Woher kommt die ganze Welt?

Die ersten fünf Kinder kommen nacheinander an, setzen sich und legen die Phil Sophie & Co-Bücher vor sich auf den Boden. Ein Mädchen schaut auf die Fragenlandkarte. „Ich hab noch eine Frage!“, ruft sie: „Welcher Stern ist der Größte?“ Wir schreiben die Frage auf einen Zettel und heften ihn zu den anderen an die Karte. Ihre Nachbarin ist schon beim Thema des heutigen Salons, ohne dass wir ihn zuvor angesprochen haben: „Wie ist die Welt geworden?“, fragt sie und schreibt die Frage in ihr Buch. Ein drittes Mädchen: „Der größte Stern ist die Sonne!“ Zwei weitere Kinder kommen dazu. Eines von ihnen hat beim letzten Mal gefehlt. Wir erzählen ihr vom letzten Salon. Ein Mädchen: „Wir haben ein Bild angeschaut mit blühenden Bäumen. Und dass man glücklich ist, wenn man seine Lieblingsfarbe anhat.“ Das Mädchen neben ihr sagt mit ruhiger, eher zurückgenommener Stimme: „Wenn man glücklich ist, fühlt man sich geborgen.“ Das letzte Wort spricht sie auffällig gedehnt, als hätte sie es für den heutigen Salon mitgebracht. „Was heißt denn ‚geborgen‘, fragen wir tastend. Sie antwortet leise: „Wenn man sich sicher fühlt. Wenn man mit Mama und Papa zusammen ist.“ Während wir reden, holt ein Mädchen das Buch „Herr Flo sucht das Glück“ (Friederike Wilhelmi, Andrea Hebrok) aus der Tasche und sagt: „Das habe ich mitgebracht.“ Sie erzählt die Geschichte von Herrn Flo, der – auf der Suche nach einem Ort, an dem man sich wohlfühlen kann –  im Ohr eines verliebten Bären landet. Glück ist Geborgenheit, das  finden die anderen Kinder auch.

Als alle Kinder da sind, starten wir mit der Geschichte „Als die Welt noch jung war“ (Jürg Schubiger). Die Kinder malen beim Zuhören. Nach vier Schöpfungsvarianten fragen wir: „Was meint ihr denn, was zuerst auf der Welt war?“ Die Kinder sind kaum zu bremsen und wollen alle gleichzeitig reden. „Am Anfang war das Paradies“, startet ein Mädchen und müht sich, das Wort auszusprechen. Es folgen Geschichten vom Urknall, von herabfallenden Sternen und Meteoriten. Die Kinder kommen zu Adam und Eva aus der vorgelesenen Geschichte zurück. Ein Junge möchte sein Buch – das keine Bibel ist! (betont er), aber von Adam und Eva erzählt –  beim nächsten Mal mitbringen. Ein Mädchen meint, erst wäre die Milchstraße dagewesen und dann erst die Erde. Ein Junge springt auf und ruft laut: „Ich weiß, wie die Dinos gestorben sind! Die Vulkane sind ausgebrochen und dann kam die Eiszeit und dann sind die Pflanzenfresser gestorben und dann die Fleischfresser.“ Er ist kaum zu bändigen und hüft. Ein Mädchen bestätigt: „Ja, und dann sind sie gestorben.“ Wir fragen, woher die Menschen das denn wüssten. „Es war doch niemand dabei?“ Schweigen. Ein Mädchen, das sich kurzzeitig hinter ein Bücherregal zurückgezogen hat, kommt mit einem Buch über Dinosaurier zurück. „Aus Büchern!“, triumphiert sie. Alle wollen das Buch sehen. Wir fragen in die quirlige Gruppe: „Und woher wissen das die Menschen, die die Bücher geschrieben haben?“ Ein Mädchen, das auf ihrem Platz geblieben ist, sagt ruhig: „Die haben geforscht.“ „Mit Computern!“, ruft unser Dino-Experte. Wir: „Seit wann gibt es denn Computer?“ Die Antwort erübrigt sich. Dann kommt das Schlüsselwort, das alle mit einem ‚Jaaa!‘ unterstützen: „Knochen! Die haben die Knochen erforscht.“ Es wird wieder etwas ruhiger.

 

Auch unsere zweite Fragerunde wird sehr lebendig. „Wenn ihr die Welt neu erfinden würdet, wie würde sie dann aussehen?“, fragen wir. „Eine Welt aus Süßigkeiten!“, „Nie wieder Zähneputzen!“, “Dass man nie wieder schlafen muss“, lauten die Vorschläge. Mit dem letzten sind nicht alle einverstanden: „Ich schlafe aber gerne, ich kuschel mich gerne ein“, empört sich ein Mädchen und ergänzt: „Meine Welt soll aus Kissen sein, ganz weich!“ Ein ansonsten fröhliches Mädchen sagt jammernd: „Ich will, dass meine Schildkröte Lili wieder da ist. Die ist im Tierheim.“ Wir: „Oh, das ist traurig. Wir wünschen uns also eine Welt, in der die Menschen und Tiere, die wir lieben und die nicht bei uns sind, zu uns zurückkommen.“ Nickende Zustimmung. Unserem hüpfenden Junge geht es sichtlich gut in seiner Welt: „Alle sollen meine Diener sein!“, ruft er euphorisch. Die anderen verziehen die Gesichter. Wir: „Wollen wir alle Diener sein?“ Das ‚Nein‘ stört ihn nicht. „Dann hol ich meine Familie und meine Oma.“ Wir: „Wir wünschen uns eine Welt, in der sich alle wohlfühlen!“

Ein bis dato zuhörendes Mädchen meldet sich zaghaft. Wir ermutigen sie und wiederholen die Frage: „Wie würdest Du die Welt neu schaffen?“ Leise und ernst sagt sie: „Anders.“ Sie ist sichtlich in Gedanken, möchte aber nicht weiter reden. „Wir wollen jetzt mit Tusche malen!“, schallt es durch den Raum. Wir stimmen zu. Bis auf zwei Mädchen wechseln alle vom Boden an den Tisch. Das schweigsamere Kind begleiten wir an der Hand zum Maltisch. Später erzählt sie, dass sie sich eine „8-Welt“ wünscht. Als wir fragen, ob sie die Zahl 8 meint, nickt sie, will das aber nicht weiter ausführen. In ihr Buch schreibt sie groß ihren Namen, malt sich selbst mit Filzstiften – sehr detailliert mit Fingern und den einzelnen Fußzehen! – und schreibt eine 8. „In meiner Welt gibt’s mich“, spricht sie in die Runde, aber eher zu sich.

Die Acht-Welt

Die Aquarellfarben werden begeistert angenommen. Bäume, Blumen, viel Wasser, „eine Welt bei Nacht“, eine „mit Schwester“ und eine „mit Kakerlaken“ entstehen in den Büchern und auf anderen Blättern. Unser Dino-Experte sitzt auf dem Tisch und wischt immer wieder kraftvoll die Farbe vom Blatt. Dann stellt er sich ans Mikrofon und erzählt seinen Weltentwurf: „Ich will eine Welt, wo es nur Partys gibt, nur McDonalds-Häuser und alles ist umsonst!“. „Alle sollen reich sein“, löst ihn ein Mädchen ab. „Eine Welt aus Gold!“ Wir fragen, was man da denn essen könnte? „Honigmelonen“, antwortet sie. Wir: „Und welche Menschen gibt es in Deiner Welt?“ „Einen Gärtner und Kinder – aber keine die prügeln!“, ergänzt sie. Eines der zwei Mädchen, die am Boden malen, erzählt mit ernster Stimme: „Alle denken ich bin älter. Ich bin aber erst 6. Und viele glauben meine Schwester ist ein Junge.“ Wir: „Vielleicht glauben manche Leute, dass du älter bist, weil Du so gut malen und erzählen kannst.“ Ihre Nachbarin wirft ein: „In unserer Welt dürfen Mädchen alles, Jungen nicht!“ Die Zeit neigt sich dem Ende zu. Wir räumen auf und verabschieden uns.

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