11. Salon: Wie malt man Erinnerung?

11. Salon: Wie malt man Erinnerung?

Ziele des Salons:

  • Förderung der Selbstreflexion durch die Frage „An was erinnere ich mich?“
  • Förderung der Visualisierung ‚innerer Bilder‘ durch die Frage „Wie möchte ich meine Erinnerung malen?“

Verlauf des Salons:

In der Mitte des Kissenkreises liegt für jedes Kind eine Kopie von Gerhard Richters Bild „Tante Marianne“ (1965). Auf die Frage, was heute wohl unser Thema ist, antwortet ein Mädchen: „Meine Mama hat beim Frühstück auf den Plan geguckt und es mir vorgelesen. Wir fragen uns heute, wie man das malt, woran man sich erinnert.“ Das Kind hat auch ein Buch mitgebracht, aus dem sie vorlesen möchte: „Gefühle – Was ist das?“ (Oscar Brenifier, Serge Bloch, Tobias Scheffel). Bevor wir noch mit der Bildbetrachtung beginnen können, befinden wir uns mitten in einer Debatte darüber, was ‚Pflicht‘ ist und ob sie auch gilt, wenn man sie gar nicht erfüllen kann. Insbesondere die Gründe dafür, warum Kinder evtl. nicht in die Schule gehen können, obwohl sie es wegen der Schulpflicht müssten – so z. B. wegen großer Armut oder eines Erdbebens –, beschäftigt die Kinder sehr.

Gerhard Richter: Tante Marianne, Öl auf Leinwand, 1965

Um zu unserem Thema zurückzukommen, weisen wir die Kinder auf die hellblaue Decke hin, die dort hängt, wo sich ansonsten unsere Fragenlandkarte befindet. Wir erklären ihnen, dass wir anstelle unseres Begrüßungsrituals „Wir sind ein starkes Team!“ ein Erinnerungsspiel machen möchten. Jedes Kind setzt sich nun der Reihe nach auf den Stuhl vor die Decke und erzählt etwas, woran es sich erinnert. Ein anderes Kind fotografiert die Szene. Ein Foto solle möglichst klar sein, eines verwackelt, erklären wir und weisen auf das Bild im Kissenkreis hin, das ja auch ganz verwackelt aussieht.

Konzentriert und ernsthaft beginnen die Kinder ihre Erzählungen. Urlaubsreisen (der erste Flug, die schöne Ferienwohnung) und der Besuch bei den Großeltern („der Opa hat ganz doll gekleckert“) werden detailliert beschrieben. Ein Mädchen blickt leidenschaftlich auf die Zeit in der Heimat der Mutter (Libanon) zurück: „Und der Opa, der hat in Deutschland gelebt, aber die Oma im Libanon. Da musste er natürlich zurück, weil er die Oma nicht alleine lassen kann. Als wir alle im Libanon waren, haben wir Ferrari-Kuchen gegessen. Und der war sooooo lecker.“ Ihre Freude auf das nächste Zusammentreffen der ganzen Familie im Sommer ist unbändig. Verträumt legt sie den Kopf zur Seite.

Ihre Nachfolgerin ist etwas befangen. „Ich kann mich an nichts erinnern“, startet sie. Die anderen geben Ratschläge. Sie könnte doch auch vom Urlaub erzählen. „Ich hab‘ noch nie Urlaub gemacht“, antwortet sie und schweigt. Wir fragen, ob sie sich an einem Moment erinnert, in dem sie sehr glücklich war. „Wenn die Sonne scheint“, sagt sie lächelnd und ist sichtlich nachdenklich. Dann leuchtet ihr Gesicht auf: „Aber im Sommer fahren wir in die Türkei.“ Wir teilen ihre Freude. Für ihr Foto legt sie feierlich die Hände in den Schoß.

Ein Mädchen, das zumeist recht knappe Wortbeiträge macht, ergreift erstaunlich selbstsicher das Wort. Auch sie erzählt von einer Reise. „Erst sind meine Mama und mein Papa und ich mit dem Zug nach Mannheim und dann nach Heidelberg gefahren. Und da wurde ich operiert. Die anderen Kinder reagieren betroffen und schweigen. Nach einer kleinen Pause erzählt sie lächelnd und kraftvoll von der Narkose („und das tat gar nicht weh, weil ich ja geschlafen habe“) und von der Operation selbst. Die Kinder wollen ganz genau wissen, wie sich das jetzt anfühlt und ob sie wieder ganz gesund wird. Sie zerstreut die Bedenken und blickt selbstsicher in die Kamera.

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Wir kommen nun zu den Bildern im Kreis zurück und erzählen von dem berühmten Maler Gerhard Richter. Auf dem Bild wäre er noch ein kleines Baby und hinter ihm stände seine Tante Marianne. Wir betonen, dass er das Bild erst gemalt hat, als er schon erwachsen war. „Warum malt er seine Erinnerung denn wohl so verschwommen?, fragen wir. Ein Mädchen ruft: „Ich weiß, das ist der gleiche Maler, der auch das Meer und den Himmel gemalt hat!“ (siehe 24. April 2012) Die anderen stimmen zu. Ein anderes Kind ist ganz gerührt: „Ich glaube, der Maler hat seine Tante sooooooo lieb, dass er das ganz schön malen wollte. Ich finde das Bild schön.“ Nach einem kurzen Gespräch über die Technik des Bildes (Unterschied von Öl- und Aquarellfarbe) wollen die Kinder malen. In Gedanken versunken, entscheiden sich heute fast alle Kinder für abstrakte Aquarellbilder. Die schwimmenden Himmel der letzten Woche wirken nach. Richters Bild „Tante Marianne“ liegt neben ihren Tagebüchern in Sichtnähe.

Resümee:

Dass heute drei Kinder fehlten, wirkte sich positiv auf unsere Gesprächssituation aus. Nach nunmehr fast einem Schuljahr ist die Atmosphäre sehr vertraut. Sich über Werke der bildenden Kunst den eigenen Gefühlen und Gedanken zu nähern, ist für die Kinder selbstverständlich geworden. Auch ihr Blick für die Technik eines Bildes ist geschärft. Das Thema ‚Erinnerung‘ hat die Kinder fast durchgängig zu abstrakten Bildkompositionen animiert.

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Am 8. Mai in Berlin

Glückliche Sonnenschein-Erinnerungen

11. Salon: Wie malt man Erinnerung? 

● Wir schauen uns das Bild „Tante Marianne“  des berühmten Künstlers Gerhard Richter an.
● Fragerunde: Was sehen wir? Was sehen wir nicht?   Warum malt Gerhard Richter so ‚verschwommene‘ Bilder?
● Im Atelier: Woran erinnern wir uns und wie wollen wir es malen?

zum Bericht…

10. Salon: Wo hört der Himmel auf?

Ziele des Salons:

  • Mit dem Thema des letzten Salons „Was ist die Seele?“ sprachen wir bereits die Sphäre der Vorstellung und des Metaphysischen an. Mit der Frage „Wo hört der Himmel auf?“ knüpfen wir hier in räumlicher Hinsicht an.
  • Da wir bisher vorwiegend konturbezogen gemalt haben, bieten wir heute ausschließlich Aquarellfarben an. Das Fließende der Farbe visualisiert die Unendlichkeit des Himmels und die Unmöglichkeit, den Horizont zu erreichen.

Verlauf des Salons:

Über der Mitte des Kissenkreises schwebt heute das Poster von Gerhard Richters „Seestück“ (1970). Die Kinder legen sich unter das Bild und fangen an zu assoziieren. „Das Meer hängt ja am Himmel“, startet ein Mädchen. „Aber da ist doch auch der Himmel und nicht nur das Meer drauf“, differenziert die Nachbarin. Eine Diskussion darüber, welche Hälfte des Bildes das Meer und welche den Himmel zeigt, beginnt. „Du musst dich anders herum legen, dann ist es umgekehrt“, regt ein Kind an. Neue Perspektiven werden ausprobiert.

„Seestück (See-See)“, 1970, 200×200 cm, Öl auf Leinwand; Staatl. Museen zu Berlin, Nationalgalerie (Foto: © Gerhard Richter, 2012)

Wir fordern die Kinder auf etwas genauer zu beschreiben, was sie sehen. „Das Dunklere ist das Meer, das ist viel wilder“, lautet das erste Angebot. Der Feststellung „Das Meer spiegelt sich am Himmel“, folgt die Gegenthese: „Nein, der Himmel spiegelt sich im Meer!“. Das Gespür der Kinder für nicht zu beantwortende Fragen ist geschärft, so dass wir zum Thema des heutigen Salons kommen. Wir fragen: „Wo hört denn der Himmel auf und wo fängt das Meer an?“ Die Antworten überschlagen sich: „Am Ende der Welt, ganz am Ende, ganz, ganz da oben!“, ruft ein Kind. „Der Himmel hört nie auf“, meinen gleich mehrere Kinder. „Erst kommt der Himmel und dann kommt ein Riss und dann kommt der Weltraum“, schlägt unser Philosoph von seinem Posten hinterm Sofa vor. Ein Mädchen überzeugt das nicht: „Da wo das Meer aufhört und der Himmel anfängt, ist der Horizont.“ Einige Kinder stimmen zu. Wir fragen, wie man den Horizont denn erreichen könnte? Unser Philosoph schlägt ein schnelles Flugzeug oder ein U-Boot vor. Die Vorrednerin guckt unwillig: „Nein, den Horizont kann man nicht erreichen, der ist immer schon wieder weiter weg, wenn man da ankommt, wo er war.“

Als wir an das Thema des letzten Salons erinnern, verstehen die Kinder den Wink sofort. „Ja, manche glauben die Seelen von den Gestorbenen wohnen im Himmel“, ruft ein Mädchen. Ein anderes hat einen ungewöhnlichen Vorschlag: „Ich glaube, dass die Mutter dem Kind bei der Geburt – über die Nabelschnur – ein Stück ihrer Seele gibt.“ Von der anderen Seite des Kreises kommt der vehemente Einwurf: „Gott hat den Menschen gemacht und darum hat er ihm auch die Seele gegeben!“ Die Aufmerksamkeit der Kinder ist erschöpft. Wir schlagen vor, den Himmel zu malen und wechseln an die  Mal- und Basteltische.

Wenn die Sonne über dem Meer zerfließt

Heute stehen nur Aquarellfarben, Pinsel und Schwämmchen zur Verfügung. Auf die Kanten der Tische haben wir zwei lange Papierbänder geklebt. Symbolisch für das Unendliche des Himmels, malen jeweils die Hälfte der Gruppe an einem Fries. Sonnenuntergänge, kühles, verschwommenes Blau, aber auch abstrakte Formen reihen sich aneinander. Im Anschluss an das gemeinsame Werk legen wir für jedes Kind ein großes Blatt Aquarellpapier auf den Boden. Die Aquarellfarben bieten wir in einzelnen kleinen Schälchen an. Jedes Kind hat seinen eigenen Wassertopf. Einige Kinder wischen schwimmendes Himmelblau. Ein Mädchen schwärmt vom roten Abendhimmel, den sie dann auch malt. Unsere Tapies-Malerin braucht nur leuchtendes Rot. Mit grobem Pinselstrich malt sie „Ein Flugzeug!“. Dann schaut sie sich die abstrakt expressionistischen Bilder in dem von uns mitgebrachten Ausstellungskatalog des Us-amerikanischen Malers Richard Diebenkorn an. Seine blaudominierten Meeres- und Luftbilder der „Ocean Park“-Serie (begonnen 1967) passen hervorragend zum Thema des heutigen Salons.

Wenn sich am Abend der Himmel rot färbt

Zum Abschluss weisen wir – veranschaulicht durch die entstandenen Bilder der Kinder – auf die besondere Eigenschaft von Aquarellen hin: Sie sind durchscheinend wie der Himmel und wie das Wasser.

Resümee:

Das Arbeiten in salonübergreifenden Themenkomplexen  – mit dem 9. Salon starteten wir unsere Reihe zum Thema „Vergangenheit und Erinnerung“ – hat sich auch heute bewährt. Da die Aufmerksamkeit der Kinder nach einem langen Schultag begrenzt ist und wir oftmals nicht dazu kommen, die Gesprächsbeiträge der Kinder zu bündeln, ermöglicht uns diese Arbeitsweise, Informationen oder Anregungen nachzureichen.

Der Regenbogen färbt den Himmel bunt

Am 17. April in Berlin

Wenn der Seelenvogel vor Glück in die Luft springt.

9. Salon: Was ist die Seele? Vielleicht ein Vogel auf einem Bein? 

● Wir hören die Geschichte Der Seelenvogel von Michal Snunit und Na’ama Golomb.
● Fragenrunde: Was glauben wir, was die Seele ist?
● Im Atelier: Wenn unsere Seele ein Vogel wäre, wie sähe der dann aus? Wir malen ihn in unsere Phil, Sophie & Co-Bücher.

Zum Bericht…

9. Salon: Was ist die Seele? Vielleicht ein Vogel auf einem Bein?

Was ist die Seele?

Ziele des Salons:

  • Selbstreflexion: Der abstrakte Begriff ‚Seele‘ wird von jedem Kind individuell definiert
  • Visualisierung der eigenen, emotionalen Verfassung
  • Stärkung der ästhetischen Entscheidungsfähigkeit: Jedes Kind wählt die für sich  angemessene künstlerischen Technik

Verlauf des Salons:

Heute übernehmen die Kinder die Choreografie des Salons, bevor wir auch nur die Zeit für unser Begrüßungsritual „Wir sind ein starkes Team!“ haben. Die Bilder in der Mitte des Kissenkreises haben einen derart hohen Aufforderungscharakter, dass die Diskussion sofort beginnt. Auch unser Junge taucht gar nicht erst hinterm Sofa ab (siehe frühere Berichte), sondern verfolgt das Geschehen gespannt über die Sofalehne hinweg. Während ein Mädchen die Quelle der kopierten Vogelbilder aus dem Buch „Der Seelenvogel“ (Michal Snunit und Na’ama Golomb) bereits kennt und dies euphorisch verkündet, ist ein anderes Kind ganz hingerissen von der chinesisch anmutenden Tuschelandschaft: „Das ist ja wunderschön!“ Andere stimmen zu. Unser Junge hat hingegen nur Augen für die Abbildung des Seelenvogels ‚Ba‘ aus der ägyptischen Mythologie: „Da liegt ein Pharao, das kenn ich!“, triumphiert er.

Als etwas Ruhe einkehrt, fragen wir, wer denn den Zettel mit der Aufschrift „WAS IST DIE SEELE?“ – den wir am Schluss des letzten Salons verteilt hatten (siehe 27. März 2012) –  jemandem gezeigt hat? Ein Mädchen hüpft vor Aufregung: „Ich hab den Zettel ganz vielen gezeigt. Meine Mama sagt, wenn wir fühlen, dass wir leben, dann ist das die Seele.“ Dann erzählt sie von einer Szene aus einem Garfield-Film: „Da liegt Garfield unter dem Auto und fragt sich, ob er tot ist. Das geht doch gar nicht.“ Die anderen stimmen zu.

Manchmal weiß man gar nicht, was man fühlt.

Das Mädchen neben ihr ist ganz vertieft in die Vogelbilder, die verschiedene Seelenzustände darstellen. „Manchmal weiß ich gar nicht, wie mein Seelenvogel aussieht, dann bin ich etwas verwirrt.“ Ein Mädchen reagiert: „Dann muss man ganz genau in sich horchen.“ Das Gesicht der Vorgängerin hellt sich auf: „Ja, und wenn ich was Schönes für meinen Seelenvogel male, dann ist der auch glücklich.“ Wir gratulieren zu der Idee, dass man selbst etwas für das Wohl der eigenen Seele tun kann.

Eine traurige Seele.

Obwohl alle Kinder die Seele als etwas Angenehmes und Wichtiges („Sonst würde uns ja was fehlen!“) beschreiben, erzählen sie auch von traurigen Gefühlen. Der dazugehörige Vogel lässt den Kopf hängen. Ein Mädchen meldet sich ganz entschlossen: „Ich möchte mal erzählen, was der Seele weh tut.“ Mit ernster Stimme beschreibt sie eine Situation auf dem Pausenhof, in der ihre Freundin von einem Jungen beleidigt wurde schließt mit den Worten: „Und das tat noch ganz lange weh, auch noch abends.“ Die Kinder debattieren, was schlimmer ist und länger weh tut; ein aufgeschürftes Knie oder Traurigkeit. Erst plädieren sie fürs Knie, nach und nach halten sie Trauer und Wut für nachhaltiger. Ein Kind erzählt vom Liebeskummer der Mutter und von ihrem Versuch sie zu trösten. Liebeskummer sei schlimm, meinen auch andere Kinder.

Ein stilles Mädchen hält das Bild des aufgebahrten Pharao statt waagerecht, senkrecht: „Ich seh‘ ein ‚B‘ und ein ‚P‘ und ein ‚i‘. Die Kinder rechts und links neben ihr wollen auch gleich nach Buchstaben suchen und werden ebenfalls fündig. Wir staunen, dass sie das grafische Wahrnehmen von Buchstaben im letzten Salon (siehe 27. März 2012) so schnell verinnerlicht haben. Immerhin lagen zwei Ferienwochen dazwischen. Zudem verlief heute der Weg des Erkennens in der entgegengesetzten Richtung: Der Ausgangspunkt des letzten Salons waren Buchstaben, die dann in Bilder integriert wurden. Diesmal wurden die Buchstaben in ein Bild hineinassoziiert.

Der Seelenvogel 'Ba' im Reich der Pharaonen

Nach einer außergewöhnlich langen und konzentrierten Diskussion strömen die Kinder an die Mal- und Basteltische. Sie warten gar nicht erst auf eine Anregung von uns. Einige Kinder wollen einen Vogel abpausen und gehen ans Fenster, andere malen ihn frei nach. Zwei Mädchen inspirieren sich gegenseitig zu bunten, rechteckigen Formen, die sie in ihre Phil, Sophie & Co-Tagebücher malen. Das Kind, das mit der Idee gestartet ist, wählt Buntstifte, das andere Tusche. „Das ist ein Haus mit vielen Wohnungen“, erzählt erstere. „Meine Seele wohnt im zweiten Stock. Ich frag später mal meine Mutter, wo ihre Seele wohnt. Vielleicht im dritten Stock.“ Sie freut sich und malt weiter. Unser Junge paust den Pharao und den Seelenvogel ‚Ba‘ am Fenster ab und ist äußerst konzentriert. Die schwarze Konturzeichnung malt er am Tisch mit Aquarellfarbe aus. Es ist kaum zu glauben, dass sich dieses Kind noch vor gut 3 Monaten kaum zutraute, Wellen zu malen (siehe 20. Dezember 2011). Dass es in seiner Seele auch weniger farbige Areale gibt, visualisiert sein mit feinen schwarzen Filsstiftstrichen ausgefüllter Seelenvogel. Immerhin hat er sich eine fröhlich hüpfende Konturzeichnung ausgesucht. Die Dichte der heutigen Diskussion und das vielschichtige malerische Schaffen der Kinder kann hier nur angedeutet werden. Die Bilder sprechen für sich.

Meine Seele wohnt im 2. Stock.

Meine Seele hat viele fröhliche Farben.

Resümee:

Unsicher darüber, wie die doch noch recht jungen Kinder mit der abstrakten Frage „Was ist die Seele?“ umgehen würden, hat uns der Salonverlauf im höchsten Maße positiv überrascht. Konzentriert, emotional beteiligt und diskursiv haben sie sich das Thema erarbeitet. Für Erklärungen zur ägyptischen Seelenvorstellung gab es absolut keinen Raum. Auch die chinesische Vorstellung, dass am Anfang der Welt ein sphärischer Hauch stand, der dann alles, d.h. Steine, Pflanzen, Tiere und den Menschen gleichermaßen beseelte, konnten wir nur andeutungsweise in die Gespräche am Mal- und Basteltisch einbringen. Die diesbezüglichen Bilder nahmen die Kinder allerdings begeistert an.

Wenn der Seelenvogel vor Glück in die Luft springt.

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Mein Seelenvogel ist verliebt.

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Der Seelenvogel 'Ba' im Reich der Pharaonen.

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Bilder sagen mehr als Worte.

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5. Salon: Was kann ich und was könnte ich können?

Jeder kann etwas. Das steht fest. Und jeder kann etwas nicht, auch das haben alle schon einmal erfahren. Oft ist es leichter, Dinge zu benennen, die wir nicht können, als etwas, worin wir uns ganz schön gut finden. Aber warum eigentlich? Weil es so vieles ist, was wir nicht beherrschen? Oder weil es uns einfach schwer fällt, etwas an uns selber richtig toll zu finden, obwohl es vielleicht andere gibt, die das noch toller können?

Auf die Frage, wer etwas richtig gut kann, gehen die Hände der Kinder erst nur sehr zögerlich in die Höhe: „Nichts tun“, sagt ein Junge, „Meine kleine Schwester ärgern“ ein anderer, aber auch „klettern“, „lesen“, „mir Sachen merken“ und „kochen“.

Wir schauen uns das Buch „Sehr berühmt“ von Philip Waechter an und überlegen, wofür es sich lohnen könnte, sich anzustrengen und auch mal Niederlagen in Kauf zu nehmen.

Kaum ein Kind hat exotische Wünsche an das eigene Können. Die meisten knüpfen an vorhandene Fähigkeiten und Interessen an und würden das, was sie bereits schon ganz gut können, gerne noch etwas besser können: „Ich würde einmal gerne richtig gut kochen können“ erzählt ein Mädchen, „ich glaube, das würde mir dann richtig viel Spaß machen und anderen auch, die könnten dann bei mir essen“. – Wann wird das sein? Was müssen wir tun, um eine Sache immer besser zu können? „Auf jeden Fall muss ich noch geduldig sein, denn ich bin ja noch nicht erwachsen und Kinder können meistens noch nicht so gut kochen“.

Ein Junge erzählt, dass seine Mutter schon zwei Kochbücher geschrieben hat. Alle sind sich einig, dass sie dann wohl sicher eine sehr gute Köchin ist und das lange Zeit geübt hat. Aber könnte jemand auch dann schon gut kochen, wenn es nur ihm selbst schmeckt? Reicht das aus? Oder müssen noch andere derselben Meinung sein? Und gilt das auch für andere Fähigkeiten?

Aus vorgefertigten Materialien dürfen sich diejenigen Kinder, die der Meinung sind, dass sie irgendetwas richtig gut können, einen Orden basteln. Alle sind dabei. Ich schlage vor, die Orden in das Arbeitsbuch zu kleben aber einige heften ihn sich lieber gleich mit Tape an die Brust. Verdient ist verdient.

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Anschließend tauschen wir uns noch ein wenig aus: „Ich wäre gerne besser in der Schule, dann würde mir alles auch mehr Spaß machen“, sagt ein Junge, „aber es macht mir halt nicht so viel Spaß jetzt und deshalb kann ich auch nicht besser werden“. Aber steht der Spaß wirklich am Anfang einer guten Leistung? Was müssen wir eintauschen für unser Können? „Auf jeden Fall Zeit“ sind sich alle einig, „Und Nerven!“, gibt ein Junge zu bedenken. „Manchmal auch Geld“, sagt ein Mädchen, „man muss ja ab und zu auch mal jemanden bezahlen, damit er einem was beibringt“. Und muss vielleicht das Schicksal bisweilen ein bisschen nachhelfen? „Man muss halt üben, aber man braucht immer auch ein bisschen Glück“. Und wo das Glück hinfällt, da findet man dann manchmal auch das eigene Können – und umgekehrt. Und wenn nicht, dann könnten wir ja einfach noch eine Weile weiter danach suchen.