5. Salon: Was kann ich und was könnte ich können?

Jeder kann etwas. Das steht fest. Und jeder kann etwas nicht, auch das haben alle schon einmal erfahren. Oft ist es leichter, Dinge zu benennen, die wir nicht können, als etwas, worin wir uns ganz schön gut finden. Aber warum eigentlich? Weil es so vieles ist, was wir nicht beherrschen? Oder weil es uns einfach schwer fällt, etwas an uns selber richtig toll zu finden, obwohl es vielleicht andere gibt, die das noch toller können?

Auf die Frage, wer etwas richtig gut kann, gehen die Hände der Kinder erst nur sehr zögerlich in die Höhe: „Nichts tun“, sagt ein Junge, „Meine kleine Schwester ärgern“ ein anderer, aber auch „klettern“, „lesen“, „mir Sachen merken“ und „kochen“.

Wir schauen uns das Buch „Sehr berühmt“ von Philip Waechter an und überlegen, wofür es sich lohnen könnte, sich anzustrengen und auch mal Niederlagen in Kauf zu nehmen.

Kaum ein Kind hat exotische Wünsche an das eigene Können. Die meisten knüpfen an vorhandene Fähigkeiten und Interessen an und würden das, was sie bereits schon ganz gut können, gerne noch etwas besser können: „Ich würde einmal gerne richtig gut kochen können“ erzählt ein Mädchen, „ich glaube, das würde mir dann richtig viel Spaß machen und anderen auch, die könnten dann bei mir essen“. – Wann wird das sein? Was müssen wir tun, um eine Sache immer besser zu können? „Auf jeden Fall muss ich noch geduldig sein, denn ich bin ja noch nicht erwachsen und Kinder können meistens noch nicht so gut kochen“.

Ein Junge erzählt, dass seine Mutter schon zwei Kochbücher geschrieben hat. Alle sind sich einig, dass sie dann wohl sicher eine sehr gute Köchin ist und das lange Zeit geübt hat. Aber könnte jemand auch dann schon gut kochen, wenn es nur ihm selbst schmeckt? Reicht das aus? Oder müssen noch andere derselben Meinung sein? Und gilt das auch für andere Fähigkeiten?

Aus vorgefertigten Materialien dürfen sich diejenigen Kinder, die der Meinung sind, dass sie irgendetwas richtig gut können, einen Orden basteln. Alle sind dabei. Ich schlage vor, die Orden in das Arbeitsbuch zu kleben aber einige heften ihn sich lieber gleich mit Tape an die Brust. Verdient ist verdient.

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Anschließend tauschen wir uns noch ein wenig aus: „Ich wäre gerne besser in der Schule, dann würde mir alles auch mehr Spaß machen“, sagt ein Junge, „aber es macht mir halt nicht so viel Spaß jetzt und deshalb kann ich auch nicht besser werden“. Aber steht der Spaß wirklich am Anfang einer guten Leistung? Was müssen wir eintauschen für unser Können? „Auf jeden Fall Zeit“ sind sich alle einig, „Und Nerven!“, gibt ein Junge zu bedenken. „Manchmal auch Geld“, sagt ein Mädchen, „man muss ja ab und zu auch mal jemanden bezahlen, damit er einem was beibringt“. Und muss vielleicht das Schicksal bisweilen ein bisschen nachhelfen? „Man muss halt üben, aber man braucht immer auch ein bisschen Glück“. Und wo das Glück hinfällt, da findet man dann manchmal auch das eigene Können – und umgekehrt. Und wenn nicht, dann könnten wir ja einfach noch eine Weile weiter danach suchen.

4. Salon: Welche Farbe hat die Wut

Gleich zu Beginn unseres Salons machen die Kinder große Augen. Wut – dazu können wirklich alle etwas erzählen. Einige holen schon einmal tief Luft, manche rollen die Augen. Wut ist ein starkes Gefühl, und wir kennen es sowohl von uns selbst, als auch von anderen.

Welche Farbe hat die Wut?

„Oh Gott: Wut“, sagt ein Junge. Anscheinend sind viele gespalten, wenn es darum geht, sich über Wut Gedanken zu machen. Eigentlich sei Wut ganz okay, meinen die meisten in der Runde, und es sei auch okay, dass man die Wut rauslässt. „Man MUSS sie sogar rauslassen“, erklärt ein Mädchen, „sonst wird man sie nie wieder los“. Aber alle wissen bereits, dass es nicht immer so ganz einfach ist, mit Wut umzugehen, nicht mit der eigenen, und nicht mit der Wut von anderen Menschen.

Und wie geht das überhaupt: die Wut rauslassen? Kann man vielleicht auch zuviel davon freisetzen? Die Kinder wählen aus hundert Farbkarten, die auf dem Tisch ausliegen, ihre eigene Farbe für Wut. Viele greifen nach Rottönen, und beschreiben ihre Wut mit gängigen Sprachbildern: „Man kocht dann so innerlich“, „Es brodelt in einem“. Einige suchen sich aber auch dunklere Farben aus, ein Mädchen wählt blau: „Weil meine Wut manchmal so riesig ist, wie ein Meer“, erklärt sie. Ein Junge wählt den Farbton „Deep Forest“, ein dunkles Grün. Als ich ihm den Namen übersetze, nickt er andächtig: „Das passt. Eine Wut kann so groß und mächtig sein, dass du dich auch richtig drin verirren kannst“.

Wir lesen „Robbi regt sich auf“ von Mireille d’ Allance und Markus Weber, in der die Wut erst groß und rot ist, und immer kleiner und kleiner wird. Nach und nach erzählen die Kinder, was sie wütend macht und wie sie ihre Wut erleben. Ein Mädchen hält eine schwarze Karte hoch: „Wut ist von außen eigentlich rot“, sagt sie, „aber in mir ist dann alles ganz schwarz“.

„Das Gute an der Wut ist: sie geht vorbei“, sagt ein Junge. Nicht immer fühlt man sich dann hinterher wirklich viel besser, oft aber doch. Und wirklich: Kein Wutanfall hält ewig und insofern passt die Schlussbemerkung aus der Runde, die Wut sei „wie ein Gewitter“. Das hört ja auch irgendwann wieder auf. Manchmal sogar schneller, als man zunächst dachte.

3. Salon: Hat alles auf der Welt seinen Platz?

Die Erde scheint ein großes Durcheinander zu sein. Menschen aller Art, Häuser, Regentropfen, Glück, Sand, Staub, Fernsehprogramme, Hungersnot, Zauberei, Tiefsee, Lava, Kängurus, Politik, Schlamm – all das gibt es. Aber gehört all das auch irgendwie zusammen? Haben wir einen Platz darin? Gibt es eine Verbindung zwischen den Dingen? „Ja“, ruft ein Mädchen sofort „aber wir kennen sie nicht genau“. Auf die Rückfrage, was das für ein Zusammenhang sein könnte, antwortet sie: „Alles ist von irgendwem gemacht worden, alles kommt irgendwo her, vielleicht von einem Gott, ich weiß es nicht. Aber das haben alle Dinge gemeinsam“. Das leuchtet allen Kindern in der Runde ein. Haben wir damit die Antwort auf unsere Frage schon gefunden?

Wir schauen uns das Buch „Zoologie“ von Joelle Jolivet an, die auf schön gezeichneten Doppelseiten Tiere zu Kategorien zusammenfasst. Ich lasse die Kinder raten, welche Kategorie jeweils gemeint sein könnte. Die Kinder erraten jede Kategorie sehr schnell.

Im Anschluss daran wollen wir nun selber Kategorien bilden. Auf dem Teppichboden steht ein Gurkenglas mit einem Sammelsurium an kleinen Dingen darin – ein Mini-Universum, gewissermaßen. Ich schütte den Inhalt des Glases aus und bitte die Kinder, sich drei oder vier der Gegenstände, die einen Zusammenhang haben, auszusuchen. Die Kinder schieben die Teilchen hin und her und suchen sich zielsicher und schnell kleine Teilchen-Gruppen zusammen. Nacheinander raten wir, wer welche Kategorie dabei im Kopf hatte: „aus Glas!“, „aus der Natur!“, „bunt!“, und auch: „kaputt!“.

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Wir füllen alle Teile wieder in das Glas zurück und ich frage noch einmal nach dem Zusammenhang im Universum. Gibt es eine Ordnung im Chaos? „Ja, wenn du eine Ordnung in Deinem Kopf drin hast, dann kannst du die sozusagen auch in die Welt reintun“, erklärt ein Junge. „Oder Du siehst etwas, und merkst dann plötzlich, dass es zusammengehört, und so kommt die Ordnung dann von außen in Deinen Kopf rein“, erklärt ein anderer. „Aber das Chaos, das gibt es trotzdem“ beharrt ein Mädchen, „manchmal versteht man einfach gar nichts und kapiert nicht, wie alles sein soll“. „Aber nur weil du es nicht kapierst, heißt es nicht, dass es nicht trotzdem irgendwie geht, eine Ordnung zu finden“, sagt ein Junge abschließend. „Manchmal ist eine Ordnung da und wir können sie einfach nur nicht sehen“.

Zum Abschluss erzähle ich den Kindern eine Kurzversion von Platons Höhlengleichnis. Vielleicht gibt es irgendwo lauter Antworten auf unsere Fragen, und wir haben sie einfach noch nicht gefunden.

2. Salon: Wie wirklich sind Geheimnisse?

Geheimnisse sind magisch. Wir alle wissen etwas, das die Anderen nicht wissen sollen. Ist das vielleicht schon eine perfekte Begriffsdefinition? Ich frage die Kinder nach dem Gegenteil von einem Geheimnis. „Na, wenn es wirklich jeder weiß“, sagt ein Junge. Ein anderer: „Wenn man etwas einfach so sagen kann“. Ein Junge wendet ein, dass es Dinge gibt, die die meisten Menschen ruhig wissen können und nur vielleicht ein einziger Mensch nicht. „Das ist dann trotzdem ein Geheimnis, weil dieser Mensch dann etwas ganz bestimmtes nicht wissen soll“. Ich frage die Kinder, wer von ihnen ein Geheimnis hat. Bis auf einen Jungen gehen von allen Kindern die Hände in die Höhe.

Wie in dem Salon aus dem letzten Halbjahr zu diesem Thema lesen wir die Geschichte „In Wirklichkeit“ von Asa Lind aus „Alles von Zackarina und dem Sandwolf“. Vorweg bitte ich die Kinder, an ein Geheimnis, das sie entweder für sich alleine haben, oder mit jemandem teilen, zu denken. Welches Gefühl entsteht dabei? Hat das Geheimnis eine Farbe? Eine Form? Gibt es ein Symbol, das dazu passen könnte? Während des Vorlesens malen die Kinder, was ihnen zu diesen Fragen einfällt. Die meisten scheinen an etwas zu denken, was sie nicht belastet, ein Junge malt ein lachendes Gesicht, ein Mädchen sich selbst mit winkenden Armen in einem Regen aus Ausrufezeichen.

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 Im Anschluss überlegen wir: Darf man Geheimnisse verraten? Muss man es vielleicht sogar? Unter welchen Umständen darf man etwas für sich behalten und wann darf man eine Sache guten Gewissens ausplaudern? „Es gibt gute und schlechte Geheimnisse“ meint ein Junge, „und die guten darf man ruhig sagen“. „Nein“, sagt ein anderer, „du musst die schlechten sagen! Wenn jemand was Schlimmes getan hat, dann musst du das sagen!“. Wir sammeln Beispiele für gute und schlechte Geheimnisse und Gründe, die für oder gegen das Verraten sprechen.

Danach denkt jedes Kind noch einmal an sein spezielles Geheimnis und ich bitte die Kinder, diese Geheimnisse in ihre Tagebücher zu schreiben und fest zu übermalen und zu verkleben. Alle geben sich große Mühe, das Geheimnis gut zu verstecken. Ich erzähle dabei von Bankgeheimnissen und Staatsgeheimnissen und dass angeblich auch die Rezeptur von Coca-Cola so geheim ist, dass sie in einem Tresor verwahrt wird. Möglicherweise wäre das Coca-Cola-Rezept oder ein spezielles Staatsgeheimnis aber auch gut in den Tagebüchern der Kindern aufgehoben: fest unter zahllosen bunten Klebestreifen verborgen und für immer vor der Welt versteckt.

Wo war ich, bevor ich geboren wurde?

Ob es einem nun passt oder nicht: Die längste Zeit auf der Erde hat es uns wohl nicht gegeben. Die meisten Dinge, die passiert sind, haben anscheinend ohne uns stattgefunden und wir haben zwar davon gehört, können uns aber nicht daran erinnern. Weil wir es nicht selbst erlebt haben.

Selbst Menschen, die uns nahe stehen, unsere Eltern zum Beispiel, haben prägende Erlebnisse gehabt, noch lange, bevor wir dabei sein konnten. Wir kamen erst danach. Aber seit wann genau gehören wir eigentlich so richtig dazu zur Welt? Und sind wir wirklich nur da, so lange wir denken, dass wir da sind? Oder erstreckt sich unsere Existenz über Geburt und Tod hinaus?

Zunächst sind sich alle Kinder im Salon einig, dass sie vor ihrer Geburt irgendwie in den Körpern ihrer Eltern waren, die meisten entscheiden sich für die Vorstellung, ein sehr kleiner Teil ihrer Väter gewesen zu sein. Ein Junge denkt diese Vorstellung weiter: „Es gibt mich also, seit es meinen Vater gibt“. „Nein“, widerspricht ein anderer, „dich gibt es erst seit deiner Geburt“. „Ich glaube“, vermutet der nächste, „so richtig gibt es mich erst, seit ich über mich selbst nachdenke. Das war mit fünf“. Dass es eine Zeit gegeben hat, die keine Kenntnis hatte von ihnen, ist allen Kindern in der Runde nicht so richtig geheuer.

Wir lesen die Geschichte „Das Fahrradurlaubsfoto“ aus Asa Linds „Zackarina und der Sandwolf“. Der Sandwolf erzählt darin von seiner Existenz als Stein. Für ein Foto von uns selbst basteln wir uns Bilderrahmen aus Papptellern und verzieren sie bunt. – Dass sie sich nicht aus Steinen entwickelt haben, steht für alle Kinder in der Runde außer Zweifel. Aber auf einen Zeitpunkt, ab wann es sie auf der Erde gibt, können sie sich immer noch nicht einigen. „Es gibt mich, seit meine Eltern sich ein Kind gewünscht haben“ bemerkt ein Mädchen, „denn ab dann hatte sie eine Vorstellung von mir“. „Aber mit einer Vorstellung kann man sich auch täuschen“, wirft ein Mädchen ein, „es gibt ja Kinder, die kommen ganz anders zur Welt, als die Eltern das dachten, und welche Vorstellung war das dann?“. „Vielleicht die von Gott“, meint ein Junge.

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Ist die Vorstellung, die wir von uns selbst haben, möglicherweise die Seele, die in uns wohnt? Wenn die Seele von uns ohne unseren Körper existieren kann, könnte es dann sein, dass wir vielleicht doch schon lange auf der Erde sind, viel länger, als wir uns erinnern können? Ein Junge schlägt vor, es könne ja sein, dass Adam und Eva einmal alle Seelen von allen Menschen hatten „und von da aus werden sie immer neu verteilt“. Ein anderer sieht es quasi umgekehrt: „Vielleicht ist die ganze Geschichte auch nur erfunden und die ersten Menschen sind jetzt wir“.

1. Salon: Ein Sack voll Fragen

Mit Beginn des neuen Schulhalbjahres starten die Salons an der Grundschule Rothestraße mit einer neuen Gruppe: Zehn Kinder aus verschiedenen Klassen der Stufe vier kommen mit zum teil sehr präzisen Vorstellungen in die Schulbibliothek, in der unsere Salons von nun an stattfinden.

Dass Philosophie nichts ist, was alten Männern mit grauem Bart vorbehalten ist, wissen sie bereits. Dass man zum Philosophieren kaum mehr braucht, als den eigenen Kopf und das Staunen über die Welt, das wissen sie auch. Dass es darüber hinaus von Vorteil ist, in einer Gruppe zusammen zu sein, um gemeinsam über eine knifflige Frage nachzudenken, leuchtet allen ein, auch, wenn sie das so noch nie gemacht haben. Aber – ist jede knifflige Frage schon philosophisch? Bedeutet „Philosophie“ schlichtweg, dass man nur schwer auf eine Lösung kommen kann? Mitnichten. Zum Philosophieren gehört vielmehr, dass sich durch das Nachdenken überhaupt keine eindeutigen, unerschütterlichen Erkenntnisse ergeben, sondern zunächst einmal eine Reihe neue Fragen. Und dass man sich nach der Erkenntnis zwar strecken kann, dass man sie möglicherweise aber nie erreicht. Denn Philosophieren, das bedeutet: Liebe zur Weisheit. „Das heißt also, dass man etwas wirklich, wirklich rausfinden will!“ ruft ein Junge. In der Tat.

Ein Sack voll Fragen.

Um ein Gefühl dafür zu bekommen, womit wir es in den kommenden Monaten in den philosophischen Salons zu tun haben, sammeln wir, was man denn mal so alles rausfinden könnte. Den Kindern brennen vor allem Fragen zur Erde und zum Universum unter den Nägeln, Fragen also, die von Wissenschaftlern, die sich in ihrer Disziplin gut auskennen, mit Hilfe von Versuchen, Berechnungen und Beobachtungen recht eindeutig im Rahmen der Wissenschaft beantwortet werden können: „Wie heiß ist Feuer?“ fragt sich ein Kind aus der Runde zum Beispiel, oder: „Woraus ist Luft gemacht?“. Ein anderes Kind fragt: „Was kommt nach dem Tod?“. „Wen könnten wir danach fragen?“ frage ich zurück, „Gibt es einen Wissenschaftler, der das erforschen könnte?“. Die Kinder sind ratlos. Ein Arzt vielleicht? Und wenn der Arzt uns sagt, dass nach dem Tod nichts kommt – können wir das dann wirklich glauben?

Alle Fragen aus der Runde werden auf Klebezetteln notiert und auf die Fensterscheibe geklebt. Nach und nach sortieren wir sie in „Fragen an Wissenschaft und Forschung“ links vom Fensterriegel und in „Fragen an die Philosophie“ nach rechts. Und so langsam wird allen klar, wohin uns die Reise führt.

Wozu brauche ich Freunde?

„Freundinnen müsste man sein…“ heißt es in einem Lied von Funny van Dannen. Und tatsächlich gibt es so unglaublich viele Dinge, die man mit Freunden tun kann. Aber könnte man das alles nicht auch genauso gut alleine machen? Ab wann ist jemand, den man kennt, ein Freund? Und was muss er mitbringen, um nicht einfach nur irgend jemand zu sein, sondern eben ein ganz besonderer Mensch, mit dem wir befreundet sein wollen? Müssen wir unsere Freunde dauernd treffen oder können sie auch am anderen Ende der Welt wohnen?

Kugelmensch

Wir hören die Geschichte von Platons Kugelmenschen, die mit ihren vier Armen und Beinen beneidenswert gut ausgestattet waren. Sogar von den Göttern wurden sie beneidet – und schließlich in zwei Hälften geteilt, die sich fortan nacheinander sehnen. Diese Sehnsucht kennen viele Menschen und manche behalten sie ihr Leben lang. Heißt das, dass wir ohne einen anderen Menschen unvollständig sind?

In Shel Silversteins Geschichte „Die Geschichte vom Missing Piece“ wird eine Variante des Kugelmensch-Mythos erzählt: Ein Kreis sucht sein fehlendes Stück, findet es schließlich, und lässt es nach einer gemeinsamen Zeit wieder los. Wir lesen das Buch und überlegen: Ist die Sehnsucht nach einem perfekten Partner vielleicht eigentlich ganz schön?

„Ein Freund hat etwas, das du brauchst“, sagt ein Junge in der Runde. „Und was du brauchst, das ändert sich“. „Ja“, ergänzt ein Mädchen, „wenn du deine Sorgen loswerden willst, zum Beispiel. Dann kann dir dein Freund sagen, dass alles nicht so schlimm ist“. „Ein Freund oder eine Freundin muss dich verstehen, dafür muss er oder sie so ähnlich sein wie du“, merkt ein anderes Mädchen an. „Aber auch verschieden!“ ruft ein Junge, „sonst wäre es langweilig“.

In die Ausstanzungen kleiner Papierstücke schreiben die Kinder, wozu sie jemanden brauchen, was zu zweit einfach schöner ist als allein. Auf die ausgestanzten Papierkreise notieren sie, wer diese Person ist oder wie er oder sie sein sollte. Die meisten Kinder sind außerdem nachhaltig begeistert vom Kugelmensch und malen ihre Vorstellung davon in ihre Arbeitsbücher.

„Ein Freund muss zu dir passen, du kannst nicht einfach mit jedem befreundet sein“, bemerkt ein Junge abschließend. „Ein Freund ist wie ein Teil von Dir. Das kann man nicht immer erklären. Aber fühlen kann man es schon“.

Wo ist zuhause?

Jeder Mensch hat eine Herkunft und eine Wegstrecke vor sich, die ihn anderswo hin bringen wird. Und irgendwo auf diesem Weg liegt ein Zuhause, ein Ort, der anders ist als alle anderen Orte. Die Orte, die Menschen ihr Zuhause nennen, sind so verschieden wie die Menschen selbst.

Für manche ist das Zuhause an ein Haus gebunden, für andere an eine Landschaft oder an bestimmte Menschen. Manchmal ist es aber auch nur ein Gefühl, dass uns sagt, dass sich ein Ort von anderen Orten ganz wesentlich unterscheidet. Aber sind wir schon zuhause, wenn wir uns irgendwo wohlfühlen? Es gibt Menschen, von denen man sagt, sie haben „die ganze Welt gesehen“, während andere ihr Heimatdorf nie im Leben verlassen haben. Manche Menschen leben in großen, prächtigen Häusern, andere in einer kleinen Bude, einige in Zelten und viele Menschen auf der Welt haben gar kein festes Dach über dem Kopf. Heißt das, das manche über das Zuhause-Sein besser Bescheid wissen als andere?

Im Buch „Kleine Maus, große Stadt“ von Simon Prescott wird die Fabel von der Landmaus erzählt, die ihren Freund in der Stadt besucht und nach einer Weile großes Heimweh bekommt. „Es gibt eben keinen besseren Ort als das eigene Zuhause“ heißt es dort am Ende. Stimmt das?

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 Wir kleben aus Klebezetteln eine Begrifflandschaft an die Tür: Dinge, die ganz wichtig sind für unsere Vorstellung vom Begriff „Zuhause“ kleben wir direkt daneben, andere, weniger wichtige, etwas weiter entfernt. Über die meisten Klebestellen sind sich alle einig, bei manchen gibt es Diskussionen. Ist Strom wirklich wichtig für ein Zuhause? Die meisten Kinder feiern Weihnachten bei sich zuhause nur zwei fahren weg. Jedes Kind bekommt ein kleines Büchlein, um darin Dinge aufzumalen oder aufzuschreiben, die es zuhause gesehen hat. Jeder bemalt und beklebt die Titelseite, während wir weiter diskutieren.

Wir überlegen, was wir als erstes besorgen würden, wenn wir in ein völlig leeres Haus ziehen würden. Könnten wir uns mit diesen Dingen zuhause fühlen? Welche Dinge, die man nicht kaufen kann, gehören zu einem Zuhause noch dazu? „Dass man nicht ausgegrenzt wird, wenn man weint“ meint ein Junge. Das passiere schon mal in seiner Klasse in der Schule, „dabei ist eine Klasse ja auch eine Art Zuhause“. „Aber nicht, wenn man da dauernd Ärger hat“ widerspricht ein Mädchen. „Aber Ärger gehört zum Leben dazu“, hält ein anderer Junge dagegen, „und man muss auch einen Ort haben, wo man es rauslassen kann, sonst fühlt man sich irgendwann ganz komisch“. Einig sind sich alle, dass das Zuhause ein Ort ist, „wo man ganz fest hin gehört“. Und wo man beschützt wird, von einem Dach, von anderen Menschen, oder vom eigenen Mut, den man in einem Zuhause fassen kann, denn: „Zuhause ist man da, wo die Angst ganz weit weg ist“.

Ist Können eine Kunst?

Im Leben eines jeden Menschen gibt es etwas, das er gut kann – manchmal sogar, ohne es zu wissen! Es gibt Menschen, bei denen sich erst durch einen Zufall herausstellte, dass sie in der Lage sind, etwas ganz besonders gut zu machen, besser als viele andere. Zugleich sind überall auf der Welt Kinder und Erwachsene damit beschäftigt, eine Sache zu üben und Fortschritte zu machen: beim Musizieren zum Beispiel, oder beim Sport. Manchmal macht das Üben Spaß, manchmal nicht, meistens aber ist es ein schönes Gefühl, wenn wir merken, dass wir etwas schaffen, was wir gerne schaffen wollen.

Manche sind berühmt für das, was sie besonders gut machen, andere pflegen Ihr Können eher im Stillen. Viele Menschen bekommen Applaus und viel Aufmerksamkeit für etwas, das andere auch gerne können würden. Und an einige wird man sich auch lange nach ihrem Tod noch erinnern. Dabei haben wir alle mal bei Null angefangen und konnten fast nichts – oder? Gibt es Dinge, die man gut kann, ohne sie jemals geübt zu haben? Und ist es wichtig, dass andere sehen, was man alles kann? Oder reicht es schon, es einfach für sich zu wissen? Macht uns erst unser Können wertvoll?

An unsere Erfolge denken wir alle gerne – aber wie fühlt es sich eigentlich an, etwas nicht zu schaffen, was man gerne schaffen möchte? Womit kannst du dich dann trösten? Alle Menschen haben nicht nur ganz klein angefangen, wir alle werden auch eines Tages wieder aufhören, das zu tun, was wir gut können, vielleicht weil wir zu alt dafür werden, weil es uns irgendwann keine Freude mehr macht, oder weil das Leben eben eines Tages zu Ende geht und damit auch alles, was wir gerne tun. Wir lange willst du das, was du jetzt gern tust, noch betreiben? Was brauchst du dafür? Wer kann dir dabei helfen?

Wir lesen sie Geschichte „Der große Bär“ von Nicholas Oldland und überlegen, wer in der Runde welche besonderen Fähigkeiten hat. Manche Kinder zögern zunächst, etwas zu benennen, worauf sie bei sich selbst stolz sind. Aber so nach und nach fällt jedem etwas ein. Wir basteln uns bunte Orden für uns selbst und legen sie in Pergamintütchen in unsere Arbeitsbücher, um sie bei Bedarf griffbereit zu haben. Manche Kinder basteln gleich mehrere Orden für mehrere Fähigkeiten oder für andere Menschen, die diese Sache ebenfalls gut beherrschen.

Warum ist es manchmal so schwer, etwas an sich selbst richtig gut zu finden, während wir andere Menschen schneller bewundern können? „Alles, was ich kann, kann irgendjemand irgendwo noch besser“ sagt ein Junge. „Woher willst du denn das wissen?“ fragt ein Mädchen zurück, „du kennst doch gar nicht alle!“. „Besondere Fähigkeiten sind so eine Art Dekoration“, sagt ein anderes Mädchen, „Hauptsache ist, dass man zufrieden ist, man kann auch ganz normal sein“. Ist „ganz normal sein“ vielleicht auch schon eine Kunst?

Wozu möchte ich „Ja“ und wozu „Nein“ sagen – und wie geht das?

Wir hören die Geschichte „Wie das Ja zum Nein fand“  von Anne Thiel (zu finden im Archiv vom Bayrischen Rundfunk oder in der Kinderzeitschrift Geck, jeweils runter srcollen). Die Geschichte ist so angelegt, dass eine Figur immer nur ja sagt (Yippi, der Tag ist schön, es gibt kein schlechtes Wetter, ich mache das Beste aus allem, etc.), eine andere Figur kann nur Nein sagen (hat zu nichts Lust, will nicht mitmachen). Schließlich gerät die „Ja-Figur“ in eine ungemütliche Lage, wo sie liebend gerne „Nein“ sagen würde, aber es gelingt ihr nicht. Zum Glück kommt ihr die „Nein-Figur“ zu Hilfe.

Die Kinder haben die Geschichte sofort verstanden und schon während des Hörens kommentiert: „Ah, die „Ja-Figur“ kann immer nur „ja“ sagen“. „Ah, das „Nein“ „rettet das „Ja“. Manchmal muss man auch „nein“ sagen lernen.“

Im Anschluss: Verständnisfragen geklärt, dann weitergehend gefragt: Wozu kannst du „ja“ sagen?

Wir haben Begriffe gesammelt: Die Kinder können „ja“ sagen zu Geschenken, Süßigkeiten, etc.

Erste Differenzierung: „Aber wenn der Porsche geklaut ist?“

Dann haben wir Begriffe gesammelt, zu denen die Kinder „nein“ sagen (Krieg, Atomkraftwerk, etc.) Es herrschte ziemliche Einigkeit.

Dann kam der Begriff „Tod“ ins Spiel. Kann man da „ja“ oder „nein“sagen? Ein Kind erklärt, es könne gut sein, dass man irgendwann „ja“ dazu sagen kann, jetzt könne es sich das aber noch nicht vorstellen.

Begriff „Ehe“ – wann traut man sich da „ja“ zu sagen, wovon hängt es ab?

Wir haben die Begriffe versucht zu sortieren (Dinge, Ansichten, etc.) und am Ende der Stunde schreibt jedes Kind in sein Buch, zu was es selbt „ja“ oder „nein“ oder  – auch dieser Aspekt wurde erarbeitet, „vielleicht“ sagen könnte.

Bin ich groß oder klein?

Ein Elefant ist groß. Eine Maus ist klein. Und wir sind irgendwo dazwischen – oder? Wenn du auf einem hohen Haus stehst, dann fühlst du dich vielleicht groß weil du so weit schauen kannst wie ein Riese. Oder vielleicht fühlst du dich auch ganz klein, weil du siehst, wie weit der Himmel reicht und wie winzig alle Menschen sind, verglichen mit der Sonne und den Wolken. 

 „Groß zu sein ist gut!“, denken die einen und würden gerne noch ein Stückchen wachsen. „Ach, wäre ich doch klitzeklein!“, denken andere und träumen davon, sich einmal in einer kleinen Ritze verkriechen zu können, wie eine Ameise.

Viele Mensche sind der Meinung, dass man sich um die Kleinen besonders gut kümmern muss. Einige Erwachsene wären sogar manchmal gerne selber wieder ein kleines Kind – weil man es leichter hat, wenn man klein ist? Viele sind aber froh, dass sie endlich ausgewachsen sind und wollen nie wieder zurück in die Zeit, als sie noch Kinder waren. Weil groß sein so schön ist?

Die meisten Menschen fühlen sich mal so, mal so: An manchen Tagen mehr wie eine Giraffe und dann wieder eher wie ein kleiner Igel. Und manchmal vielleicht beides zugleich?

Wann fühlst Du Dich wie ein großes Tier? Und in welcher Situation wie eine kleine Maus? Wir hören die Geschichte „Klein sein“ aus dem Buch „Hier kommt Max!“ von Jan Weiler und spazieren durch die Erlebnisse in unseren Erinnerungen. Einige davon notieren wir in unsere Tagebücher und kleben passende Tiere dazu auf.

Ein Mädchen erzählt von seiner speziellen Familiengeschichte und dass sie sich klein fühlt, wenn sie daran denkt, was sie schon erlebt hat, als sie noch ein Baby war.

Und im selben Moment fühlt sie sich aber auch groß, weil sie alles bis hierhin ganz gut geschafft hat. Ein anderes Mädchen erzählt: „Wenn ich mich schäme, dann bin ich innerlich ganz klein und wie zerknittert“. Einige aus der Runde finden, dass groß und klein gar nicht so wichtig ist „weil die Welt für alle etwas hat, für die Großen gibt es Vorteile und für die Kleinen aber auch, nur andere“. Und da wir alle einmal ganz klein angefangen haben und dann größer werden, sei das auch gerecht. „Ja“, sagt ein Junge aus der Runde, „eigentlich ist es wichtiger, ob man breit ist oder sehr schmal“.

Wie wirklich sind Geheimnisse?

Manchmal können wir es kaum erwarten, jemandem etwas zu erzählen – und am liebsten wäre es uns, die ganze Welt würde es wissen! Manchmal aber tragen wir etwas mit uns herum, von der wir wollen, dass es niemals bekannt wird, vielleicht, weil wir es einfach nur ganz für uns selbst behalten und nicht teilen wollen, vielleicht aber auch, weil wir uns schämen oder fürchten, was passiert, wenn die Wahrheit ans Licht kommt. Ein Geheimnis kann etwas Wunderschönes sein – oder aber eine drückende Last, die wir erst loswerden, wenn wir den Mut dazu haben. „Der Wahrheit ins Auge blicken“ sagt man manchmal, und es klingt so, als sei das keine leichte Aufgabe.

Es kommt sogar vor, dass wir absichtlich wegsehen, um weiter glauben zu können, woran wir unbedingt glauben möchten. Kann man sich vielleicht eine eigene Wirklichkeit ausdenken, an die man glaubt? Was wahr und wirklich ist, hat schon die antiken Philosophen beschäftigt: Platon warnte, das, was man wirklich weiß, von dem, was man nur glaubt, streng zu unterscheiden. Aber sind das Wissen und die Wahrheit denn so wichtig? Muss man immer ehrlich sein? Oder ist es unter Umständen okay, einmal zu lügen oder etwas zu verschweigen? Ist ein verschwiegenes Geheimnis vielleicht gar nicht wirklich, weil niemand davon weiß? Mit der Geschichte „In Wirklichkeit“ von Asa Lind aus „Alles von Zackarina und dem Sandwolf“ denken wir uns ein wenig warm.

„Es kommt darauf an“, meinen danach die meisten der Kinder, „was man sich dabei denkt, wenn man etwas nicht sagt“. „Es kommt auf das Gefühl an, das man dabei hat“, präzisiert ein Junge aus der Runde, „Wenn man ein schlechtes Gewissen hat, dann weiß man schon, dass etwas falsch ist“. Auf die Frage, wer alles ein Geheimnis hat, gehen alle Hände der Runde in die Höhe. Jedes Kind sucht sich daraufhin einen ruhigen Platz im Raum und schreibt sein Geheimnis auf. Anschließend wird alles übermalt und überklebt, damit nichts mehr davon zu sehen ist. „Nichts zu sagen heißt nicht, dass dann auch nichts ist, das Nichts ist in diesem Fall dann eben doch etwas“ erklärt ein Mädchen. Und ein Junge antwortet: „Ja, und meistens kommt es dann ja doch alles raus, irgendwann“.

Wo ist die Fremde?

Die Menschen auf der Welt sind alle sehr verschieden – aber auch sehr ähnlich. Was in einem Land ganz normal ist, kommt Menschen in einem anderen Land ganz komisch vor. Einige Dinge machen alle Menschen auf der Welt gleich oder zumindest sehr, sehr ähnlich.

Was alle Menschen gemeinsam haben, sind zum Beispiel Hoffnungen, Wünsche und Sehnsüchte. Und fast jeder Mensch hat irgendeine Angst, die einen vor etwas, was sie schon einmal erlebt haben und andere vor etwas, was es nur in der Phantasie gibt.

Noch niemand hat wirklich die ganze Welt gesehen, überall gibt es etwas zu entdecken und man muss dafür nicht einmal unbedingt weit fahren. Das Fremde ist manchmal ganz nah, es steckt in unseren Träumen und in unseren Wünschen, in unseren Sehnsüchten und Befürchtungen. Ist die Fremde ein guter Ort? Oder eher zum Davonlaufen?

Wir alle haben die Fremde schon erlebt, an ganz verschiedenen Orten und in ganz verschiedenen Situationen. Ist die Fremde vielleicht überall? Oder nirgendwo?

Wir schauen uns das Buch „Menschen“ von Peter Spier an und sprechen über seltsame Bräuche und Gewohnheiten. Anschließend lesen wir in den Kinderinterviews in „Ich wär so gern ein Huhn“ von Beatrix Schnippenkoetter von Kindern in Benin, Bangladesch und Bolivien und überlegen, wo das sein könnte die „Fremde“: Wer oder was ist Dir fremd? Hast Du Dich schon einmal fremd gefühlt? Wie war das? Warum fürchten wir uns manchmal vor etwas, das wir nicht kennen? Hilft Wissen gegen die Angst vor Unbekanntem? Kann Unbekanntes auch schön sein?

Fremd kann ein kurzer Eindruck sein, der Blick aus dem 7. Stock eines Hochhauses, von dem ein Kind erzählt, oder die Tatsache, dass es am Urlaubsort sonntags so laut war, ganz anders, als zuhause, wie ein anderes Kind berichtet. „Die Fremde, das ist das, woran man nicht so gut gewöhnt ist“, sagt ein Mädchen. „Es kann aber auch etwas gewohntes sein“, sagt ein anderes Kind, „was einem plötzlich nur ganz anders vorkommt“.

Es war einmal – Wie erkennt man, dass die Zeit vergeht?

„Es war einmal vor langer, langer Zeit, bestimmt vor deinem letzten Geburtstag, da lebte in dem großen Wald, der gleich hinter der Autobahn liegt, eine Fee” (aus: „Nee! Sagte die Fee” von Kirsten Boie). „Es war einmal“ – das klingt nach guter alter Zeit, aber Autobahn? Da weiß gleich jedes Kind, dass da was nicht stimmt. Kleine werden groß, Junge alt, Feen essen Müsli und wollen böse sein, und zum Versenden einer Nachricht brauchen wir längst keine Postkutsche mehr. Alles Zeichen, dass das Rad der Zeit sich dreht.

Um über dieses Phänomen zu philosophieren lesen wir als Einstieg das Märchen „Dornröschen“. Wie war das noch gleich? Dornröschen fällt in einen hundertjährigen Schlaf. Stell Dir vor, Dornröschen wäre vor 100 Jahren eingeschlafen und würde in unserem Zeitalter wieder aufwachen: Was hätte sich verändert? Würde es sich noch zurecht finden? „Die Leute von früher würden heute gut klarkommen, weil alles einfacher geworden ist“, sagt ein Mädchen, „zum Beispiel Strom, Autos, usw.“ Darüber entspinnt sich eine lebhafte Diskussion. Manches sei auch komplizierter geworden (mehr Telefonanbieter, etc.).

Kinder sagen, was Zeit für sie bedeutet: „Zeit ist Geld“, „Zeit ist hektisch“ aber auch „Zeit ist langsam und leise“ spiegelt die Bandbreite ihrer Assoziationen.

Anhand von alten Fotografien raten wie historische Berufe: „Der Mann hat kräftige Hände, mit denen arbeitet er wahrscheinlich“ (= Gepäckträger). Ein s/w Bild von ärmlich gekleideten Kindern ordnen die Kinder einer verganenen Zeit zu und sind überrascht, dass das heute ist, nur in einem anderen Land. Ein Bild zeigt eine Telefonzentrale und ein „antikes“ Telefon, das noch nicht mal eine Drehscheibe hat sondern nur eine Kurbel.

Zum Schluss dürfen die Kinder „Handys“ basteln, aus Blanko-Streichholzschachteln, Pfeifenputzern, Glitzerfolien und Plastikeiern. Die Kinder sind begeistert bei der Sache – kein Wunder, haben doch die Smartphones heute regelrechten Kultstatus. Die Aufgabe lautet, ein Handy zu basteln, wie es in 100 Jahren sein könnte. Aus den Eiern werden sofort I-Phones (Ei-Phones) gebastelt. Und die Kreativität tobt auch in andere Richtungen:  „Mein Handy hat einen kleinen Druiden, der sprechen kann“, „mein Handy fliegt immer neben mir, ich kann es nicht verlieren“, „meines kann Freunde erkennen“, usw.

Die Kinder erkennen spielerisch, wie sehr sie Kinder „ihrer“ Zeit sind,  wie unterschiedlich man Zeit empfinden kann und wie sehr sie unseren Alltag bestimmt. Die Stunde selbst ist auf jeden Fall nur so verfolgen.

Wie sieht Wut aus?

Ein Wutanfall kann wie ein Naturschauspiel sein: Wie ein Vulkanausbruch oder wie eine riesige Welle. Einen Wutanfall bei jemandem zu beobachten kann schon mal richtig Angst machen und es kommt vor, dass man sogar vor der eigenen Wut erschrickt. Doch meistens ist die Wut, wenn sie am größten ist, auch bald wieder vorbei. Nur selten bleibt Wut für längere Zeit, meist ist sie dann nicht so laut und heftig sondern etwas stiller, dafür beständig: „Groll“ nennt man sie dann.

Wenn wir über Wut sprechen, dann fallen unsviele Bilder ein: „Ich platze gleich“ sagt man zum Beispiel, „Ich bin auf hundertachtzig“ oder: „Die Wut ist verraucht“. Welche Bilder passen zu Deiner eigenen Wut? Welche Farbe hat sie? Auf welchen Wegen bewegt sie sich durch den Körper? Was macht die Wut mit Dir, und: Wie wirst Du sie wieder los? Ist Wut schlecht? Oder gar böse? Oder gehört sie zu uns wie die Erleichterung, die Freude und die Langeweile?

Wir schauen uns das Bilderbuch „Robbi regt sich auf“ von Mireille d‘ Allance und Markus Weber an und reden über Wutanfälle aller Art: „Die Wut ist halt ein Teil von mir, mal ist sie da und mal nicht“ und „Wut kann einfach nur ne Verkleidung für etwas anderes sein, für Traurigkeit zum Beispiel“.

Anschließend malen wir die Wut mit Buntstiften und leuchtender Ölkreide in unsere Arbeitbücher hinein.

Kann man Denken üben?

Unsere Gedanken gehören uns ganz allein – oder gehören wir zu unseren Gedanken? Es ist fast unmöglich, an gar nichts zu denken und manchmal verfolgt uns ein bestimmter Gedanke sogar bis in den Schlaf, obwohl wir ihn vielleicht viel lieber endlich vergessen würden. Werden unsere Gedanken schärfer, wenn wir uns länger damit befassen? Oder sind die spontanen Einfälle die besten? Kann man in einem Gedanken zuhause sein, und wenn ja: Hat dieses Zuhause eine Farbe?
Wir lesen aus „Zackarina und der Sandwolf“ und denken über das Denken nach. Anschließend kleben wir in unser Reisetagebuch Buchstaben ein, die zu unseren Lieblingsgedanken gehören.

Was ist das Gute an einer guten Tat?

Jemandem eine Freude zu bereiten, ist nicht schwer. Wir alle wissen, wie gut es sich anfühlt, wenn uns jemand mit einer Kleinigkeit überrascht, mit der wir nicht gerechnet haben. Trotzdem lassen wir viele Gelegenheiten für gute Taten verstreichen. Wieso eigentlich? Und manchmal sind wir auch nicht so sicher, ob sich der andere wirklich freut. Aber ist es überhaupt wichtig für eine gute Tat, dass sich am Ende jemand freut? Oder reicht es schon, sich nur zu bemühen? Und spielt es für die Freude eine Rolle, dass man weiß, wer sie uns bereitet hat?

    

Wir hören die Geschichte „Die Überraschung“ von Arnold Lobel und schreiben Postkarten an Menschen, die sich bestimmt darüber freuen werden.

Wie entsteht mein Standpunkt? Oder alles eine Frage der Perspektive?

Ist Atomstrom sinnvoll? Selten hat sich ein Standpunkt zu einer konkreten Frage bei vielen Menschen so schnell verändert wie in den letzten Monaten. Auch sonst ist das so eine Sache mit dem Standpunkt. Wie kommt es, dass vernünftige Menschen, ja sogar Freunde, sich im Streit über einzelne Dinge fast die Augen auskratzen? Wieso gibt es unterschiedliche Meinungen? Und wer entscheidet, was wahr ist?

Als Einstieg lesen wir aus der  Geschichte „Kopf hoch, Fledermaus“ (von Jeanne Willis  und Tony Ross). In der Geschichte halten alle die Fledermaus für verrückt: „Es war einmal eine Fledermaus, die hatte nicht alle Tassen im Schrank. Zumindest dachten das die jungen wilden Tiere.” Denn, da die Fledermaus an einem Ast auf dem Kopf hängt, wünscht sie sich einen Regenschirm für ihre Füße, der Himmel ist für sie unten und das Gras oben. Wir lesen bis zu der Stelle, als das Ziegenkind sagt: „Wenn sie verrückt ist, ist sie vielleich auch gefährlich!“.

An die Lektüre schließen wir verschiedene Fragen an, zunächst Verständnisfragen, dann die eher „philosophischen“ Fragen. Von der konkreten Geschichte leiten wir auf das Kind ab:

  • Wieso ist für die Fledermaus der Himmel unten?
  • Warum halten die anderen Tiere die Fledermaus für verrückt?
  • Wer hat Recht?
  • Kannst du mit jemandem befreundet sein, der die Welt anders sieht als du?
  • Ist jemand, der „anders ist“ gefährlich?
  • Ist es dir schon mal passiert, dass du eine andere Meinung hattest als alle anderen? Kennst Du Beispiele?

Die Kinder sind lebhaft dabei und verstehen sofort, was es mit der unterschiedlichen Perspektive auf sich hat. Auf einmal geht es tatsächlich um Atomstrom und die Kinder diskutieren leidenschaftlich und wissen zum Teil erstaunlich gut Bescheid. (Später lesen wir das Buch noch zuende: Alle Tierkinder hängen sich an einen Ast, um die Perspektive der Fledermaus nachzuvollziehen.)

Ein physisches Experiment läßt uns am eigenen Leib spüren, was unterschiedliche Perspektiven konkret bedeuten:Wir suchen uns selbst unterschiedliche „Standpunkte“ im Raum: Ein Kind klettert auf einen Stuhl, eines legt sich unter den Tisch, eines steht in der Ecke, ein anderes im Zenrum. Wir tauschen uns aus über die Unterschiede: „In der Mitte des Raumes kann ich nicht sehen, was hinter mir ist.“, Hier unten kann ich viele Krümel auf dem Boden sehen, die man nicht sieht, wenn man steht.“

Am Ende der Stunde ist ganz nebenbei klar geworden, dass es gute Gründe für unterschiedliche Meinungen geben kann und das sich ein Austausch darüber allemal lohnt und den Horizont erweitert.