5. Salon: Bilder erfinden ist keine Zauberei: Die „Hexe-Lilli“-Illustratorin Birgit Rieger zu Besuch bei Phil, Sophie und Co

Ziele des Salons:

  • Horizonterweiterung: Fragend und beobachtend erfahren die Kinder, wer die Bilder in ihren Büchern erfindet und wie sie visualisiert werden.
  • Wissensvertiefung: Wir erinnern an die Reproduktionstechnik von Büchern, wie wir sie beim Besuch des Philosophen Hans Feger besprochen haben.
  • Interkulturelles Wissen: Das gleiche Buch gibt es in vielen Sprachen!
  • Indem die Kinder eigene Hexe-Lilli-Kreationen schaffen und diese von der Erfinderin der Buch-Hexe gewürdigt werden, wird ihr Mut zur „eigenen (visuellen) Stimme“ gestärkt.

Hexe Lilli in verschiedenen Sprachen

Ablauf des Salons:

Birgit Rieger sitzt neben unserer Fragenlandkarte im Kissenkreis, als die Kinder nach und nach eintreffen. Alle gruppieren sich neugierig in ihrer Nähe. Als wir fragen, ob sie denn wüssten, wer heute bei uns ist, stimmen sie zu. Ein Mädchen: „Sie hat die Hexe Lilli-Geschichten geschrieben!“ Birgit Rieger erklärt die Arbeitsteilung zwischen Autor und Zeichnerin. „Was ist Zeichnen?“, fragt ein Kind und eröffnet damit die gewohnte Gesprächssituation. Die Differenzierung zwischen Zeichnen und Malen leuchtet den Kindern ein. Bereits zum wiederholten Male hat ein Mädchen ihr eignes Hexe Lilli-Buch dabei. Verlegen schmiegt sie sich an eine von uns und versteckt das Buch. Als wir Birgit Rieger erzählen, wie sehr sich das Kind auf ihren Besuch gefreut hat und auf das Buch verweisen, ist das Eis gebrochen. Den ganzen Salon über weicht das Mädchen nicht mehr von der Seite der Bild-Zauberin!

Wir schlagen vor, Birgit Rieger mit unserem Begrüßungsritual „Wir sind ein starkes Team!“ Willkommen zu heißen. Alle stimmen zu. Unser Junge, der heute bereits zu Anfang des Salons seine Müdigkeit bekundete und hinter dem Sofa verschwand, streckt den Kopf hervor und macht von dort aus mit. Wir nutzen die Gelegenheit, der Gruppe noch einmal das Mädchen vorzustellen, das seit letzter Woche an unseren Salons teilnimmt. Unsere Runde wird also heute um die „klare Clara“ und die „bienenfleißige Birgit“ erweitert. Ein Mädchen reckt den Finger in die Höhe: „Ich möchte etwas erzählen!“ Stolz sagt sie in die Aufmerksamkeit der Gruppe: „Ich hab‘ meinen Papa gefragt: Auf Arabisch heißt ‚Guten Tag‘ ‚Marhaba‘ und auf Türkisch ‚Merhaba‘“ (siehe Salonbericht vom 21. Februar 2012). Wir zeigen unsere Freude über die mitgebrachte Antwort, wiederholen die Worte und integrieren sie in unser Spiel.

Am Anfang eines Bildes steht das weiße Papier

Birgit Rieger legt Hexe Lilli-Bücher in verschiedenen Sprachen in die Mitte des Kissenkreises. Die Kinder sprühen vor Begeisterung und vergleichen die Schriften. „Was sind denn das für Würmchen?“, fragt ein Kind und deutet auf die arabische Schrift. Unser Mädchen mit arabischem Familienhintergrund klärt uns auf. Nun liest das Kind mit türkischem Familienhintergrund aus der türkischen Buchversion vor. Zuvor hatte sie immer wieder betont, dass sie kein Türkisch könne (vgl. Salonbericht 21. Februar 2012)! Sie beobachtet die Reaktion der anderen. Birgit Rieger beglückwünscht sie dazu, zwei Sprachen zu kennen. Wir freuen uns über diese zufällige Unterstützung unserer Arbeit. Unser Junge sitzt nun auf dem Sofa und vergleicht die japanische und die chinesische Schrift. „Wie bei den Affenkönig-Comics!“, stellt er fest und fragt, ob wir die Box mit den chinesischen Heftchen wieder dabei hätten. Wir vertrösten ihn auf den nächsten Salon. „Wie hast du die Bücher gemacht?“, fragt das Mädchen mit dem eigenen Hexe-Lilli-Buch und deutet auf den Umschlag mit einer 3D-Folie. Birgit Rieger erklärt die Arbeitsteilung. „Und wie kommen denn dann deine Bilder da rein?“, fragt das Mädchen gleich weiter. Wir erinnern an Humboldts Kosmos-Buch und was uns der Philosoph Hans Feger über das Kopieren von Schrift und Bild erzählt hat.

Das Fenster ist unser Leuchttisch

Das Stichwort zur ‚Bild-Zauberei‘ ist gefallen. Birgit Rieger holt Papier und Stifte hervor und zeigt den Kindern, wie aus dem Nichts des weißen Papiers eine Hexe Lilli wird und wie sich der „Prototyp“ – das Wort wird erklärt! –  in die verschiedenen Gestalten verwandelt. Die Kinder wollen es nach kürzester Zeit selbst ausprobieren. “Layout-Papier“ wird verteilt. Das Wort wird bedächtig nachgesprochen. Und schon sind die Kinder an den Arbeitstischen. Da wir keinen „Lichttisch“ haben, nutzen einige Kinder die Fenster, um Konturen durchzupausen. Birgit Rieger hilft. Die meisten Kinder entscheiden sich, ihre eigene Hexe Lilli zu kreieren. Zaubertricks, andere Frisuren, ein Zauberhut und vieles mehr werden erfunden. Ein Mädchen zeigt Birgit Rieger ihre Bilderfindung. Beide besprechen Details wie z. B. die Hautfarbe. „Das ist der glücklichste Tag in meinem Leben!“, verkündet das Kind mit rührender Inbrunst.

Gegen Ende der Zeit verteilt Birgit Rieger den kleinen Flugdrachen Hektor aus „Hexe Lilli“ zum Ausschneiden. Das Kind, das sich beim letzten Mal einen Koffer für die eigene China-Reise gemalt hat, zaubert ihrem Drachen gleich zwei davon. „Dann kann der Drache Hektor die Drachen in China besuchen!“, kommentiert sie. Aus einer Stunde werden wieder einmal zwei und die Eltern treffen nach und nach ein. Ein Mädchen reagiert nicht auf die freundliche Ansprache des Vaters: „Hallo, ich bin Dein Vater!“ ruft er sichtlich amüsiert und schaut auf sein lesendes Kind. Ihr Blick macht klar, dass sie erst wieder auftauchen muss aus ihrer Hexe Lilli-Welt.

Resümee:

Philosophieren mit Erstklässlern ist eine sinnliche Reise, die jedes Kind mitnimmt, so wie es im jeweiligen Moment ist –  euphorisch, besonnen, übermutig, müde, lustig, traurig oder auch mal verzweifelt. Dieses Fazit legen uns die Kinder auch in diesem Salon nahe. Sie lernen mit Begeisterung und zunehmender Geduld. Neue Geschichten und Begriffe haben einen Zauber für sie. Neue Materialien werden zur Inspiration ihrer Vorstellungskraft.

Ich erfinde meine eigene Hexe Lilli

Birgit Rieger beglückwünscht uns zu unserer Arbeit: „Hier ist ja jedes Kind eine ganz eigene Persönlichkeit!“ Wir fühlen uns bestätigt. Wir möchten die Kinder in ihrem Selbstvertrauen, ihrer Entscheidungs- und Kritikfähigkeit stärken. Eine eigene Bildwelt (die eigene Hexe Lilli!) soll sie vor blinder Bewunderung gegenüber medial vermittelten Bildwelten schützen. Was unser Pilotprojekt aber auch zeigt, ist, dass ein Philosophieren mit Erstklässlern nur sehr schwer in ein 45-Minuten-Format passt. Als AG am Nachmittag wiederum ist die Erschöpfung der Kinder ein nicht zu leugnender Faktor. Indem wir jedem Kind zugestehen, sich zeitweilig zurückzuziehen, fällt ihnen die Entscheidung, jeden Dienstag zu uns zu kommen, leicht. Der Begriff des Salons suggeriert diesen individuellen Gestaltungsfreiraum.

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