Auf dem Berg angekommen. Ein Werkstatttag

Als die ersten Kinder kommen, wundern sie sich darüber, dass keine Stifte in der Mitte unserer Kissenrunde stehen. Ein Korb mit Mandarinen lockt stattdessen. Wir bitten darum mit dem Essen zu warten, bis alle da sind und fragen, ob sie sonst noch etwas riechen. Ein Junge springt auf: „Jaaaa! Das riecht lecker.“ „Mandarinen, Zitronen, Blüten“, raten die Kinder. Wir zeigen Ihnen die Flasche mit dem ätherischen Öl und erklären, dass Philosophieren ja auch heißt, dass man ganz genau auf Veränderungen achtet. Alle wollen mal sprühen.

Als alle Kinder da sind erzählen wir, dass heute die Hälfte unserer Phil, Sophie & Co-Salons hinter uns liegen. Wir kündigen an, dass wir – während wir die Mandarinen essen – darüber sprechen möchten, was uns in Erinnerung geblieben ist und was uns Philosophieren bedeutet. Danach wollen wir in zwei ‚Werkstätten‘ zum Thema „Zeit“ und zu unserer Fragenlandkarte zurückkehren. Ein Junge hüpft und gibt Kraftlaute von sich. Er ist erst durchs Mandarinen-Schälen zu bändigen. Unser Plan geht auf. Nun kann das Gespräch starten. Drei Kinder fanden die Geschichte vom Kugelmenschen besonders gut, ein Mädchen zeigt ihre zweite Zeichnung dazu in ihrem Buch: Der Kugelmensch rennt fröhlich über ein Möhrenfeld. Ein Mädchen erinnert sich an den Glücks-Salon und an die Farbkarten. Auch der Besuch bei der Künstlerin wird erwähnt. Unser hüpfender Junge erinnert sich an den Fotografen bei der Künstlerin: „Das fand ich cool!“ Die anderen Kinder zeigen der Reihe nach, was sie in ihre Bücher gemalt haben. Ein Mädchen erinnert sich: „Ich war Supermann in meiner Welt“, sie zeigt das Bild und dann das vom letzten Mal: „Die 8-Welt ist gut, eine 10-Welt noch besser, oder eine 12-Welt!“ Sie strahlt. Unser jüngstes Mädchen (im letzten Sommer eingeschult!) hat ihr Buch fast vollständig mit Zeichnungen, Bildern und Collagen gestaltet. Unter der Rubrik „Meine Ideen“ sind drei Seiten dicht an dicht beschrieben. Alle staunen. Wir fragen was sie denn geschrieben hat. „Ich kann doch noch nicht schreiben“, sagt sie zaghaft. Sie hat die Seiten mit Buchstabengruppen gefüllt. Es wird klar, dass sie aber genau weiß, was dort steht. Wir sind begeistert. Eine Geheimschrift! Unsere Frage: „Was bedeutet für jeden von uns „Philosophieren?“ verschieben wir, da die Kinder unbedingt malen wollen.

Drei Kinder gestalten mit Aquarellfarbe die Fragenlandkarte: ein Glücksland/ Freundschaftsland (regenbogenfarbener Kreis), ein Schneeprinzessinnenland (ausgeschnittene Berge) und „die Wüste mit Pyramide, wo der Pharao wohnt“ entstehen. Ein Mädchen ist ganz versunken in die Bildausschnitte des Collagematerials, entscheidet sich für Berge und wählt noch Erdstrukturen für ihr Tagebuch. Unser zunächst wilder Junge hat sich ein Plätzchen am Boden gesucht und klebt einen Schneeberg in sein Buch. Nun malt er mit Aquarellfarben einen Rahmen. Ganz ruhig und zufrieden.

In der Zeit-Werkstatt stellen wir den Kindern das Bildmaterial vor: „Was ist denn wohl von früher, was von heute?“ Wir sortieren die Bilder in Gruppen auf der Pappe. „Vergangenheit, weil die so komische Sachen anhaben“, ist ein Kriterium. „Vergangenheit, weil das ist schwarzweiß?“, ein anderes. Die Bilder werden aufgeklebt. Die Gegenwart wird eine bunte Mitte. In der Vergangenheit (links) finden sich alte Postkarten, Zeitungsauschnitte, aber auch gemalte Kunstwerke. Rechts malen die Kinder, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. Über allem entsteht eine Wortkette: „Urlaubszeit, Uhrzeit, Kindergartenzeit („da mußte man nicht so früh aufstehen!“), Mut-Zeit, Dino-Zeit, Hungerzeit (das Wort kommt zu einem Foto aus der Nachkriegszeit), Schlafenszeit (ein Kind gähnt), ein Kind singt vor sich hin. Das Lesen ist noch mühsam für die Kinder, sie tasten die Buchstaben ab: „Friedenszeit“, kommt diesmal dabei heraus. „Das ist Gegenwart“, sagt ein Mädchen. Zur Kriegszeit erzählt ein anderes von ihrer Großmutter: „Die hat das wirklich erlebt!“ „Schulzeit ist eine gute Zeit“, sagt ein Kind. Ein anders verzieht das Gesicht. Die Kinder malen sich in die Gegenwart. „Das bin ich heute“, rufen drei nacheinander. „Später krieg ich braune Haare. Das weiß ich, weil meine Mama hat auch braune Haare. Und ich werde auch Tänzerin!“ In der Zukunft haben alle Kinder lange Beine und „keine Schulranzen!“ Und – wichtig –  das wurde von einem Kind mehrfach betont: „In der Zukunft ist meine Schildkröte Lili aus dem Tierheim zurück! Die Zeit neigt sich dem Ende zu.

Im Rückblick auf unsere sieben Salons sind wir überrascht, wie stark die Kinder den Ablauf unserer gemeinsamen Zeit mitbestimmen und wie wichtig die Phil, Sophie & Co-Bücher für sie sind. Was hat aber das, was wir tun mit Philosophie zu tun? Der Philosoph Peter Bieri benennt es in seinem Buch „Wie wollen wir leben?“ (2011): „Wer sich in dem, was er ist, nicht ausdrückt, verpasst eine Möglichkeit zu erkennen, wer er ist.“

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