Woher kommt die ganze Welt?

Die ersten fünf Kinder kommen nacheinander an, setzen sich und legen die Phil Sophie & Co-Bücher vor sich auf den Boden. Ein Mädchen schaut auf die Fragenlandkarte. „Ich hab noch eine Frage!“, ruft sie: „Welcher Stern ist der Größte?“ Wir schreiben die Frage auf einen Zettel und heften ihn zu den anderen an die Karte. Ihre Nachbarin ist schon beim Thema des heutigen Salons, ohne dass wir ihn zuvor angesprochen haben: „Wie ist die Welt geworden?“, fragt sie und schreibt die Frage in ihr Buch. Ein drittes Mädchen: „Der größte Stern ist die Sonne!“ Zwei weitere Kinder kommen dazu. Eines von ihnen hat beim letzten Mal gefehlt. Wir erzählen ihr vom letzten Salon. Ein Mädchen: „Wir haben ein Bild angeschaut mit blühenden Bäumen. Und dass man glücklich ist, wenn man seine Lieblingsfarbe anhat.“ Das Mädchen neben ihr sagt mit ruhiger, eher zurückgenommener Stimme: „Wenn man glücklich ist, fühlt man sich geborgen.“ Das letzte Wort spricht sie auffällig gedehnt, als hätte sie es für den heutigen Salon mitgebracht. „Was heißt denn ‚geborgen‘, fragen wir tastend. Sie antwortet leise: „Wenn man sich sicher fühlt. Wenn man mit Mama und Papa zusammen ist.“ Während wir reden, holt ein Mädchen das Buch „Herr Flo sucht das Glück“ (Friederike Wilhelmi, Andrea Hebrok) aus der Tasche und sagt: „Das habe ich mitgebracht.“ Sie erzählt die Geschichte von Herrn Flo, der – auf der Suche nach einem Ort, an dem man sich wohlfühlen kann –  im Ohr eines verliebten Bären landet. Glück ist Geborgenheit, das  finden die anderen Kinder auch.

Als alle Kinder da sind, starten wir mit der Geschichte „Als die Welt noch jung war“ (Jürg Schubiger). Die Kinder malen beim Zuhören. Nach vier Schöpfungsvarianten fragen wir: „Was meint ihr denn, was zuerst auf der Welt war?“ Die Kinder sind kaum zu bremsen und wollen alle gleichzeitig reden. „Am Anfang war das Paradies“, startet ein Mädchen und müht sich, das Wort auszusprechen. Es folgen Geschichten vom Urknall, von herabfallenden Sternen und Meteoriten. Die Kinder kommen zu Adam und Eva aus der vorgelesenen Geschichte zurück. Ein Junge möchte sein Buch – das keine Bibel ist! (betont er), aber von Adam und Eva erzählt –  beim nächsten Mal mitbringen. Ein Mädchen meint, erst wäre die Milchstraße dagewesen und dann erst die Erde. Ein Junge springt auf und ruft laut: „Ich weiß, wie die Dinos gestorben sind! Die Vulkane sind ausgebrochen und dann kam die Eiszeit und dann sind die Pflanzenfresser gestorben und dann die Fleischfresser.“ Er ist kaum zu bändigen und hüft. Ein Mädchen bestätigt: „Ja, und dann sind sie gestorben.“ Wir fragen, woher die Menschen das denn wüssten. „Es war doch niemand dabei?“ Schweigen. Ein Mädchen, das sich kurzzeitig hinter ein Bücherregal zurückgezogen hat, kommt mit einem Buch über Dinosaurier zurück. „Aus Büchern!“, triumphiert sie. Alle wollen das Buch sehen. Wir fragen in die quirlige Gruppe: „Und woher wissen das die Menschen, die die Bücher geschrieben haben?“ Ein Mädchen, das auf ihrem Platz geblieben ist, sagt ruhig: „Die haben geforscht.“ „Mit Computern!“, ruft unser Dino-Experte. Wir: „Seit wann gibt es denn Computer?“ Die Antwort erübrigt sich. Dann kommt das Schlüsselwort, das alle mit einem ‚Jaaa!‘ unterstützen: „Knochen! Die haben die Knochen erforscht.“ Es wird wieder etwas ruhiger.

 

Auch unsere zweite Fragerunde wird sehr lebendig. „Wenn ihr die Welt neu erfinden würdet, wie würde sie dann aussehen?“, fragen wir. „Eine Welt aus Süßigkeiten!“, „Nie wieder Zähneputzen!“, “Dass man nie wieder schlafen muss“, lauten die Vorschläge. Mit dem letzten sind nicht alle einverstanden: „Ich schlafe aber gerne, ich kuschel mich gerne ein“, empört sich ein Mädchen und ergänzt: „Meine Welt soll aus Kissen sein, ganz weich!“ Ein ansonsten fröhliches Mädchen sagt jammernd: „Ich will, dass meine Schildkröte Lili wieder da ist. Die ist im Tierheim.“ Wir: „Oh, das ist traurig. Wir wünschen uns also eine Welt, in der die Menschen und Tiere, die wir lieben und die nicht bei uns sind, zu uns zurückkommen.“ Nickende Zustimmung. Unserem hüpfenden Junge geht es sichtlich gut in seiner Welt: „Alle sollen meine Diener sein!“, ruft er euphorisch. Die anderen verziehen die Gesichter. Wir: „Wollen wir alle Diener sein?“ Das ‚Nein‘ stört ihn nicht. „Dann hol ich meine Familie und meine Oma.“ Wir: „Wir wünschen uns eine Welt, in der sich alle wohlfühlen!“

Ein bis dato zuhörendes Mädchen meldet sich zaghaft. Wir ermutigen sie und wiederholen die Frage: „Wie würdest Du die Welt neu schaffen?“ Leise und ernst sagt sie: „Anders.“ Sie ist sichtlich in Gedanken, möchte aber nicht weiter reden. „Wir wollen jetzt mit Tusche malen!“, schallt es durch den Raum. Wir stimmen zu. Bis auf zwei Mädchen wechseln alle vom Boden an den Tisch. Das schweigsamere Kind begleiten wir an der Hand zum Maltisch. Später erzählt sie, dass sie sich eine „8-Welt“ wünscht. Als wir fragen, ob sie die Zahl 8 meint, nickt sie, will das aber nicht weiter ausführen. In ihr Buch schreibt sie groß ihren Namen, malt sich selbst mit Filzstiften – sehr detailliert mit Fingern und den einzelnen Fußzehen! – und schreibt eine 8. „In meiner Welt gibt’s mich“, spricht sie in die Runde, aber eher zu sich.

Die Acht-Welt

Die Aquarellfarben werden begeistert angenommen. Bäume, Blumen, viel Wasser, „eine Welt bei Nacht“, eine „mit Schwester“ und eine „mit Kakerlaken“ entstehen in den Büchern und auf anderen Blättern. Unser Dino-Experte sitzt auf dem Tisch und wischt immer wieder kraftvoll die Farbe vom Blatt. Dann stellt er sich ans Mikrofon und erzählt seinen Weltentwurf: „Ich will eine Welt, wo es nur Partys gibt, nur McDonalds-Häuser und alles ist umsonst!“. „Alle sollen reich sein“, löst ihn ein Mädchen ab. „Eine Welt aus Gold!“ Wir fragen, was man da denn essen könnte? „Honigmelonen“, antwortet sie. Wir: „Und welche Menschen gibt es in Deiner Welt?“ „Einen Gärtner und Kinder – aber keine die prügeln!“, ergänzt sie. Eines der zwei Mädchen, die am Boden malen, erzählt mit ernster Stimme: „Alle denken ich bin älter. Ich bin aber erst 6. Und viele glauben meine Schwester ist ein Junge.“ Wir: „Vielleicht glauben manche Leute, dass du älter bist, weil Du so gut malen und erzählen kannst.“ Ihre Nachbarin wirft ein: „In unserer Welt dürfen Mädchen alles, Jungen nicht!“ Die Zeit neigt sich dem Ende zu. Wir räumen auf und verabschieden uns.

Welche Farbe hat das Glück?

Die Kinder treffen nach und nach ein, setzen sich auf ‚ihren Platz‘ und beginnen in ihre Phil, Sophie & Co-Bücher zu malen. Ein Mädchen zeigt ihren sehr detailiert gestalteten Kugelmenschen und ist sichtlich stolz.

Kugelmensch

Als alle da sind, erzählen wir dem Mädchen, das beim letzten Mal gefehlt hat, was wir bei unserem Besuch der Künstlerin Claudia Rößger erlebt haben. „Wir haben ganz viele Bilder angeschaut“, sagt eines der Mädchen, die in der Kleingruppe mit der Künstlerin eine zweite „Kunstbetrachtungsrunde“ gemacht hat. „Wir haben Monster gemalt“, ergänzt ein Junge. „Wir haben einen jodelnden Flamingo gefunden“ – das Mädchen jodelt und freut sich. Die anderen rufen „Ja!“

Wir fragen, ob denn jemand bemerkt hätte, was heute im Raum anders ist? Alle schauen sich um. „Die Wände sind blau!“, ruft ein Mädchen. „Sind die erst heute blau?“, fragen wir. „Nein“, schallt es. Das Mädchen, das gefehlt hat, zeigt auf unser Gruppenfoto, das bei Claudia Rößger entstand und nun an unserem Zeitstrahl in der „Gegenwart“ befestigt ist.  Großes „Hurra!“. Jedes Kind bekommt ein Foto. Mit dem Mädchen, das nicht dabei war besprechen wir, dass wir ihr Foto dazu kleben werden. Wir zeigen auf die vier Etappen des Zeitstrahls: „In der Antike, vor 2000 Jahren, gab es Philosophen, vor 500 und vor 200 Jahren gab es Philosophen und heute sind wir die Philosophen.“ Das scheint für die Kinder nicht der Rede wert, sondern eher selbstverständlich.

Wir verteilen eine Kopie des Bildes Mutter und Kind (2004). Der Reihe nach erzählt jedes Kind, woran es sich erinnert: „Das Bild ist dunkel.“ „Das Kind ist mit der Hand in was reingerutscht.“ „Ja, und kommt nicht mehr raus und die große Frau hilft ihr.“ „Das dritte Bein ist zu schwer, darum ist sie reingerutscht.“ „Was war das noch Mal mit den Zacken?“, fragt ein Junge. Die  Kinder überlegen. „Gefahr!“, sagt eines. Wir fragen: „Hatten die Zacken nicht etwas mit einem  Geräusch zu tun? Was hat Claudia erzählt?“ „Ja“, rufen gleich mehrere und machen gestikulierend Knall- und Explosionsgeräusche.

Wir fragen nach den Farben in Mutter und Kind. Die Antworten nutzen wir zur Überleitung zum heutigen Thema. Zudem erinnern wir an die Bilder, die die Kinder heute in ihre Bücher gemalt haben und an frühere Gespräche. Ein Kind hat eine ganze Seite ihres Buches flächig gelb gemalt, ein anderes ein buntes Haus: „So sieht das Haus aus, in dem ich wohnen will.“ Wir wiederholen vom Zeit-Salon die beschriebenen „glücklichen“ und „unglücklichen Momente“, von denen die Kinder sprachen. Nun legen wir die Farbkarten in die Mitte und sagen, dass sich jedes Kind seine heutige Glücksfarbe aussuchen kann. Als einige Kinder mehrere Karten nehmen, schlagen wir vor, eine nach vorne zu sortieren. Alle Kinder wählen Rot, Pink, Orange, ein Junge entscheidet sich erst für Rot, dann doch für Hellgrün, ein Mädchen für Türkisblau. Wir fragen, welche Situation, welches Gefühl oder welchen Ort sie mit der Farbe verbinden würden? Ein Mädchen zeigt auf ihren Pulli: „Pink mag ich“, ein anderes Mädchen unterstützt sie und zeigt ihr T-Shirt. Wir fragen, ob sie glücklich sind, wenn sie etwas Pinkfarbenes anhätten? „Ja“, rufen beide. „Kommt das Glück dann zu Euch?“, fragen wir. Davon sind beide überzeugt.

Utagawa Hiroshige, Kirschblüten am Ufer des Flusses Tamagawa

Wir fragen, wie denn der Ort oder die Landschaft aussehen, an denen sie glücklich waren? Ein Mädchen erzählt von „schönen rosa Wolken am Abend“. Ein anderes vom Urlaub in einem Dorf: „Da sind nicht so viele Autos und nicht so viele Menschen. Aber ganz viele Bäume.“ Viele Menschen und Autos mögen die anderen auch nicht. Das Mädchen mit der blauen Karte erzählt von ihren Ostseeurlaub, vom blauen Wasser und dem blauen Himmel. Und von ihrem Lieblingsschwimmbad „Da geh ich immer mit Papa hin.“ Ein Junge sagt: „Schwimmen ist toll, da kann man unter Wasser rennen und ist ganz langsam. Und man kann auf den Händen laufen, ohne den Boden zu berühren.“

Wir starten den Beamer: Auf der Leinwand sehen wir Utagawa Hiroshiges Kirschblüten am Ufer des Flusses Tamagawa (1856) und fragen, ob die Menschen dort wohl glücklich seien? „Ja“, sind sich alle einig. Der Reihe nach erzählt jedes Kind, was es sieht: „Ich seh‘ Rot.“ Sie steht auf und zeigt die Stellen im Bild, u. a. eine rote Tafel mit Schriftzeichen. „Das ist in Japan“, sagt ein Mädchen, das sieht man an der Schrift.“ „Schöne Häuser, wo die Menschen wohnen.“ „Ein blauer Himmel“ , „Ein Fluß, der in der Mitte ganz tief ist“, ergänzen die anderen. Ein Junge freudig: „Oh, da kann man reinspringen“ Wir fragen nach den Menschen im Bild, ob die es wohl eilig haben? „Nein, die reden und gehen spazieren.“ „Und wie riecht es in dem Bild?“ Ein Mädchen springt auf und zeigt auf die Baumblüten: „Toll, nach Blumen.“

C. D. Friedrich, Der Mönch am Meer

Nun zeigen wir C. D. Friedrichs Mönch am Meer (1808-1810). Die Kinder reagieren abwehrend und wollen lieber malen. Wir  fragen noch kurz: „Ist der Mann in dem Bild wohl glücklich?“ „Nein“, tönt es. „Das ist doch ganz grau“, ergänzt ein Junge mit deutlich gesenkter Stimme. Die Kinder holen ihre Bücher hervor und malen am Boden liegend, schauen aber bei unserer nächsten Frage noch mal kurz auf. „Kann man nicht auch alleine glücklich sein, wenn das Meer rauscht und die Sterne am Himmel scheinen?“ Der Junge: „Alleine sein ist schön, aber nicht so grau.“ Auch die anderen sagen, dass sie manchmal gerne alleine sind.“ „Ich will nicht mehr reden, ich will malen“, klagt ein Mädchen. Wir müssen lachen und fragen, ob denn Malen glücklich macht? Das „Ja“ ist eindeutig. Wir: „Dann wollen wir Euch nicht beim Glücklich sein stören“, und machen den Beamer aus.

Als die ersten Eltern kommen, malen die Kinder immer noch. Eine Großmutter schaut noch zu, wie ihre Enkelin zu Ende malt. „Ist ja toll, was ihr hier macht“, sagt sie zu den Kindern. Zu uns gewandt: „Da müssen wir Alten jetzt noch mal lernen, wer Platon ist. Aber ist ja gut so.“ Sie lacht.

Zu Besuch im Atelier der Träume oder 1:0 für einen jodelnden Flamingo

Wir starten unseren ersten Ausflug, der uns – nur einen kurzen Fußmarsch von der Schule entfernt – zur Künstlerin Claudia Rößger führt. Die Kinder sind bester Laune und haben alle ihre Phil, Sophie & Co-Bücher dabei. Am Ziel angekommen, sind sie spürbar aufgeregt. Sie sprinten die Treppe hoch. Die Künstlerin begrüßt die Kinder. Sie verteilen sich auf den Sofas, nehmen ihre Phil, Sophie & Co-Bücher und beginnen zu malen. Unser Anfangsritual ist definiert – von den Kindern, nicht von uns! Claudia Rößger lädt die Kinder ein, mit ihr die Wohnung zu erkunden. Erster Höhepunkt: ein polnisch sprechendes Bilderbuch! Die Kinder sind begeistert. Sie sprechen darüber, wer von ihren Bekannten Polnisch spricht. Dann entdecken sie einen jodelnden Plüsch-Flamingo, beginnen ihn nachzuahmen und durch die Wohnung zu springen. Wer denkt da an Kunst und Philosophie! Wir warten, bis die Stimmung etwas ruhiger wird.

Ein Geburtstagsständchen für eines der Kinder bringt uns wieder auf die Sofas zurück. Nun können wir mit der Bildbetrachtung beginnen. Wir weisen die Kinder auf das große Bild (Mutter und Kind, Öl auf Leinwand, 2004) hin, das direkt in unserer Nähe hängt und fragen: „Sehen die Menschen auf den Bildern so aus, wie die Menschen auf der Straße?“

Claudia Rößger, "Mutter und Kind", Öl und Eitempera auf Leinwand, 120 x 140cm, 2004.

Claudia Rößger, "Mutter und Kind", 2004.

Die Kinder brauchen etwas, bis sie antworten: „Nein“, sagt ein Mädchen. „Anders“, „Ja, anders“ unterstützen sie zwei weitere. „Anders, warum?“, fragen wir. „Weil die bunt sind“, „Wie von früher“, „Andere Sachen haben die an“, stellen die Kinder fest. Die Künstlerin: „Ich mag bunte Sachen. Und wenn ich denke, heute hätte ich gerne einen roten Ringelpulli an, dann mal ich den.“ Wir: „Man kann also malen, was man sich wünscht. Was sind denn das da für große Zacken auf dem Bild?“ Ein Mädchen wiederholt die Frage. Die Künstlerin erzählt, dass sie dabei an ein Alarmsignal gedacht hat, „Peng!“ Zusammen erkunden wir das Bild, fragen nach dem dritten Bein der einen Figur und überlegen worin ihre Hand wohl feststeckt. „Die, die hinten steht, hilft der anderen,“ sagt ein Mädchen. Ein Junge: „Die laufen weg.“ Ein anderes Mädchen ruft: „Die eine hat keinen Kopf!“ und spielt darauf an, dass dieser nur angedeutet, aber nicht farbig ausgestaltet ist. „Ist das Bild denn wohl schon fertig“, fragen wir. „Jaaaaa“, rufen die Kinder zusammen. Die Künstlerin: „Manchmal weiß man auf eine Frage keine Antwort, dann kann man nicht weitermalen.“ „Wie in der Philosophie“, folgern wir.

Wir fragen, wer mit Claudia noch andere Bilder anschauen und wer lieber malen möchte. Die Gruppe und wir teilen uns auf. „Wir können ja auch etwas malen, das es gar nicht gibt“, schlagen wir vor. „Vielleicht kann man auch zu malen anfangen, ohne zu wissen, was dabei herauskommt.“ „Eine Badewanne, die sprechen kann“, „ein Haus mit 100 Fenstern und Türen“, ein „fliegender Supermann“, „ein Waal mit ganz vielen Augen“, „ein leuchtendes Herz“, „ein Monster“, kommentieren die Kinder ihre Bilder. Beim Stichwort ‚Monster‘ erzählt ein Mädchen, dass sie von Monstern geträumt hat. „Und dann hatte ich Angst“, sagt sie mit leidendem Blick. Zwei andere Kinder reagieren: „Ich träum‘ auch ganz oft was Gruseliges.“ Und: „Ich hab‘ geträumt, dass ich mich verirre und dann wach ich auf und hab Angst.“ Wir fragen: “Was kann man denn machen, wenn man schlecht träumt?“ „Weiterschlafen“, „Ja, weiterschlafen“, rufen die Kinder. Wir überlegen, was man noch tun kann. Ein Mädchen entdeckt ein Bild an der ihr gegenüberliegenden Wand, das von vielen schwarzen Figuren bevölkert wird. „Das ist auch ein schlechter Traum“, ruft sie. „Ja, schwarze Figuren sind böse“, ruft ein Junge.

Die anderen Kinder kommen von ihrer Kunst-Besichtigung zurück. Sie haben sich von der Künstlerin die Geschichten zu den Bildern erzählen lassen. Zum Abschluß unseres 4. Salons machen wir ein Gruppenfoto auf dem getigerten Sofa, hinter uns Mutter und Kind und inmitten der Kinder: der rosa Flamingo!

Wohin vergeht die Zeit?

Die Kinder setzen sich ganz selbstverständlich auf ihre Plätze, die sie sich in den letzten zwei Salons gewählt haben und machen es sich am Boden mit den Kissen oder auf einem Hocker gemütlich. Sie betrachten, was in der Holzkiste in der Mitte liegt: eine Eieruhr, eine Mandarine, eine Kerze und andere Dinge, die mit unserem heutigen Thema ‚Zeit‘ zu tun haben. Bis alle eingetroffen sind, holen sie ihre Phil, Sophie und Co-Bücher hervor und beginnen zu malen und sich zu unterhalten. Dem Kind, das beim letzten Mal gefehlt hat, zeigen wir die Abbildung der Schule von Athen in einem Buch. Ein Mädchen erzählt: „Das sind die ersten Philosophen.“ Ein anderes Mädchen: „Ich will heute einen Kugelmenschen malen“. Sie hat auch etwas zum Thema des heutigen Salons mitgebracht: ein Foto, dass ihren Vater als Schulkind zeigt. Wir schauen es an und vergleichen es mit den Fotos, die eine von uns als Kind mit Mutter und – auf einem zweiten – wiederum sie als Mutter mit ihrem Sohn zeigen.

Sanduhr

Zunächst lesen wir die Geschichte Zackarina und der Sandwolf von Asa Lind vor. Die Kinder malen beim Zuhören in ihren Büchern u. a. die darin vorgezeichnete Sanduhr aus. Wir fragen, ob denn wohl die Zeit aufhört, wenn man die Uhr im Sand vergräbt? „Nein“, tönt es. „Ich würde sie lieber im Schrank verstecken“, schlägt ein Mädchen vor, „dann ist sie nicht kaputt, wenn ich sie wieder raushole.“ „Ist die Zeit wirklich so alt und groß, wie der Sandwolf sagt“, fragen wir. „Die Zeit, die bestimmt ja fast über alles“, sagt ein Mädchen, „die bestimmt ja wann man ins Bett gehen soll, die bestimmt wann man essen soll und so. Die ist sehr mächtig. “ Dann fragt sie sich: „Was ist wohl größer, die Welt oder die Zeit? Kann man sich ja nicht vorstellen. Es könnte ja auch sein, dass die Zeit im Himmel schwebt.“ Ein Junge, der gerade seine Sanduhr ausmalt, sagt: „Eigentlich ist ne Sanduhr gar keine Zeit, weil da ist viel, viel zu wenig Sand drin.“ Auf die Frage, wer denn die Zeit erfunden hätte, antwortet er: „Keine Ahnung, ich glaube Gott. Gott hat die Erde in 7 Tagen erschaffen. Das weiß ich, dass steht in Büchern.“ „Meine Oma hat auch so ein Buch, eine Bibel“, wirft ein Mädchen ein. Ein anderes: „Warum soll Gott nicht auch die Zeit geschaffen haben. Wenn er die Welt hat, dann hat er auch die Zeit.“

„Können wir die Zeit zurückdrehen?“, fragen wir. Ein Mädchen: „Die Uhren könnten wir zurückdrehen, aber nicht den Tag.“ Auf die Frage, wann die Zeit schön, oder nicht so schön ist, sprudeln die Kinder los: „z. B. wenn man auf dem Schulhof verprügelt wird, dann ist die Zeit nicht schön.“ „Wenn es regnet, und man nass wird, dass ist schön.“„ Ich finde es schön, wenn es Sommer ist und es ganz heiß ist und es regnet und man mit nem Badeanzug draußen rum rennen kann.“ Als wir ein Mädchen, dass heute recht schweigsam ist, fragen, welche Zeit sie mag, sagt sie: „Erinnerung.“

Mit der Zeitmaschine zu den ersten Philosophen.

Raffaello Sanzio, Die Schule von Athen

Bis auf ein Kind haben alle an ihre Phil, Sophie & Co-Bücher gedacht. Sie zeigen sich gegenseitig, was sie gemalt und geschrieben haben. Wir regen an, einem Kind, das beim letzten Mal gefehlt hat, zu erzählen, was wir im ersten Salon gemacht haben und verweisen auf die Fragenlandkarte, die wir wieder aufgehängt haben. Einige Kinder wiederholen ihre Fragen. Sofort beginnen sie, neue Fragen zu stellen. Wir fassen zusammen, dass genau dieses unendliche Fragenstellen ‚Philosophieren‘ bedeutet. Aber seit wann gibt es Philosophen? Wir starten die Bildpräsentation mit Raffaels Schule von Athen  (1510/11) und erzählen, dass dieses Bild wahrscheinlich die ersten Philosophen zeigt. Auf einem Zeitstrahl, der unterhalb der Fragenlandkarte befestigt ist, zeigen wir, wann diese Philosophen gelebt haben (vor ca. 2000 Jahren), wann Raffael sie gemalt hat (vor ca. 500 Jahren) und fragen, wer denn weiß, wie die Zeit heißt, in der wir leben? Ein Kind antwortet: „2011“. Wir zeigen die Zahl auf dem Zeitstrahl. Nun beginnen wir die Bildbetrachtung. Die Kinder erzählen der Reihe nach, was sie sehen: „Viele Männer, zwei Frauen, zwei Kinder, ein schönes Haus, Wolken in den Fenstern….“ Wir fragen, was die Leute denn machen? „Sie lesen, unterhalten sich, manche zu zweit, manche in Gruppen….“ Zwei von ihnen seien in Gedanken versunken. Die Kinder vergleichen die Kleidung, finden die Gewänder „schön“. Wir erzählen, dass einige Philosophen noch heute bekannt sind und eine Frau auf dem Bild die erste Philosophin ist. Dann fragen wir, wer denn wohl die wichtigsten Gäste der Versammlung auf dem Bild sind? Alle sind sich einig, dass es die beiden Männer in der Mitte sind. Wir stellen sie vor: „Platon und Aristoteles, zwei der berühmtesten Philosophen der Antike.“

Wir erzählen von Platons Gastmahl (ca. 380 vor unserer Zeit), bei dem sich die Freunde des Dichters Agathon trafen, um sich z. B. über die Liebe zu unterhalten. Als Beispiel dafür, warum sich die Menschen lieben, folgt Aristophanes‘ Geschichte vom Kugelmenschen, die den Kindern sichtlich gefällt. Wir fragen, wen sie denn lieb haben? Sie zählen ihre Eltern, Geschwister, Verwandten, Freunde und Haustiere auf. „Wenn ich früher ein Kugelmensch war“, ruft ein Mädchen euphorisch, „dann hatte ich hundert Arme und Beine, so viele Menschen hab ich lieb!“ Wir fragen, wie sich denn Liebe anfühlt: „prima, schön, glücklich …“, antworten sie. Hat Liebe eine Farbe? Die Kinder nennen unterschiedliche Farben von Rot über Orange zu Rosa und Blau. Ein Junge ist nicht zu bremsen: „Rot, Gelb, Blau, Grün….“

In unsere Phil, Sophie und Co-Bücher malen und schreiben wir etwas zum Thema ‚Liebe‘. Wer noch nicht schreiben kann, dem helfen wir. Ein Bild zeigt zwei Freundinnen in einer Landschaft mit Herzchen, Blumen und Schmetterlingen. Ein anderes die Eltern, die – „nur zum Spaß!!!!! (hihi)“ – von einem Monster verschluckt werden.

1. Salon: Warum sind wir hier und nicht woanders?

Sechs Kinder unserer Gruppe sind sechs Jahre alt, ein Mädchen ist fünf, ein Junge und ein Mädchen acht. Alle wurden von ihren Eltern angemeldet. Sie wissen nicht so recht, was auf sie zukommt. Nur der achtjährige Junge antwortet: „Mein Vater sagt, hier kann ich etwas lernen.“ Die Kinder freuen sich über die Phil, Sophie & Co-Namensschildchen, tragen ihre Namen ein und malen sie an. Dann begeben wir uns auf die Suche nach Fragen, „auf die es keine richtigen oder falschen Antworten gibt“: „Warum heißt die Schinkenwurst Schinkenwurst?“, startet ein Kind. Ein anderes antwortet: „Na weil Schinken drin ist.“ Das Tempo steigt: „Warum gibt es große und kleine Kreise, große und kleine Büsche? Warum ist eine Kugel auf dem Fernsehturm? Warum hören die Zahlen nie auf? Kurze Diskussion: Hören sie bei Hundert auf, bei einer Millionen? Die Kinder kommen zu dem Schluß: sie hören nie auf.

Unsere Fragenlandkarte

Die Frage „Wie ist die Welt entstanden?“ löst ein Streitgespräch aus. Ein sechsjähriger Junge ist sich sicher, dass Gott sie geschaffen hat. Ein gleichaltriges Mädchen ist auch von Gott als Schöpfer überzeugt, erzählt von Adam und Eva und ergänzt: „Und Gott ist ein Mann, Frauen können so etwas nicht.“ „Meint Ihr auch, dass Gott ein Mann ist?“, fragen wir. Ein Mädchen antwortet: „Gott ist ein Mann, aber es gibt ja auch Göttinnen, die können was anderes.“ Der achtjährige Junge glaubt nicht an Gott und erzählt vom Feuerball der abkühlt, von Dinos und den ersten Pflanzen. Gott hätte ja auch noch niemand gesehen, schließt er. „Und wenn man in den Weltraum fliegt?“, überlegt ein anderer Junge. „Gibt es denn nur das, was man sieht?“, fragen wir. „Gott gibt es“, sind sich der Sechsjährige und seine Mitstreiterin sicher, die Luft könnte man ja auch nicht sehen und die gibt’s ganz sicher.“ Wir schreiben die Fragen auf kleine Zettel und kleben sie auf unsere Fragenlandkarte. Dann beginnen wir damit, die Karte mit Stiften zu gestalten: eine Schatzkiste, Flugzeuge, Raketen, Schiffe, Reiserouten, viel Wasser, Bäume, Blumen, Mädchen, Jungen und ein Vater „mit dickem Bauch, weil er so gerne isst“ beleben die Freiräume zwischen den Fragen. Die Zeit neigt sich dem Ende zu.

Zum Abschluß verteilen wir die Phil, Sophie und Co-Tagebücher. Großes „Oh!“ und „Ah!“. Wir kündigen an, dass wir sie im nächsten Salon genauer anschauen. Die Kinder verabschieden sich. Vor der Tür fragt ein Mädchen eine unserer Teilnehmerinnen: „Was habt ihr gemacht?“ Die Fünfjährige antwortet ganz selbstverständlich: „Wir haben Philosophie gemacht.“