Am 13. März in Berlin

Chinesische Affenkönig-Comics

6. Salon: Im Phil, Sophie & Co-Atelier

● Weil wir von den letzten zwei Salons noch so viele Ideen und Bilder im Kopf haben, machen wir einen Ateliertag. Wir kehren zur Geschichte des Affenkönigs Sun Wukong und zur Hexe Lilli zurück
● Fragerunde: Was war mir besonders wichtig? Was möchte ich noch wissen?
● Im Atelier: Wer möchte, probiert die Technik des Durchpausens, die uns Birgit Rieger gezeigt hat, mit seinen eigenen Bildern aus. Wer möchte, lernt chinesische Schriftzeichen.

Zum Bericht…

4. Salon: Ni hao ma? Wir reisen mit den Augen und den Ohren nach China und lernen den Affenkönig Sun Wukong kennen.

Die Geschichte vom Affenkönig

Die Geschichte vom Affenkönig

Ziele des Salons:

Ein fernes Land wie China rückt sinnlich näher. Die Neugierde auf eine fremde Kultur wird geweckt.

● Horizonterweiterung: Wir hören die Geschichte des Affenkönigs Sun Wukong, die alle Kinder in China kennen.

● Durch die Betonung des gemeinsamen Wunsches sich zu verwandeln, entsteht eine empathische Beziehung zu Kindern in einem fernen Land.

Heute ist alles anders. Denn: Wir wollen mit allen Sinnen nach China reisen! Beim Abholen im Hort antwortet ein Mädchen auf unsere thematische Ankündigung „Ich kann nicht mit nach China, ich werde um drei Uhr abgeholt.“ Wir erinnern, dass wir schon einmal mit den Augen und den Ohren am Meer waren (20. Dezember 2011) und heute wieder so eine Phantasiereise machen. Sie ist beruhigt.

Traditionelle chinesiche Musik (Hu-Qin) erfüllt den Raum. In der Mitte des Kissenkreises liegen verschiedene Bilder und Gegenstände aus China: ein seidiges, rotes Tuch mit goldenen Drachen, eine Teedose mit Schriftzeichen, Drachen-Pantöffelchen, ein Sprachführer, der die Darsteller einer Peking Oper zeigt, ein traditionelles Landschaftsbild in Tuschetechnik, aber auch Postkarten mit Bildern verschiedener Wohnungen in Schanghai (Fotoserie Hu Yang, „Shanghai Living“, 2005) und eines chinesischen Bergmanns. Die Kinder hocken sich davor, nehmen einzelne Dinge in die Hände und benennen sie oder stellen Fragen. Wir lassen alles im Kreis herumgehen. Keiner will etwas verpassen! Die Drachen-Pantöffelchen werden befühlt und bewundert. Ein Mädchen kennt den Namen dieser Drachen:

„Mein Papa sagt, die heißen Long Gui-Drachen.“ Unser Junge ergänzt: „Solche Drachen tragen die Leute auf Stöckern und dann tanzen sie damit.“ Wir fragen, ob er das beim Karneval der Kulturen gesehen hat. Er nickt begeistert. Ein anderes Mädchen schließt gleich an: „Ja, und manchmal sind die auch in den Drachen drin.“ Auch die Postkarte, die eine chinesische Familie zeigt, wird ausführlich kommentiert:„Die Familie hat vier Kinder und nur ein Zimmer“, startet ein Mädchen. Über ihre Schulter guckend, ruft ein Kind, das selbst vier Geschwister hat: „Ist das Baby süß! Die Mama ist ganz lieb zu dem Baby. Ich finde, das sieht gemütlich aus.“ Wir erzählen, dass die meisten Familien in China auch nur ein Kind oder zwei Kinder haben, wie in Deutschland. Ein Mädchen wundert sich über die Peking-Oper-Bemalung auf dem Sprachführer. Wir erklären, dass man an der Bemalung erkennt, ob ein Mensch in dem Theaterstück böse oder gut ist. Gleich mehrere Kinder sind sich einig: „Die Leute auf dem Buch sind gut.“ Wir halten uns heute ansonsten mit Erklärungen zurück und weisen lediglich auf Details hin, wie zum Beispiel auf das Tuschebild: „Schaut mal, das hat ein chinesischer Künstler mit Tusche gemalt, wie ihr.“

Um China auch zu schmecken, verteilen wir chinesische shānzhā -Bonbons und erzählen, dass die Früchte wie kleine Äpfelchen aussehen. Dann starten wir die Geschichte vom Affenkönig Sun Wukong, der sich in 72 Gestalten verwandeln kann. Wir betonen: „Jedes Kind in China kennt die Geschichte!“ Insbesondere unser Junge fühlt sich schnell in die fantastische Figur ein. „Wenn es brennt, verwandelt er sich in Wasser!“, eilt er der Erzählung voraus. Dann ruft er: „Mein Bruder heißt auch Sun Wukong. Mit meiner Mutter war ich schon in China!“ Um die Sphäre der Phantasie als solche zu konturieren, antworten wir: „Das ist eine tolle Idee!“ Wir erklären, dass der Affenkönig zusammen mit dem Mönch Xuanzang (Spitzname Tripitaka) nach Indien reist, um von dort sehr wichtige Bücher nach China zu holen. In den Büchern stände, was die Menschen tun müssten, um ein gutes Leben zu führen. In Indien würden viele Menschen glauben, dass man ansonsten zur Strafe nach dem Tod wiedergeboren würde, um sich zu bessern. Die Kinder wirken nicht sonderlich erstaunt. Ein Mädchen kommentiert: „Und bei uns glauben viele, dass man sonst in die Hölle kommt.“

Wir breiten nun verschiedene Abbildungen des Affenkönigs aus, so dass sich jedes Kind eine davon für sein Phil, Sophie & Co-Buch aussuchen kann. Manchen Kindern fällt die Entscheidung schwer. Bemerkenswert ist, dass kaum ein Kind den kämpfenden Affenkönig wählt. Sun Wukong fliegend, mit prächtigem Gewand oder unter Wasser mit Zauberstab sind die Favoriten. Wir schlagen vor, dass sich die Kinder noch einmal in ihrer Faschingsgestalt oder in einer anderen Verwandlung zum Affenkönig gesellen könnten. Das Mädchen, das im letzten  Salon sehr mit der Transparentpapier-Reißtechnik gerungen hat, möchte heute auch ihren fliegenden Affenkönig ausreißen und den Himmel tuschen. Wir freuen uns! Unser Junge, der noch vor einigen Wochen behauptete, keine Welle drucken zu können (20. Dezember 2011), startet mit einer detaillierten Zeichnung eines Piraten, der mit dem Affenkönig kämpft: „Ich bin der Pirat“, kommentiert er. Zuvor überlegt er, wie viel Platz er für die ausgewählte Abbildung braucht. Dann bekommt die Szene einen Rahmen, der farblich mit dem Bild im Zentrum korrespondiert. Sichtlich in die aufgeklebte Abbildung vertieft, fragt er uns: „Wie haben die das Bild denn gemalt?“, und zeigt auf die Craquele-Technik. Wir sagen ihm, dass wir das auch nicht genau wüssten, weil es nicht in dem Buch stände, aus dem das Bild stammt und beschreiben unsere Vermutungen. Er grübelt: „Das sieht aus, als wären das alles Risse.“ Wir stimmen ihm zu.

Die ersten Eltern kommen, um ihre Kinder abzuholen. Einige lassen sich unsere China-Requisiten von den Kindern zeigen. Ein Mädchen fragt uns lächelnd: „Ratet mal, was ich gemalt habe?“ Wir sehen eine rote, mit Filz- und Glitzerstift ausgefüllte Fläche. Einige Formen scheinen in die Fläche eingearbeitet zu sein. Wir fragen, wie beim Scharadespiel, ob es ein Mensch oder Tier sei, ob man es essen oder trinken könnte usw. Sie ist sichtlich amüsiert. „Das ist ein Koffer!“, triumphiert sie. „Und damit reise ich mit Mama und Papa nach China!“ Wir gratulieren zu der Idee: „Da werden sich die Menschen in China aber freuen. Rot ist in China eine sehr beliebte Farbe.“ Sie zeigt das Bild der Mutter und verabschiedet sich.

Resümee:

Die Kinder haben mit großer Begeisterung das ‚China-Stilleben‘ erkundet und sich empathisch – insbesondere beim Foto einer chinesischen Familie – in das Leben der Menschen dort eingefühlt. Durch den eigenen Wunsch sich zu verwandeln (vgl. vorhergehenden Salon zu Fasching) war den Kindern die Geschichte des Affenkönigs nicht fremd. Auf den Läuterungsprozess von Sun Wukong vom übermütigen zum verantwortungsvollen Wesen, würden wir gerne in einem Salon zur moralphilosophische Frage nach einem ‚guten Leben‘ zurückkommen. Über eine den Kindern gemäße Vermittlungsform werden wir nachdenken. Die Geschwindigkeit, mit der die Kinder in ihrem bildnerischen Ausdruck an Sicherheit gewinnen, freute uns auch in diesem Salon.

5. Salon: Bilder erfinden ist keine Zauberei: Die „Hexe-Lilli“-Illustratorin Birgit Rieger zu Besuch bei Phil, Sophie und Co

Ziele des Salons:

  • Horizonterweiterung: Fragend und beobachtend erfahren die Kinder, wer die Bilder in ihren Büchern erfindet und wie sie visualisiert werden.
  • Wissensvertiefung: Wir erinnern an die Reproduktionstechnik von Büchern, wie wir sie beim Besuch des Philosophen Hans Feger besprochen haben.
  • Interkulturelles Wissen: Das gleiche Buch gibt es in vielen Sprachen!
  • Indem die Kinder eigene Hexe-Lilli-Kreationen schaffen und diese von der Erfinderin der Buch-Hexe gewürdigt werden, wird ihr Mut zur „eigenen (visuellen) Stimme“ gestärkt.

Hexe Lilli in verschiedenen Sprachen

Ablauf des Salons:

Birgit Rieger sitzt neben unserer Fragenlandkarte im Kissenkreis, als die Kinder nach und nach eintreffen. Alle gruppieren sich neugierig in ihrer Nähe. Als wir fragen, ob sie denn wüssten, wer heute bei uns ist, stimmen sie zu. Ein Mädchen: „Sie hat die Hexe Lilli-Geschichten geschrieben!“ Birgit Rieger erklärt die Arbeitsteilung zwischen Autor und Zeichnerin. „Was ist Zeichnen?“, fragt ein Kind und eröffnet damit die gewohnte Gesprächssituation. Die Differenzierung zwischen Zeichnen und Malen leuchtet den Kindern ein. Bereits zum wiederholten Male hat ein Mädchen ihr eignes Hexe Lilli-Buch dabei. Verlegen schmiegt sie sich an eine von uns und versteckt das Buch. Als wir Birgit Rieger erzählen, wie sehr sich das Kind auf ihren Besuch gefreut hat und auf das Buch verweisen, ist das Eis gebrochen. Den ganzen Salon über weicht das Mädchen nicht mehr von der Seite der Bild-Zauberin!

Wir schlagen vor, Birgit Rieger mit unserem Begrüßungsritual „Wir sind ein starkes Team!“ Willkommen zu heißen. Alle stimmen zu. Unser Junge, der heute bereits zu Anfang des Salons seine Müdigkeit bekundete und hinter dem Sofa verschwand, streckt den Kopf hervor und macht von dort aus mit. Wir nutzen die Gelegenheit, der Gruppe noch einmal das Mädchen vorzustellen, das seit letzter Woche an unseren Salons teilnimmt. Unsere Runde wird also heute um die „klare Clara“ und die „bienenfleißige Birgit“ erweitert. Ein Mädchen reckt den Finger in die Höhe: „Ich möchte etwas erzählen!“ Stolz sagt sie in die Aufmerksamkeit der Gruppe: „Ich hab‘ meinen Papa gefragt: Auf Arabisch heißt ‚Guten Tag‘ ‚Marhaba‘ und auf Türkisch ‚Merhaba‘“ (siehe Salonbericht vom 21. Februar 2012). Wir zeigen unsere Freude über die mitgebrachte Antwort, wiederholen die Worte und integrieren sie in unser Spiel.

Am Anfang eines Bildes steht das weiße Papier

Birgit Rieger legt Hexe Lilli-Bücher in verschiedenen Sprachen in die Mitte des Kissenkreises. Die Kinder sprühen vor Begeisterung und vergleichen die Schriften. „Was sind denn das für Würmchen?“, fragt ein Kind und deutet auf die arabische Schrift. Unser Mädchen mit arabischem Familienhintergrund klärt uns auf. Nun liest das Kind mit türkischem Familienhintergrund aus der türkischen Buchversion vor. Zuvor hatte sie immer wieder betont, dass sie kein Türkisch könne (vgl. Salonbericht 21. Februar 2012)! Sie beobachtet die Reaktion der anderen. Birgit Rieger beglückwünscht sie dazu, zwei Sprachen zu kennen. Wir freuen uns über diese zufällige Unterstützung unserer Arbeit. Unser Junge sitzt nun auf dem Sofa und vergleicht die japanische und die chinesische Schrift. „Wie bei den Affenkönig-Comics!“, stellt er fest und fragt, ob wir die Box mit den chinesischen Heftchen wieder dabei hätten. Wir vertrösten ihn auf den nächsten Salon. „Wie hast du die Bücher gemacht?“, fragt das Mädchen mit dem eigenen Hexe-Lilli-Buch und deutet auf den Umschlag mit einer 3D-Folie. Birgit Rieger erklärt die Arbeitsteilung. „Und wie kommen denn dann deine Bilder da rein?“, fragt das Mädchen gleich weiter. Wir erinnern an Humboldts Kosmos-Buch und was uns der Philosoph Hans Feger über das Kopieren von Schrift und Bild erzählt hat.

Das Fenster ist unser Leuchttisch

Das Stichwort zur ‚Bild-Zauberei‘ ist gefallen. Birgit Rieger holt Papier und Stifte hervor und zeigt den Kindern, wie aus dem Nichts des weißen Papiers eine Hexe Lilli wird und wie sich der „Prototyp“ – das Wort wird erklärt! –  in die verschiedenen Gestalten verwandelt. Die Kinder wollen es nach kürzester Zeit selbst ausprobieren. “Layout-Papier“ wird verteilt. Das Wort wird bedächtig nachgesprochen. Und schon sind die Kinder an den Arbeitstischen. Da wir keinen „Lichttisch“ haben, nutzen einige Kinder die Fenster, um Konturen durchzupausen. Birgit Rieger hilft. Die meisten Kinder entscheiden sich, ihre eigene Hexe Lilli zu kreieren. Zaubertricks, andere Frisuren, ein Zauberhut und vieles mehr werden erfunden. Ein Mädchen zeigt Birgit Rieger ihre Bilderfindung. Beide besprechen Details wie z. B. die Hautfarbe. „Das ist der glücklichste Tag in meinem Leben!“, verkündet das Kind mit rührender Inbrunst.

Gegen Ende der Zeit verteilt Birgit Rieger den kleinen Flugdrachen Hektor aus „Hexe Lilli“ zum Ausschneiden. Das Kind, das sich beim letzten Mal einen Koffer für die eigene China-Reise gemalt hat, zaubert ihrem Drachen gleich zwei davon. „Dann kann der Drache Hektor die Drachen in China besuchen!“, kommentiert sie. Aus einer Stunde werden wieder einmal zwei und die Eltern treffen nach und nach ein. Ein Mädchen reagiert nicht auf die freundliche Ansprache des Vaters: „Hallo, ich bin Dein Vater!“ ruft er sichtlich amüsiert und schaut auf sein lesendes Kind. Ihr Blick macht klar, dass sie erst wieder auftauchen muss aus ihrer Hexe Lilli-Welt.

Resümee:

Philosophieren mit Erstklässlern ist eine sinnliche Reise, die jedes Kind mitnimmt, so wie es im jeweiligen Moment ist –  euphorisch, besonnen, übermutig, müde, lustig, traurig oder auch mal verzweifelt. Dieses Fazit legen uns die Kinder auch in diesem Salon nahe. Sie lernen mit Begeisterung und zunehmender Geduld. Neue Geschichten und Begriffe haben einen Zauber für sie. Neue Materialien werden zur Inspiration ihrer Vorstellungskraft.

Ich erfinde meine eigene Hexe Lilli

Birgit Rieger beglückwünscht uns zu unserer Arbeit: „Hier ist ja jedes Kind eine ganz eigene Persönlichkeit!“ Wir fühlen uns bestätigt. Wir möchten die Kinder in ihrem Selbstvertrauen, ihrer Entscheidungs- und Kritikfähigkeit stärken. Eine eigene Bildwelt (die eigene Hexe Lilli!) soll sie vor blinder Bewunderung gegenüber medial vermittelten Bildwelten schützen. Was unser Pilotprojekt aber auch zeigt, ist, dass ein Philosophieren mit Erstklässlern nur sehr schwer in ein 45-Minuten-Format passt. Als AG am Nachmittag wiederum ist die Erschöpfung der Kinder ein nicht zu leugnender Faktor. Indem wir jedem Kind zugestehen, sich zeitweilig zurückzuziehen, fällt ihnen die Entscheidung, jeden Dienstag zu uns zu kommen, leicht. Der Begriff des Salons suggeriert diesen individuellen Gestaltungsfreiraum.

Am 6. März in Berlin

5. Salon: Bilder erfinden ist keine Zauberei! Die Hexe-Lilli-Illustratorin Birgit Rieger zu Besuch bei Phil, Sophie und Co  

Hexe Lilli in verschiedenen Sprachen

● Birgit Rieger malt seit 20 Jahren die Bilder zu den Hexe Lilli-Geschichten von Ludger Jochmann (Knister). Nun ist sie unser Gast und zeigt uns, wie die Bilder entstehen. Sie freut sich auf unsere Fragen!
● Fragerunde:  Wer kennt die Hexe Lilli?
Was mögt ihr an dem Buch, was gefällt Euch nicht?
Was mögt ihr an Hexe Lilli, was nicht?
● Im Atelier: Wir malen unser eigenes Abenteuer. Birgit Rieger macht mit.

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3. Salon: Helau! Heute bin ich, wer ich sein will!

Ziel des Salons:

  • Stärkung des interkulturellen Interesses durch unser erweitertes Begrüßungsritual “Wir sind ein starkes Team!“
  • Förderung von Selbstreflexion und Empathie durch die Frage „Was verbinde ich mit der Gestalt, in die ich mich verwandelt habe und was mit der eines anderen Kindes?“
  • Förderung der Experimentierfreude durch die ungewohnte Bildästhetik des Collagierens mit gerissenem Transparentpapier.

 

Ablauf des Salons:

Wir erweitern unser Spiel „Wir sind ein starkes Team!“ durch die Anregung, ein Begrüßungswort in einer anderen Sprache hinzuzufügen. Hello, Ciao, Salut und Ni hao sind die ersten Vorschläge. Ein Mädchen überlegt, was „Hallo“ auf Arabisch heißt. „Wenn die Männer oder Frauen sich begrüßen, sagen die immer so was, aber ich hör‘ da nicht zu.“ Wir schlagen vor, dass sie vielleicht doch mal genau hinhört. Sie stimmt freudig zu und versinkt ins Grübeln. Ein anderes Kind wirft ein: „Meine Oma kommt aus Kroatien. Die ruf ich an und frag mal, was da „Hallo“ heißt. Ihre Vorrednerin hüpft auf dem Kissen: „Jetzt weiß ich´s, die sagen ‚Marhaba‘.“ Wir fragen, ob das türkische ‚Hallo‘ nicht ähnlich klingt? Das Mädchen mit türkischem Familienhintergrund zückt die Schultern. Das arabischstämmige Mädchen ist euphorisch: „Mein Papa ist ganz oft in der Türkei, der kann ganz toll Türkisch!“

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In der nächsten Runde erzählt jedes Kind von seinem Kostüm. Die himmlische Heima ist heute Schneekönigin. „Das hab ich auf einem Gauklermarkt gesehen. Die war so schön.“ Die durstige Dragana ist Cowgirl mit allem was dazugehört, kann aber nicht sagen warum. Wir machen Vorschläge. Nein, reiten möchte sie nicht, auf Menschen schießen auch nicht. Wichtiger ist ihr der glänzende Stern und der coole Gang. Die lustige Luna ist gelbglänzende Löwin: „Ich spiel‘ immer Löwe, jetzt wollte ich da mal reinschlüpfen.“ Die lachende Lulu ist „Bäuerin“: „Ich war in der Schule und meine Mama hat das Kleid gekauft. Jetzt bin ich Bäuerin, weil ich gerne baue.“ Sie zeigt auf die teuflische Theresa und sagt: „Und jetzt will ich Dich neu bauen!“ Sie lacht. Als wir ergänzen, dass Bäuerinnen ja auch auf einem Bauernhof leben usw. interessiert sie das nicht sonderlich.

Am Mal- und Basteltisch merkt man den Kindern die Erschöpfung vom vormittäglichen Feiern an. Die Löwin will ganz genau ihr Kostüm rekonstruieren und verzweifelt mehrfach. Wir erinnern an die Künstlerin Claudia Rößger, die uns erzählt hat, wie sie um ihre Bilder ringt und muntern sie immer wieder auf. Am Ende ist sie stolz auf ihr Bild. Zwei Kinder nehmen die Anregung, eine Collage aus gerissenem Transparentpapier zu kleben mehr oder weniger auf und integrieren die Technik in ihre Bilder. Das Cowgirl malt ihren Kopffüssler mit größter Sorgfalt. Dann schneidet sie – mit etwas Hilfe-  rotes Transparentpapier in Stückchen und klebt sie über die Figur: „Fertig!“ Ihr rotkariertes Hemd und die Roten Bordüren ihrer Weste machen alle Fragen überflüssig. Unsere Bäuerin, die eine begeisterte Malerin ist, schluchzt bei dem Versuch sich selbst aus gerissenen Transparentpapier-Stückchen darzustellen: „Die Haare sind doof. Der Kopf ist zu klein und die Beine zu dick!“ Sie ist am Ende ihrer Kräfte. Auch Zureden hilft nicht. Das Weinen wird heftiger. „Nein“, pausieren will sie nicht. Sie droht damit, die Seite aus ihrem Buch zu reißen oder gar das Buch wegzuwerfen, in das sie zahlreiche Bilder und die Namen ihrer Familienmitglieder gemalt und geschrieben hat. Uns kommt der Verdacht, dass es ihr schwer fällt, die ästhetische Eigenart der Reißtechnik anzunehmen. Zumeist werden Kinder für eine ‚ordentliche Optik‘ gelobt und dafür nicht über vorgezeichnete Linien zu malen. Auf diesen Aspekt wollen wir unbedingt zurückkommen. Heute ist das Kind für eine solche Auseinandersetzung viel zu erschöpft und es gilt schlicht, sie zu unterstützen. Daher erklärt sich eine von uns zur Assistentin. Millimeter für Millimeter reißen wir kleine Stückchen Papier, die sie dann selbst aufklebt. Unsere positive Beurteilung des Bildes soll ihr die Zuversicht geben, dass es so ‚richtig‘ ist. Die Zeit ist weit fortgeschritten und die meisten Kinder haben sich bereits verabschiedet. Nur die Schneekönigin gestaltet seelenruhig ein Bild nach dem anderen mit abstrakten Formen. Dann ist auch unsere Bäuerin zufrieden. Wir atmen auf.

 

Resümee:

Das Interesse der Kinder an den Herkunftssprachen ihrer Eltern und Großeltern nimmt zu. Durch das Faschingsthema haben sich die Kinder selbst und auch die anderen von einer neuen Seite kennen gelernt. Unser Angebot, sich mit einer neuen künstlerischen Technik auseinanderzusetzen hat ein Kind an die Grenzen der eigenen ästhetischen Flexibilität gebracht. Wir werden deshalb in unserem Salon „Was ist mein liebstes Bild?“ auf die Frage „Gibt es ein ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ in meinen Bildern?“ zurückkommen.

4. Salon: Welche Farbe hat die Wut

Gleich zu Beginn unseres Salons machen die Kinder große Augen. Wut – dazu können wirklich alle etwas erzählen. Einige holen schon einmal tief Luft, manche rollen die Augen. Wut ist ein starkes Gefühl, und wir kennen es sowohl von uns selbst, als auch von anderen.

Welche Farbe hat die Wut?

„Oh Gott: Wut“, sagt ein Junge. Anscheinend sind viele gespalten, wenn es darum geht, sich über Wut Gedanken zu machen. Eigentlich sei Wut ganz okay, meinen die meisten in der Runde, und es sei auch okay, dass man die Wut rauslässt. „Man MUSS sie sogar rauslassen“, erklärt ein Mädchen, „sonst wird man sie nie wieder los“. Aber alle wissen bereits, dass es nicht immer so ganz einfach ist, mit Wut umzugehen, nicht mit der eigenen, und nicht mit der Wut von anderen Menschen.

Und wie geht das überhaupt: die Wut rauslassen? Kann man vielleicht auch zuviel davon freisetzen? Die Kinder wählen aus hundert Farbkarten, die auf dem Tisch ausliegen, ihre eigene Farbe für Wut. Viele greifen nach Rottönen, und beschreiben ihre Wut mit gängigen Sprachbildern: „Man kocht dann so innerlich“, „Es brodelt in einem“. Einige suchen sich aber auch dunklere Farben aus, ein Mädchen wählt blau: „Weil meine Wut manchmal so riesig ist, wie ein Meer“, erklärt sie. Ein Junge wählt den Farbton „Deep Forest“, ein dunkles Grün. Als ich ihm den Namen übersetze, nickt er andächtig: „Das passt. Eine Wut kann so groß und mächtig sein, dass du dich auch richtig drin verirren kannst“.

Wir lesen „Robbi regt sich auf“ von Mireille d’ Allance und Markus Weber, in der die Wut erst groß und rot ist, und immer kleiner und kleiner wird. Nach und nach erzählen die Kinder, was sie wütend macht und wie sie ihre Wut erleben. Ein Mädchen hält eine schwarze Karte hoch: „Wut ist von außen eigentlich rot“, sagt sie, „aber in mir ist dann alles ganz schwarz“.

„Das Gute an der Wut ist: sie geht vorbei“, sagt ein Junge. Nicht immer fühlt man sich dann hinterher wirklich viel besser, oft aber doch. Und wirklich: Kein Wutanfall hält ewig und insofern passt die Schlussbemerkung aus der Runde, die Wut sei „wie ein Gewitter“. Das hört ja auch irgendwann wieder auf. Manchmal sogar schneller, als man zunächst dachte.

2. Salon: Danke-Sagen macht glücklich und schafft Freunde! (Exkursion)

Ziel des Salons:

    • Stärkung des Teamgeists durch ein gemeinsames Ziel und durch die gemeinsame Erkundung eines fremden Ortes.
    • Emotionale Erfahrung: Wie fühlt es sich an, sich bei jemandem zu bedanken, den man nicht kennt?
    • Transkulturelle Erfahrung: Wie klingt „Danke-Sagen“ in anderen Sprachen, z. B. in der Heimatsprache meiner Eltern?
    • Horizonterweiterung: Wo kommen die Mal-und Bastelmaterialien her, die wir in unseren Salons benutzen? Was brauchen Künstler für ihre Arbeit?

Danke-Schön-Collage

Ablauf:

Die Kinder sind aufgeregt und sammeln sich um die Danke-Schön-Collage. Jeder sucht seinen Beitrag. Die beiden Mädchen, die gefehlt haben, tragen ihre Namen ein. Während wir noch auf zwei Kinder warten, wiederholen wir das Spiel „Wir sind ein starkes Team!“. Alle können sich an ihre Namen und die der anderen erinnern! Vor dem Einsteigen in die Taxis, ziehen sich die Kinder einen Zettel, der entweder eine „Marzipankleber“-Dosen zeigt oder einen Stift. Demensprechend gibt es das „Stifte-Taxi“ und das „Kleber-Taxi“.

In dem Stifte-Taxi zeigen sich die Kinder gegenseitig, wo sie wohnen und wiederholen „Danke Schön“ in verschiedenen Sprachen. Als wir das „r“ von „Schukran“ nicht ausreichend rollen, werden wir von einem Mädchen freudig korrigiert. Im „Kleber-Taxi“ reden die Kinder euphorisch durcheinander. Wir machen ein Spiel, das die Aufmerksamkeit füreinander schärft. Die Kinder zählen nacheinander von 1 bis 7. Die Herausforderung dabei ist, dass es keine festgelegte Reihenfolge gibt. Wenn ein Kind also die nächste anstehende Zahl nennen möchte, muss es darauf achten, dass es nicht gleichzeitig mit jemandem spricht. Die Kinder sind konzentriert und bester Stimmung. Sie erkennen, dass sie dem Gegenüber durch ihre Gestik und durch Blickkontakt Signale senden können.

Am Ziel angekommen machen wir ein Gruppenfoto. Als der Absender des Pakets die Kinder begrüßt und sich die Collage anschaut, gesellen sich alle zu ihm und erklären ihm die Bilder, nennen ihre Namen und wiederholen „Danke Schön!“ in verschiedenen Sprachen: Schukran,Teşekkür, Thank you, Merci, Grazie und Xiexie. Zur „Schule von Athen“ und zum „Salon der Madame Geoffrin“ sagt ein Mädchen mit dem Finger darauf zeigend: „Das ist schon ganz lange her, das nicht ganz so lange und heute sind wir die Philosophen.“

Murmelbahn

Nachdem wir die Kugelbahn und das im Geschäft hängende Relief von Berlin angeschaut und unsere Schule darauf gefunden haben, begibt sich die „Kleber-Gruppe“ auf die Suche nach den entsprechenden Dosen, die „Stifte-Gruppe“, sucht Stifte, die sie aus unserem Salon kennt. Auf den Wegen durch das Geschäft bilden sich Kleingruppen, die staunend und  betastend bei Pinseln, verschiedenen Papiersorten und Styroporformen stehen bleiben. Einige haben konkrete Ideen, was sie gerne damit basteln würden. Insbesondere die Wand mit den verschiedenfarbenen Kreiden begeistert sie. Unser Junge fragt vor dem Farbenregal den Fotografen nach dessen Lieblingsfarben. Zurückgefragt zeigt er auf ein dunkles Blau, Braun und Schwarz. „Meine Mutter gibt mir immer Farben zu essen“, erzählt er. Auf die verwunderte Reaktion des Fotografen fügt er hinzu: „Die sind aber nicht giftig!“ Ihm scheint die Aussage nicht weiter erklärungsbedürftig.

Resümee:

Obwohl unser Ausflug nur kurz war, führte er dazu, dass sich Kinder miteinander unterhalten, die sonst weniger im Austausch stehen. Unsere Mädchen mit türkischem und arabischem Familienhintergrund spüren zunehmend, dass die Sprache ihrer Eltern, die sie nur sehr gegrenzt kennen, ein Gewinn für das Gespräch der Gruppe ist.

Was alle Kinder unseres Salons teilen, ist die Begeisterung für Farben und anderen Materialien des bildnerischen Ausdrucks.

Am 28. Februar in Berlin

4. Salon:  Ni hao ma? Wir reisen mit den Augen und Ohren nach China und lernen den Affenkönig Sun Wukong kennen. 

Die Geschichte vom Affenkönig

Die Geschichte vom Affenkönig

● Wir hören die Geschichte vom Affenkönig Sun Wukong, der sich in 72 Gestalten verwandeln kann. Jedes Kind in China kennt die Geschichte!
● Der chinesische Künstler Chi Peng hat sich als Affenkönig verkleidet. Wir schauen uns seine Bilder an und überlegen, warum er das wohl getan hat?
● Fragerunde: Was wissen wir über China?  In wen möchten wir uns gerne verwandeln?
● Im Atelier: Wir kleben Sun Wukong in unsere Phil, Sophie & Co-Bücher und malen uns als Phantasiegestalt dazu. Dabei hören wir chinesische Musik.

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1. Salon: Wir sind ein starkes Team!

 Ziel des Salons:

  • Kennenlernen der (neuen) Namen, verbunden mit einer kleinen ersten Selbstdarstellung der Kinder über alliterarisch dem Namen zugeordnete Eigenschaften
  • Stärkung des Teamgeists über das Geschenk, bzw. die Materialspende eines Geschäfts für Künstlerbedarf
  • Wir entwickeln mit den Kindern eine Form des Danke-Schön-Sagens, indem wir eine Collage basteln.

Ablauf:

Unser Berliner Team haben wir um Viktor Krowas verstärkt. Auch zwei Kinder sind erst seit drei bzw. vier Wochen dabei. Um den Teamgeist der Gruppe zu stärken, starten mit dem Kreisspiel „Wir sind ein starkes Team!“. Jedes Kind ordnet seinem Namen ein Eigenschaftswort zu und begrüßt ein anderes Kind durch Ballwurf mit dessen erweiterten Namen. Wem keine Eigenschaft einfällt, wird von der Gruppe mit Vorschlägen unterstützt. Im Kreis sitzen nun: die himmlische Heima, die lustige Luna, die lachende Lulu, die intelligente Irmak, Tintenfisch-Tarik, die zarte Zoe und die durstige Dragana. Zwei Kinder fehlen.

'Danke Schön'-Collage

Die Materialspende, die wir von einem Geschäft für Künstlerbedarf bekommen haben, machen wir zum Thema. Wir: „Jemand ist begeistert von unseren Gedankenreisen und von den vielen Bildern, die ihr gemalt habt und hat dem Phil, Sophie und Co-Team ein Paket geschickt!“ Staunen, Neugierde, Freude! Wir sammeln Ideen, was im Paket sein könnte, dann schauen wir nach: ein „Marzipankleber“ für jedes Kind, Stifte und große Aquarellblöcke.

Unser Vorschlag, eine Danke-Schön-Collage zu basteln, wird begeistert aufgenommen.  Dann wird debattiert, was jedes Kind beisteuern möchte. Die Figuren Phil & Sophie werden ausgemalt und dazu geklebt. Auch Raffaels „Schule von Athen“ und „Der Salon der Madame Geoffrin“, die die Kinder bereits aus den vorangegangenen Salons vertraut sind, werden aufgeklebt.

Resümee:

Das Spiel „Wir sind ein starkes Team!“ hat den selbstreflexiven Blick der Kinder und ihre Aufmerksamkeit für die Besonderheit der anderen geschärft. Wir werden hier in den folgenden Salons anknüpfen, indem wir die Vorstellungsrunde um die verschiedenen Sprachen, die in den Familien der Kinder gesprochen werden (Thema: Transkulturalität), erweitern.

Am 23. Februar in Hamburg

Hat alles auf der Welt seinen Platz?

3. Salon: Hat alles auf der Welt seinen Platz?

Die Erde scheint ein großes Durcheinander zu sein. Menschen aller Art, Häuser, Regentropfen, Glück, Sand, Staub, Fernsehprogramme, Hungersnot, Zauberei, Tiefsee, Lava, Kängurus, Politik, Schlamm – all das gibt es. Aber gehört all das auch irgendwie zusammen?

Zum Bericht…

3. Salon: Hat alles auf der Welt seinen Platz?

Die Erde scheint ein großes Durcheinander zu sein. Menschen aller Art, Häuser, Regentropfen, Glück, Sand, Staub, Fernsehprogramme, Hungersnot, Zauberei, Tiefsee, Lava, Kängurus, Politik, Schlamm – all das gibt es. Aber gehört all das auch irgendwie zusammen? Haben wir einen Platz darin? Gibt es eine Verbindung zwischen den Dingen? „Ja“, ruft ein Mädchen sofort „aber wir kennen sie nicht genau“. Auf die Rückfrage, was das für ein Zusammenhang sein könnte, antwortet sie: „Alles ist von irgendwem gemacht worden, alles kommt irgendwo her, vielleicht von einem Gott, ich weiß es nicht. Aber das haben alle Dinge gemeinsam“. Das leuchtet allen Kindern in der Runde ein. Haben wir damit die Antwort auf unsere Frage schon gefunden?

Wir schauen uns das Buch „Zoologie“ von Joelle Jolivet an, die auf schön gezeichneten Doppelseiten Tiere zu Kategorien zusammenfasst. Ich lasse die Kinder raten, welche Kategorie jeweils gemeint sein könnte. Die Kinder erraten jede Kategorie sehr schnell.

Im Anschluss daran wollen wir nun selber Kategorien bilden. Auf dem Teppichboden steht ein Gurkenglas mit einem Sammelsurium an kleinen Dingen darin – ein Mini-Universum, gewissermaßen. Ich schütte den Inhalt des Glases aus und bitte die Kinder, sich drei oder vier der Gegenstände, die einen Zusammenhang haben, auszusuchen. Die Kinder schieben die Teilchen hin und her und suchen sich zielsicher und schnell kleine Teilchen-Gruppen zusammen. Nacheinander raten wir, wer welche Kategorie dabei im Kopf hatte: „aus Glas!“, „aus der Natur!“, „bunt!“, und auch: „kaputt!“.

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Wir füllen alle Teile wieder in das Glas zurück und ich frage noch einmal nach dem Zusammenhang im Universum. Gibt es eine Ordnung im Chaos? „Ja, wenn du eine Ordnung in Deinem Kopf drin hast, dann kannst du die sozusagen auch in die Welt reintun“, erklärt ein Junge. „Oder Du siehst etwas, und merkst dann plötzlich, dass es zusammengehört, und so kommt die Ordnung dann von außen in Deinen Kopf rein“, erklärt ein anderer. „Aber das Chaos, das gibt es trotzdem“ beharrt ein Mädchen, „manchmal versteht man einfach gar nichts und kapiert nicht, wie alles sein soll“. „Aber nur weil du es nicht kapierst, heißt es nicht, dass es nicht trotzdem irgendwie geht, eine Ordnung zu finden“, sagt ein Junge abschließend. „Manchmal ist eine Ordnung da und wir können sie einfach nur nicht sehen“.

Zum Abschluss erzähle ich den Kindern eine Kurzversion von Platons Höhlengleichnis. Vielleicht gibt es irgendwo lauter Antworten auf unsere Fragen, und wir haben sie einfach noch nicht gefunden.

13. Salon: Hat alles auf der Welt einen Namen?

In der Mitte des Kissenkreises steht heute eine verschlossene Schachtel. Wir kündigen den Kindern an, dass ihr Inhalt etwas mit der folgenden Geschichte zu tun hat. Die Neugierde steigt. Dann lesen wir die Geschichte „Woher die Tiere Ihre Namen haben“ aus „Als die Welt noch jung war“ von Jörg Schubiger. „Hat alles auf der Welt einen Namen?“, fragen wir und greifen die Geschichte von Alexander von Humboldt auf, der um die ganze Welt gereist ist, um Bergen und Pflanzen Namen zu geben. Die Kinder erinnern sich sofort an den Besuch des Philosophen Hans Feger im letzten Salon und an das, was er von Humboldts Reisen erzählt hat. „Hatten die Dinge nicht von Anfang an einen Namen?“ fragt ein Kind, das am letzten Dienstag gefehlt hat. Ein anderes erwidert sicher: „Nein, die Menschen geben den Dingen die Namen.“ Wir geben zu bedenken, dass dort, wo Humboldt hinreiste, ja bereits andere Menschen lebten. Ein Mädchen schlussfolgert: „Die hatten bestimmt längst Ihre eigenen Namen, „in Ihrer eigenen Sprache.“ Wir bestätigen ihre Feststellung und fragen: „Also gibt es nicht immer nur einen Namen für ein Ding?“ Ein Kind reagiert auf die Andeutung: „Nein, eine Sache kann auch verschiedene Namen haben.“ Wie flexibel die Kinder mit dem gesammelten Wissen aus den vorhergehenden Salons umgehen bestätigt auch gleich der nächste Kommentar eines Jungen: „Denn es gibt ja auch verschiedene Sprachen.“

Hat alles auf der Welt einen Namen?

Nun endlich kommt der Moment, in dem die verschlossene Schachtel geöffnet wird. Darin liegen die in Druckbuchstaben auf kleine Zettelchen geschriebenen Namen der Kinder. Begeistert sucht sich jedes Kind seinen Namen heraus. „Wie ist das mit Euren Namen? Wer hat Euch Eure Namen gegeben?“, fragen wir. “Meine Eltern!“, rufen gleich mehrere Kinder, „mein Vater!“, „meine Oma!“ Einige erzählen, was sie über Ihre Namensgebung wissen. Ein Kind hat Ihren Spitznamen von der Oma: „Nun nennen mich auch alle anderen Lulu und das finde ich toll“, schwärmt sie. „Mein Name hat eine Bedeutung, ich heiße Luna, wie der Mond“, beginnt ein Mädchen und ergänzt „und meine Mama heißt Stella, das heißt ‚Stern‘ auf Italienisch.“ Sie ist sichtlich stolz. „Was wäre, wenn Ihr einen anderen Namen hättet? Würdet Ihr Euch dann anders fühlen?“, fragen wir zum Abschluss der Gesprächsrunde. „Ja“, sagen einige Kinder. „Dann wäre ich jemand ganz anderes“, sagt ein Mädchen, „als ob ich ein anderes Gesicht hätte.“

Wir laden die Kinder an die Mal- und Basteltische ein. Sie nehmen ihre Namenszettelchen mit. Auch die ausgedruckten Schriftzeichen und die Worte in den verschiedenen Sprachen aus dem vorletzten Salon legen wir noch einmal auf den Tischen aus. Die Kinder suchen sich z. B. die Sonne, den Mond oder den Berg in verschiedenen Sprachen aus und kombinieren ihn mit ihren Namen. Dann folgt der künstlerische Teil, der bei jedem Kind anders ausfällt. Manche entscheiden sich für abstrakte Muster, einige für Ornamente, andere für figurative Szenen.

Nach einem Schulhalbjahr Phil, Sophie & Co  nehmen alle Kinder unserer Gruppe ganz selbstverständlich und ohne große Anstrengung an den Diskussionen teil. Manchmal gibt es Momente der Ungeduld, der Müdigkeit oder auch der ungestümen Euphorie, die uns signalisieren, dass wir den diskursiven Teil der Salons kürzer halten müssen, um dafür mehr Raum für die Visualisierung der Ideen einzuräumen. Wie individuell sich die Kinder auch in ihren Bildern artikulieren und wie sehr jedes Kind seine eigenen Lieblingsstifte und Farben gefunden hat, bestätigt unseren Ansatz, dass wir bewusst nicht mit gestalterischen Vorgaben gearbeitet haben. Gerade, weil unsere Kinder sich noch kaum schriftlich artikulieren können, ist dieser Weg, die „eigene Stimme zu finden“ (Peter Bieri) von besonderer Bedeutung.

Wir freuen uns auf ein weiteres Halbjahr Phil, Sophie & Co!

12. Salon: Ein Philosoph zu Gast bei Phil Sophie & Co

Der Philosoph Hans Feger

Die Kinder sind schon voller Erwartung auf den Besuch des Philosophen Hans Feger. Auf dem Pausenhof erzählen sie, dass heute ein „echter Philosoph“ kommt! Einige Kinder wollen auch dabei sein und fragen bei uns an. In unserer kleinen Bibliothek ist aber nur Platz für zwei Besucherkinder.  Bis alle da sind, setzen sich die Kinder an den Maltisch. Der Junge, der letzten Dienstag gefehlt hat und auch zuvor erst einmal an unseren Salons teilgenommen hat, ist sichtlich verunsichert und zieht eine von uns zum Sofa. „Was habt Ihr beim letzten Mal gemacht?“, fragt er. Wir stellen ihm die Frage „Wenn jeder Mensch seine eigene Sprache spräche, was wäre dann…?“ Er ist beruhigt und antwortet: „Dann würde sich keiner verstehen.“

Als der Philosoph Hans Feger in die Bibliothek tritt, ist es einen Moment still. Alle Augen sind auf ihn gerichtet. Er grüßt, setzt sich mit an den Maltisch und holt ein Foto heraus, das ihn mit anderen Philosophen in China zeigt. China! Die Spannung wächst. Dann holt er ein dickes Buch aus seiner Tasche: Alexander von Humboldts Kosmos – Entwurf einer physischen Weltbeschreibung (erschienen in fünf Bänden zwischen 1845 bis 1862). Die Kinder drängen sich näher, alle wollen ins Buch schauen.

Als alle Kinder da sind, setzen wir uns in den Kreis. Hans Feger sitzt zwischen den Kindern auf dem Sofa. Er fragt, warum die Menschen denn begonnen hätten, Bücher zu schreiben? „Weil andere auch etwas wissen sollten“, kommt die Antwort. Die Vorteile von Büchern gegenüber der gesprochenen Sprache werden diskutiert. Dann deutet Hans Feger auf den Kosmos und fragt, warum das Buch denn wohl so glitzert? „Gold, Sterne sind da drauf“ „Wunderschön!“, antworten die Kinder. Hans Feger erzählt von den Reisen des Alexander von Humboldt und seinem Wunsch, all sein Wissen in ein Buch zu schreiben. „Dieses Buch ist der Kosmos“. Die Kinder wollen das Buch genauer sehen und merken, dass sie die Schrift nicht lesen können. „Meine Ur-Oma schreibt auch so“, stellt ein Mädchen fest. Als sie hören, dass Humboldt vielen Pflanzen und Bergen Namen gegeben hat, sprühen die Kinder los: „Hat er die Tulpe, Tulpe genannt, oder den Ätna, den Olymp benannt?“ Hans Feger verneint: „Die hatten schon einen Namen. Aber er hat andere Vulkane benannt und sie gezeichnet.“ Wir erfahren, dass Humboldt (1769-1859) ungefähr zu der Zeit gelebt hat, zu der auch der Salon der Madame Geoffrin (1755) stattfand. Das Bild hängt neben der Schule von Athen an unserem Zeitstrahl, unterhalb unserer Fragen-Landkarte. Wir hatten im 2. Salon darüber gesprochen. Die Kinder gucken sich die Menschen noch mal genau an. „Aber das Buch ist doch noch gar nicht so alt, hatten die denn schon Kopierer?“, fragt ein Junge. Eine Debatte, darüber, wie man Bücher geschrieben hat, bevor es Kopierer gab, beginnt: „Ganz früher haben die Menschen in Steine geritzt.“, „Und dann auf Blätter und andere haben die abgeschrieben“[…]. Wir stellen fest, dass wir hier nicht das Originalbuch sehen, sondern eine Kopie, die viel später gemacht wurde.

Sind Philosophen schlau?

Hans Feger fragt, wer denn der erste Philosoph war? Die Kinder schweigen. Dann erzählt er von Sokrates, der der Lehrer der ersten Philosophen war, nämlich von Platon und Aristoteles. Die Kinder freuen sich, weil sie die schon kennen und zeigen auf die Schule von Athen. „Sind Philosophen eigentlich schlau, oder nicht so schlau?“, fragt ein Besucherjunge. Hans Feger: „Manche sind schlau, manche sind aber auch einseitig.“ Das Wort „einseitig“, irritiert den Jungen, er fragt: „Bist Du schlau?“ Hans Feger: „Weiß ich nicht.“ Die beiden debattieren weiter darüber, was es heißt, schlau zu sein. Ein Mädchen mischt sich ein: „Bei den Philosophen sind die Antworten gar nicht so wichtig. Schlau ist, wer die klügsten Fragen hat.“ Schon beginnt eine Diskussion über gute und schlechte Fragen. Die Antworten kommen Schlag auf Schlag: „Warum ist das Weltall groß, die Erde rund […]“, unsere Kinder sind in ihrem Element. Unser schüchterner Junge sitzt lässig neben dem Gast auf der Sofakante und hat das Fragenstellen entdeckt: „Wer hat die Roboter erfunden?“, startet er. Er ist angekommen bei Phil, Sophie & Co, wir freuen uns. Ein Mädchen möchte Hans Feger ihr Phil, Sophie & Co-Tagebuch zeigen, ein anderes Mädchen schaut sich den Kosmos skeptisch an.

Unsere Mal-und Bastelfraktion geht zurück an die Tische. Wir erklären, dass wir heute unsere eigenen Kinderphilosophen-Urkunden basteln wollen. Die goldenen Stifte und Papiere machen glänzende Augen. Jeder bestimmt, wie die Worte „Phil, Sophie & Co“, „Urkunde“ und „für“ angeordnet werden. Darunter kleben einige die ausgeschnitten Figuren Phil und Sophie. Einige malen sich selbst dazu. Wieder gibt es den Moment, in dem alle schweigen und in ihre Tätigkeit vertieft sind. Die zufriedenen Gesichter unserer kleinen Philosophen und Philosophinnen sind schlicht beglückend. Wir fragen, wer sich seine Urkunde von Hans Feger unterschreiben lassen will. Alle rufen „Ich.“ Mit Goldschrift und in Druckbuchstaben haben sie nun die Unterschrift eines „echten Philosophen.“ Bei der Verabschiedung sagt er den Kindern: „Wenn Ihr groß seid, könnt ihr zu mir an die Universität kommen.“ Ein Mädchen antwortet ohne aufzuschauen: „Ich werde lieber Künstlerin“, und malt weiter. Zu Alexander von Humboldt werden wir sicher noch einmal zurückkehren!

11. Salon: Wenn jeder Mensch seine eigene Sprache spräche, dann…?

Ausgeschnittene Worte (Deutsch, Englisch, Türkisch, Arabisch), chinesische Schriftzeichen und Bilder liegen in der Mitte des Kreises. Die Kinder sortieren sie nach Wortlänge, einige lesen einzelne Worte vor.

Wir lesen aus „Zackarina und der Sandwolf“  von Asa Lind die Geschichte  „Zackarinas Sprache“.

In der Geschichte erfindet Zackarina ihre eigene Sprache. „Was wäre, wenn jeder seine eigene Sprache sprechen würde?“, fragen wir. „Dann würde keiner den anderen verstehen“, kommt die prompte Antwort. Ein anderes Kind ergänzt: „Und dann könnte keiner miteinander reden“.

Wir denken uns eine eigene Geheimsprache aus und bezeichnen verschiedene Dinge. „Erdbeere könnte man Punktbeere nennen, oder Punkti.“ Die Kinder greifen nach den in der Mitte liegenden Bildern und betrachten sie, bevor sie ihnen neue Namen geben. Auch die Wörter und Schriftzeichen ziehen die Aufmerksamkeit der Kinder an. Als Erstklässler fällt Ihnen das Lesen noch schwer. „Ist das ein Reh?“, fragt ein Kind? Wir zeigen auf die einzelnen Buchstaben und lesen sie zusammenziehend vor: „E-R“. Das Kind hatte sie von hinten nach vorne gelesen.

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„Habt Ihr schon einmal irgendwo kein Wort verstanden“, fragen wir? Ein Mädchen: „Ich war in Italien, da habe ich nichts verstanden. Nur ein Wort habe ich gelernt, ‚Grazie‘, das heißt ‚Danke‘. Und mein Papa ist fast immer im Zimmer geblieben, weil er nichts verstanden hat. Nur Mama und ich sind raus.“ „Ich kann Türkisch und Deutsch“, ruft ein Junge. Ein Mädchen entdeckt die arabische Schrift und sagt: „Ich kann nicht Arabisch lesen, aber zählen“  Sie zählt. Ein anderes Mädchen beginnt auf Englisch zu zählen, ein anderes wiederholt. Dann wird auf Türkisch gezählt. Wir zählen auf Arabisch und Chinesisch. Die Melodie der chinesischen Töne erstaunt die Kinder besonders.

„Was ist so besonders an der Sprache? Würden wir denn auch ohne Sprache zurecht kommen?“, fragen wir. „Nein“, ist die einhellige Antwort. Ein Mädchen: „Wir brauchen Sprache. Wenn einer mal einen Fisch haben will, an der Kasse, dann muss der auch fragen können, wie viel der kostet!“ „Ohne Sprache“, sagt ein Kind, „würden wir gar nicht hier sitzen, ohne Sprache kann man nicht Philosophieren.“ „Dann müsste man das anders machen,“ ergänzt ein Junge und verzieht das Gesicht zu einer Grimasse. „ Wie denn?“ fragen wir. „ Mit Zeichensprache!“, rufen gleich mehrere Kinder und fangen an zu gestikulieren.

Wir schlagen das Spiel Scharade vor, in dem Wörter umschrieben oder pantomimisch darstellt werden. Einige Kinder sind begeistert und wollen gleich beginnen. Andere nehmen ihre Phil, Sophie & Co-Bücher, die ausgeschnittenen Worte und Zeichen mit an den Maltisch. Den chinesischen Schriftzeichen kann man zum Teil Ihre Bedeutung noch ansehen, stellen die Kinder fest, so zum Beispiel bei der Feder, dem Berg oder dem Wald. Ein Mädchen legt Wörter und Zeichen in einen Reihe und schreibt sie in ihr Buch. Obwohl sie gerade erst 6 Jahre geworden ist, schreibt sie schon kleine Geschichten über ihre Familie auf. Viele Bilder bekommen die Widmung „Für Nazar“, ihre große Schwester. Da ihr Buch schon fast gänzlich mit Bildern und Texten gefüllt ist, versprechen wir ihr, dass sie im nächsten Salon ein neues bekommt, das erste aber gut aufbewahren soll! Sie sagt mit ernster Stimme, dass sie lieber beide bei sich haben möchte: „Ich hab‘ das Buch immer in meiner Tasche!“ Wir sind beeindruckt und versprechen ihr auch eine größere Schutzhülle, in die dann beide Bücher passen.

Arbeitsbuch

Die Zeit nähert sich dem Ende. Zwei Mädchen haben die Zeit vergessen, sie malen und sind vertieft in ein Gespräch über die ersten Worte der Steinzeitmenschen. Als wir mit dem Aufräumen beginnen und die von uns mitgebrachten Glühbirnen (warmes Licht) gegen die bibliothekseigenen Spar-Glühbirnen (kaltes Licht) austauschen, bemerkt eines der Mädchen misslaunig: „Bei so einem Licht kann man nicht philosophieren! Bei so einem Licht wäre das hier bloß ein Bastelkurs.“ Wir lachen und geben ihr voll und ganz Recht.

Am 21. Februar in Berlin

3. Salon: Helau! Heute bin ich, wer ich sein will! 

Ich wollte immer schon mal in einen Löwen schlüpfen

Ich wollte immer schon mal in einen Löwen schlüpfen

Die Schule feiert  Fasching! Wir greifen das Thema auf.
● Fragerunde: Warum hast Du Dich in … verwandelt?
● Im Atelier: Wir malen und/oder kleben uns in unserer Faschingsgestalt in unsere Phil, Sophie & Co-Tagebücher.

Zum Bericht…

2. Salon: Wie wirklich sind Geheimnisse?

Geheimnisse sind magisch. Wir alle wissen etwas, das die Anderen nicht wissen sollen. Ist das vielleicht schon eine perfekte Begriffsdefinition? Ich frage die Kinder nach dem Gegenteil von einem Geheimnis. „Na, wenn es wirklich jeder weiß“, sagt ein Junge. Ein anderer: „Wenn man etwas einfach so sagen kann“. Ein Junge wendet ein, dass es Dinge gibt, die die meisten Menschen ruhig wissen können und nur vielleicht ein einziger Mensch nicht. „Das ist dann trotzdem ein Geheimnis, weil dieser Mensch dann etwas ganz bestimmtes nicht wissen soll“. Ich frage die Kinder, wer von ihnen ein Geheimnis hat. Bis auf einen Jungen gehen von allen Kindern die Hände in die Höhe.

Wie in dem Salon aus dem letzten Halbjahr zu diesem Thema lesen wir die Geschichte „In Wirklichkeit“ von Asa Lind aus „Alles von Zackarina und dem Sandwolf“. Vorweg bitte ich die Kinder, an ein Geheimnis, das sie entweder für sich alleine haben, oder mit jemandem teilen, zu denken. Welches Gefühl entsteht dabei? Hat das Geheimnis eine Farbe? Eine Form? Gibt es ein Symbol, das dazu passen könnte? Während des Vorlesens malen die Kinder, was ihnen zu diesen Fragen einfällt. Die meisten scheinen an etwas zu denken, was sie nicht belastet, ein Junge malt ein lachendes Gesicht, ein Mädchen sich selbst mit winkenden Armen in einem Regen aus Ausrufezeichen.

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 Im Anschluss überlegen wir: Darf man Geheimnisse verraten? Muss man es vielleicht sogar? Unter welchen Umständen darf man etwas für sich behalten und wann darf man eine Sache guten Gewissens ausplaudern? „Es gibt gute und schlechte Geheimnisse“ meint ein Junge, „und die guten darf man ruhig sagen“. „Nein“, sagt ein anderer, „du musst die schlechten sagen! Wenn jemand was Schlimmes getan hat, dann musst du das sagen!“. Wir sammeln Beispiele für gute und schlechte Geheimnisse und Gründe, die für oder gegen das Verraten sprechen.

Danach denkt jedes Kind noch einmal an sein spezielles Geheimnis und ich bitte die Kinder, diese Geheimnisse in ihre Tagebücher zu schreiben und fest zu übermalen und zu verkleben. Alle geben sich große Mühe, das Geheimnis gut zu verstecken. Ich erzähle dabei von Bankgeheimnissen und Staatsgeheimnissen und dass angeblich auch die Rezeptur von Coca-Cola so geheim ist, dass sie in einem Tresor verwahrt wird. Möglicherweise wäre das Coca-Cola-Rezept oder ein spezielles Staatsgeheimnis aber auch gut in den Tagebüchern der Kindern aufgehoben: fest unter zahllosen bunten Klebestreifen verborgen und für immer vor der Welt versteckt.

Wo war ich, bevor ich geboren wurde?

Ob es einem nun passt oder nicht: Die längste Zeit auf der Erde hat es uns wohl nicht gegeben. Die meisten Dinge, die passiert sind, haben anscheinend ohne uns stattgefunden und wir haben zwar davon gehört, können uns aber nicht daran erinnern. Weil wir es nicht selbst erlebt haben.

Selbst Menschen, die uns nahe stehen, unsere Eltern zum Beispiel, haben prägende Erlebnisse gehabt, noch lange, bevor wir dabei sein konnten. Wir kamen erst danach. Aber seit wann genau gehören wir eigentlich so richtig dazu zur Welt? Und sind wir wirklich nur da, so lange wir denken, dass wir da sind? Oder erstreckt sich unsere Existenz über Geburt und Tod hinaus?

Zunächst sind sich alle Kinder im Salon einig, dass sie vor ihrer Geburt irgendwie in den Körpern ihrer Eltern waren, die meisten entscheiden sich für die Vorstellung, ein sehr kleiner Teil ihrer Väter gewesen zu sein. Ein Junge denkt diese Vorstellung weiter: „Es gibt mich also, seit es meinen Vater gibt“. „Nein“, widerspricht ein anderer, „dich gibt es erst seit deiner Geburt“. „Ich glaube“, vermutet der nächste, „so richtig gibt es mich erst, seit ich über mich selbst nachdenke. Das war mit fünf“. Dass es eine Zeit gegeben hat, die keine Kenntnis hatte von ihnen, ist allen Kindern in der Runde nicht so richtig geheuer.

Wir lesen die Geschichte „Das Fahrradurlaubsfoto“ aus Asa Linds „Zackarina und der Sandwolf“. Der Sandwolf erzählt darin von seiner Existenz als Stein. Für ein Foto von uns selbst basteln wir uns Bilderrahmen aus Papptellern und verzieren sie bunt. – Dass sie sich nicht aus Steinen entwickelt haben, steht für alle Kinder in der Runde außer Zweifel. Aber auf einen Zeitpunkt, ab wann es sie auf der Erde gibt, können sie sich immer noch nicht einigen. „Es gibt mich, seit meine Eltern sich ein Kind gewünscht haben“ bemerkt ein Mädchen, „denn ab dann hatte sie eine Vorstellung von mir“. „Aber mit einer Vorstellung kann man sich auch täuschen“, wirft ein Mädchen ein, „es gibt ja Kinder, die kommen ganz anders zur Welt, als die Eltern das dachten, und welche Vorstellung war das dann?“. „Vielleicht die von Gott“, meint ein Junge.

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Ist die Vorstellung, die wir von uns selbst haben, möglicherweise die Seele, die in uns wohnt? Wenn die Seele von uns ohne unseren Körper existieren kann, könnte es dann sein, dass wir vielleicht doch schon lange auf der Erde sind, viel länger, als wir uns erinnern können? Ein Junge schlägt vor, es könne ja sein, dass Adam und Eva einmal alle Seelen von allen Menschen hatten „und von da aus werden sie immer neu verteilt“. Ein anderer sieht es quasi umgekehrt: „Vielleicht ist die ganze Geschichte auch nur erfunden und die ersten Menschen sind jetzt wir“.

Am 14. Februar in Berlin

2. Salon: Danke-Sagen macht glücklich und schafft Freunde!  (Exkursion)

Wir erkunden was Künstler brauchen.

● Das Phil, Sophie & Co- Team besucht den Absender des Pakets, der gar nicht weit von uns entfernt sein Büro hat und übergibt die Danke-Schön-Collage.
● Wir erkunden den Ort, wo unser Geschenk herkommt. Dort gibt es viele Dinge, die Künstler brauchen.
● Auf der Heimreise unterhalten wir uns über Situationen, in denen wir uns bedankt haben.

Zum Bericht…

Meeresrauschen und isländische Elfenklänge. Eine Ohrenreise ans Meer

Im letzten Salon vor Weihnachten wollen wir die Aufmerksamkeit der Kinder von der äußeren, sichtbaren Welt zu den eigenen, inneren Bildern und Erinnerungen lenken. In der Mitte des Kissenkreises und um eine blaue Kerze herum liegen heute große und kleine Muscheln, eine Koralle, Bilder mit Wellenformationen, eine Postkarte mit dem träumenden, „jungen Philosophen“ des Malers Carsten Weitzmann und drei Kärtchen mit in Druckbuchstaben und in Tusche geschriebenen Wörtern: „TAUCHEN“, „WELLEN“, „TRÄUMEN“.

Die ersten Kinder, die kommen hocken sich sofort vor die Muscheln. Die großen halten sie sich an Ohr: „Oh, die rauschen!“ „Da ist was drin!“, ruft ein Junge und bohrt mit dem Finger in die Muschel. Alle Muscheln werden vergleichend ans Ohr gehalten. Die Kinder sind begeistert. Zwei Mädchen schauen die Bilder am Boden an. „Was ist wohl heute unser Thema?“ fragen wir. „Wellen“, „Wasser“, „Meer“, kommen die Antworten. Das Bild mit dem schlafenden Jungen, vor dem ein kleiner Mann mit Hut entlang spaziert; irritiert ein Mädchen: „Und das, was ist das, der schläft ja?“, fragt sie. Wir: „Ja, der schläft und träumt. Träumen wollen wir heute auch. Wir wollen die Augen schließen und mit den Ohren eine Reise ans Meer machen.“

Als alle da sind, sucht sich jeder ein gemütliches Plätzchen am Boden oder auf dem Sofa. Wir fragen, wer denn schon einmal am Meer war. Alle heben die Finger und wollen erzählen. An der Ostsee waren sie, am Mittelmeer, im Sommer und im Winter. „Wir hatten nur Regen“, klagt ein Kind. Ein Mädchen erzählt von ihrem Erlebnis unter Wasser: „Im Meer bin ich ohne Taucherbrille untergetaucht und die Augen haben ganz doll gebrannt und ich konnte nichts mehr sehen. Da kam mein Papa, der hatte eine Brille und hat mich gefunden.“ Wir fragen, ob sie Angst gehabt hätte. „Nein, mein Papa hat mich ja gefunden.“ Wir sprechen über den Sand am Strand, das salzige Wasser und über große und kleine Wellen.

Nun starten wir unsere „Ohrenreise ans Meer“. Zunächst machen wir das Wellengeräusch selber mit dem Mund. Alle machen mit, einige bewegen rhythmisch die Arme dazu. Wir erzählen, dass das Meer schon da war, als es die Menschen noch gar nicht gab. „Immer und immer, schlagen die Wellen ans Ufer. Wenn wir jetzt die Augen schließen, können wir das Meer hören und vielleicht träumen wir auch etwas.“  Ein Junge, der heute zum ersten Mal dabei ist, ist etwas aufgeregt. Er bleibt sitzen und beobachtet die anderen Kinder.

Wellengeräusche erfüllen den Raum, dann folgen isländischen Wasserelfengesänge (Björk „Vísur Vatnsenda Rósu“, 2006). Als die Musik endet, hört man Gähnen und gemütliches Räkeln. Ein Mädchen raunt entspannt: „Noch mal!“ „Nein“, kontert der neue Junge und wird von einem Mädchen unterstützt. Wir: „Und, ward ihr am Meer?“ Einige antworten mit „Ja“, ein Mädchen: „Nein, im Meer, im Meer!“ Ein anderes Mädchen: „Ich war in einer Musikwelt und die Noten waren bunt.“ Ihre Nachbarin: „Ich war in einer Muschel, ich hab da reingeschaut.“ „Ich war eine Meerjungfrau und kann zaubern“, sagt das Mädchen daneben. Als wir auf das Lied von Björk zurückkommen und von dem in Island verbreiteten Glauben an Feen und Elfen erzählen, sind einige Mädchen ebenfalls von ihrer Existenz überzeugt. „Natürlich gibt es Feen und auch Nixen und Meerjungfrauen“, sagt ein Mädchen, das heute zu Gast bei uns ist. „Wir wollen jetzt malen“, kommt die bekannte Forderung.

Die Kinder suchen sich einen Platz an den Tischen, eines wählt die große hellblaue Pappe am Boden. Die Malmaterialien sind heute von Blau-Grün und Violett dominiert, die passend getönten Malpappen sind längsformatig. Alle Kinder wählen Tusche, manche schneiden aus Transparentpapier Fische aus. Kleinteilige Meerjungfrauen gestalten sie mit Filzstiften. Zwei Kinder malen ihr Bild gemeinsam. Mit Neugierde werden die Schwämmchen, die neuen kurzen und dicken Pinsel und eine nach Marzipan duftende, streichbare Klebepaste ausprobiert. Jedes Kind weiß sofort, was es malen will – bis auf unseren neuen Jungen, der sichtlich gehemmt ist und sein Blatt anstarrt. Wir fragen, was er denn malen möchte? „Ich kann kein Meer malen“, klagt er. „Ich male immer den Jedi von Star Wars, wenn ich malen soll.“ Wir ermuntern ihn die Schwämme oder die gewellte Pappe, mit der man Wellen drucken kann, auszuprobieren, aber er lehnt ab und malt seinen Ritter. Einige Minuten später fragen wir: „Vielleicht ist dein Jedi ja am Meer?“ Er stimmt zu, bittet aber um Hilfe beim Auftragen der Farbe auf die Pappe. Als der erste Abdruck fertig ist, macht er alleine weiter und wird ganz nervös, als seine Mutter ihn abholen möchte. „Ich kann nicht so schnell, ich will noch mehr Wasser malen“, sagt er. Die Mutter läßt ihm noch etwas Zeit, erinnert dann aber an den gemeinsamen Termin. Wir schlagen vor, dass er die Druckpappe und sein Bild mitnehmen und Zuhause weitermalen kann. Die Mutter stimmt zu. Wir betonen, dass wir uns freuen, wenn das Kind zum nächsten Salon wiederkommt.

Uns wird auch klar, wie selbständig und frei die anderen Kinder ihre Bilder gestalten und wie zufrieden sie dabei sind. Unsere Leitmaxime „Beim Philosophieren gibt es kein „Richtig“ und „Falsch“ ist für sie zur Selbstverständlichkeit geworden. Beim Malen reden sie über das Gefühl sich Wasser über den Kopf zu schütten, über die „schrumpelige Haut nach dem Baden“, über gefährliche Krokodile und darüber, warum Menschen nicht unter Wasser leben können, obwohl sie noch die Reste von Schwimmhäuten zwischen den Fingern haben. Ob das Meer irgendwo zu Ende ist, wird ausführlicher diskutiert.

Während sich drei Mädchen für Meerjungfrauen entscheiden, ist ein Kind ganz versunken dabei, blaues Papier mit dem cremigen, duftigen Kleber zu bestreichen und auf eine Pappe zu drücken. Am Boden entsteht ein großer Wellenschwung. Bei all dem Blau sticht das Bild eines Mädchens hervor: Mit kräftigen und farbsatten Pinselschwüngen trägt sie tiefes, erdiges Rot auf und lächelt genußvoll: „In dem Haus wohn‘ ich mit Mama und Papa am Meer, auf einer Insel in Deutschland“, schwärmt sie. Erst ist da auch wirklich noch ein wenig Blau in einer Bildecke, dann ist alles rot: „Das Haus hat das Meer verschluckt“, lacht sie.