Wozu brauche ich Freunde?

„Freundinnen müsste man sein…“ heißt es in einem Lied von Funny van Dannen. Und tatsächlich gibt es so unglaublich viele Dinge, die man mit Freunden tun kann. Aber könnte man das alles nicht auch genauso gut alleine machen? Ab wann ist jemand, den man kennt, ein Freund? Und was muss er mitbringen, um nicht einfach nur irgend jemand zu sein, sondern eben ein ganz besonderer Mensch, mit dem wir befreundet sein wollen? Müssen wir unsere Freunde dauernd treffen oder können sie auch am anderen Ende der Welt wohnen?

Kugelmensch

Wir hören die Geschichte von Platons Kugelmenschen, die mit ihren vier Armen und Beinen beneidenswert gut ausgestattet waren. Sogar von den Göttern wurden sie beneidet – und schließlich in zwei Hälften geteilt, die sich fortan nacheinander sehnen. Diese Sehnsucht kennen viele Menschen und manche behalten sie ihr Leben lang. Heißt das, dass wir ohne einen anderen Menschen unvollständig sind?

In Shel Silversteins Geschichte „Die Geschichte vom Missing Piece“ wird eine Variante des Kugelmensch-Mythos erzählt: Ein Kreis sucht sein fehlendes Stück, findet es schließlich, und lässt es nach einer gemeinsamen Zeit wieder los. Wir lesen das Buch und überlegen: Ist die Sehnsucht nach einem perfekten Partner vielleicht eigentlich ganz schön?

„Ein Freund hat etwas, das du brauchst“, sagt ein Junge in der Runde. „Und was du brauchst, das ändert sich“. „Ja“, ergänzt ein Mädchen, „wenn du deine Sorgen loswerden willst, zum Beispiel. Dann kann dir dein Freund sagen, dass alles nicht so schlimm ist“. „Ein Freund oder eine Freundin muss dich verstehen, dafür muss er oder sie so ähnlich sein wie du“, merkt ein anderes Mädchen an. „Aber auch verschieden!“ ruft ein Junge, „sonst wäre es langweilig“.

In die Ausstanzungen kleiner Papierstücke schreiben die Kinder, wozu sie jemanden brauchen, was zu zweit einfach schöner ist als allein. Auf die ausgestanzten Papierkreise notieren sie, wer diese Person ist oder wie er oder sie sein sollte. Die meisten Kinder sind außerdem nachhaltig begeistert vom Kugelmensch und malen ihre Vorstellung davon in ihre Arbeitsbücher.

„Ein Freund muss zu dir passen, du kannst nicht einfach mit jedem befreundet sein“, bemerkt ein Junge abschließend. „Ein Freund ist wie ein Teil von Dir. Das kann man nicht immer erklären. Aber fühlen kann man es schon“.

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Welche Farbe hat das Glück?

Die Kinder treffen nach und nach ein, setzen sich auf ‚ihren Platz‘ und beginnen in ihre Phil, Sophie & Co-Bücher zu malen. Ein Mädchen zeigt ihren sehr detailiert gestalteten Kugelmenschen und ist sichtlich stolz.

Kugelmensch

Als alle da sind, erzählen wir dem Mädchen, das beim letzten Mal gefehlt hat, was wir bei unserem Besuch der Künstlerin Claudia Rößger erlebt haben. „Wir haben ganz viele Bilder angeschaut“, sagt eines der Mädchen, die in der Kleingruppe mit der Künstlerin eine zweite „Kunstbetrachtungsrunde“ gemacht hat. „Wir haben Monster gemalt“, ergänzt ein Junge. „Wir haben einen jodelnden Flamingo gefunden“ – das Mädchen jodelt und freut sich. Die anderen rufen „Ja!“

Wir fragen, ob denn jemand bemerkt hätte, was heute im Raum anders ist? Alle schauen sich um. „Die Wände sind blau!“, ruft ein Mädchen. „Sind die erst heute blau?“, fragen wir. „Nein“, schallt es. Das Mädchen, das gefehlt hat, zeigt auf unser Gruppenfoto, das bei Claudia Rößger entstand und nun an unserem Zeitstrahl in der „Gegenwart“ befestigt ist.  Großes „Hurra!“. Jedes Kind bekommt ein Foto. Mit dem Mädchen, das nicht dabei war besprechen wir, dass wir ihr Foto dazu kleben werden. Wir zeigen auf die vier Etappen des Zeitstrahls: „In der Antike, vor 2000 Jahren, gab es Philosophen, vor 500 und vor 200 Jahren gab es Philosophen und heute sind wir die Philosophen.“ Das scheint für die Kinder nicht der Rede wert, sondern eher selbstverständlich.

Wir verteilen eine Kopie des Bildes Mutter und Kind (2004). Der Reihe nach erzählt jedes Kind, woran es sich erinnert: „Das Bild ist dunkel.“ „Das Kind ist mit der Hand in was reingerutscht.“ „Ja, und kommt nicht mehr raus und die große Frau hilft ihr.“ „Das dritte Bein ist zu schwer, darum ist sie reingerutscht.“ „Was war das noch Mal mit den Zacken?“, fragt ein Junge. Die  Kinder überlegen. „Gefahr!“, sagt eines. Wir fragen: „Hatten die Zacken nicht etwas mit einem  Geräusch zu tun? Was hat Claudia erzählt?“ „Ja“, rufen gleich mehrere und machen gestikulierend Knall- und Explosionsgeräusche.

Wir fragen nach den Farben in Mutter und Kind. Die Antworten nutzen wir zur Überleitung zum heutigen Thema. Zudem erinnern wir an die Bilder, die die Kinder heute in ihre Bücher gemalt haben und an frühere Gespräche. Ein Kind hat eine ganze Seite ihres Buches flächig gelb gemalt, ein anderes ein buntes Haus: „So sieht das Haus aus, in dem ich wohnen will.“ Wir wiederholen vom Zeit-Salon die beschriebenen „glücklichen“ und „unglücklichen Momente“, von denen die Kinder sprachen. Nun legen wir die Farbkarten in die Mitte und sagen, dass sich jedes Kind seine heutige Glücksfarbe aussuchen kann. Als einige Kinder mehrere Karten nehmen, schlagen wir vor, eine nach vorne zu sortieren. Alle Kinder wählen Rot, Pink, Orange, ein Junge entscheidet sich erst für Rot, dann doch für Hellgrün, ein Mädchen für Türkisblau. Wir fragen, welche Situation, welches Gefühl oder welchen Ort sie mit der Farbe verbinden würden? Ein Mädchen zeigt auf ihren Pulli: „Pink mag ich“, ein anderes Mädchen unterstützt sie und zeigt ihr T-Shirt. Wir fragen, ob sie glücklich sind, wenn sie etwas Pinkfarbenes anhätten? „Ja“, rufen beide. „Kommt das Glück dann zu Euch?“, fragen wir. Davon sind beide überzeugt.

Utagawa Hiroshige, Kirschblüten am Ufer des Flusses Tamagawa

Wir fragen, wie denn der Ort oder die Landschaft aussehen, an denen sie glücklich waren? Ein Mädchen erzählt von „schönen rosa Wolken am Abend“. Ein anderes vom Urlaub in einem Dorf: „Da sind nicht so viele Autos und nicht so viele Menschen. Aber ganz viele Bäume.“ Viele Menschen und Autos mögen die anderen auch nicht. Das Mädchen mit der blauen Karte erzählt von ihren Ostseeurlaub, vom blauen Wasser und dem blauen Himmel. Und von ihrem Lieblingsschwimmbad „Da geh ich immer mit Papa hin.“ Ein Junge sagt: „Schwimmen ist toll, da kann man unter Wasser rennen und ist ganz langsam. Und man kann auf den Händen laufen, ohne den Boden zu berühren.“

Wir starten den Beamer: Auf der Leinwand sehen wir Utagawa Hiroshiges Kirschblüten am Ufer des Flusses Tamagawa (1856) und fragen, ob die Menschen dort wohl glücklich seien? „Ja“, sind sich alle einig. Der Reihe nach erzählt jedes Kind, was es sieht: „Ich seh‘ Rot.“ Sie steht auf und zeigt die Stellen im Bild, u. a. eine rote Tafel mit Schriftzeichen. „Das ist in Japan“, sagt ein Mädchen, das sieht man an der Schrift.“ „Schöne Häuser, wo die Menschen wohnen.“ „Ein blauer Himmel“ , „Ein Fluß, der in der Mitte ganz tief ist“, ergänzen die anderen. Ein Junge freudig: „Oh, da kann man reinspringen“ Wir fragen nach den Menschen im Bild, ob die es wohl eilig haben? „Nein, die reden und gehen spazieren.“ „Und wie riecht es in dem Bild?“ Ein Mädchen springt auf und zeigt auf die Baumblüten: „Toll, nach Blumen.“

C. D. Friedrich, Der Mönch am Meer

Nun zeigen wir C. D. Friedrichs Mönch am Meer (1808-1810). Die Kinder reagieren abwehrend und wollen lieber malen. Wir  fragen noch kurz: „Ist der Mann in dem Bild wohl glücklich?“ „Nein“, tönt es. „Das ist doch ganz grau“, ergänzt ein Junge mit deutlich gesenkter Stimme. Die Kinder holen ihre Bücher hervor und malen am Boden liegend, schauen aber bei unserer nächsten Frage noch mal kurz auf. „Kann man nicht auch alleine glücklich sein, wenn das Meer rauscht und die Sterne am Himmel scheinen?“ Der Junge: „Alleine sein ist schön, aber nicht so grau.“ Auch die anderen sagen, dass sie manchmal gerne alleine sind.“ „Ich will nicht mehr reden, ich will malen“, klagt ein Mädchen. Wir müssen lachen und fragen, ob denn Malen glücklich macht? Das „Ja“ ist eindeutig. Wir: „Dann wollen wir Euch nicht beim Glücklich sein stören“, und machen den Beamer aus.

Als die ersten Eltern kommen, malen die Kinder immer noch. Eine Großmutter schaut noch zu, wie ihre Enkelin zu Ende malt. „Ist ja toll, was ihr hier macht“, sagt sie zu den Kindern. Zu uns gewandt: „Da müssen wir Alten jetzt noch mal lernen, wer Platon ist. Aber ist ja gut so.“ Sie lacht.