12. Salon: Wo einst Soldaten wohnten. Exkursion zur Kunstkaserne am Südkreuz

Ziele des Salons:

  • Nachdem wir uns im letzten Salon dem Begriff des Erinnerns und dem Phänomen des Erinnerungsbildes (Gerhard Richter „Tante Marianne“, 1965) angenähert haben, besuchen wir mit der Kunstkaserne einen Ort, in dem die Vergangenheit – der Krieg – seine Spuren hinterlassen hat, d. h. einen Erinnerungsort.

Verlauf des Salons:

Bis alle Kinder eingetroffen sind, malen und kleben wir eine Danke-Schön-Karte für unsere Gastgeber in der Kunstkaserne. Alle Kinder unterschreiben. Sie sind bestens gelaunt und freuen sich auf den Ausflug. Im Taxi reden wir darüber, was eine Kaserne ist und fragen, was die Kinder vom Krieg wissen. Unser Junge erzählt von Ländern, in denen es Krieg gab. Ein Mädchen ist verunsichert: „Aber hier ist jetzt kein Krieg, oder?“ Wir beruhigen sie und betonen das Glück darüber, dass wir in einem Land leben, in dem Frieden herrscht. Unser Junge: „Krieg ist, wenn sich Leute nicht einigen können. Dann schießen die sich tot.“ Er erzählt von seinem Computerspiel, „in dem man die toten Soldaten neu erfinden kann“. Ein Mädchen wirkt empört: „In echt sind die dann aber wirklich tot und das ist schlimm!“ Wir stimmen ihr zu.

In der Kunstkaserne begrüßt uns die Künstlerin Gabriele Heidecker und führt uns durch die Ausstellungsräume. Vor einer quadratischen Vertiefung in der grob verputzten Wand bleiben wir stehen. Was das denn wohl sei, fragt unsere Gastgeberin die Kinder und deutet auf die Einkerbungen auf der unteren Kante. „Das ist für Farben!“, ruft ein Mädchen. Gabriele Heidecker verneint. Nach ein paar Stichworten erraten sie, dass es sich um einen gemauerten Gewehrschrank handelt. Anhand der Stellplätze in den Gewehrschränken könne man schätzen, wie viele Soldaten hier gelebt hätten. Die Vorschläge der Kinder starten bei acht und führen bis zu 1000. Es wären ungefähr 240 Soldaten gewesen, erfahren wir.

Als nächstes führt unser Weg in einen Raum mit verkohltem Türrahmen und geschwärzter Decke. Wir bekommen erzählt, dass hier im zweiten Weltkrieg eine Bombe eingeschlagen ist. Nun geht die Spurensuche an den Wänden weiter. Risse werden befühlt, loser Putz abgeknibbelt. Einige Kinder inspizieren sehr genau die ausgestellten Installationen und Bilder. Insbesondere die Bilder aus rotem Lack und schwarzem Teer „Rote Craquelés“ (1995-2000) faszinieren sie. Sie wollen ganz genau wissen, welche Materialien verwendet worden sind und warum die Künstlerin die Werke geschaffen hat. Mit Begeisterung sammeln sie die heruntergefallenen schwarz-roten Teer-Lackstückchen ein und befühlen sie. Jedes Stückchen hat eine andere Form. Die Kinder beginnen Gesichter und anderes zu assoziieren. Jedes Kind darf sich ein Stückchen mitnehmen.

Nun betreten wir die Spiegelinstallation „Virtual Place“ (2002). Wir erinnern die Kinder daran, bitte vorsichtig zu sein! Zunächst schauen wir uns den Raum an. Anhand des Sockels und der Ofenrohröffnung ist noch genau zu erkennen, wo früher der Ofen stand. Gabriele Heidecker erzählt, dass die fehlenden Bretter am Boden zum Heizen verwendet wurden, weil es nach dem Krieg kaum Heizmaterial gab. Dann stellen sich jeweils zwei Kinder in die Mitte der Installation und beschreiben, was sie in den Spiegeln sehen. Nach und nach erkennen sie, dass es auf der einen Seite scheinbar endlos abwärts, auf der anderen Seite aufwärts geht.

Die Kinder sind erschöpft und haben Durst. Wir gehen ins Wohnzimmer der Künstlerin, die Getränke und Gebäck vorbereitet hat. Am Boden im Kreis sitzend, kehrt zufriedene Stille ein. Einige Kinder fragen, ob sie nun malen könnten, doch leider reicht die Zeit nicht mehr. Wir vertrösten auf den nächsten Salon. Zum Abschluss bekommt jedes Kind eine Karte, auf der die Arbeiten von Gabriele Heidecker und Marosch Schröder zu sehen sind: „Zur Erinnerung!“ In den Händen hält jedes Kind ein rot-schwarzes Erinnerungsstück.

Resümee

Die Kriegsvergangenheit Berlins hat für die Kinder ein Gesicht bekommen. Das Wort Kaserne kannten einige zuvor nicht. Da die ausgestellten Installationen und Bilder ebenfalls Prozesse der Vergänglichkeit und des Zusammenfalls von Raum und Mensch sicht- und erfahrbar machten, konnten die Kinder Geschichte als etwas erleben, in das sie involviert sind. Zudem haben sie eine Art des Wohnens inmitten von Kunst kennengelernt.

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11. Salon: Wie malt man Erinnerung?

11. Salon: Wie malt man Erinnerung?

Ziele des Salons:

  • Förderung der Selbstreflexion durch die Frage „An was erinnere ich mich?“
  • Förderung der Visualisierung ‚innerer Bilder‘ durch die Frage „Wie möchte ich meine Erinnerung malen?“

Verlauf des Salons:

In der Mitte des Kissenkreises liegt für jedes Kind eine Kopie von Gerhard Richters Bild „Tante Marianne“ (1965). Auf die Frage, was heute wohl unser Thema ist, antwortet ein Mädchen: „Meine Mama hat beim Frühstück auf den Plan geguckt und es mir vorgelesen. Wir fragen uns heute, wie man das malt, woran man sich erinnert.“ Das Kind hat auch ein Buch mitgebracht, aus dem sie vorlesen möchte: „Gefühle – Was ist das?“ (Oscar Brenifier, Serge Bloch, Tobias Scheffel). Bevor wir noch mit der Bildbetrachtung beginnen können, befinden wir uns mitten in einer Debatte darüber, was ‚Pflicht‘ ist und ob sie auch gilt, wenn man sie gar nicht erfüllen kann. Insbesondere die Gründe dafür, warum Kinder evtl. nicht in die Schule gehen können, obwohl sie es wegen der Schulpflicht müssten – so z. B. wegen großer Armut oder eines Erdbebens –, beschäftigt die Kinder sehr.

Gerhard Richter: Tante Marianne, Öl auf Leinwand, 1965

Um zu unserem Thema zurückzukommen, weisen wir die Kinder auf die hellblaue Decke hin, die dort hängt, wo sich ansonsten unsere Fragenlandkarte befindet. Wir erklären ihnen, dass wir anstelle unseres Begrüßungsrituals „Wir sind ein starkes Team!“ ein Erinnerungsspiel machen möchten. Jedes Kind setzt sich nun der Reihe nach auf den Stuhl vor die Decke und erzählt etwas, woran es sich erinnert. Ein anderes Kind fotografiert die Szene. Ein Foto solle möglichst klar sein, eines verwackelt, erklären wir und weisen auf das Bild im Kissenkreis hin, das ja auch ganz verwackelt aussieht.

Konzentriert und ernsthaft beginnen die Kinder ihre Erzählungen. Urlaubsreisen (der erste Flug, die schöne Ferienwohnung) und der Besuch bei den Großeltern („der Opa hat ganz doll gekleckert“) werden detailliert beschrieben. Ein Mädchen blickt leidenschaftlich auf die Zeit in der Heimat der Mutter (Libanon) zurück: „Und der Opa, der hat in Deutschland gelebt, aber die Oma im Libanon. Da musste er natürlich zurück, weil er die Oma nicht alleine lassen kann. Als wir alle im Libanon waren, haben wir Ferrari-Kuchen gegessen. Und der war sooooo lecker.“ Ihre Freude auf das nächste Zusammentreffen der ganzen Familie im Sommer ist unbändig. Verträumt legt sie den Kopf zur Seite.

Ihre Nachfolgerin ist etwas befangen. „Ich kann mich an nichts erinnern“, startet sie. Die anderen geben Ratschläge. Sie könnte doch auch vom Urlaub erzählen. „Ich hab‘ noch nie Urlaub gemacht“, antwortet sie und schweigt. Wir fragen, ob sie sich an einem Moment erinnert, in dem sie sehr glücklich war. „Wenn die Sonne scheint“, sagt sie lächelnd und ist sichtlich nachdenklich. Dann leuchtet ihr Gesicht auf: „Aber im Sommer fahren wir in die Türkei.“ Wir teilen ihre Freude. Für ihr Foto legt sie feierlich die Hände in den Schoß.

Ein Mädchen, das zumeist recht knappe Wortbeiträge macht, ergreift erstaunlich selbstsicher das Wort. Auch sie erzählt von einer Reise. „Erst sind meine Mama und mein Papa und ich mit dem Zug nach Mannheim und dann nach Heidelberg gefahren. Und da wurde ich operiert. Die anderen Kinder reagieren betroffen und schweigen. Nach einer kleinen Pause erzählt sie lächelnd und kraftvoll von der Narkose („und das tat gar nicht weh, weil ich ja geschlafen habe“) und von der Operation selbst. Die Kinder wollen ganz genau wissen, wie sich das jetzt anfühlt und ob sie wieder ganz gesund wird. Sie zerstreut die Bedenken und blickt selbstsicher in die Kamera.

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Wir kommen nun zu den Bildern im Kreis zurück und erzählen von dem berühmten Maler Gerhard Richter. Auf dem Bild wäre er noch ein kleines Baby und hinter ihm stände seine Tante Marianne. Wir betonen, dass er das Bild erst gemalt hat, als er schon erwachsen war. „Warum malt er seine Erinnerung denn wohl so verschwommen?, fragen wir. Ein Mädchen ruft: „Ich weiß, das ist der gleiche Maler, der auch das Meer und den Himmel gemalt hat!“ (siehe 24. April 2012) Die anderen stimmen zu. Ein anderes Kind ist ganz gerührt: „Ich glaube, der Maler hat seine Tante sooooooo lieb, dass er das ganz schön malen wollte. Ich finde das Bild schön.“ Nach einem kurzen Gespräch über die Technik des Bildes (Unterschied von Öl- und Aquarellfarbe) wollen die Kinder malen. In Gedanken versunken, entscheiden sich heute fast alle Kinder für abstrakte Aquarellbilder. Die schwimmenden Himmel der letzten Woche wirken nach. Richters Bild „Tante Marianne“ liegt neben ihren Tagebüchern in Sichtnähe.

Resümee:

Dass heute drei Kinder fehlten, wirkte sich positiv auf unsere Gesprächssituation aus. Nach nunmehr fast einem Schuljahr ist die Atmosphäre sehr vertraut. Sich über Werke der bildenden Kunst den eigenen Gefühlen und Gedanken zu nähern, ist für die Kinder selbstverständlich geworden. Auch ihr Blick für die Technik eines Bildes ist geschärft. Das Thema ‚Erinnerung‘ hat die Kinder fast durchgängig zu abstrakten Bildkompositionen animiert.

Wo war ich, bevor ich geboren wurde?

Ob es einem nun passt oder nicht: Die längste Zeit auf der Erde hat es uns wohl nicht gegeben. Die meisten Dinge, die passiert sind, haben anscheinend ohne uns stattgefunden und wir haben zwar davon gehört, können uns aber nicht daran erinnern. Weil wir es nicht selbst erlebt haben.

Selbst Menschen, die uns nahe stehen, unsere Eltern zum Beispiel, haben prägende Erlebnisse gehabt, noch lange, bevor wir dabei sein konnten. Wir kamen erst danach. Aber seit wann genau gehören wir eigentlich so richtig dazu zur Welt? Und sind wir wirklich nur da, so lange wir denken, dass wir da sind? Oder erstreckt sich unsere Existenz über Geburt und Tod hinaus?

Zunächst sind sich alle Kinder im Salon einig, dass sie vor ihrer Geburt irgendwie in den Körpern ihrer Eltern waren, die meisten entscheiden sich für die Vorstellung, ein sehr kleiner Teil ihrer Väter gewesen zu sein. Ein Junge denkt diese Vorstellung weiter: „Es gibt mich also, seit es meinen Vater gibt“. „Nein“, widerspricht ein anderer, „dich gibt es erst seit deiner Geburt“. „Ich glaube“, vermutet der nächste, „so richtig gibt es mich erst, seit ich über mich selbst nachdenke. Das war mit fünf“. Dass es eine Zeit gegeben hat, die keine Kenntnis hatte von ihnen, ist allen Kindern in der Runde nicht so richtig geheuer.

Wir lesen die Geschichte „Das Fahrradurlaubsfoto“ aus Asa Linds „Zackarina und der Sandwolf“. Der Sandwolf erzählt darin von seiner Existenz als Stein. Für ein Foto von uns selbst basteln wir uns Bilderrahmen aus Papptellern und verzieren sie bunt. – Dass sie sich nicht aus Steinen entwickelt haben, steht für alle Kinder in der Runde außer Zweifel. Aber auf einen Zeitpunkt, ab wann es sie auf der Erde gibt, können sie sich immer noch nicht einigen. „Es gibt mich, seit meine Eltern sich ein Kind gewünscht haben“ bemerkt ein Mädchen, „denn ab dann hatte sie eine Vorstellung von mir“. „Aber mit einer Vorstellung kann man sich auch täuschen“, wirft ein Mädchen ein, „es gibt ja Kinder, die kommen ganz anders zur Welt, als die Eltern das dachten, und welche Vorstellung war das dann?“. „Vielleicht die von Gott“, meint ein Junge.

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Ist die Vorstellung, die wir von uns selbst haben, möglicherweise die Seele, die in uns wohnt? Wenn die Seele von uns ohne unseren Körper existieren kann, könnte es dann sein, dass wir vielleicht doch schon lange auf der Erde sind, viel länger, als wir uns erinnern können? Ein Junge schlägt vor, es könne ja sein, dass Adam und Eva einmal alle Seelen von allen Menschen hatten „und von da aus werden sie immer neu verteilt“. Ein anderer sieht es quasi umgekehrt: „Vielleicht ist die ganze Geschichte auch nur erfunden und die ersten Menschen sind jetzt wir“.

Meeresrauschen und isländische Elfenklänge. Eine Ohrenreise ans Meer

Im letzten Salon vor Weihnachten wollen wir die Aufmerksamkeit der Kinder von der äußeren, sichtbaren Welt zu den eigenen, inneren Bildern und Erinnerungen lenken. In der Mitte des Kissenkreises und um eine blaue Kerze herum liegen heute große und kleine Muscheln, eine Koralle, Bilder mit Wellenformationen, eine Postkarte mit dem träumenden, „jungen Philosophen“ des Malers Carsten Weitzmann und drei Kärtchen mit in Druckbuchstaben und in Tusche geschriebenen Wörtern: „TAUCHEN“, „WELLEN“, „TRÄUMEN“.

Die ersten Kinder, die kommen hocken sich sofort vor die Muscheln. Die großen halten sie sich an Ohr: „Oh, die rauschen!“ „Da ist was drin!“, ruft ein Junge und bohrt mit dem Finger in die Muschel. Alle Muscheln werden vergleichend ans Ohr gehalten. Die Kinder sind begeistert. Zwei Mädchen schauen die Bilder am Boden an. „Was ist wohl heute unser Thema?“ fragen wir. „Wellen“, „Wasser“, „Meer“, kommen die Antworten. Das Bild mit dem schlafenden Jungen, vor dem ein kleiner Mann mit Hut entlang spaziert; irritiert ein Mädchen: „Und das, was ist das, der schläft ja?“, fragt sie. Wir: „Ja, der schläft und träumt. Träumen wollen wir heute auch. Wir wollen die Augen schließen und mit den Ohren eine Reise ans Meer machen.“

Als alle da sind, sucht sich jeder ein gemütliches Plätzchen am Boden oder auf dem Sofa. Wir fragen, wer denn schon einmal am Meer war. Alle heben die Finger und wollen erzählen. An der Ostsee waren sie, am Mittelmeer, im Sommer und im Winter. „Wir hatten nur Regen“, klagt ein Kind. Ein Mädchen erzählt von ihrem Erlebnis unter Wasser: „Im Meer bin ich ohne Taucherbrille untergetaucht und die Augen haben ganz doll gebrannt und ich konnte nichts mehr sehen. Da kam mein Papa, der hatte eine Brille und hat mich gefunden.“ Wir fragen, ob sie Angst gehabt hätte. „Nein, mein Papa hat mich ja gefunden.“ Wir sprechen über den Sand am Strand, das salzige Wasser und über große und kleine Wellen.

Nun starten wir unsere „Ohrenreise ans Meer“. Zunächst machen wir das Wellengeräusch selber mit dem Mund. Alle machen mit, einige bewegen rhythmisch die Arme dazu. Wir erzählen, dass das Meer schon da war, als es die Menschen noch gar nicht gab. „Immer und immer, schlagen die Wellen ans Ufer. Wenn wir jetzt die Augen schließen, können wir das Meer hören und vielleicht träumen wir auch etwas.“  Ein Junge, der heute zum ersten Mal dabei ist, ist etwas aufgeregt. Er bleibt sitzen und beobachtet die anderen Kinder.

Wellengeräusche erfüllen den Raum, dann folgen isländischen Wasserelfengesänge (Björk „Vísur Vatnsenda Rósu“, 2006). Als die Musik endet, hört man Gähnen und gemütliches Räkeln. Ein Mädchen raunt entspannt: „Noch mal!“ „Nein“, kontert der neue Junge und wird von einem Mädchen unterstützt. Wir: „Und, ward ihr am Meer?“ Einige antworten mit „Ja“, ein Mädchen: „Nein, im Meer, im Meer!“ Ein anderes Mädchen: „Ich war in einer Musikwelt und die Noten waren bunt.“ Ihre Nachbarin: „Ich war in einer Muschel, ich hab da reingeschaut.“ „Ich war eine Meerjungfrau und kann zaubern“, sagt das Mädchen daneben. Als wir auf das Lied von Björk zurückkommen und von dem in Island verbreiteten Glauben an Feen und Elfen erzählen, sind einige Mädchen ebenfalls von ihrer Existenz überzeugt. „Natürlich gibt es Feen und auch Nixen und Meerjungfrauen“, sagt ein Mädchen, das heute zu Gast bei uns ist. „Wir wollen jetzt malen“, kommt die bekannte Forderung.

Die Kinder suchen sich einen Platz an den Tischen, eines wählt die große hellblaue Pappe am Boden. Die Malmaterialien sind heute von Blau-Grün und Violett dominiert, die passend getönten Malpappen sind längsformatig. Alle Kinder wählen Tusche, manche schneiden aus Transparentpapier Fische aus. Kleinteilige Meerjungfrauen gestalten sie mit Filzstiften. Zwei Kinder malen ihr Bild gemeinsam. Mit Neugierde werden die Schwämmchen, die neuen kurzen und dicken Pinsel und eine nach Marzipan duftende, streichbare Klebepaste ausprobiert. Jedes Kind weiß sofort, was es malen will – bis auf unseren neuen Jungen, der sichtlich gehemmt ist und sein Blatt anstarrt. Wir fragen, was er denn malen möchte? „Ich kann kein Meer malen“, klagt er. „Ich male immer den Jedi von Star Wars, wenn ich malen soll.“ Wir ermuntern ihn die Schwämme oder die gewellte Pappe, mit der man Wellen drucken kann, auszuprobieren, aber er lehnt ab und malt seinen Ritter. Einige Minuten später fragen wir: „Vielleicht ist dein Jedi ja am Meer?“ Er stimmt zu, bittet aber um Hilfe beim Auftragen der Farbe auf die Pappe. Als der erste Abdruck fertig ist, macht er alleine weiter und wird ganz nervös, als seine Mutter ihn abholen möchte. „Ich kann nicht so schnell, ich will noch mehr Wasser malen“, sagt er. Die Mutter läßt ihm noch etwas Zeit, erinnert dann aber an den gemeinsamen Termin. Wir schlagen vor, dass er die Druckpappe und sein Bild mitnehmen und Zuhause weitermalen kann. Die Mutter stimmt zu. Wir betonen, dass wir uns freuen, wenn das Kind zum nächsten Salon wiederkommt.

Uns wird auch klar, wie selbständig und frei die anderen Kinder ihre Bilder gestalten und wie zufrieden sie dabei sind. Unsere Leitmaxime „Beim Philosophieren gibt es kein „Richtig“ und „Falsch“ ist für sie zur Selbstverständlichkeit geworden. Beim Malen reden sie über das Gefühl sich Wasser über den Kopf zu schütten, über die „schrumpelige Haut nach dem Baden“, über gefährliche Krokodile und darüber, warum Menschen nicht unter Wasser leben können, obwohl sie noch die Reste von Schwimmhäuten zwischen den Fingern haben. Ob das Meer irgendwo zu Ende ist, wird ausführlicher diskutiert.

Während sich drei Mädchen für Meerjungfrauen entscheiden, ist ein Kind ganz versunken dabei, blaues Papier mit dem cremigen, duftigen Kleber zu bestreichen und auf eine Pappe zu drücken. Am Boden entsteht ein großer Wellenschwung. Bei all dem Blau sticht das Bild eines Mädchens hervor: Mit kräftigen und farbsatten Pinselschwüngen trägt sie tiefes, erdiges Rot auf und lächelt genußvoll: „In dem Haus wohn‘ ich mit Mama und Papa am Meer, auf einer Insel in Deutschland“, schwärmt sie. Erst ist da auch wirklich noch ein wenig Blau in einer Bildecke, dann ist alles rot: „Das Haus hat das Meer verschluckt“, lacht sie.

Auf dem Berg angekommen. Ein Werkstatttag

Als die ersten Kinder kommen, wundern sie sich darüber, dass keine Stifte in der Mitte unserer Kissenrunde stehen. Ein Korb mit Mandarinen lockt stattdessen. Wir bitten darum mit dem Essen zu warten, bis alle da sind und fragen, ob sie sonst noch etwas riechen. Ein Junge springt auf: „Jaaaa! Das riecht lecker.“ „Mandarinen, Zitronen, Blüten“, raten die Kinder. Wir zeigen Ihnen die Flasche mit dem ätherischen Öl und erklären, dass Philosophieren ja auch heißt, dass man ganz genau auf Veränderungen achtet. Alle wollen mal sprühen.

Als alle Kinder da sind erzählen wir, dass heute die Hälfte unserer Phil, Sophie & Co-Salons hinter uns liegen. Wir kündigen an, dass wir – während wir die Mandarinen essen – darüber sprechen möchten, was uns in Erinnerung geblieben ist und was uns Philosophieren bedeutet. Danach wollen wir in zwei ‚Werkstätten‘ zum Thema „Zeit“ und zu unserer Fragenlandkarte zurückkehren. Ein Junge hüpft und gibt Kraftlaute von sich. Er ist erst durchs Mandarinen-Schälen zu bändigen. Unser Plan geht auf. Nun kann das Gespräch starten. Drei Kinder fanden die Geschichte vom Kugelmenschen besonders gut, ein Mädchen zeigt ihre zweite Zeichnung dazu in ihrem Buch: Der Kugelmensch rennt fröhlich über ein Möhrenfeld. Ein Mädchen erinnert sich an den Glücks-Salon und an die Farbkarten. Auch der Besuch bei der Künstlerin wird erwähnt. Unser hüpfender Junge erinnert sich an den Fotografen bei der Künstlerin: „Das fand ich cool!“ Die anderen Kinder zeigen der Reihe nach, was sie in ihre Bücher gemalt haben. Ein Mädchen erinnert sich: „Ich war Supermann in meiner Welt“, sie zeigt das Bild und dann das vom letzten Mal: „Die 8-Welt ist gut, eine 10-Welt noch besser, oder eine 12-Welt!“ Sie strahlt. Unser jüngstes Mädchen (im letzten Sommer eingeschult!) hat ihr Buch fast vollständig mit Zeichnungen, Bildern und Collagen gestaltet. Unter der Rubrik „Meine Ideen“ sind drei Seiten dicht an dicht beschrieben. Alle staunen. Wir fragen was sie denn geschrieben hat. „Ich kann doch noch nicht schreiben“, sagt sie zaghaft. Sie hat die Seiten mit Buchstabengruppen gefüllt. Es wird klar, dass sie aber genau weiß, was dort steht. Wir sind begeistert. Eine Geheimschrift! Unsere Frage: „Was bedeutet für jeden von uns „Philosophieren?“ verschieben wir, da die Kinder unbedingt malen wollen.

Drei Kinder gestalten mit Aquarellfarbe die Fragenlandkarte: ein Glücksland/ Freundschaftsland (regenbogenfarbener Kreis), ein Schneeprinzessinnenland (ausgeschnittene Berge) und „die Wüste mit Pyramide, wo der Pharao wohnt“ entstehen. Ein Mädchen ist ganz versunken in die Bildausschnitte des Collagematerials, entscheidet sich für Berge und wählt noch Erdstrukturen für ihr Tagebuch. Unser zunächst wilder Junge hat sich ein Plätzchen am Boden gesucht und klebt einen Schneeberg in sein Buch. Nun malt er mit Aquarellfarben einen Rahmen. Ganz ruhig und zufrieden.

In der Zeit-Werkstatt stellen wir den Kindern das Bildmaterial vor: „Was ist denn wohl von früher, was von heute?“ Wir sortieren die Bilder in Gruppen auf der Pappe. „Vergangenheit, weil die so komische Sachen anhaben“, ist ein Kriterium. „Vergangenheit, weil das ist schwarzweiß?“, ein anderes. Die Bilder werden aufgeklebt. Die Gegenwart wird eine bunte Mitte. In der Vergangenheit (links) finden sich alte Postkarten, Zeitungsauschnitte, aber auch gemalte Kunstwerke. Rechts malen die Kinder, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. Über allem entsteht eine Wortkette: „Urlaubszeit, Uhrzeit, Kindergartenzeit („da mußte man nicht so früh aufstehen!“), Mut-Zeit, Dino-Zeit, Hungerzeit (das Wort kommt zu einem Foto aus der Nachkriegszeit), Schlafenszeit (ein Kind gähnt), ein Kind singt vor sich hin. Das Lesen ist noch mühsam für die Kinder, sie tasten die Buchstaben ab: „Friedenszeit“, kommt diesmal dabei heraus. „Das ist Gegenwart“, sagt ein Mädchen. Zur Kriegszeit erzählt ein anderes von ihrer Großmutter: „Die hat das wirklich erlebt!“ „Schulzeit ist eine gute Zeit“, sagt ein Kind. Ein anders verzieht das Gesicht. Die Kinder malen sich in die Gegenwart. „Das bin ich heute“, rufen drei nacheinander. „Später krieg ich braune Haare. Das weiß ich, weil meine Mama hat auch braune Haare. Und ich werde auch Tänzerin!“ In der Zukunft haben alle Kinder lange Beine und „keine Schulranzen!“ Und – wichtig –  das wurde von einem Kind mehrfach betont: „In der Zukunft ist meine Schildkröte Lili aus dem Tierheim zurück! Die Zeit neigt sich dem Ende zu.

Im Rückblick auf unsere sieben Salons sind wir überrascht, wie stark die Kinder den Ablauf unserer gemeinsamen Zeit mitbestimmen und wie wichtig die Phil, Sophie & Co-Bücher für sie sind. Was hat aber das, was wir tun mit Philosophie zu tun? Der Philosoph Peter Bieri benennt es in seinem Buch „Wie wollen wir leben?“ (2011): „Wer sich in dem, was er ist, nicht ausdrückt, verpasst eine Möglichkeit zu erkennen, wer er ist.“

Wohin vergeht die Zeit?

Die Kinder setzen sich ganz selbstverständlich auf ihre Plätze, die sie sich in den letzten zwei Salons gewählt haben und machen es sich am Boden mit den Kissen oder auf einem Hocker gemütlich. Sie betrachten, was in der Holzkiste in der Mitte liegt: eine Eieruhr, eine Mandarine, eine Kerze und andere Dinge, die mit unserem heutigen Thema ‚Zeit‘ zu tun haben. Bis alle eingetroffen sind, holen sie ihre Phil, Sophie und Co-Bücher hervor und beginnen zu malen und sich zu unterhalten. Dem Kind, das beim letzten Mal gefehlt hat, zeigen wir die Abbildung der Schule von Athen in einem Buch. Ein Mädchen erzählt: „Das sind die ersten Philosophen.“ Ein anderes Mädchen: „Ich will heute einen Kugelmenschen malen“. Sie hat auch etwas zum Thema des heutigen Salons mitgebracht: ein Foto, dass ihren Vater als Schulkind zeigt. Wir schauen es an und vergleichen es mit den Fotos, die eine von uns als Kind mit Mutter und – auf einem zweiten – wiederum sie als Mutter mit ihrem Sohn zeigen.

Sanduhr

Zunächst lesen wir die Geschichte Zackarina und der Sandwolf von Asa Lind vor. Die Kinder malen beim Zuhören in ihren Büchern u. a. die darin vorgezeichnete Sanduhr aus. Wir fragen, ob denn wohl die Zeit aufhört, wenn man die Uhr im Sand vergräbt? „Nein“, tönt es. „Ich würde sie lieber im Schrank verstecken“, schlägt ein Mädchen vor, „dann ist sie nicht kaputt, wenn ich sie wieder raushole.“ „Ist die Zeit wirklich so alt und groß, wie der Sandwolf sagt“, fragen wir. „Die Zeit, die bestimmt ja fast über alles“, sagt ein Mädchen, „die bestimmt ja wann man ins Bett gehen soll, die bestimmt wann man essen soll und so. Die ist sehr mächtig. “ Dann fragt sie sich: „Was ist wohl größer, die Welt oder die Zeit? Kann man sich ja nicht vorstellen. Es könnte ja auch sein, dass die Zeit im Himmel schwebt.“ Ein Junge, der gerade seine Sanduhr ausmalt, sagt: „Eigentlich ist ne Sanduhr gar keine Zeit, weil da ist viel, viel zu wenig Sand drin.“ Auf die Frage, wer denn die Zeit erfunden hätte, antwortet er: „Keine Ahnung, ich glaube Gott. Gott hat die Erde in 7 Tagen erschaffen. Das weiß ich, dass steht in Büchern.“ „Meine Oma hat auch so ein Buch, eine Bibel“, wirft ein Mädchen ein. Ein anderes: „Warum soll Gott nicht auch die Zeit geschaffen haben. Wenn er die Welt hat, dann hat er auch die Zeit.“

„Können wir die Zeit zurückdrehen?“, fragen wir. Ein Mädchen: „Die Uhren könnten wir zurückdrehen, aber nicht den Tag.“ Auf die Frage, wann die Zeit schön, oder nicht so schön ist, sprudeln die Kinder los: „z. B. wenn man auf dem Schulhof verprügelt wird, dann ist die Zeit nicht schön.“ „Wenn es regnet, und man nass wird, dass ist schön.“„ Ich finde es schön, wenn es Sommer ist und es ganz heiß ist und es regnet und man mit nem Badeanzug draußen rum rennen kann.“ Als wir ein Mädchen, dass heute recht schweigsam ist, fragen, welche Zeit sie mag, sagt sie: „Erinnerung.“