Bin ich eine Welle, ein Baum in einem dichten Wald oder vielleicht eine Blumenwiese?

Die Zauberblume

Die Zauberblume

In die Mitte des Kissenkreises stellen wir heute eine Kerze im Glas und hoffen, die doch am Anfang der Salons zumeist recht unruhigen Kinder etwas vorweihnachtlich-bedächtig zu stimmen. Für den Raumduft wählen wir ein ätherisches Öl, das nach Zimt und Orangen riecht. Die nacheinander eintreffenden Kinder schauen auf die Kerze und reden über das anstehende Weihnachtskonzert. Dann erinnern wir sie an die getrockneten Blüten aus dem Gewächshaus. Klebstoff und die Stifte stehen zur Verfügung. Wer seine Blüte vergessen hat, bekommt eines der von uns mitgebrachten Blättchen.

Als alle da sind, eröffnen wir den Salon mit einem Triangle-Klingen und sprechen bewußt leiser. Wir greifen die Frage aus dem Gewächshaus noch einmal auf: „Sind Pflanzen lebendig?“ Diesmal ist ein einhelliges „Ja“ die Antwort. Wir fragen, was denn noch alles lebendig ist. Es folgen: „Bäume, Büsche, Menschen, Kinder, Tiere – die Welt.“ Das Mädchen, das im Gewächshaus von lebendigen Geistern gesprochen hat, begründet ihre Aussage: „Im Traum hab‘ ich Geister gesehen, und da sind die lebendig.“ Ein anderes Mädchen hat ein Gedicht über eine Zauberpflanze mitgebracht und liest es vor. Ein drittes, recht leise sprechendes Kind, möchte ihr mitgebrachtes Buch zeigen. Da sie auf einem Hocker sitzt, rückt sie sich etwas mehr in die Mitte, fragt uns: „Bin ich jetzt im Kreis?“ und startet nach unserer Bestätigung: „Da sind lebendige Tiere drin.“ Sie zeigt Bilder mit Giraffen, Löwen usw. und ist sichtlich stolz. Ein Junge, der sich etwas abseits auf eine Bank gesetzt hat ruft: „Im Gewächshaus sind gar keine Tiere!“ Ein agiles Mädchen springt aufs Sofa und hüft: „Doch, Ameisen, Würmer und Flöhe und die sind lebendig, die springen!“ Sie lacht. „Na, dann sind die Pflanzen aber nicht lebendig, die bewegen sich nicht!“, kommt der Einwand von einem Kind. Ein anderes kontert wiederum: „Klar bewegen die sich, die wachsen ja und bewegen sich, wenn der Wind in sie reinbläst.“ Vorweihnachtliche Ruhe ade! Einige unserer Kinder können nur in Bewegung philosophieren, das ist eine sichtbare Tatsache.

Charakter-Karten

Wir legen die vorbereiteten „Charakter-Karten“ in die Mitte und fragen: „Welches Bild passt zu Euch, wie fühlt ihr Euch oder wie möchtet ihr sein?“ Wir verbalisieren die Karten: „Wie ein kräftiger Baum mit vielen Ästen und tiefen Wurzeln, oder ein kleines Bäumchen, umgeben von anderen? Wie eine starke Welle? Wie eine stolze Rose? […]“ Die Kinder überlegen länger. Der Junge von der Bank kommt in den Kreis, greift sich die Welle und entwischt wieder. Nacheinander begründen die Kinder ihre Entscheidung. Das „Tierbuch-Mädchen“ hat den buckligen asiatischen Berg gewählt: „Ich bin ein Berg, auf dem die Menschen wandern können.“ Sie schaut versunken auf ihre Karte. „Ich bin eine Unterwasserblumenwiese“, ruft ein Mädchen. Ein anderes: „Ich bin eine Rose und die Menschen freuen sich, weil ich so schön bin.“ Die Wahl eines gelb-roten Farbfeldes von Mark Rothko begründet unsere „Kugelmenschen-Malerin“: „Ich bin kein Sonnenuntergang, ich bin die Liebe.“ Auf Ansprache ruft unser „Wellen-Junge“: „Ich bin ein Tsunami, eine riesige Welle.“ Ob sich die Menschen denn noch retten könnten vor der Welle, fragen wir. „Die Piraten nicht, ich hasse Piraten“, er rennt einmal durch den Raum und setzt sich wieder. Keiner will seine Karte wieder abgeben, keiner will „mit einem Segelboot in die weite Welt“! Manche Kinder wollen nicht reden.

In einer zweiten Runde legen wir samtige, flauschige, raue, glitzrige und gold-edelsteinerne Karten in die Mitte. Die Kinder fühlen und schauen. Man sieht, dass sie ihre Wahl mehr spüren, als verbalisieren. Unseren „Wellen-Jungen“ holen wir zurück in den Kreis, nehmen ihn an die Hand, dann neben uns in den Arm. Das wirkt für ein paar Momente. Er greift zielsicher das braune Bärenfell und – ist gut gelaunt wieder auf seinem Außenposten. Auf die Bitte eines Mädchens kommt er zurück und leiht ihr für einen Fühl-Moment seine Karte. Das Angebot, selbst Karten zu gestalten – mit all dem Glitzer und Kuschel – lassen sich unsere Philosophen und Philosophinnen nicht zwei Mal machen. Da sind sich alle einig. Und schon Momente später ist es ganz still im Raum.  Es wird kaum geredet, alle malen, schneiden und kleben – auch der „Wellen-Junge“! 

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Als das Mädchen, das beim letzten Mal gefragt hatte, was die Seele sei, gerade mit einem Buch etwas abseits sitzt, kommen wir auf ihre Frage zurück. Sie freut sich und sagt, dass sie das jetzt schon weiß: „Gefühle!“ Wir sind erstaunt über die prägnante Antwort und erzählen noch etwas mehr von den verschiedenen Vorstellungen der Seele auf der Welt. Obwohl man die Seele nicht sehen könne, gäbe es aber doch Bilder, die sich die Menschen bereits vor mehr als 4000 Jahren von ihr machten. Wir zeigen ihr eine Konturzeichnung des Seelenvogels Ba aus dem ägyptischen Totenbuch. „Damals glaubte man, wenn ein Mensch stirbt, würde seine Seele als Vogel den Körper verlassen und weiterleben“, erklären wir. In diesem Moment kommt ihre Mutter, um sie abzuholen. Das Kind zeigt ihr fröhlich das Bild. Die Mutter ist ganz angetan von der bedächtigen Betriebsamkeit im Raum. Wir auch.

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Wozu möchte ich „Ja“ und wozu „Nein“ sagen – und wie geht das?

Wir hören die Geschichte „Wie das Ja zum Nein fand“  von Anne Thiel (zu finden im Archiv vom Bayrischen Rundfunk oder in der Kinderzeitschrift Geck, jeweils runter srcollen). Die Geschichte ist so angelegt, dass eine Figur immer nur ja sagt (Yippi, der Tag ist schön, es gibt kein schlechtes Wetter, ich mache das Beste aus allem, etc.), eine andere Figur kann nur Nein sagen (hat zu nichts Lust, will nicht mitmachen). Schließlich gerät die „Ja-Figur“ in eine ungemütliche Lage, wo sie liebend gerne „Nein“ sagen würde, aber es gelingt ihr nicht. Zum Glück kommt ihr die „Nein-Figur“ zu Hilfe.

Die Kinder haben die Geschichte sofort verstanden und schon während des Hörens kommentiert: „Ah, die „Ja-Figur“ kann immer nur „ja“ sagen“. „Ah, das „Nein“ „rettet das „Ja“. Manchmal muss man auch „nein“ sagen lernen.“

Im Anschluss: Verständnisfragen geklärt, dann weitergehend gefragt: Wozu kannst du „ja“ sagen?

Wir haben Begriffe gesammelt: Die Kinder können „ja“ sagen zu Geschenken, Süßigkeiten, etc.

Erste Differenzierung: „Aber wenn der Porsche geklaut ist?“

Dann haben wir Begriffe gesammelt, zu denen die Kinder „nein“ sagen (Krieg, Atomkraftwerk, etc.) Es herrschte ziemliche Einigkeit.

Dann kam der Begriff „Tod“ ins Spiel. Kann man da „ja“ oder „nein“sagen? Ein Kind erklärt, es könne gut sein, dass man irgendwann „ja“ dazu sagen kann, jetzt könne es sich das aber noch nicht vorstellen.

Begriff „Ehe“ – wann traut man sich da „ja“ zu sagen, wovon hängt es ab?

Wir haben die Begriffe versucht zu sortieren (Dinge, Ansichten, etc.) und am Ende der Stunde schreibt jedes Kind in sein Buch, zu was es selbt „ja“ oder „nein“ oder  – auch dieser Aspekt wurde erarbeitet, „vielleicht“ sagen könnte.