Wie entsteht mein Standpunkt? Oder alles eine Frage der Perspektive?

Ist Atomstrom sinnvoll? Selten hat sich ein Standpunkt zu einer konkreten Frage bei vielen Menschen so schnell verändert wie in den letzten Monaten. Auch sonst ist das so eine Sache mit dem Standpunkt. Wie kommt es, dass vernünftige Menschen, ja sogar Freunde, sich im Streit über einzelne Dinge fast die Augen auskratzen? Wieso gibt es unterschiedliche Meinungen? Und wer entscheidet, was wahr ist?

Als Einstieg lesen wir aus der  Geschichte „Kopf hoch, Fledermaus“ (von Jeanne Willis  und Tony Ross). In der Geschichte halten alle die Fledermaus für verrückt: „Es war einmal eine Fledermaus, die hatte nicht alle Tassen im Schrank. Zumindest dachten das die jungen wilden Tiere.” Denn, da die Fledermaus an einem Ast auf dem Kopf hängt, wünscht sie sich einen Regenschirm für ihre Füße, der Himmel ist für sie unten und das Gras oben. Wir lesen bis zu der Stelle, als das Ziegenkind sagt: „Wenn sie verrückt ist, ist sie vielleich auch gefährlich!“.

An die Lektüre schließen wir verschiedene Fragen an, zunächst Verständnisfragen, dann die eher „philosophischen“ Fragen. Von der konkreten Geschichte leiten wir auf das Kind ab:

  • Wieso ist für die Fledermaus der Himmel unten?
  • Warum halten die anderen Tiere die Fledermaus für verrückt?
  • Wer hat Recht?
  • Kannst du mit jemandem befreundet sein, der die Welt anders sieht als du?
  • Ist jemand, der „anders ist“ gefährlich?
  • Ist es dir schon mal passiert, dass du eine andere Meinung hattest als alle anderen? Kennst Du Beispiele?

Die Kinder sind lebhaft dabei und verstehen sofort, was es mit der unterschiedlichen Perspektive auf sich hat. Auf einmal geht es tatsächlich um Atomstrom und die Kinder diskutieren leidenschaftlich und wissen zum Teil erstaunlich gut Bescheid. (Später lesen wir das Buch noch zuende: Alle Tierkinder hängen sich an einen Ast, um die Perspektive der Fledermaus nachzuvollziehen.)

Ein physisches Experiment läßt uns am eigenen Leib spüren, was unterschiedliche Perspektiven konkret bedeuten:Wir suchen uns selbst unterschiedliche „Standpunkte“ im Raum: Ein Kind klettert auf einen Stuhl, eines legt sich unter den Tisch, eines steht in der Ecke, ein anderes im Zenrum. Wir tauschen uns aus über die Unterschiede: „In der Mitte des Raumes kann ich nicht sehen, was hinter mir ist.“, Hier unten kann ich viele Krümel auf dem Boden sehen, die man nicht sieht, wenn man steht.“

Am Ende der Stunde ist ganz nebenbei klar geworden, dass es gute Gründe für unterschiedliche Meinungen geben kann und das sich ein Austausch darüber allemal lohnt und den Horizont erweitert.

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