt in unserer Nähe hängt und fragen: „Sehen die Menschen auf den Bildern so aus, wie die Menschen auf der Straße?“

Claudia Rößger, "Mutter und Kind", Öl und Eitempera auf Leinwand, 120 x 140cm, 2004.

Claudia Rößger, "Mutter und Kind", 2004.

Die Kinder brauchen etwas, bis sie antworten: „Nein“, sagt ein Mädchen. „Anders“, „Ja, anders“ unterstützen sie zwei weitere. „Anders, warum?“, fragen wir. „Weil die bunt sind“, „Wie von früher“, „Andere Sachen haben die an“, stellen die Kinder fest. Die Künstlerin: „Ich mag bunte Sachen. Und wenn ich denke, heute hätte ich gerne einen roten Ringelpulli an, dann mal ich den.“ Wir: „Man kann also malen, was man sich wünscht. Was sind denn das da für große Zacken auf dem Bild?“ Ein Mädchen wiederholt die Frage. Die Künstlerin erzählt, dass sie dabei an ein Alarmsignal gedacht hat, „Peng!“ Zusammen erkunden wir das Bild, fragen nach dem dritten Bein der einen Figur und überlegen worin ihre Hand wohl feststeckt. „Die, die hinten steht, hilft der anderen,“ sagt ein Mädchen. Ein Junge: „Die laufen weg.“ Ein anderes Mädchen ruft: „Die eine hat keinen Kopf!“ und spielt darauf an, dass dieser nur angedeutet, aber nicht farbig ausgestaltet ist. „Ist das Bild denn wohl schon fertig“, fragen wir. „Jaaaaa“, rufen die Kinder zusammen. Die Künstlerin: „Manchmal weiß man auf eine Frage keine Antwort, dann kann man nicht weitermalen.“ „Wie in der Philosophie“, folgern wir.

Wir fragen, wer mit Claudia noch andere Bilder anschauen und wer lieber malen möchte. Die Gruppe und wir teilen uns auf. „Wir können ja auch etwas malen, das es gar nicht gibt“, schlagen wir vor. „Vielleicht kann man auch zu malen anfangen, ohne zu wissen, was dabei herauskommt.“ „Eine Badewanne, die sprechen kann“, „ein Haus mit 100 Fenstern und Türen“, ein „fliegender Supermann“, „ein Waal mit ganz vielen Augen“, „ein leuchtendes Herz“, „ein Monster“, kommentieren die Kinder ihre Bilder. Beim Stichwort ‚Monster‘ erzählt ein Mädchen, dass sie von Monstern geträumt hat. „Und dann hatte ich Angst“, sagt sie mit leidendem Blick. Zwei andere Kinder reagieren: „Ich träum‘ auch ganz oft was Gruseliges.“ Und: „Ich hab‘ geträumt, dass ich mich verirre und dann wach ich auf und hab Angst.“ Wir fragen: “Was kann man denn machen, wenn man schlecht träumt?“ „Weiterschlafen“, „Ja, weiterschlafen“, rufen die Kinder. Wir überlegen, was man noch tun kann. Ein Mädchen entdeckt ein Bild an der ihr gegenüberliegenden Wand, das von vielen schwarzen Figuren bevölkert wird. „Das ist auch ein schlechter Traum“, ruft sie. „Ja, schwarze Figuren sind böse“, ruft ein Junge.

Die anderen Kinder kommen von ihrer Kunst-Besichtigung zurück. Sie haben sich von der Künstlerin die Geschichten zu den Bildern erzählen lassen. Zum Abschluß unseres 4. Salons machen wir ein Gruppenfoto auf dem getigerten Sofa, hinter uns Mutter und Kind und inmitten der Kinder: der rosa Flamingo!