9. Salon: Was ist die Seele? Vielleicht ein Vogel auf einem Bein?

Was ist die Seele?

Ziele des Salons:

  • Selbstreflexion: Der abstrakte Begriff ‚Seele‘ wird von jedem Kind individuell definiert
  • Visualisierung der eigenen, emotionalen Verfassung
  • Stärkung der ästhetischen Entscheidungsfähigkeit: Jedes Kind wählt die für sich  angemessene künstlerischen Technik

Verlauf des Salons:

Heute übernehmen die Kinder die Choreografie des Salons, bevor wir auch nur die Zeit für unser Begrüßungsritual „Wir sind ein starkes Team!“ haben. Die Bilder in der Mitte des Kissenkreises haben einen derart hohen Aufforderungscharakter, dass die Diskussion sofort beginnt. Auch unser Junge taucht gar nicht erst hinterm Sofa ab (siehe frühere Berichte), sondern verfolgt das Geschehen gespannt über die Sofalehne hinweg. Während ein Mädchen die Quelle der kopierten Vogelbilder aus dem Buch „Der Seelenvogel“ (Michal Snunit und Na’ama Golomb) bereits kennt und dies euphorisch verkündet, ist ein anderes Kind ganz hingerissen von der chinesisch anmutenden Tuschelandschaft: „Das ist ja wunderschön!“ Andere stimmen zu. Unser Junge hat hingegen nur Augen für die Abbildung des Seelenvogels ‚Ba‘ aus der ägyptischen Mythologie: „Da liegt ein Pharao, das kenn ich!“, triumphiert er.

Als etwas Ruhe einkehrt, fragen wir, wer denn den Zettel mit der Aufschrift „WAS IST DIE SEELE?“ – den wir am Schluss des letzten Salons verteilt hatten (siehe 27. März 2012) –  jemandem gezeigt hat? Ein Mädchen hüpft vor Aufregung: „Ich hab den Zettel ganz vielen gezeigt. Meine Mama sagt, wenn wir fühlen, dass wir leben, dann ist das die Seele.“ Dann erzählt sie von einer Szene aus einem Garfield-Film: „Da liegt Garfield unter dem Auto und fragt sich, ob er tot ist. Das geht doch gar nicht.“ Die anderen stimmen zu.

Manchmal weiß man gar nicht, was man fühlt.

Das Mädchen neben ihr ist ganz vertieft in die Vogelbilder, die verschiedene Seelenzustände darstellen. „Manchmal weiß ich gar nicht, wie mein Seelenvogel aussieht, dann bin ich etwas verwirrt.“ Ein Mädchen reagiert: „Dann muss man ganz genau in sich horchen.“ Das Gesicht der Vorgängerin hellt sich auf: „Ja, und wenn ich was Schönes für meinen Seelenvogel male, dann ist der auch glücklich.“ Wir gratulieren zu der Idee, dass man selbst etwas für das Wohl der eigenen Seele tun kann.

Eine traurige Seele.

Obwohl alle Kinder die Seele als etwas Angenehmes und Wichtiges („Sonst würde uns ja was fehlen!“) beschreiben, erzählen sie auch von traurigen Gefühlen. Der dazugehörige Vogel lässt den Kopf hängen. Ein Mädchen meldet sich ganz entschlossen: „Ich möchte mal erzählen, was der Seele weh tut.“ Mit ernster Stimme beschreibt sie eine Situation auf dem Pausenhof, in der ihre Freundin von einem Jungen beleidigt wurde schließt mit den Worten: „Und das tat noch ganz lange weh, auch noch abends.“ Die Kinder debattieren, was schlimmer ist und länger weh tut; ein aufgeschürftes Knie oder Traurigkeit. Erst plädieren sie fürs Knie, nach und nach halten sie Trauer und Wut für nachhaltiger. Ein Kind erzählt vom Liebeskummer der Mutter und von ihrem Versuch sie zu trösten. Liebeskummer sei schlimm, meinen auch andere Kinder.

Ein stilles Mädchen hält das Bild des aufgebahrten Pharao statt waagerecht, senkrecht: „Ich seh‘ ein ‚B‘ und ein ‚P‘ und ein ‚i‘. Die Kinder rechts und links neben ihr wollen auch gleich nach Buchstaben suchen und werden ebenfalls fündig. Wir staunen, dass sie das grafische Wahrnehmen von Buchstaben im letzten Salon (siehe 27. März 2012) so schnell verinnerlicht haben. Immerhin lagen zwei Ferienwochen dazwischen. Zudem verlief heute der Weg des Erkennens in der entgegengesetzten Richtung: Der Ausgangspunkt des letzten Salons waren Buchstaben, die dann in Bilder integriert wurden. Diesmal wurden die Buchstaben in ein Bild hineinassoziiert.

Der Seelenvogel 'Ba' im Reich der Pharaonen

Nach einer außergewöhnlich langen und konzentrierten Diskussion strömen die Kinder an die Mal- und Basteltische. Sie warten gar nicht erst auf eine Anregung von uns. Einige Kinder wollen einen Vogel abpausen und gehen ans Fenster, andere malen ihn frei nach. Zwei Mädchen inspirieren sich gegenseitig zu bunten, rechteckigen Formen, die sie in ihre Phil, Sophie & Co-Tagebücher malen. Das Kind, das mit der Idee gestartet ist, wählt Buntstifte, das andere Tusche. „Das ist ein Haus mit vielen Wohnungen“, erzählt erstere. „Meine Seele wohnt im zweiten Stock. Ich frag später mal meine Mutter, wo ihre Seele wohnt. Vielleicht im dritten Stock.“ Sie freut sich und malt weiter. Unser Junge paust den Pharao und den Seelenvogel ‚Ba‘ am Fenster ab und ist äußerst konzentriert. Die schwarze Konturzeichnung malt er am Tisch mit Aquarellfarbe aus. Es ist kaum zu glauben, dass sich dieses Kind noch vor gut 3 Monaten kaum zutraute, Wellen zu malen (siehe 20. Dezember 2011). Dass es in seiner Seele auch weniger farbige Areale gibt, visualisiert sein mit feinen schwarzen Filsstiftstrichen ausgefüllter Seelenvogel. Immerhin hat er sich eine fröhlich hüpfende Konturzeichnung ausgesucht. Die Dichte der heutigen Diskussion und das vielschichtige malerische Schaffen der Kinder kann hier nur angedeutet werden. Die Bilder sprechen für sich.

Meine Seele wohnt im 2. Stock.

Meine Seele hat viele fröhliche Farben.

Resümee:

Unsicher darüber, wie die doch noch recht jungen Kinder mit der abstrakten Frage „Was ist die Seele?“ umgehen würden, hat uns der Salonverlauf im höchsten Maße positiv überrascht. Konzentriert, emotional beteiligt und diskursiv haben sie sich das Thema erarbeitet. Für Erklärungen zur ägyptischen Seelenvorstellung gab es absolut keinen Raum. Auch die chinesische Vorstellung, dass am Anfang der Welt ein sphärischer Hauch stand, der dann alles, d.h. Steine, Pflanzen, Tiere und den Menschen gleichermaßen beseelte, konnten wir nur andeutungsweise in die Gespräche am Mal- und Basteltisch einbringen. Die diesbezüglichen Bilder nahmen die Kinder allerdings begeistert an.

Wenn der Seelenvogel vor Glück in die Luft springt.

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Mein Seelenvogel ist verliebt.

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Der Seelenvogel 'Ba' im Reich der Pharaonen.

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Bilder sagen mehr als Worte.

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Meeresrauschen und isländische Elfenklänge. Eine Ohrenreise ans Meer

Im letzten Salon vor Weihnachten wollen wir die Aufmerksamkeit der Kinder von der äußeren, sichtbaren Welt zu den eigenen, inneren Bildern und Erinnerungen lenken. In der Mitte des Kissenkreises und um eine blaue Kerze herum liegen heute große und kleine Muscheln, eine Koralle, Bilder mit Wellenformationen, eine Postkarte mit dem träumenden, „jungen Philosophen“ des Malers Carsten Weitzmann und drei Kärtchen mit in Druckbuchstaben und in Tusche geschriebenen Wörtern: „TAUCHEN“, „WELLEN“, „TRÄUMEN“.

Die ersten Kinder, die kommen hocken sich sofort vor die Muscheln. Die großen halten sie sich an Ohr: „Oh, die rauschen!“ „Da ist was drin!“, ruft ein Junge und bohrt mit dem Finger in die Muschel. Alle Muscheln werden vergleichend ans Ohr gehalten. Die Kinder sind begeistert. Zwei Mädchen schauen die Bilder am Boden an. „Was ist wohl heute unser Thema?“ fragen wir. „Wellen“, „Wasser“, „Meer“, kommen die Antworten. Das Bild mit dem schlafenden Jungen, vor dem ein kleiner Mann mit Hut entlang spaziert; irritiert ein Mädchen: „Und das, was ist das, der schläft ja?“, fragt sie. Wir: „Ja, der schläft und träumt. Träumen wollen wir heute auch. Wir wollen die Augen schließen und mit den Ohren eine Reise ans Meer machen.“

Als alle da sind, sucht sich jeder ein gemütliches Plätzchen am Boden oder auf dem Sofa. Wir fragen, wer denn schon einmal am Meer war. Alle heben die Finger und wollen erzählen. An der Ostsee waren sie, am Mittelmeer, im Sommer und im Winter. „Wir hatten nur Regen“, klagt ein Kind. Ein Mädchen erzählt von ihrem Erlebnis unter Wasser: „Im Meer bin ich ohne Taucherbrille untergetaucht und die Augen haben ganz doll gebrannt und ich konnte nichts mehr sehen. Da kam mein Papa, der hatte eine Brille und hat mich gefunden.“ Wir fragen, ob sie Angst gehabt hätte. „Nein, mein Papa hat mich ja gefunden.“ Wir sprechen über den Sand am Strand, das salzige Wasser und über große und kleine Wellen.

Nun starten wir unsere „Ohrenreise ans Meer“. Zunächst machen wir das Wellengeräusch selber mit dem Mund. Alle machen mit, einige bewegen rhythmisch die Arme dazu. Wir erzählen, dass das Meer schon da war, als es die Menschen noch gar nicht gab. „Immer und immer, schlagen die Wellen ans Ufer. Wenn wir jetzt die Augen schließen, können wir das Meer hören und vielleicht träumen wir auch etwas.“  Ein Junge, der heute zum ersten Mal dabei ist, ist etwas aufgeregt. Er bleibt sitzen und beobachtet die anderen Kinder.

Wellengeräusche erfüllen den Raum, dann folgen isländischen Wasserelfengesänge (Björk „Vísur Vatnsenda Rósu“, 2006). Als die Musik endet, hört man Gähnen und gemütliches Räkeln. Ein Mädchen raunt entspannt: „Noch mal!“ „Nein“, kontert der neue Junge und wird von einem Mädchen unterstützt. Wir: „Und, ward ihr am Meer?“ Einige antworten mit „Ja“, ein Mädchen: „Nein, im Meer, im Meer!“ Ein anderes Mädchen: „Ich war in einer Musikwelt und die Noten waren bunt.“ Ihre Nachbarin: „Ich war in einer Muschel, ich hab da reingeschaut.“ „Ich war eine Meerjungfrau und kann zaubern“, sagt das Mädchen daneben. Als wir auf das Lied von Björk zurückkommen und von dem in Island verbreiteten Glauben an Feen und Elfen erzählen, sind einige Mädchen ebenfalls von ihrer Existenz überzeugt. „Natürlich gibt es Feen und auch Nixen und Meerjungfrauen“, sagt ein Mädchen, das heute zu Gast bei uns ist. „Wir wollen jetzt malen“, kommt die bekannte Forderung.

Die Kinder suchen sich einen Platz an den Tischen, eines wählt die große hellblaue Pappe am Boden. Die Malmaterialien sind heute von Blau-Grün und Violett dominiert, die passend getönten Malpappen sind längsformatig. Alle Kinder wählen Tusche, manche schneiden aus Transparentpapier Fische aus. Kleinteilige Meerjungfrauen gestalten sie mit Filzstiften. Zwei Kinder malen ihr Bild gemeinsam. Mit Neugierde werden die Schwämmchen, die neuen kurzen und dicken Pinsel und eine nach Marzipan duftende, streichbare Klebepaste ausprobiert. Jedes Kind weiß sofort, was es malen will – bis auf unseren neuen Jungen, der sichtlich gehemmt ist und sein Blatt anstarrt. Wir fragen, was er denn malen möchte? „Ich kann kein Meer malen“, klagt er. „Ich male immer den Jedi von Star Wars, wenn ich malen soll.“ Wir ermuntern ihn die Schwämme oder die gewellte Pappe, mit der man Wellen drucken kann, auszuprobieren, aber er lehnt ab und malt seinen Ritter. Einige Minuten später fragen wir: „Vielleicht ist dein Jedi ja am Meer?“ Er stimmt zu, bittet aber um Hilfe beim Auftragen der Farbe auf die Pappe. Als der erste Abdruck fertig ist, macht er alleine weiter und wird ganz nervös, als seine Mutter ihn abholen möchte. „Ich kann nicht so schnell, ich will noch mehr Wasser malen“, sagt er. Die Mutter läßt ihm noch etwas Zeit, erinnert dann aber an den gemeinsamen Termin. Wir schlagen vor, dass er die Druckpappe und sein Bild mitnehmen und Zuhause weitermalen kann. Die Mutter stimmt zu. Wir betonen, dass wir uns freuen, wenn das Kind zum nächsten Salon wiederkommt.

Uns wird auch klar, wie selbständig und frei die anderen Kinder ihre Bilder gestalten und wie zufrieden sie dabei sind. Unsere Leitmaxime „Beim Philosophieren gibt es kein „Richtig“ und „Falsch“ ist für sie zur Selbstverständlichkeit geworden. Beim Malen reden sie über das Gefühl sich Wasser über den Kopf zu schütten, über die „schrumpelige Haut nach dem Baden“, über gefährliche Krokodile und darüber, warum Menschen nicht unter Wasser leben können, obwohl sie noch die Reste von Schwimmhäuten zwischen den Fingern haben. Ob das Meer irgendwo zu Ende ist, wird ausführlicher diskutiert.

Während sich drei Mädchen für Meerjungfrauen entscheiden, ist ein Kind ganz versunken dabei, blaues Papier mit dem cremigen, duftigen Kleber zu bestreichen und auf eine Pappe zu drücken. Am Boden entsteht ein großer Wellenschwung. Bei all dem Blau sticht das Bild eines Mädchens hervor: Mit kräftigen und farbsatten Pinselschwüngen trägt sie tiefes, erdiges Rot auf und lächelt genußvoll: „In dem Haus wohn‘ ich mit Mama und Papa am Meer, auf einer Insel in Deutschland“, schwärmt sie. Erst ist da auch wirklich noch ein wenig Blau in einer Bildecke, dann ist alles rot: „Das Haus hat das Meer verschluckt“, lacht sie.

Wozu brauche ich Freunde?

„Freundinnen müsste man sein…“ heißt es in einem Lied von Funny van Dannen. Und tatsächlich gibt es so unglaublich viele Dinge, die man mit Freunden tun kann. Aber könnte man das alles nicht auch genauso gut alleine machen? Ab wann ist jemand, den man kennt, ein Freund? Und was muss er mitbringen, um nicht einfach nur irgend jemand zu sein, sondern eben ein ganz besonderer Mensch, mit dem wir befreundet sein wollen? Müssen wir unsere Freunde dauernd treffen oder können sie auch am anderen Ende der Welt wohnen?

Kugelmensch

Wir hören die Geschichte von Platons Kugelmenschen, die mit ihren vier Armen und Beinen beneidenswert gut ausgestattet waren. Sogar von den Göttern wurden sie beneidet – und schließlich in zwei Hälften geteilt, die sich fortan nacheinander sehnen. Diese Sehnsucht kennen viele Menschen und manche behalten sie ihr Leben lang. Heißt das, dass wir ohne einen anderen Menschen unvollständig sind?

In Shel Silversteins Geschichte „Die Geschichte vom Missing Piece“ wird eine Variante des Kugelmensch-Mythos erzählt: Ein Kreis sucht sein fehlendes Stück, findet es schließlich, und lässt es nach einer gemeinsamen Zeit wieder los. Wir lesen das Buch und überlegen: Ist die Sehnsucht nach einem perfekten Partner vielleicht eigentlich ganz schön?

„Ein Freund hat etwas, das du brauchst“, sagt ein Junge in der Runde. „Und was du brauchst, das ändert sich“. „Ja“, ergänzt ein Mädchen, „wenn du deine Sorgen loswerden willst, zum Beispiel. Dann kann dir dein Freund sagen, dass alles nicht so schlimm ist“. „Ein Freund oder eine Freundin muss dich verstehen, dafür muss er oder sie so ähnlich sein wie du“, merkt ein anderes Mädchen an. „Aber auch verschieden!“ ruft ein Junge, „sonst wäre es langweilig“.

In die Ausstanzungen kleiner Papierstücke schreiben die Kinder, wozu sie jemanden brauchen, was zu zweit einfach schöner ist als allein. Auf die ausgestanzten Papierkreise notieren sie, wer diese Person ist oder wie er oder sie sein sollte. Die meisten Kinder sind außerdem nachhaltig begeistert vom Kugelmensch und malen ihre Vorstellung davon in ihre Arbeitsbücher.

„Ein Freund muss zu dir passen, du kannst nicht einfach mit jedem befreundet sein“, bemerkt ein Junge abschließend. „Ein Freund ist wie ein Teil von Dir. Das kann man nicht immer erklären. Aber fühlen kann man es schon“.

Was ist das Gute an einer guten Tat?

Jemandem eine Freude zu bereiten, ist nicht schwer. Wir alle wissen, wie gut es sich anfühlt, wenn uns jemand mit einer Kleinigkeit überrascht, mit der wir nicht gerechnet haben. Trotzdem lassen wir viele Gelegenheiten für gute Taten verstreichen. Wieso eigentlich? Und manchmal sind wir auch nicht so sicher, ob sich der andere wirklich freut. Aber ist es überhaupt wichtig für eine gute Tat, dass sich am Ende jemand freut? Oder reicht es schon, sich nur zu bemühen? Und spielt es für die Freude eine Rolle, dass man weiß, wer sie uns bereitet hat?

    

Wir hören die Geschichte „Die Überraschung“ von Arnold Lobel und schreiben Postkarten an Menschen, die sich bestimmt darüber freuen werden.