2. Salon: Wie wirklich sind Geheimnisse?

Geheimnisse sind magisch. Wir alle wissen etwas, das die Anderen nicht wissen sollen. Ist das vielleicht schon eine perfekte Begriffsdefinition? Ich frage die Kinder nach dem Gegenteil von einem Geheimnis. „Na, wenn es wirklich jeder weiß“, sagt ein Junge. Ein anderer: „Wenn man etwas einfach so sagen kann“. Ein Junge wendet ein, dass es Dinge gibt, die die meisten Menschen ruhig wissen können und nur vielleicht ein einziger Mensch nicht. „Das ist dann trotzdem ein Geheimnis, weil dieser Mensch dann etwas ganz bestimmtes nicht wissen soll“. Ich frage die Kinder, wer von ihnen ein Geheimnis hat. Bis auf einen Jungen gehen von allen Kindern die Hände in die Höhe.

Wie in dem Salon aus dem letzten Halbjahr zu diesem Thema lesen wir die Geschichte „In Wirklichkeit“ von Asa Lind aus „Alles von Zackarina und dem Sandwolf“. Vorweg bitte ich die Kinder, an ein Geheimnis, das sie entweder für sich alleine haben, oder mit jemandem teilen, zu denken. Welches Gefühl entsteht dabei? Hat das Geheimnis eine Farbe? Eine Form? Gibt es ein Symbol, das dazu passen könnte? Während des Vorlesens malen die Kinder, was ihnen zu diesen Fragen einfällt. Die meisten scheinen an etwas zu denken, was sie nicht belastet, ein Junge malt ein lachendes Gesicht, ein Mädchen sich selbst mit winkenden Armen in einem Regen aus Ausrufezeichen.

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 Im Anschluss überlegen wir: Darf man Geheimnisse verraten? Muss man es vielleicht sogar? Unter welchen Umständen darf man etwas für sich behalten und wann darf man eine Sache guten Gewissens ausplaudern? „Es gibt gute und schlechte Geheimnisse“ meint ein Junge, „und die guten darf man ruhig sagen“. „Nein“, sagt ein anderer, „du musst die schlechten sagen! Wenn jemand was Schlimmes getan hat, dann musst du das sagen!“. Wir sammeln Beispiele für gute und schlechte Geheimnisse und Gründe, die für oder gegen das Verraten sprechen.

Danach denkt jedes Kind noch einmal an sein spezielles Geheimnis und ich bitte die Kinder, diese Geheimnisse in ihre Tagebücher zu schreiben und fest zu übermalen und zu verkleben. Alle geben sich große Mühe, das Geheimnis gut zu verstecken. Ich erzähle dabei von Bankgeheimnissen und Staatsgeheimnissen und dass angeblich auch die Rezeptur von Coca-Cola so geheim ist, dass sie in einem Tresor verwahrt wird. Möglicherweise wäre das Coca-Cola-Rezept oder ein spezielles Staatsgeheimnis aber auch gut in den Tagebüchern der Kindern aufgehoben: fest unter zahllosen bunten Klebestreifen verborgen und für immer vor der Welt versteckt.

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Wie wirklich sind Geheimnisse?

Manchmal können wir es kaum erwarten, jemandem etwas zu erzählen – und am liebsten wäre es uns, die ganze Welt würde es wissen! Manchmal aber tragen wir etwas mit uns herum, von der wir wollen, dass es niemals bekannt wird, vielleicht, weil wir es einfach nur ganz für uns selbst behalten und nicht teilen wollen, vielleicht aber auch, weil wir uns schämen oder fürchten, was passiert, wenn die Wahrheit ans Licht kommt. Ein Geheimnis kann etwas Wunderschönes sein – oder aber eine drückende Last, die wir erst loswerden, wenn wir den Mut dazu haben. „Der Wahrheit ins Auge blicken“ sagt man manchmal, und es klingt so, als sei das keine leichte Aufgabe.

Es kommt sogar vor, dass wir absichtlich wegsehen, um weiter glauben zu können, woran wir unbedingt glauben möchten. Kann man sich vielleicht eine eigene Wirklichkeit ausdenken, an die man glaubt? Was wahr und wirklich ist, hat schon die antiken Philosophen beschäftigt: Platon warnte, das, was man wirklich weiß, von dem, was man nur glaubt, streng zu unterscheiden. Aber sind das Wissen und die Wahrheit denn so wichtig? Muss man immer ehrlich sein? Oder ist es unter Umständen okay, einmal zu lügen oder etwas zu verschweigen? Ist ein verschwiegenes Geheimnis vielleicht gar nicht wirklich, weil niemand davon weiß? Mit der Geschichte „In Wirklichkeit“ von Asa Lind aus „Alles von Zackarina und dem Sandwolf“ denken wir uns ein wenig warm.

„Es kommt darauf an“, meinen danach die meisten der Kinder, „was man sich dabei denkt, wenn man etwas nicht sagt“. „Es kommt auf das Gefühl an, das man dabei hat“, präzisiert ein Junge aus der Runde, „Wenn man ein schlechtes Gewissen hat, dann weiß man schon, dass etwas falsch ist“. Auf die Frage, wer alles ein Geheimnis hat, gehen alle Hände der Runde in die Höhe. Jedes Kind sucht sich daraufhin einen ruhigen Platz im Raum und schreibt sein Geheimnis auf. Anschließend wird alles übermalt und überklebt, damit nichts mehr davon zu sehen ist. „Nichts zu sagen heißt nicht, dass dann auch nichts ist, das Nichts ist in diesem Fall dann eben doch etwas“ erklärt ein Mädchen. Und ein Junge antwortet: „Ja, und meistens kommt es dann ja doch alles raus, irgendwann“.